Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Samstag, 7. März 2015

Il rossetto (Unschuld im Kreuzverhör) 1960 Damiano Damiani

Inhalt: Die zwölfjährige Silvana (Laura Vivaldi) ist verliebt in Gino Luciani (Pierre Brice), einen in der Nachbarschaft lebenden, elegant angezogenen Mann, der von ihr zwar keine Notiz nimmt, den sie aber heimlich von ihrem Fenster aus beobachtet. Als eines Tages in dessen Wohnhaus eine Frau ermordet aufgefunden wird, wird auch er von der Polizei befragt, behauptet aber, mit dieser nie ein Wort geredet zu haben. Stattdessen wird ein junger Laufbursche verhaftet, der Kontakt zu der Schönen hatte, obwohl er seine Unschuld bezeugt.

Im durch den Vorfall entstandenen Trubel auf der Strasse begegnet Luciani auch der jungen Silvana, die ausplappert, dass er die Ermordete doch auch gekannt hätte. Sie ergänzt, sie hätte ihn in der Wohnung der Toten gesehen, nicht ahnend, dass er gegenüber der Polizei das Gegenteil behauptet hatte. Als er sie plötzlich fragt, was sie am nächsten Tag vor hätte, reagiert sie beglückt, und verabredet sich mit ihm...

"Unschuld im Kreuzverhör" , (Il rossetto) erschien bei der PIDAX am 13.03.2015 und ist für mich der Anlass, meinen vor Jahren geschriebenen Text neu im Blog hervorzuheben. Schon die Aufführung von Damianos zweitem Film "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) bei dem Italo-Genre-Festival "Terza visione" in Nürnberg 2014 veranlasste mich, den Text zu überarbeiten, da mir erst nach vollständiger Kenntnis seiner ersten drei Filme ("Trilogia psicologica") seine und Cesare Zavattinis Intentionen klar wurden. Um so schöner ist es, dass sein erster Film jetzt sowohl in der Originalfassung, als auch der deutschen Synchronisation auf DVD erhältlich ist - nicht auszudenken, die beiden nächsten Filme folgten auch noch. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 








Bevor Damiano Damiani 1960 im Alter von 38 Jahren das erste Mal Regie führte, hatte er schon eine jahrelange Tätigkeit als Drehbuchautor hinter sich. 1946 war er von Mailand, wo er Kunst studiert hatte, nach Rom gekommen und geriet mitten in die Hochphase des "Neorealismus". Besonders Cesare Zavattini ("Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948)) hatte als Drehbuchautor entscheidend an dieser Stil-Epoche mitgewirkt und wurde zum Partner Damianis bei dessen ersten Regie-Arbeiten. Gemeinsam schrieben sie die Drehbücher zu "Il rossetto", "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) und "L'isola di Arturo" (Insel der verbotenen Liebe, 1962), inzwischen als "Trilogia psicologica" zusammen gefasst, und schufen damit ein Werk, das sowohl für Damianis neorealistische Wurzeln steht, als auch auf seine zukünftigen sozialkritischen Filme hinweist.

Ebenso wie bei Francesco Rosi, der früh 1948 mit Visconti zusammenarbeitete, bevor er ab Mitte der 50er Jahre selbst zu drehen begann, lässt sich auch an Damianis Filmen ablesen, dass der neorealistische Stil, inszenatorisch und stilistisch gewandelt, nach Mitte der 50er Jahre im italienischen Film weiter fortbestand. Der "Trilogia psicologica" ist die Verwandtschaft zum Neorealismus noch deutlich anzumerken, doch sie hatte die Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit hinter sich gelassen und begab sich mitten in die sich rasch wandelnde Sozialisation Anfang der 60er Jahre. Entsprechend atmet in "Il rossetto" alles die Moderne. Vom historischen Rom ist wenig zusehen - die Stadt scheint nur aus hohen Wohnhäusern, breiten Strassen, Geschäften und Cafés zu bestehen, in denen die Menschen nicht nach Privatsphäre suchen, sondern einer scheinbar grenzenlosen Zukunft entgegen fiebern, deren gleichzeitige Tristesse aber ebenso unübersehbar ist.

Nah an der heutigen Gegenwart skizzierten Damiani und Zavattini das Umfeld der 12jährigen Silvana (Laura Vivaldi), die bei einer allein erziehenden Mutter aufwächst, die Liebesprobleme plagen und bereit ist, ihre Tochter für den neuen Mann ins Internat zu steckenSilvana selbst schwärmt für den attraktiven und immer gut angezogenen Gino (Pierre Brice), der im Nachbarwohnblock wohnt. Sie muss deshalb das Gelächter der gleichaltrigen Mädchen ihrer Wohngegend ertragen, die sie vor dem jungen Mann bloßstellen. Dieser schmunzelt nur leicht über die aus seiner Sicht kindliche Silvana, die beschämt davonrennt. Er ahnt nicht, wie intensiv sie ihn von ihrem Fenster aus beobachten kann und deshalb auch mitbekam, dass er seine Nachbarin besucht hatte.

Schon in seinem ersten Film wählte Damiani ein Verbrechen als Ausgangspunkt, um die inneren Konflikte deutlicher heraus zu arbeiten. Ein Stilmittel, dass er in "Il sicario" wiederholte und das signifikant für seine Polit -Thriller der 70er Jahre wurde. Im Zusammenhang mit der Tat interessierten ihn weniger die kriminalistische Aufklärung - das Gino die Frau im Nachbarhaus ermordet hat, steht für den Betrachter von Beginn an außer Zweifel - sondern die Mechanismen, die sie in Gang setzt. Kurz nach der Entdeckung der Leiche wird ein Laufbursche verhaftet, weil er die Ermordete kannte. Sofort beginnt die Vorverurteilung des Verdächtigen, den die Fotoreporter gnadenlos ablichten, egal wie sehr er seine Unschuld beteuert. Für Gino, der als direkter Nachbar gegenüber der Polizei behauptet, er hätte noch nie mit der Frau gesprochen, eine ideale Situation. Zufällig begegnet ihm Silvana mitten in dem aufgeregten Treiben, die arglos ausplaudert, ihn mit der toten Frau zusammen gesehen zu haben. Ihm wird klar, dass er sie als Zeugin kontrollieren muss und überrascht das verliebte Mädchen damit, sich mit ihr treffen zu wollen.

Zwar schilderte Damiani detailliert die Polizeiarbeit, aber inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf Ginos Beweggründen, die sich mit dem Erscheinen seiner Verlobten Lorella (Gorgia Moll), einer Tochter aus reichem Hause, aufzuklären beginnen. Thematisch gaben Damiani und Zavattini damit die Linie vor, die sie auch in "Il sicario" und "L'isola di Arturo" weiter verfolgten. Schon der Vorspann mit den Bildern von Stars und Blitzlichtgewitter vermittelte die Sogwirkung eines besseren Lebens oder was sich die Menschen darunter vorstellten - Geld, schicke Klamotten, Häuser und Autos. Die Sucht danach macht auch vor einem Mord nicht halt - als Gino erkennen muss, dass die Affäre mit der Nachbarin seine geplante Einheirat in eine reiche Familie gefährdet, muss sie sterben. Bewusst verzichtete Damiani darauf, Gino als krankhaften oder gefährlichen Gewalttäter hinzustellen, um die Alltäglichkeit seines Denkens und Handelns noch zu betonen. Entsprechend ist er auch unfähig, Silvana Gewalt anzutun, um sie als Zeugin loszuwerden.

Mit Hilfe der Verhörmethoden des Commissario Fioresi (Regisseur Pietro Germi in einer seiner wenigen Auftritte als Darsteller), auf den sich die zweite Hälfte des Films konzentriert, werden der eitle Täter Gino und die leicht verführbare Silvana als Prototypen des gesellschaftlichen Wandels charakterisiert. Die Schlüsselszene gilt dem Titel gebenden Lippenstift („Il Rossetto“), den der Kommissar in der Handtasche des Mädchens fand - sie hatte ihn vor dem Treffen mit Gino aufgetragen. Er bemalt damit aggressiv ihr Gesicht, um eine Aussage gegen Nino zu erzwingen und erzeugt damit vor weiteren Zeugen eine aufgeladene Situation, in der die jeweiligen Vorurteile herausbrechen. Eine Momentaufnahme, in der keiner der Beteiligten einen positiven Eindruck hinterlässt, aber Damiani ruderte in "Il rossetto" zurück. Dank der sonst souveränen Figur des Commissarios, dessen rücksichtslose Polizeimethoden verzeihlich wirken, fehlt dem Film noch der spätere Fatalismus des Regisseurs.

"Il rossetto" wurde Rückblick und Ausblick zugleich. Trotz seiner im Neorealismus verankerten Filmsprache fing der Film die aufkommende Moderne mit bis heute anhaltender Zeitlosigkeit ein und formulierte darin eine kritische Sichtweise auf die sich wandelnde Gesellschaft - ein Prozess, den Damiani gemeinsam mit Zavattini in den folgenden Filmen der "Trilogia psicologica" fortsetzte. Damiano Damiani blieb die verdiente Anerkennung dafür verwehrt. Allein der deutsche Titel lässt schon den Versuch erahnen, den Film in eine sensationsheischende Ecke zu schieben, die angesichts der ruhigen, lakonischen, zeitweise dokumentarischen Erzählweise kaum unpassender sein könnte.

"Il rossetto" Italien 1960, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Cesare Zavattini, Darsteller : Pierre Brice, Giorgia Moll, Pietro Germi, Bella Darvi, Laura Vivaldi, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Dienstag, 26. Januar 2010

La notte dei dannati (Sexuelle Gelüste triebhafter Mädchen) 1971 Walter Ratti

Inhalt: Jean Duprey (Pierre Brice), ein erfolgreicher Journalist, der sich für schwierige Kriminalfälle interessiert, erhält eines Abends einen seltsamen Brief von seinem alten Freund Guillaume de Saint Lambert (Mario Carra), den er schon mehr als 10 Jahre nicht mehr gesehen hatte. Verklausuliert bittet dieser ihn um Hilfe, aber als Duprey mit seiner Frau (Patrizia Viotti) auf dessen Schloß ankommt, muss er feststellen, dass er ihm nicht mehr helfen kann.

Guillaume leidet an einer Krankheit, dessen Ursache selbst sein Arzt, Professor Berry (Alessandro Tedeschi), scheinbar nicht feststellen kann. Rita (Angela De Leo), Guillaumes Frau, hat den Doktor geholt und behält auch sonst alle Fäden in der Hand. Als Guillaume nach zwei Tagen stirbt, wollen Duprey und seine Frau nach der Beerdigung möglichst schnell wieder abreisen, aber am nächsten Morgen wird in der Nähe des Schlosses eine Frauenleiche gefunden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, da keine Spuren darauf hindeuten, wie sie an diesen Ort kam, und bittet Duprey um Hilfe...



Den deutschen Titel könnte man als Fluch der bösen Tat verstehen, denn wenn ein Verleih zwei Fassungen eines Films herstellen lässt, bei der die Eine auf beinahe ein Viertel der ursprünglichen Handlung verzichtet, um stattdessen die sexuellen Vorlieben einer Hexe stärker in den Vordergrund zu stellen, muss sich Niemand wundern, dass damit ein Film auf ewig in den Niederungen der Bahnhofkinos verschwindet. Derjenige, der sich allerdings in diesem Zusammenhang "Sexuelle Gelüste triebhafter Mädchen" ausdachte, unterfährt dieses Niveau noch erheblich oder lässt zumindest seine Meinung über die Zielgruppe für diesen Film deutlich werden.

"La notte dei dannati" (Die Nacht der Verdammten) erweist sich stattdessen als ruhiger Film, der seinem Protagonisten Jean Duprey (Pierre Brice), einem erfolgreichen Journalisten, viel Zeit lässt, seine Erkenntnisse zu gewinnen. Das zeigt sich schon in der ersten, knapp 10minütigen Szene, die Duprey gemeinsam mit seiner Frau Danielle (Patrizia Viotti) in deren Pariser Wohnung zeigt. Als sie zu Beginn einen Brief erhalten, der von einem alten Freund Dupreys stammt, den dieser schon mehr als zehn Jahre nicht mehr gesehen hatte, beginnt vor den Augen des Zuschauers eine detaillierte Analyse des geheimnisvollen Textes.


Das diese letztlich nur dazu führt, Guillaume de Saint Lambert (Mario Carra) zu Hilfe zu eilen, spielt keine Rolle, denn Duprey konnte damit gleich nachweisen, über welch hohen Intellekt er verfügt. Pierre Brice spielt diese Rolle mit souveräner Gelassenheit, die auch nicht vor einer gewissen Arroganz zurückschreckt. Gut zeigt sich diese in der, trotz aller optischen Modernität, noch sehr traditionellen Mann / Frau - Beziehung, denn Dupreys Haltung gegenüber seiner hübschen und in der Realität mehr als 20 Jahre jüngeren Frau, kann man nur als wohlwollend liebevoll bezeichnen. So schreckt er nicht davor zurück - als sie etwas zur Aufklärung des Brieftextes beiträgt - zu erwähnen, dass das Zusammensein mit ihm, positiv auf ihre geistigen Fähigkeiten durchschlagen würde.

Danielles Rolle als zu beschützendes Opfer wird so von Beginn an deutlich, so wie es auch klar ist, dass Duprey auf ihre Wünsche nach sofortiger Abreise aus dem finsteren Schloß seines Freundes, mit pragmatischer Gelassenheit reagiert, die für jede ihrer Erfahrungen und Alpträume eine logische Begründung bereit hält. Allerdings verhält er sich so nur gegenüber seiner Frau, denn als ihm sein alter Freund Guillaume gegenüber tritt, versucht er alles, um diesem zu helfen. Doch es ist zu spät, denn Guillaumes geistiger und körperlicher Zustand ist so sehr von einer geheimnisvollen Krankheit zerfressen, dass dieser kurz nach seiner Ankunft stirbt.


Als Duprey und seine Frau wieder abreisen wollen, werden sie vom Fund einer nackten Frauenleiche daran gehindert, denn die Polizei kann sich deren Anwesenheit an dieser Stelle nicht erklären, weil das Opfer noch kurz vor dem Todeszeitpunkt viele hundert Kilometer entfernt gesehen wurde. Ein Fall für Duprey, der zuvor schon schwierige Kriminalfälle gelöst hatte, und von der Polizei um Mithilfe gebeten wird. Doch während er unterschiedliche Spuren verfolgt, gerät seine allein im Schloß zurückgelassene Frau immer mehr unter den Einfluss von Rita Lernod (Angela De Leo), der Witwe seines verstorbenen Freundes.

Die Faszination des Films liegt in seiner Atmosphäre, die das mittelalterlich wirkende Schloß mit Licht und einem überzeugenden Score in einen unheilvollen Ort wandelt. Dazu trägt auch die Ruhe bei, mit der hier sämtliche Personen agieren und man muss dankbar sein, dass der italienischen Fassung nahezu sämtliche Nacktszenen abhanden gekommen sind, da diese nur den gothischen Charme der Inszenierung stören würden, auch wenn man dafür ein paar etwas abrupte Szenenwechsel in Kauf nehmen muss. Auch das der Film nur über wenige ernsthaft bedrohliche Momente verfügt und zudem keinerlei Gewalttaten konkret zeigt, passt zu der morbiden Atmosphäre.

Bei "La notte dei dannati" handelt es sich sicherlich um kein herausragendes Werk des Genres, da die Story durchschaubar ist und die Charakterisierungen oberflächlich bleiben. Ein gut aufgelegter Pierre Brice, der auch zu selbstironischen Momenten neigt, und eine überzeugende Atmosphäre lassen die "Nacht der Verdammten" trotzdem zu einem entspannten Gruseln werden, so lange man keine triebhaften Mädchen erwartet.

  
"La notte dei dannati" Italien 1971, Regie: Walter Ratti, Drehbuch: Aldo Marcovecchio, Darsteller: Pierre Brice, Mario Carra, Angela De Leo, Patrizia Viotti, Alessandro Tedeschi, Laufzeit: 83 Minuten

Freitag, 24. Juli 2009

Il Rossetto (Unschuld im Kreuzverhör) 1960 Damiano Damiani

Inhalt: Die zwölfjährige Silvana (Laura Vivaldi) ist verliebt in Gino Luciani (Pierre Brice), einen in der Nachbarschaft lebenden, elegant angezogenen Mann, der von ihr zwar keine Notiz nimmt, den sie aber heimlich von ihrem Fenster aus beobachtet. Als eines Tages in dessen Wohnhaus eine Frau ermordet aufgefunden wird, wird auch er von der Polizei befragt, behauptet aber, mit dieser nie ein Wort geredet zu haben. Stattdessen wird ein junger Laufbursche verhaftet, der Kontakt zu der Schönen hatte, obwohl er seine Unschuld bezeugt.

Im durch den Vorfall entstandenen Trubel auf der Strasse begegnet Luciani auch der jungen Silvana, die ausplappert, dass er die Ermordete doch auch gekannt hätte und ihn in der Wohnung der Toten gesehen hätte, nicht ahnend, dass er gegenüber der Polizei das Gegenteil behauptet hatte. Als er sie plötzlich fragt, was sie am nächsten Tag vorhätte, reagiert sie beglückt, und verabredet sich mit ihm...



Bevor Damiano Damiani 1960 im Alter von 38 Jahren das erste Mal Regie führte, hatte er schon eine jahrelange Tätigkeit als Drehbuchautor hinter sich. 1946 war er von Mailand, wo er Kunst studiert hatte, nach Rom gekommen und geriet mitten in die Hochphase des "Neorealismus". Besonders Cesare Zavattini ("Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948)), hatte als Drehbuchautor entscheidend an dieser Stil-Epoche mitgewirkt, und wurde auch zum Compagnon Damianis bei dessen ersten Regie-Arbeiten. Gemeinsam schrieben sie die Drehbücher zu "Il rossetto", "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) und "L'isola di Arturo" (Insel der verbotenen Liebe, 1962), inzwischen zur "Trilogia psicologica" zusammen gefasst, und schufen damit ein Werk, das gleichzeitig exemplarisch für Damianis neorealistische Wurzeln steht und auf seine zukünftigen sozialkritischen Filme hinweist.

Ebenso wie bei Francesco Rosi, der früh 1948 mit Visconti zusammenarbeitete, bevor er ab Mitte der 50er Jahre selbst zu drehen begann, lässt sich auch an Damianis Filmen ablesen, dass der neorealistische Stil
, inszenatorisch und stilistisch gewandelt, nach Mitte der 50er Jahre im italienischen Film weiter fortbestand. Der "Trilogia psicologica" ist die Nähe zum Neorealismus zwar noch deutlich anzumerken, aber sie hatte die Nachkriegszeit hinter sich gelassen und widmete sich komplex der sich verändernden Sozialisation Anfang der 60er Jahre. In "Il rossetto" atmet alles die Moderne. Die Stadt (Rom) scheint nur aus hohen Wohnhäusern, breiten Strassen, Geschäften und Cafés zu bestehen, in denen die Menschen nicht nach Privatsphäre suchen, sondern einer scheinbar grenzenlosen Zukunft entgegen fiebern. Ähnlich nah an der heutigen Gegenwart skizzierten Damiani und Zavattini das Umfeld der 12jährigen Silvana (Laura Vivaldi), die bei einer allein erziehenden Mutter, die Liebesprobleme plagen, vernachlässigt aufwächst.

Auch Silvana kann ihre schwärmerischen Gefühle für den attraktiven und immer gut angezogenen Gino (Pierre Brice), der im Nachbarwohnblock wohnt, kaum vor den gleichaltrigen Mädchen ihrer Wohngegend verbergen, weshalb diese sie vor ihm bloßstellen. Während Silvana beschämt davonrennt, schmunzelt er leicht über das Mädchen, beachtet sie aber nicht weiter. Er ahnt nicht, wie intensiv Silvana ihn von ihrem Fenster aus beobachtet. Schon früh wählte Damiani ein Stilmittel, dass er in seinen späteren Polit -Thrillern mehrfach wiederholen sollte, um die inneren Konflikte deutlicher auszuarbeiten - es geschieht ein Mord.

Nur kurz nach Entdeckung der Leiche wird ein Laufbursche verhaftet, der die Ermordete kannte. Rigoros nimmt die Polizei den seine Unschuld Beteuernden fest, während die Fotoreporter ihn gnadenlos ablichten. Gino dagegen, der als direkter Nachbar auf derselben Etage wohnte, behauptet, er hätte nie mit der Frau gesprochen. Während er auf der Straße die aufgeregten Massen beobachtet, begegnet ihm wieder Silvana, die munter ausplaudert, ihn mit der toten Frau zusammen gesehen zu haben. Plötzlich beginnt er sich für Silvana zu interessieren und überrascht das verliebte Mädchen damit, sich mit ihr treffen zu wollen.

Zwar nutzte Damiani die Gelegenheit, die Polizeiarbeit realistisch zu schildern, aber an der tatsächlichen Identität des Täters gibt es von Beginn an keinen Zweifel. Viel mehr interessieren ihn dessen Beweggründe, die sich mit dem Erscheinen seiner Verlobten Lorella (Gorgia Moll), einer Tochter aus reichem Hause, erklären, und die thematisch auf den Nachfolgefilm "Il sicario" hinweisen - die Sucht nach einem besseren Leben, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Mit Hilfe der Verhörmethoden des Commissario Fioresi (Pietro Germi), auf den sich die zweite Hälfte des Films konzentriert, charakterisiert der Film den eitlen Täter Gino und die leicht verführbare Silvana als Prototypen des gesellschaftlichen Wandels. Zavattini verzichtete deshalb darauf, Gino als krankhaften oder gefährlichen Gewalttäter hinzustellen, um die Alltäglichkeit seines Denkens noch zu betonen. Entsprechend ist er auch unfähig, Silvana Gewalt anzutun, um sie als Zeugin loszuwerden.

Die Schlüsselszene gilt dem Titel gebenden Lippenstift („Il Rossetto“) als Synonym für Oberflächlichkeit und unterschwellige Promiskuität. Der Kommissar fand ihn in der Handtasche des Mädchens - sie hatte ihn vor dem Treffen mit Gino aufgetragen - und bemalt damit aggressiv ihr Gesicht vor den Augen der ebenfalls vorgeladenen Nachbarn, um eine Aussage gegen Nino zu erzwingen. Der Film kulminiert in eine aufgeladene Situation aus rücksichtslosen Polizeimethoden und einem Mob, der seinen Vorurteilen freien Lauf lässt - eine Konkretisierung der generellen Opferrolle Silvanas. Damianis fatalistische Sichtweise seiner späteren Filme lässt sich einen Moment lang erahnen, aber er verzichtete in "Il rossetto" noch auf weitere negative Konsequenzen, auch dank der souveränen Gestalt des Kommissars, dessen kurzzeitiges Fehlverhalten verzeihlich wirkt.

Damianis erster Film ist Rückblick und Ausblick zugleich. Geprägt von der dramaturgischen, noch im Neorealismus verankerten Sprache Zavattinis, wurde "Il rossetto" der Erste von drei gemeinsam erarbeiteten Filmen, die die damalige Gegenwart mit bis heute anhaltender Zeitlosigkeit - inhaltlich voneinander unabhängig - realistisch einfingen, gleichzeitig aber auch eine spannende, unterhaltende Story erzählen wollten. Trotz der überzeugenden Darstellerleistungen und der dichten, das moderne Großstadtleben wiedergebenden Bildsprache blieb Damiano Damiani die verdiente Anerkennung dafür verwehrt. Allein der deutsche Titel lässt schon den Versuch erahnen, den Film in eine sensationsheischende Ecke zu schieben, die angesicht der ruhigen, lakonischen Erzählweise nicht unpassender sein könnte.

"Il rossetto" Italien 1960, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Cesare Zavattini, Darsteller : Pierre Brice, Giorgia Moll, Pietro Germi, Bella Darvi, Laura Vivaldi, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.