Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 21. April 2015

Killer Kid (Chamaco) 1967 Leopoldo Savona

Inhalt: Dem berüchtigten Revolverheld „Killer Kid“ (Anthony Steffen) gelingt der Ausbruch aus dem Militärgefängnis, kurz bevor er gehängt werden sollte. Auf seiner Flucht wird er scheinbar zufällig Zeuge, wie es zwischen Waffenschmugglern und mexikanischen Rebellen unter der Führung von Vilar (Fernando Sancho) zu einem tödlichen Schusswechsel kommt. Vilar will seine Rechnung mit Blei statt mit Gold bezahlen, wird aber von einer Verstärkung der Schmuggler gestört und überwältigt. Sie lassen ihn nur frei, um den nächsten Deal einfädeln zu können. Nach ihrem Verschwinden kommt Killer Kid dem einzigen Überlebenden, einem schwer verletzten jungen Mann, zu Hilfe, wird aber von einer Einheit der regulären mexikanischen Armee unter dem Kommando von Ramirez (Giovanni Cianfriglia) verhaftet, der brutal Jagd auf die Revolutionäre macht.

Trotzdem kann Killer Kid den jungen Mann retten und bringt ihn zu seinen mexikanischen Landsleuten, wodurch er an El Santo (Howard Nelson Rubien) gelangt, dem weisen Anführer der Revolutionäre. Vilar hatte sich zuvor schon zu dem geheimen Stützpunkt in einem kleinen Dorf zurückgezogen und seine eigene Version der Ereignisse verbreitet, der Kid widerspricht. El Santo, der auf seinen Truppenführer angewiesen ist, versucht die Gemüter zu beruhigen, aber die Ereignisse überschlagen sich, als Ramirez mit seinen Soldaten auftaucht und beginnt, systematisch die Bevölkerung hinzurichten, um an Informationen über die Rebellen heranzukommen… 


Mitte der 60er Jahre, spätestens nach dem Erfolg von "Django" (Kinopremiere 06.04.1966) war die Nachfrage nach Western so stark gestiegen, dass die Produktionsgesellschaften kaum noch hinterher kamen. In der Hochphase des Genres 1967 und 1968 liefen mehr als 120 Western in den italienischen Kinos an, was sowohl eine effektive Herstellung, als auch eine große Anzahl an Filmschaffenden erforderte. Viele Schauspieler tauchten quasi über Nacht auf der großen Leinwand auf - für Wenige der Beginn eines langen Erfolgswegs, während der größte Teil nach dem Abflauen des Western-Hype wieder aus den Kinosälen verschwand. Doch nicht nur neue Stars wurden geboren, auch altgediente Regisseure und Drehbuchautoren, deren Karrieren in den Jahren zuvor ins Stocken gerieten, erhielten eine neue Chance. Eine Konsequenz, die sich an der Entstehung von "Killer Kid" (Chamaco) beispielhaft ablesen lässt.

Regisseur Leopoldo Savona, Jahrgang 1922, hatte Mitte der 50er Jahre an der Seite Giuseppe de Santis' als Assistent und Autor begonnen ("Giorni d'Amore" (Tage der Liebe, 1954)), bevor er bei "Il principe dalla maschera rossa" (Robin Hood, der schwarze Kavalier, 1955) erstmals alleine die Regie übernahm. Neben einem zeitgenössischen Beitrag zur damals populären Diskussion über die angeblich verrohende Jugend ("Le notti dei Teddy Boys" (Die Nächte sind voller Gefahren, 1959)), blieb er besonders dem "Mantel- und Degen"-Film gewogen, hatte aber zuletzt 1963 mit "I diavoli di Spartivento" (Die Teufelskerle von Dorano) einen Erfolg vorzuweisen. Sein Anfang 1964 herausgekommener, der heute nahezu unbekannte "L'ultima carica“, blieb für zwei Jahre sein letzter Film. Erst mit dem Italo-Western "El rojo" (El Rocho - Der Töter) nahm seine Karriere 1966 wieder Fahrt auf.

Sergio Garrones Anfänge lassen sich zwar noch früher finden, aber nach einer kurzen Phase als Produktions- und Regie-Assistent Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre war er mehr als ein Jahrzehnt dem Filmgeschäft fern geblieben - auch aus finanziellen Gründen. Eine Situation, die sich offensichtlich dank des Erfolgs des Italo-Western geändert hatte, denn Garrone stieg Mitte der 60er Jahre nicht nur als Drehbuchautor, sondern auch als Produzent ein. Nach "Degueyo" (Für Dollars ins Jenseits, 1966) und "L'ultimo killer" (Rocco - Ich leg' dich um, 1967) – beide Filme verhalfen Regisseur Giuseppe Vari zu insgesamt neun Western  - kam es bei "Killer Kid" (Chamaco) zum Zusammentreffen von Sergio Garrone und Leopoldo Savona. Für Garrone das Ende seiner Produzententätigkeit - nur 1972 beteiligte er sich noch einmal an der deutsch-italienischen Produktion "Io monaca... per tre carogne e sette peccatrici" (Die Rache der geschändeten Frauen) - und der letzte Schritt auf seinem Weg zur eigenen Regie. Beginnend mit "Se vuoi vivere... spara!" (Andere beten - Django schießt, 1968) sollte er in den kommenden drei Jahren noch sechs Italo-Western drehen.

Die wesentlichen Insignien des Genres waren zu diesem Zeitpunkt schon gesetzt, weshalb Garrone und Savona eine eigenständige Interpretation versuchten und das klassische Pistolero-Thema mit der mexikanischen Revolution kombinierten. Obwohl kurz nach Damiano Damianis „Quien sabe?“ (Töte, Amigo, 1966) und vor Sergio Corbuccis „Il mercenario“ (Mercenario – der Gefürchtete, 1968) entstanden, blieb „Killer Kid“ die Anerkennung hinsichtlich seiner gesellschaftskritischen Relevanz verwehrt. Tatsächlich fokussierte sich die historisch im Ungefähren bleibende Handlung nur auf die Belange einer kleinen mexikanischen Gemeinschaft unter der Leitung des weisen El Santo (Howard Nelson Rubien), der mit Hilfe seines Truppenführers Vilar (Fernando Sancho) an Waffen aus US-Armeebeständen herankommen will, um gegen die mexikanische Armee anzukämpfen. Stellvertretend für deren brutales Durchgreifen steht der sadistische Offizier Ramirez (Giovanni Cianfriglia), der keine Hemmungen hat, auch Frauen und Kinder standrechtlich erschießen zu lassen, um an Informationen über die Rebellen heranzukommen.

Mit einer Hinrichtung hatte auch „Quien sabe?“ begonnen, aber „Killer Kid“ fehlte die generelle Kritik an der Vorgehensweise der USA im damaligen Vietnamkrieg, auf die in Damianis Film nur wenig verklausuliert angespielt wurde. Außer als kleine Gruppe von Waffenschmugglern, die sich am Konflikt in Mexiko persönlich bereichern wollen, spielen die USA politisch hier nur eine untergeordnete Rolle. Das galt in dieser Hinsicht auch für „Killer Kid“, der seinen deutschen Verleih-Namen „Chamaco“ wahrscheinlich der klanglichen Nähe zu „Cjamango"(1967) verdankte. Dieser kam zwar als „Django – Kreuze im blutigen Sand“ in die deutschen Kinos, kann aber als Vorbild für „Shamango“ gelten, zu dem wiederum "Gentleman Jo...uccidi" (1967) umbenannt wurde. Darin hatte Anthony Steffen ebenfalls den Helden verkörpert, weshalb die Nähe zum eingeführten Namen schlüssig scheint.

Doch anders als dem von Lou Castel gespielten US-Revolverheld in „Quien sabe?“ fehlt der Figur des „Killer Kid“ die eigennützig-rücksichtslose Charaktereigenschaft, wie sie auch Franco Nero in „Il mercenario“ trefflich verkörperte. Obwohl „Killer Kid“ als berüchtigter Mörder gilt, der kurz vor der Vollstreckung seines Todesurteils aus dem Militärgefängnis geflohen ist und auf den ein hohes Lösegeld ausgesetzt wurde, blieb Steffen in seiner Rolle von fast bescheidener Präsenz, ganz im Gegensatz zum gewohnt vehement auftretenden Fernando Sancho, der neben der Revolution noch eigene Interessen verfolgt. Killer Kid hatte ihn dabei beobachtet, wie er an seinen mexikanischen Kameraden vorbei eigene Geschäfte mit den Waffenschmugglern machen wollte, weshalb ihm der „Gringo“ ein Dorn im Auge ist und er alles dafür tut, ihn bei El Santo und dessen Nichte Mercedes (Luisa Baratto) zu diskreditieren. Dass er damit nicht falsch liegt, ahnt der Betrachter schon – auch El Santo äußert einmal Erstaunen über Kids selbstlosen Einsatz für seine Leute – aber seine Beweggründe sind nicht persönlicher Natur. Als verdeckt arbeitender Offizier der US-Armee versucht er den Waffenschmuggel zu unterbinden, kommt damit aber den mexikanischen Revolutionären in die Quere.

Gemessen an der charismatischen Figuren eines „Django“ und dessen zahlreichen Epigonen wirkt „Killer Kid“ trotz seiner Schießkünste weich, fehlt ihm die stilisierte Zuspitzung des einsamen Helden. Selbst Fernando Sancho wird als Vilar regelmäßig von Selbstzweifeln gepackt, lässt in einem Moment seine Leute mit Satteltaschen voll Gold im Stich, um kurz darauf an deren Seite gegen die mexikanische Armee anzutreten. Einzig Giovanni Cianfriglia bleibt einseitig bösartig in seiner Rolle als mexikanischer Offizier. Diese Ambivalenz wurde häufig als inkonsequent und wenig schlüssig kritisiert, obwohl sich darin die Einzigartigkeit des Films manifestiert. Savona und Garrone nahmen sich zwischen den Action-Szenen ausreichend Zeit, die gewohnten Charakter-Klischees zu durchbrechen, wodurch „Killer Kid“ einen unvorhersehbaren, hochspannenden Verlauf nimmt.

In der zentralen Szene des Films wird ihre inszenatorische Absicht deutlich. In einer nächtlichen Liebesszene mit Mercedes bittet Kid die junge Frau, ihren Onkel zu überreden, ihn nicht wegzuschicken. Dieser war Vilars Vorwürfen, dass es sich bei Kid um einen Spion handeln soll, zwar nicht gefolgt, wollte aber kein Risiko eingehen, nachdem aus für ihn noch ungeklärten Gründen der Munitions-Wagon abgestürzt und explodiert war. Die verliebte Mercedes setzt sich selbstverständlich für Kid ein, ohne zu ahnen, damit dessen heimliche Pläne zu unterstützen. In einer kurzen Szene hatte der Film zuvor Kids wahre Absichten offenbart, weshalb der Dialog zwischen Mercedes und Kid gleichzeitig Vertrauen und Verrat, Liebe und Egoismus widerspiegelt – ohne sich in eine Richtung festzulegen. Gleiches gilt für die Rolle des Vilar, dessen wechselnden Reaktionen jederzeit nachvollziehbar bleiben. Sancho gab hier nicht den brachialen mexikanischen Gangsterboss, der sich einfach nimmt, was er will, sondern verlieh dieser häufig von ihm verkörperten Figur eine tragische Komponente. Zwar zeigt er wenig Einfühlungsvermögen beim Versuch, Dolores (Virginia Darval) als Frau zu gewinnen, aber als diese ihn abweist, nimmt er sie sich nicht mit Gewalt, sondern legt sich allein ins Bett. Vilar will Anerkennung und spürt seine Einsamkeit, auch nachdem er allein mit dem Gold in die Berge geflüchtet war.

Selbst der Vorwurf, „Killer Kid“ hätte die Revolutions-Thematik nur als spannungsfördernden Hintergrund genutzt, lässt sich nicht aufrecht halten. Zwar verzichteten die Macher auf konkrete politische Aussagen, folgte ihre Sympathie für die Revolutionäre den Regeln des Gut-/Böse-Schemas, aber sie ließen keinen Zweifel an der perversen inneren Logik einer sich stetig steigernden Gewaltspirale. In Form einer bitteren Parabel, begleitet von Berto Pisanos melancholischer Musik, endet „Killer Kid“ wie er begonnen hatte und bestätigte damit den Eindruck eines großartigen Films, der sich nicht der üblichen Eindeutigkeit des Italo-Western hingab.

"Killer Kid" Italien 1967, Regie: Leopoldo Savona, Drehbuch: Leopoldo Savona, Sergio Garrone, Darsteller : Anthony Steffen, Fernando Sancho, Luisa Baratto, Giovanni CianfrigliaHoward Nelson Rubien, Laufzeit : 98 Minuten

Montag, 3. Juni 2013

Sette dollari sul rosso (Django - die Geier stehen Schlange) 1966 Alberto Cardone

Inhalt: „El Cachal“ (Fernando Sancho) überfällt mit seinen Männern die Ranch von Johnny Ashley, tötet dessen indianische Ehefrau und raubt ihren zweijährigen Sohn Jerry. Johnny Ashley (Anthony Steffen) kann nach seiner Rückkehr nur noch die Toten begraben und schwört Rache für das grausame Verbrechen. Der Sheriff warnt ihn davor, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, aber Johnny will sich seinen Männern nicht anschließen, sondern seinen Weg alleine gehen. Er ahnt nicht, dass Jerry bei „El Cachal“ aufwächst, der seine Bande nach einem erfolgreichen Raub auflöst und verschwindet, weshalb Johnny ihn sehr lange vergeblich zu finden versucht.

Zwanzig Jahre später ist Jerry (Roberto Miali) selbst zu einem gnadenlosen Verbrecher geworden, der sich Frauen mit Gewalt nimmt und Wehrlose erschießt. Sein vermeintlicher Vater will mit ihm die Bank einer Großstadt ausrauben, weshalb er die Lage auskundschaften soll. Dazu begibt er sich in den Saloon der Schwestern Emily (Loredana Nusciak) und Sybil (Eilsa Montés), nicht ahnend, dass auch Johnny Ashley dort bei Emily zu Besuch ist…


Die Geschichte ist altbekannt - obwohl  "Sette dollari sul rosso" (wörtlich "Sieben Dollar auf Rot") 1966 noch kurz vor Corbuccis "Django" in die italienischen Kinos kam, erging es dem Film in Deutschland wie vielen anderen Italo-Western dieser Zeit. Der von Anthony Steffen gespielte Protagonist Johnny Ashley wurde in "Django" umbenannt, um den Film 1969 unter dem Titel "Django - die Geier stehen Schlange" in die Kinos bringen zu können, zusätzlich mit dem Werbesatz "Der neueste Django - einer der härtesten, die es bisher gab" versehen. Es ließe sich leicht über diese falsche Behauptung und die Namensänderung hinwegsehen, wäre dieser Umgang nicht signifikant für den niedrigen Stellenwert der Filme im Auge der damaligen Vertriebsgesellschaft. Ende der 60er Jahre war der Zenit des Italo-Western-Genres schon überschritten, weshalb die Filme möglichst reißerisch vermarktet wurden, wozu auch eine Synchronisation beitrug, die vor allem auf flotte Sprüche setzte, was den dramatischen Charakter von "Sette dollari sul rosso" abschwächte und damit die Intention des Films verfälschte.

Johnny Ashley (Anthony Steffen) ist eine tragische Figur, der bei seiner Heimkehr nicht nur seine erschossene Frau auffindet, sondern feststellen muss, dass sein zweijähriger Sohn Jerry verschwunden ist. Anthony Steffen, der in "Perché uccidi ancora" (Jetzt sprechen die Pistolen, 1965) und "Una bara per lo sceriffo" (Eine Bahre für den Sheriff) kurz hintereinander gleich in zwei Hauptrolle im Western reüssierte und zu einem führenden Vertreter des Genres werden sollte, spielte diesen Mann, den die Verzweiflung antreibt, ernsthaft und mit sparsamer Mimik, ohne den Gestus eines von sich selbst überzeugten Pistoleros. Im Gegenteil fällt die deutliche Betonung auf, dass "Selbstjustiz" kriminell ist - eine Ausnahme innerhalb des Italo-Western-Genres. Ashley wird deshalb vom Sheriff gefragt, ob er die Position eines Hilfssheriffs übernehmen will, damit er im Namen des Gesetzes handeln könnte. Er lehnt die Bitte zwar ab, um allein Rache zu üben, hält sich aber doch an diese Regel und tötet ausschließlich in Notwehr.

Für den Part des Gegenspielers wählte Alberto Cardone, dessen wenige Regiearbeiten sich hauptsächlich auf das Western-Genre beschränkten, Fernando Sancho, der den mexikanischen Bandenboss "El Cachal" wie gewohnt mit brachialer Lust am Verbrechen spielt und ohne zu zögern Frauen und Unbewaffnete erschießt. Auch Ashleys Frau hatte er getötet, bevor er den kleinen Jerry mitnahm, um ihn von seiner Frau als seinen eigenen Sohn aufziehen zu lassen. Erwachsen geworden tritt Jerry (Roberto Miali) ganz in die Fußstapfen seines vermeintlichen Vaters und übertrifft ihn sogar noch an hinterhältiger Rücksichtslosigkeit. Der große charakterliche Unterschied zwischen "El Cachal" und Jerry sowie dem einsamen Rächer Ashley ist von entscheidender Bedeutung für die dramatische Entwicklung des Films, weshalb der penetrante Versuch der deutschen Synchronisation, aus dem Scout und Familienvater einen knallhart vorgehenden, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen führenden "Django"-Typus zu machen, die innere Tragik dieser Situation nicht zulässt. Als Emily (Loredana Nusciak) gegenüber Ashley nichts als Angst, Einsamkeit und Bitterkeit für ihre Zukunft sieht, geht die Synchro einfach lässig darüber hinweg, um den Unterhaltungswert nicht zu stören.

Allerdings erleichterte „Sette dollari sul rosso“ diese Vorgehensweise, weil sich der Film nach dem dramatischen Beginn ein wenig in den Weiten der Italo-Western-Welt verliert. Der Grund lag in der storytechnischen Aufgabe, etwa 20 Jahre überbrücken zu müssen, damit aus dem Kleinkind Jerry ein erwachsener Fiesling werden konnte – ein epischer Zeitraum aus dem Blickwinkel von Banditen und Revolverhelden im Western. Um zu erklären, warum Ashley so viel Zeit benötigt bis er endlich den Mörder seiner Frau findet, wird „El Cachal“ ein gewinnträchtiger Überfall angedichtet, woraufhin sich dessen Bande auflöst. Ashley hilft es deshalb wenig, ein früheres Mitglied zu erwischen und zum Reden zu bringen, denn der Unterschlupf der Bande ist längst verlassen und „El Cachal“ macht nicht mehr von sich Reden. Die Szenen im Mittelteil bieten zwar gelungene Western-Action, wirken aber beliebig aneinander gereiht und ohne stringent auf den Showdown am Ende hinzuführen. Im Gegenteil stellt sich die Frage, wieso „El Cachal“ nach einer so langen Zeit einer „bürgerlichen Existenz“ plötzlich wieder zum Banditen wird, der diesmal zusammen mit seinem Sohn die Bank einer Stadt überfallen will ? – Zudem ausgerechnet in dem Ort, indem sich auch Ashley gerade eingefunden hat, leicht angegraut von seiner jahrzehntelangen Suche.

Dem Drehbuch gelingt es nicht, die sehr gute und im Italo-Western außergewöhnliche Idee, einen Vater auf seinen als Kleinkind geraubten und zum Verbrecher gewordenen Sohn treffen zu lassen, über die gesamte Laufzeit schlüssig umzusetzen, da die Überleitung zwischen Ausgangssituation und dem dramatischen Ende nicht funktioniert. Trotzdem ist das letzte Drittel des Films spannend und nachvollziehbar inszeniert – zumindest in der Originalfassung – und entwickelt im Zusammenspiel der drei männlichen Protagonisten mit den beiden Schwestern Emily und Sybil (Elisa Montés) eine dramatische Zuspitzung, begleitet von einem stimmigen melancholischen Score, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist.

"Sette dollari sul rosso" Italien / Spanien 1966, Regie: Alberto Cardone, Drehbuch: Juan Cobos, Melchiade Coletti, Arnaldo Francolini, Amedeo Mellone, Darsteller : Anthony Steffen, Fernando Sancho, Roberto Miali, Loredana Nusciak, Elisa Montés, Laufzeit : 96 Minuten

Freitag, 2. April 2010

Roma l'altra faccia della violenza (Die blutigen Spiele der Reichen) 1976 Marino Girolami

Inhalt: Nach dem Einbruch in eine römischen Villa, bei dem zwei Frauen verletzt werden, kommt es bei der Verfolgung des Fluchtautos zu Schusswechseln. Commissario Carli (Marcel Bozzuffi) ,leitender Ermittler, muss erleben, wie mehrere seiner Polizisten dabei sterben. Dr. Alessi (Anthony Steffen) erleidet ein ähnliches Schicksal, als seine Tochter Carol (Roberta Paladini) bei einem Überfall auf eine Party erschossen wird. 

Die Polizei vermutet, dass es sich in beiden Fällen um die selben Verbrecher handelt, deren Spur in ein Armenviertel Roms führt. Doch während sie unter teilweise großen Verlusten und dem Widerstand der dort lebenden Bevölkerung die ersten Verhaftungen vornehmen, ermittelt Dr.Alessi auf eigene Faust, die ihn in ganz andere Kreise führt...


 
Regisseur Marino Girolami, der später mit Werken wie "Zombi Holocaust" (Zombies unter kannibalen, 1980) und diversen Sex - Komödien Berühmtheit erlangte, nutzte Mitte der 70er Jahre auch die über Italien hereinbrechende Welle der Gewalt, die ihren Ursprung vor allem in der Zuspitzung des politischen Konflikts hatte. Anders als etwa Damianis "Io ho paura", der diese Kriminalität als gezielte Verunsicherung analysierte, um konservativen Kräften die Legitimation zu verschaffen, Kontrollmechanismen über die Bevölkerung und damit eigene Interessen durchzusetzen, bedienten andere Filmemacher die Vorurteile und Ängste einer Gesellschaft, die die zunehmende Gewalt als Folge der Veränderungen der 60er und frühen 70er Jahre ansahen.

In dieser Phase kristallisierte sich eine neue, schwer einzuschätzende kriminelle Spezies heraus - von ihrem materiell sorgenfreien Leben gelangweilte Männer, die nur aus Spaß Verbrechen begingen. "Fango bollente" (1975) machte diese Täter inmitten einer saturierten Bürgerschicht aus, die fast ohne Risiko vorgehen konnten, weil man die Schuldigen in anderen Kreisen suchte, verzichtete dabei aber auf Wertungen innerhalb der Gesellschaft. Girolami hob dagegen den Konflikt zwischen Arm und Reich stärker hervor, indem er zwei Verbrechen aneinander fügte, die in ihrer unmittelbaren Gewaltausübung vergleichbar scheinen - zuerst geschieht ein Raub in einer Villa, bei dem zwei Frauen verletzt werden, kurz danach ein Überfall auf eine Party in einem herrschaftlichen Gebäude. Während nach dem Raub bei der Verfolgung des Fluchtautos mehrere Polizisten zu Tode kommen, wird bei dem Überfall eine junge Frau ohne näheren Grund erschossen.

Kommissar Carli (Marcel Bozzuffi) und seine Kollegen vermuten hinter beiden Verbrechen die selben vier Männer und machen sich mit brachialen Methoden an die Arbeit. Besonders Dr.Alessi (Anthony Steffen), erfolgreicher Unternehmer und Vater der ermordeten jungen Frau, setzt sie dabei unter Druck, ermittelt aber gleichzeitig auf eigene Faust. Während die Spur der Polizei in die Armenviertel Roms führt, findet Dr.Alessi heraus, dass vier junge Männer aus wohlhabenden Familien hinter dem Mord an seiner Tochter stecken. Ganz offensichtlich sind unterschiedliche Banden für die Verbrechen verantwortlich, aber die Polizei glaubt lange an ihre ursprüngliche Theorie und setzt einen jungen Mann, den sie im Armenviertel festgenommen hatten, so unter Druck, dass er in seiner Zelle Selbstmord begeht.

Mit Subtilität und feinen Charakterzeichnungen hat der Film wenig zu tun, sondern entwickelt von Beginn an ein hohes Tempo in den Szenenwechseln, mit dem gezielt Stimmung erzeugt wird. Neben den unterschiedlichen Verfolgungsjagden und Verhaftungen, die in der Regel in Blutbädern enden, sind es vor allem Klischees, mit denen die Gegensätze hoch gepusht werden. Im Armenviertel stürzt die gesamte Bevölkerung auf die Polizei ein, als diese die Verdächtigen verhaften wollen, so dass sie sich mit Maschinengewehrschüssen befreien muss. Hier wird der Eindruck materieller Not vermittelt, der die jungen Männer in die Kriminalität zwingt, was sich dann auch mit der späteren Verzweiflungstat des Gefangenen beweist.

Im Gegensatz dazu stehen die vier jungen Männer aus bürgerlich wohlhabenden Familien, deren Intentionen letztlich keine Rolle spielen. Sie sind einfach arrogante, sich ihrer überlegenen Stellung bewusste Sprösslinge, die nichts besseres zu tun haben, als mit ihren Motorrädern herum zu fahren, Mädchen aufzugabeln und sie dann zu vergewaltigen. Eventuelle Zeugen werden entweder eingeschüchtert oder gekauft, wie es auch bei dem Floristen geschah, der sie nach dem Überfall gesehen hatte. Dr.Alessi lässt sich davon nicht täuschen, wendet selber rohe Methoden an, um die Wahrheit heraus zu bekommen, und überzeugt dann die Polizei von seiner Theorie. Doch dann muss er feststellen, dass diese gegen die reichen Eltern, die mit Anwälten und falschen Alibis aufwarten können, keine Chance hat. Als er dazu noch selbst körperlich bedroht wird, nimmt er das Gesetz in seine eigenen Hände...

"Die blutigen Spiele der Reichen" ist trotz dieser Storyentwicklung kein klassischer Revenge-Thriller, denn Dr. Alessi selbst ist auch nur Teil einer dekadenten Gesellschaftsschicht, die ihre eigenen Gesetze macht, und verfügt nie über die Sympathien des Comissarios. Seine Selbstjustiz bekommt in diesem Zusammenhang einen selbstironischen Aspekt, da ihm seine eigene Verstrickung in den Tod seiner Tochter lange nicht bewusst wird. Letztlich bleibt "Roma l'altra faccia della violenza" ein klassischer Polizeifilm, der keinen Zweifel daran lässt, wer wirklich das Gesetz vertreten sollte.

Doch zu ernst sollte man die sozialkritische Attitüde in der Gegenüberstellung zweier Gesellschaftsschichten nicht nehmen, denn dafür ist es zu offensichtlich, worum es in diesem Film wirklich geht - ständige Action, angeheizt von gängigen Vorurteilen gegenüber jungen, reichen Schnöseln und deren Eltern, die ihre Erziehungspflichten vergessen. Tragik kann der Film, trotz der vielen dramatischen Ereignisse, keinen Moment entwickeln, aber die niederen Instinkte seiner Betrachter bedient er vortrefflich. 


"Roma l'altra faccia della violenza" Italien/Frankreich 1976, Regie: Marino Girolami, Drehbuch: Gianfrano Clerice, Vincenzo Mannino, Darsteller : Marcel Bozzuffi, Anthony Steffen, Ennio Girolami, Jean Favre, Sergio Fiorentini, Laufzeit : 104 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.