Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Mittwoch, 30. Mai 2012

I magliari (Auf St. Pauli ist der Teufel los) 1959 Francesco Rosi


Inhalt: Mario (Renato Salvatori) hat seine Arbeit in Hannover verloren und überlegt, wieder nach Italien zurückzukehren. Als man ihm in einem italienischen Restaurant keinen Platz anbieten will, weil er zu ärmlich gekleidet ist, und er sich deshalb erregt, lernt er Totonno (Alberto Sordi) kennen, der ihn an seinen Tisch bittet. Scheinbar überaus freundlich, stiehlt er ihm seinen Pass, als eine Polizeikontrolle vorbei kommt, weshalb Mario mit auf die Wache gehen muss.

Doch am nächsten Tag gibt ihm Totonno seinen Pass wieder zurück und beruhigt den verärgerten Mario damit, ihm einen Job besorgen zu wollen, bei dem man sehr gut verdient. Er holt ihn in einen Kreis aus Neapolitanern, die unter der Leitung von Don Raffaele (Carmine Ippolito) Stoffe verkaufen. Totonno nimmt Mario auf einer seiner Touren mit, um ihm das Geschäft näher zu bringen. Tatsächlich nutzt der gerissene Verkäufer, trotz seines mangelhaften Deutsch, alle Tricks, um die Stoffbahnen für einen überteuerten Kurs loszuwerden...


An Francesco Rosis Filmschaffen lässt sich die Entwicklung des italienischen Neorealismus der 40er Jahre bis in die 80er Jahre sehr gut ablesen - von dem frühen Einfluss durch die Mitarbeit als Regie-Assistent bei Luchino Viscontis, über seinen stilibildenden "Salvatore Giuliano" (1961), seiner letzten Zusammenarbeit mit Suso Cecchi D'Amico nach einem Jahrzehnt gemeinsamer Drehbücher, bis zu "Cronaca di una morte annunciata" (Chronik eines angekündigten Mordes) von 1987. Anders als Regisseure wie Visconti, Vittorio De Sica oder Roberto Rossellini, deren Schaffen immer in eine neorealistische und eine post-neorealistische Phase eingeteilt wird, gilt Francesco Rosi vor allem als moderner Polit-Filmer, ohne direkten Bezug zum Stil des Realismus der italienischen Nachkriegszeit.

Dabei ist sein individueller semi-dokumentarischer Stil, den er beginnend mit "Salvatore Giuliano", in "Le mani sulla città" (Die Hände über der Stadt, 1963), "Uomini contro" (Bataillon der Verlorenen, 1970), "Il caso Mattei" (Der Fall Mattei, 1972) bis zu "Lucky Luciano" 1973 zu großer Blüte entwickelte, ohne den neorealistischen Einfluss nicht vorstellbar. Die akribisch erarbeitete Authentizität dieser Filme, verbunden mit einer, trotz einer klaren politischen Haltung, möglichst objektiven Darstellung der darin geschilderten Situation, ist eine konsequente Weiterentwicklung etwa von Rossellinis "Roma, città aperta" (Rom, offene Stadt, 1945) oder Viscontis "La terra trema" (Die Erde bebt, 1948), an dem er erstmals beteiligt war, und verdeutlicht, das der Realismus im italienischen Film keine zeitliche Limitierung kennt.
 

"I magliari", der als zweite alleinige Regiearbeit nach "La sfida"(1958) entstand - er hatte zuvor bei "Camicie rosse" (Anita Garibaldi, 1952) mit Goffredo Alessandrini und "Kean" (1956) mit Vittorio Gassman zusammen gearbeitet - zeigt einige stilistische Parallelen zum klassischen neorealistischen Film und wirkt, nicht nur wegen Renato Salvatori in einer der Hauptrollen, wie ein Vorläufer zu "Rocco e i suoi fratelli" (Rocco und seine Brüder, 1960) von Luchino Visconti. Thematisch widmen sich beide Filme den Folgen des Zwangs, aus der Heimat auswandern zu müssen, um Arbeit zu finden. In "Rocco e i suoi fratelli" gehen die Protagonisten aus dem armen Süditalien ins wohlhabende Norditalien, in "I magliari" sucht der Toskaner Mario Balducci (Renato Salvatori) Arbeit in Deutschland. Innerhalb der Story - besonders hinsichtlich der Anlage der weiblichen Hauptfigur - lassen sich ebenfalls Übereinstimmungen zu Viscontis Film finden, aber während "Rocco e i suoi fratelli" trotz dessen epischer Erzählweise häufig als Abschluss seiner neorealistischen Phase angesehen wird, ist "I magliari" diesem Stil tatsächlich wesentlich näher. 

Entsprechend konsequent verzichtete der Titel "I magliari" (wörtlich "Die Tuchhändler") auf jedes schmückende Beiwerk, wohingegen der deutsche Titel "Auf St. Pauli ist der Teufel los" unpassend marktschreierisch wirkt. Sicherlich stand auch ein gewisser Werbeeffekt dahinter, aber tatsächlich waren Francesco Rosis realistische Aufnahmen von Hannover und Hamburg, besonders deren Nachtleben – Striptease-Schuppen, Lokale, Cafés und Bordelle (darunter auch Originalaufnahmen der "Herbertstraße") – Ende der 50er Jahre noch eine Sensation. Erstaunlich ist nicht, dass einige dieser Szenen in der deutschen Fassung herausgeschnitten wurden. Aus heutiger Sicht liegt deren Besonderheit in der Authentizität und der atmosphärischen Dichte, begleitet von zeitgenössischer Musik, die einen genauen Eindruck des Lebens in der Bundesrepublik Deutschland dieser Zeit widerspiegeln. Rosi beurteilte nicht, sondern bildete nur ab, worin sich die Entwicklung seines Stils ablesen lässt – in der Gestaltung erinnert er an die neorealistischen Einflüsse, in seiner Neutralität an seine zukünftigen Filme.

In ihrer Zurückhaltung und damit dem Versuch, die Geschehnisse aus einem objektiven Winkel zu betrachten, weist auch die Story auf seine späteren semi-dokumentarischen Werke hin, obwohl sie in der Anlage eher konventionell ist. Weil Mario seine Arbeit verloren hat, will er wieder in seine toskanische Heimat zurückkehren, lernt vorher aber Totonno (Alberto Sordi) kennen, einen offensichtlich erfolgreichen Geschäftsmann, der mit einem schönen Auto durch Deutschland fährt und Stoffe verkauft. Dieser will ihn in der größtenteils aus Neapolitanern bestehenden Gruppe von Tuchhändlern unterbringen, die unter der Leitung von Don Raffaele (Carmine Ippolito) im Raum Hannover arbeitet, plant aber heimlich eine eigene Verkäufergruppe unter seiner Leitung in Hamburg. Dafür nutzt er den Kontakt zu dem reichen deutschen Geschäftsmann Mayer (Josef Dahmen), in dessen viel jüngere Ehefrau Paula (Belinda Lee) sich Mario verliebt.


Diese Szenen leben vor allem vom Spiel Alberto Sordis, der Totonnos Betrügereien hinter viel Witz und Emotionalität verbirgt. Der etwas ruhige, manchmal naiv wirkende Mario wird von ihm mitgerissen, obwohl er dessen falsches Spiel durchschaut, aber als er mit Paula eine Affäre beginnt, schwindet dessen Einfluss. „I magliari“ erzählt im Prinzip eine dramatische Geschichte von Verrat, Betrug, Bandenkrieg und einer unglücklichen Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann, der gezwungen ist, weit entfernt von seiner Heimat Arbeit zu suchen, und einer jungen Frau, die früher in Italien als Prostituierte gearbeitet hatte, sich jetzt aber nicht mehr von ihrem reichen Ehemann trennen will, um ihre materielle Sicherheit zu behalten. 

Doch Francesco Rosi entwickelt seine Story ohne emotionale Schürung und vermeidet extreme Konsequenzen. Das Leben geht in „I magliari“ weiter und die Tragik dahinter zeigt sich alleine in der jeweiligen persönlichen Reaktion – der fehlenden Selbsteinsicht oder einer Entscheidung gegen die eigenen Emotionen. Dank dieser Distanz zum Geschehen, aber auch zu seinen Protagonisten, ist „I magliari“ kein aufrüttelnder Film, keine politische Anklage geworden, sondern das Zeitgemälde einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs. Eine Wertung überlässt Francesco Rosi dem Betrachter und verweist damit direkt auf seine kommenden Werke.

"I magliari" Italien, Frankreich 1959, Regie: Francesco Rosi, Drehbuch: Francesco Rosi, Suso Cecchi D'Amico, Darsteller : Alberto Sordi, Renato Salvatori, Belinda Lee, Aldo Giuffrè, Nino Vingelli, Laufzeit : 112 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Francesco Rosi:

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.