Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 12. Januar 2010

Le mani sulla città (Hände über der Stadt) 1963 Francesco Rosi

Inhalt: Der Spekulant und Inhaber einer großen Baufirma Edoardo Nottola (Rod Steiger) erklärt dem Bürgermeister Neapels, Maglione (Guido Alberti), die Vorteile neuer Landerschliessung am Rand der Stadt. Billiges Ackerland wird durch den Beschluss des Stadtrats zu teurem Bauland. Das bedeutet große Gewinne für die Beteiligten, die man als Wohltaten für die Bevölkerung verkaufen kann, da diese neue, moderne Häuser bekommt.

Währenddessen geschieht auf einer Baustelle in einem alten Stadtteil Neapels ein schreckliches Unglück. Ein Wohnhaus, dass neben einer von Nottolas Baustellen steht, stürzt auf Grund der Erschütterungen ein. Zwei Menschen sterben, ein Junge überlebt schwerverletzt. Der kommunistische Stadtabgeordnete De Vita (Carlo Fermariello) klagt die ungenügenden Sicherheitsmassnahmen an und erreicht, dass ein Untersuchungsausschuss, gebildet aus allen Parteien, den Vorgängen nachgeht. Nottolas Situation scheint sich zu verschlechtern und auch sein Parteifreund, Bürgermeister Maglione, verlangt von ihm, dessen eigene Kandidatur bei den kommenden Stadtparlamentswahlen zurückzuziehen, um die Chancen der Partei nicht zu gefährden...



„Hände über der Stadt“ entwickelt seinen Plot sprunghaft, begleitet von einem akustischen Rhythmus:

Wortreich erklärt der Bauunternehmer Edoardo Nottola (Rod Steiger) den Politikern seine Pläne für die Erweiterung der Stadt mit modernen Wohnhäusern. Ebenso sprachintensiv feiern die Politiker mit salbungsvollen Reden den Beschluss des Flächennutzungsplanes am Rande Neapels, der Nottolas Pläne erst ermöglichen wird. In Anwesenheit einer großen Gruppe von Würdenträgern erfolgt daraufhin die Grundsteinlegung.

Stumm, nur begleitet von einer dramatischen Musik, die den Charakter eines Kriminalfilms annimmt, filmt Rosi minutenlang aus der Vogelperspektive die Stadt Neapel mit ihren alten und neuen Stadtteilen und vermittelt dabei einen genauen Eindruck von der hohen Bebauungsdichte.


Nur die Straßengeräusche einfangend, verbleibt die Kamera auf einer Baustelle inmitten eines alten, heruntergekommenen Stadtteils. Unter großem Lärm werden mit schwerem Gerät neue Fundamente gebohrt. Durch die Erschütterungen fällt ein angrenzender Wohnbau in sich zusammen. Die Menschen fliehen entsetzt, um wieder helfend zu dem Schuttberg zurückzukommen. Polizei und Feuerwehr befinden sich schnell vor Ort und beginnen die Verschütteten auszugraben und die Überlebenden zu evakuieren, darunter auch ein bewusstloser Junge. Man hört nur Schreie, Motorlärm und die Sirenen der Einsatzfahrzeuge. Einen Moment unterbricht der Film diese Geräuschkulisse, als - für die Allgemeinheit unbemerkt - Nottola seinen Sohn, den verantwortlichen Bauleiter, von der Baustelle fortbringt. Wieder erklingt kurz die an Kriminalfilme erinnernde Musik.

Wortreich streitet das Stadtparlament über diese Vorkommnisse. Edoardo Nottola wird die Schuld an dem Unglück gegeben und der konservativen Partei, die den Bürgermeister Maglione (Guido Alberti) stellt, und deren Parteifreund Nottola ist, wird Bestechlichkeit vorgeworfen. Dem redegewandten Abgeordneten der kommunistischen Partei, De Vita (Carlo Fermariello) gelingt es, einen Untersuchungsausschuss durchzusetzen, der die Verantwortlichen für das Unglück, bei dem zwei Menschen starben und der Junge seine Beine verlor, herausfinden soll.


Erst als der Untersuchungsausschuss seine Arbeit aufnimmt, wird die Handlung und damit auch die Akustik stringenter, aber die Diskrepanz zwischen den ständigen Diskussionen, Reden und Zusammenkünften der Politiker und der völligen Wortlosigkeit der Bevölkerung bleibt signifikant für den Film und wird von Francesco Rosi konsequent durchgehalten. "Le mani sulla città" endet mit den eingeblendeten Sätzen, dass nichts erfunden wurde und alle geschilderten Abläufe real sind, aber trotz des betont dokumentarischen Charakters, der vor allem bei den Sitzungen des Stadtparlaments von beißender Realität ist, wird in jedem Moment Rosis persönliche Handschrift deutlich. Und damit sein Wille, die äußerliche Handlung von jeder emotionalen Ebene und jedem persönlichen Schicksal zu entschlacken, um sie an jedem Ort als generell vorstellbar zu entwerfen.

Vorstellbar ist dafür - betrachtet man Rosis Umsetzung genau - ein zu schwaches Wort, denn die Art, wie sich der Film entwickelt, ist von ihm so zwingend angelegt, dass sich Widerspruch geradezu verbietet. Rosi zeigt hier – beispielhaft an Hand von Bauspekulationen in Neapel - Abläufe, die in ihrer inneren Logik, dem Verhalten der handelnden Personen und seinen sich daraus ergebenden Konsequenzen signifikant für unser Demokratieverständnis sind. Ganz bewusst verknüpft er das Geschehen mit einer Wahl zum Stadtparlament, die sogar zu einem Machtwechsel führen könnte, um damit das Funktionieren der demokratischen Regeln zu unterstreichen. Er betont damit, dass das, was hier geschieht, nicht auf nach dem Gesetz strafbare kriminelle Machenschaften zurückzuführen ist, sondern im Rahmen des Rechtsstaates geschieht.

Zuerst erscheint der Auslöser der Handlung - der Einsturz des Wohnhauses, in dessen Folge zwei Menschen sterben – widersprüchlich, weil damit normalerweise das genaue Gegenteil erreicht wird - eine emotionale Bindung an die Opfer und die Schuldzuweisung an einen Einzeltäter, hier in der Figur des Baulöwen Nottola. Doch stattdessen nutzt Rosi dieses typische Story-Element, mit dem normalerweise begründet wird, warum Missstände ohne die Schuld der Allgemeinheit entstehen, um seinen generellen Standpunkt zu untermauern. Nicht nur dem Dokumentarstil, in dem das Unglück zwar detailliert, aber ohne Dramatisierung gezeigt wird, sondern vor allem Rod Steigers Leistung ist es zu verdanken, dass sich die generellen Abläufe über ihr beispielhaftes Objekt erheben.

In einer zentral gelegenen Szene wird das besonders deutlich – der Bürgermeister Maglione hatte Nottola aufgesucht, um ihn aufzufordern, seine Kandidatur für das Stadtparlament wieder zurückzuziehen. Die Ereignisse um das Unglück auf der Baustelle gefährdeten die Wahlchancen ihrer Partei, auch wenn der Untersuchungsausschuss bisher keine Unregelmäßigkeiten feststellen konnte. Nach einer gewonnenen Wahl wäre es kein Problem, die gemeinsam begonnenen Projekte weiter zu führen. Nachdem Nottola dieses Ansinnen abgelehnt hatte, verlässt ihn der Bürgermeister mit der Drohung, sollte die Partei ihre Mehrheit verlieren, werde er ihm jede weitere Unterstützung versagen. Es handelt sich um den kritischsten Moment in der Situation dieses Tatmenschen, den er scheinbar nicht mehr selbst beeinflussen kann. Die Kamera verbleibt auf Rod Steiger, der fast regungslos sitzen bleibt. Äußerlich geschieht nichts, aber Steigers Gedanken sind mit Händen zu greifen. Es ist der intimste Moment des gesamten Films, der eine Nähe aufbaut, die ein einseitiges Urteil über den Menschen Nottola verhindert.


Steiger spielt diese Figur ansonsten in der ihm eigenen körperbetonten Art, die keinen Zweifel an Autorität und Durchsetzungswillen zulässt. Dabei spart er keineswegs mit kritischen Bemerkungen, wenn er angesichts des Gebäudeeinsturzes erwähnt, dass man sich damit den Abbruch hätte sparen können. Seine zynische und vor allem am wirtschaftlichen Gewinn orientierte Art führt dazu, dass er unmittelbar auf der Baustelle von De Vita mit Argumenten angegriffen wird, die ihm Bestechung und Vorteilsnahme ohne Rücksicht auf Menschenleben vorwerfen. De Vita musste inzwischen feststellen, dass die gesetzlichen Auflagen alle erfüllt wurden, aber die Tatsache, dass Nottola die Baugenehmigung in drei Tagen erhielt, obwohl das normalerweise mindestens ein halbes Jahr dauert, verdeutlichte die offensichtliche Zusammenarbeit mit einflussreichen Kreisen. Anstatt De Vita mit gleicher Münze zurückzuzahlen, führt er ihn in einen von ihm gefertigten Neubau und zeigt ihm die modernen Sanitärzellen, Küche und sauberen Räume. Er vergleicht diese Wohnungen mit den unzumutbaren Verhältnissen, in denen eine Vielzahl Neapolitaner hausen. Auch De Vita kann sich dieser Argumentation nicht entziehen und beendet das Gespräch mit den hilflosen Worten „Ich habe gar nichts gegen ihre Pläne, sondern ich kritisiere nur die Art der Umsetzung!"

In „Le mani sulla città“ gibt es keine Mafia und keine Verbrecher, sondern nur Personen, die entsprechend ihrer Funktion handeln. Ohne einen Machtmenschen wie Nottola hätte kaum Jemand die Energie, die aufwändigen Projekte zu planen und umzusetzen. Die Bevölkerung, die nie das Wort erhebt, lässt sich mit Geldzahlungen leicht beruhigen und letztlich verkommen zwei Tote nur zu einer Fußnote, angesichts tausender neuer Wohnungen. Die Politiker sind vor allem auf ihre Außenwirkung bedacht, unabhängig davon, ob sie sich als Kämpfer für die gute Sache stilisieren wie De Vita oder neue Koalitionen schließen, um ihre Machtposition zu festigen. Auf einen Mann wie Nottola können sie keinesfalls verzichten, denn nur äußerlich darstellbare Erfolge garantieren auch eine erfolgreiche Wiederwahl. Das dabei viel Geld verdient wird, dass nur in wenigen Taschen landet, wirkt innerhalb dieser Konstellation wie ein nicht zu vermeidender Nebenaspekt.

Diese Doppeldeutigkeit vermittelt schon der Filmtitel, denn „Hände über der Stadt“ können sowohl Schutz und Hilfe, als auch Kontrolle und Vorteilsnahme bedeuten. Letztlich stellt sich die Frage, welche Intention Francesco Rosi mit seinem Film verfolgte? - Als genau beobachtete Zustandsbeschreibung einer demokratischen Ordnung ist der Film exemplarisch, aber gleichzeitig erschreckend in seinem Fatalismus. Auch wenn Rosi dem kommunistischen Abgeordneten sicherlich mehr Sympathien schenkte als den konservativen Politikern, vermied er doch einseitige Verurteilungen. Letztlich gehören die Politiker aller Parteien zum System. Einzig die Diskrepanz zwischen den Palästen, in denen die führenden Politiker der Stadt stolz ihre Kunst - Sammlungen vorzeigen, und den in unendlicher Reihe stehenden, gleichförmigen Wohnblocks - egal ob Alt - oder Neubauten - die Rosi zum Schluss wieder, wie in einer der Eingangssequenzen, wiederholt, wird deutlich, dass er mit dem Film eine Bevölkerung ansprechen will, die sich zu leicht beruhigen lässt und durch ihr Desinteresse den Machtmissbrauch erst mit verursacht.

„Le mani sulla città“ (Hände über der Stadt), der den semi-dokumentarischen Stil seines Vorgängerfilms "Salvatore Giuliano" wieder aufnahm, aber in der damaligen Gegenwart spielte, könnte als Lehrstück dienen, so differenziert und analytisch bringt er die Verhältnisse hier auf den Punkt, aber die gleichzeitige, technologische Kälte, die von Rosis Film nachvollziehbarer Weise ausgehen musste, und nicht zuletzt seine sehr kritische Haltung, verhinderte eine entsprechende Verbreitung.


"Le mani sulla città" Italien 1963, Regie: Francesco Rosi, Drehbuch: Francesco Rosi, Raffaele La Capria, Darsteller : Rod Steiger, Salvo Randone, Guido Alberti, Carlo Fermariello, Angelo D'Allessandro, Laufzeit : 100 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Francesco Rosi:

Montag, 24. August 2009

Mussolini: Ultimo atto (Mussolini - Die letzten Tage) 1974 Carlo Lizzani

Inhalt: Die italienischen Partisanen und die amerikanische Armee stehen kurz vor Mailand, in der noch die von den Deutschen kontrollierte faschistische Regierung Benito Mussolinis (Rod Steiger) ihr Marionettendasein fristet. Unter den Faschisten geht die Angst um, weshalb Mussolini beschließt nach Como zu fliehen, um dort mit den Resten seiner Anhänger eine Verteidigungslinie in den Alpen zu bilden.

Tatsächlich will er mit seiner Geliebten (Lisa Gastoni) in die Schweiz fliehen und sucht nur nach einer Gelegenheit, sich alleine abzusetzen. Doch nicht nur die Deutschen kontrollieren ihn, sondern auch
die amerikanische und englische Armee wollen seiner habbar werden, um ihn in Schauprozessen vorzuführen. Allerdings haben sie nicht die Rechnung mit den Partisanen gemacht, die Mussolini schon zum Tode verurteilt haben...


 Filme über bekannte Personen der Zeitgeschichte haben immer zwei Nachteile, mit denen sich die Filmschaffenden auseinandersetzen müssen. Zum Einen weiß der Zuseher in der Regel, was historisch geschehen ist, so daß es schwierig ist, Überraschungen in die Story einzufügen. Zum Anderen muß mit größtmöglicher Sorgfalt ein authentisches Bild des Charakters der dargestellten Person gezeichnet werden, um sich nicht der Geschichtsverfälschung verdächtig zu machen. Bei einer Person wie dem faschistischen italienischen Diktator Benito Mussolini liegt die Latte noch um einiges höher, da man sich hier schnell dem Vorwurf der Verharmlosung oder falschen Parteinahme aussetzen kann. Regisseur und Autor Carlo Lizzani, ein Kind des Neorealismus, der schon beim Episodenfilm "L'amore in città" (1954) beteiligt war, sowie sein Co-Autor Fabio Pitturro stehen sicher nicht im Verdacht, eine Person wie den "Duce", der viel Leid über das italienische Volk gebracht und sich Hitlers Rassenideologie angeschlossen hatte, falsch einzuordnen. Aber der Versuch, einer solchen Figur auf der Suche nach einem realistischen Hintergrund nahe zu kommen, stellt immer auch die Frage, wie sehr man einem Diktator ein menschliches Antlitz geben darf. Und ob dem Film die Gratwanderung zwischen Nachvollziehbarkeit des Charakters und der Achtung vor dessen Opfern gelingt.

Bis heute ist es in Italien opportun, Anhänger Mussolinis zu sein, und es sind im Film immer wieder Szenen zu sehen, in denen die Ehrfurcht der Menschen im Angesicht des "Duce" sichtbar wird. Diese Faszination wird noch durch das beeindruckende Spiel Rod Steigers unterstrichen, der zuvor schon unter Francesco Rosi ("Le mani sulla città"(Die Hände über der Stadt, 1963)) für die Gestaltung ambivalenter Persönlichkeiten zuständig war und der auch Napoleon verkörpert hatte. Dadurch das es sich hier, wie der Titel schon besagt, um den letzten Akt - genauer die letzten vier Tage - im Leben des Mussolini handelt, liegt das Gewicht in der Darstellung auf dessen Niedergang. Steigers Mussolini ist ein geschlagener, alter Mann ,aus dem nur noch ganz selten Kraft und Egoismus hervorbrechen - Momente, die fast unwirklich scheinen und in denen er hauptsächlich hohlen Phrasen Ausdruck verleiht.

Selbstverständlich war 1974 die Geschichte der Phase des italienischen Faschismus noch präsenter, denn anders ist es nur schwer erklärbar, warum es kaum Informationen über die Situation gibt, in der sich Mussolini vier Tage vor seinem Tod in Mailand befand. Die dokumentarische Sequenz, mit der der Film beginnt, widmet sich nur der Kriegssituation und stellt die voranschreitenden a
lliierten Truppen zeichentrickartig dar. Dass Mussolini schon zwei Jahre zuvor durch den italienischen König zur Abdankung gezwungen wurde, dass die deutschen Truppen ihn dann aus dem Gefängnis befreiten und im von ihnen besetzten Norditalien in einer Art Marionettenregierung (Republik "Salò"), die komplett Hitlers Kontrolle unterstand, wieder als Führer einsetzten - darüber verliert der Film kein Wort. Genauso wie über den Fakt, daß sich Italien schon 1943 den alliierten Truppen ergab, worüber sich Hitler so sehr ärgerte, dass darauf hin die eigentlich nur zur Unterstützung anwesende deutsche Armee die Kontrolle in Italien übernahm. Nachdem 1944 die alliierten Truppen gemeinsam mit italienischen Partisanen Rom befreit hatten und dort eine demokratische Regierung eingesetzt hatten, entstand das bürgerkriegsartige Durcheinander, daß den gesamten Film bestimmt. Sämtliche übrig gebliebenen Anhänger Mussolinis hatten sich immer weiter in den Norden zurückgezogen, wo sie gemeinsam mit der deutschen Armee gegen die Alliierten und Partisanen kämpften.

Dieses Wissen ist unbedingt notwendig, um in den Film hineinzufinden. Gleich in der ersten Szene dringt ein deutscher General ohne anzuklopfen in das Amtszimmer Mussolinis. Der Film verdeutlicht sehr schnell, daß Mussolini nichts mehr zu sagen hat und vollständig unter Kontrolle steht. Er trifft sich gemeinsam mit wenigen Ministern seiner Partei mit dem Kardinal von Mailand (Henry Fonda), der Mussolini dazu überreden will, nicht gegen die italienischen Partisanen und damit die eigenen Landsleute, zu kämpfen. Er fürchtet nicht nur viele Tote, sondern auch die Zerstörung Mailands. Wer annimmt, bei diesem Gespräch geht es hart zur Sache, irrt. Im Gegenteil, die Wortwechsel wirken fast diplomatisch gelassen und aus dem Mund des Kardinals ist kein Wort der Kritik gegenüber Mussolini zu hören. Erst als plötzlich bekannt wird, daß die deutschen Truppen sich ohne Mussolini zu informieren, ergeben haben, springt dieser noch einmal auf in seine bekannte "Cäsar"-Geste und behauptet, daß er selbst wieder die Kontrolle übernommen hätte.

Nur in diesen kurzen Augenblicken erkennt man den Größenwahn, der dazu führte, dass er
 Italien in einen sinnlosen Krieg führte. Lizzani muss das bewusst gewesen sein, denn er versuchte den Charakter des Diktators mit Rückblenden genauer zu beleuchten. Diese "Erinnerungssequenzen" laufen vor dem geistigen Auge des "Duce" ab und wirken insgesamt etwas unwirklich - wie im Nachhinein hinzugefügt. Zwar lassen die Informationen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, zeigen dessen Ehrgeiz, nicht hinter Hitler in die zweite Reihe zurückfallen zu wollen, weshalb er die eigenen Soldaten in den Krieg schickte, aber die Wirkung dieser Bilder ist deutlich schwächer als Rod Steigers Darstellung. 

Auch das Mussolini seine Untertanen im Stich lässt, um seine Haut und die der Geliebten zu retten, ist eher subtil dargestellt. Nur kurz nach seinen heroischen Worten gegenüber dem Kardinal, läßt er gegensätzliche Taten sprechen und flieht nach Como, dabei ständig von der deutschen Armee bewacht, die sich gemeinsam mit ihm nach der Kapitulation auf dem geordneten Rückzug nach Österreich befindet. Aber er will in Wirklichkeit nicht nach Österreich, sondern in die Schweiz, in die er vorsorglich schon über 100 Millionen Lire transferieren ließ. Als er deshalb versucht, einen Abzweig zu nehmen, gerät er in eine peinliche Situation. An einem konspirativen Treffpunkt angekommen, muß er erfahren, daß die ihm zur Unterstützung versprochenen italienischen Truppen sich in Luft aufgelöst haben. Kaum hat er das begriffen, strömen von allen Seiten deutsche Soldaten auf ihn zu, die sein Verschwinden schnell bemerkt hatten.

So sehr sich der Film bemüht, Ordnung in das wirre Geschehen zu bringen, so wenig gelingt ihm das. Es bedarf schon einer großen Portion Aufmerksamkeit gegenüber dem sprachintensiven Film, immer auf der Höhe des Geschehens bleiben zu wollen, da viele unterschiedliche Interessen um Mussolini herrschen. Ständig wechselt der Film zwischen Partisanentruppen, amerikanischen Soldaten und deren Interessenvertretern, Mitgliedern der italienischen demokratischen Regierungspartei, die wiederum mit den Partisanen zusammenarbeitet, Mussolini mit seinen Getreuen und verschiedenen deutschen Armeeangehörigen, von denen die einen nur ihre eigenen Truppen in Sicherheit bringen wollen und die anderen unbedingt Mussolini in ihrer Obhut behalten wollen. Einzig Rod Steiger und seine Geliebte bleiben da als Protagonisten in Erinnerung, deren Charaktere angemessen gestaltet sind.

Am diffizilsten ist in diesem Zusammenhang der Partisanenoffizier Valerio anzusehen, von Franco Nero wie gewohnt cool und von unnahbarer Perfektion dargestellt. Ihm obliegt die Aufgabe, Mussolini, nachdem dieser von den Partisanen aufgegriffen wurde, heil am Volk vorbei nach Mailand zurückzuholen, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Valerio versichert gegenüber der Regierung, daß er keine persönlichen Rachegefühle mehr hat und macht sich auf den Weg. Als er später Mussolini von den Kameraden, die den "Duce" korrekt und respektvoll gefangen hielten, übernommen hat, erschießt er diesen kaltblütig an der nächsten Straßenkurve, womit der Film schlagartig endet. Diese Darstellung ist aus der heutigen Sicht mehr als fragwürdig, auch wenn Mussolini hier "wie ein Hund stirbt". Aber dem alten Mann gehört zumindest unser Mitleid, während man von der inneren Zerrissenheit und der aufgestauten Wut des Valerio und dessen Vorgeschichte nichts weiß und in ihm nur einen kaltblütigen Killer sehen kann, der auch noch den Tod der Geliebten in Kauf nimmt.

Man spürt, daß es Lizzani um eine seriöse Aufarbeitung der Geschichte ging. Zu Erkennen ist das an den ausgezeichneten Darstellerleistungen, an dem fast vollständigen Verzicht auf Action und drastischen Darstellungen, an den teilweise sehr ausgefeilten Dialogen vor allem zwischen Mussolini und seiner Geliebten und an der Vermeidung von Klischees und Pathos. Weder werden die deutschen Soldaten bösartig, noch die Partisanen heldenhaft dargestellt - auch macht der Film deutlich, wie sehr schon der zukünftige kalte Krieg gegen den Kommunismus in den Startlöchern stand, weshalb Mussolini von Engländern und Amerikanern händeringend gebraucht wurde. Steigers Spiel, das zunehmend deutlicher werden läßt, welch erniedrigendes Schicksal Mussolini kurz vor seinem Tod erleiden musste, wie wehrlos, feige und schwach er wurde, ist von beeindruckender Intensität. Aber hier geht der Film in seinem Versuch einer objektiven Ausrichtung zu weit, denn Steiger zeigt einen alternden Menschen, der seinen Zenit überschritten hat und wie ein Ertrinkender versucht, an alte Herrlichkeiten anzuknüpfen.  Die wenigen Sequenzen dagegen, die die Auswirkungen seiner selbstherrlichen, sich überschätzenden Macht zeigen, werden im Film kaum hervorgehoben und erfordern für eine angemessene Einordnung ein erhebliches Hintergrundwissen.


Im Gegensatz dazu ist die Darstellung des eigenhändig die Todesstrafe ausführenden Partisanenoffiziers zu oberflächlich, weshalb der gesamte Film insgesamt einen fragwürdigen Eindruck hinterlässt. Dass "Mussolini: ultimo Atto" heute in Vergessenheit geraten ist, ist einerseits schade auf Grund der großartigen Darstellerleistungen und der intensiv gezeigten Atmosphäre des Kriegsendes in Italien, andererseits ist es zu begrüßen, da hier ein missverständliches Bild des Diktators gezeigt wird. Im Vergleich zu Pasolinis "Salò" (Die 120 Tage von Sodom, 1975), der ein Jahr später erschien, wirkt Lizzanis Versuch, die Geschehnisse der letzten Kriegstage an der Person des Mussolini festzumachen, zu wenig konsequent in seiner Haltung, so das sein Film trotz aller Bemühungen nicht über eine gewisse Beliebigkeit hinaus kommt.

"Mussolini: ultimo atto" Italien 1974, Regie: Carlo Lizzani, Drehbuch: Carlo Lizzani, Fabio PittorruDarsteller : Rod Steiger, Henry Fonda, Franco Nero, Lisa Gastoni, Laufzeit : 109 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carlo Lizzani:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.