Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Mittwoch, 10. März 2010

Paranoia 1970 Umberto Lenzi

Inhalt: Gerade erst nach einem Rennunfall aus dem Krankenhaus entlassen, folgt Helen (Carroll Baker) einer Einladung nach Spanien. Diese stammt von ihrem Ex-Mann Maurice (Jean Sorel), den sie seit der Trennung vor drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Bis heute verfolgten sie die damaligen Ereignisse, denn Maurice hatte sie verlassen, worauf sie versuchte, ihn umzubringen.

Doch als sie in Spanien ankommt, muss sie feststellen, dass die Einladung nicht von ihrem Ex-Mann stammte, sondern von dessen neuer Frau Constance (Anna Proclemer). Während sich Maurice, nach der ersten Überraschung, charmant wie immer, seiner früheren Frau annimmt, hegt Constance andere Beweggründe. Sie hat inzwischen genug von dem Playboy, von dem sie sich ausgenutzt und betrogen fühlt, und betrachtet Helen als Gleichgesinnte, mit der sie deren damaligen Tötungsversuch gemeinsam wiederholen möchte...

Der Vorspann in seiner schicken Negativ - Optik, untermalt von einem zeitgenössischen Pop - Song, gibt gleich die Richtung für Umberto Lenzis "Paranoia" vor - "Styling over substance". Hier zählt nur die Fassade, die in modernen Späte - 60er Jahre -Farben schillert. Nur die äußere Wirkung zählt, der Anschein von Schönheit und Reichtum, betont noch durch die scheinbar omnipräsente Canon - Kamera, die die attraktive Hülle in Bildern festhält.

Und Carroll Baker als Helen gibt das Medium - blond, schön und eine geniale Mischung aus cool und verletzlich. Wenn sie zu Beginn den Helm über ihre blonde Mähne stülpt, in den Rennwagen steigt und über die Strecke rast, wirkt das wie die ideale Symbiose aus dauerhaftem Spaß und Erfolg, aber nur wenige Runden später erleidet sie einen schweren Unfall. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, „leiht“ sie sich tough den Fiat Spider eines Bekannten und fährt nach Spanien zu ihrem Ex-Mann Maurice Sauvage (Jean Sorel), der sie dorthin eingeladen hatte. So glaubt sie zumindest, aber als dieser überrascht reagiert, als er seine Ex-Frau nach drei Jahren zum ersten Mal wiedersieht, erfährt sie schnell, wem sie diese Einladung tatsächlich zu verdanken hat. Constance Sauvage (Anna Proclemer), seine neue Frau, hatte nicht nur den Brief gefälscht, sondern zeigt sich auch sonst sehr gut informiert über Helens Vergangenheit. So weiß sie auch, dass Helen ihren Mann umbringen wollte, als dieser sie verließ, was sie für ihre eigenen Intentionen nutzen möchte. Denn Constance fühlt sich von ihrem Mann ausgenutzt und will ihn loswerden.

Jean Sorel spielt den Playboy Maurice in einer überzeugenden Mischung aus Charme und Egoismus, dabei aber nie so weit über die Strenge schlagend, dass er unsympathisch wirkt. Im Gegenteil fügt er sich mit seinem makellosen Körper und dem Dauerlächeln geradezu ideal in eine Luxusumgebung, die auch von allen anderen Beteiligten nicht weniger für ihre eigenen Zwecke genutzt wird. Die reiche Constance hatte den jüngeren Mann sicherlich auch wegen seiner äußerlichen Vorzüge geheiratet, so dass ihre Reaktion, ihn umbringen zu wollen, übertrieben und beleidigt wirkt.

Lenzis eigentlicher Bluff liegt in der Figur der Helen. Selbstbewusst und emanzipiert wird sie von ihm angelegt, als eine sexuell offene Frau, die weiß, was sie will. Carroll Baker verfügt entsprechend über die meiste Screen – Time, befindet sich scheinbar im Zentrum des Geschehens und sorgt auch für die wenigen, ästhetischen Nacktszenen. Doch tatsächlich ist sie das Opfer einer Intrige, in die sie schon zu Beginn hineintappt, als sie der Einladung nach Spanien folgt. Als dann der Mordversuch an ihrem Ex-Mann misslingt, weil sie nicht in der Lage ist, die Harpune abzuschießen, nutzt dieser die Gelegenheit, stattdessen seine Ehefrau zu beseitigen. Zu diesem Zeitpunkt ist Helen längst wieder Maurice hörig und deckt mit ihrer Aussage die Unfall – Version, bei der Constance angeblich verunglückte. Als dann deren Tochter Susan (Marina Coffa) auftaucht, die nicht an einen Unfall glaubt und schnell bemerkt, dass Maurice und Helen wieder eine Affäre haben, wird es für sie zunehmend schwerer, das Lügengebäude aufrecht zu halten.

Die Story selbst ist trotz einiger überraschender Wendungen wenig originell und erinnert in der Schlussszene an die Highsmith – Umsetzung „Plein soleil" (Nur die Sonne war Zeuge, 1960). Ungewöhnlich daran ist, dass Lenzi hier ein Szenario entwickelt, das äußerlich geprägt wird durch fatale Liebe, Hass und Verrat, und dabei ohne übertriebene Emotionen auskommt. Nur der persönliche Vorteil scheint die Protagonisten anzutreiben, was dem gesamten Geschehen den Eindruck einer ästhetischen Hülle ohne die geringste Tiefe verleiht. Nur Helen ist in der Lage, Gefühle auszudrücken, aber ihre dadurch zunehmend passiver werdende Position macht deutlich, dass darin keine Zukunft liegt.

Wenn „Paranoia“ die Menschen beim Tanzen, am Swimming - Pool oder auf einem Segelschiff zeigt, modisch angezogen und sexuell offensiv agierend, dann ist der Film in einer Gegenwart angekommen, die schon sehr früh einen hemmungslosen Hedonismus propagierte. Der Film versteht sich in seiner gefälligen Art sicher nicht als reine Gesellschaftskritik, aber das Umberto Lenzi hier für ein vertrautes Szenario aus Liebe, Mord und Eifersucht diese abstrakte Umsetzung wählte, kann man nur als Kommentar zu den Veränderungen in der Gesellschaft verstehen.

"Paranoia" Italien, Frankreich, Spanien 1970, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Marcello Coscia, Bruno Di Geronimo, Darsteller : Carroll Baker, Jean Sorel, Anna Proclemer, Marina Coffa, Luis Dávila, Laufzeit : 90 Minuten



weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"Il trucido e lo sbirro" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)

Mittwoch, 6. Januar 2010

Lezioni private (Private Lessons) 1975 Vittorio De Sisti

Inhalt: Schon am Tag ihrer Ankunft treffen Alessandro (Rosalino Cellamare) und Laura Formenti (Caroll Baker) aufeinander, als er sie zufällig umrennt. Da weiß er noch nicht, dass es sich um die neue Lehrerin der Klavier - Klasse am Konservatorium handelt, zu deren begabtesten Schülern Alessandro zählt.

Die attraktive
Frau gefällt dem 18jährigen Alessandro sofort, was nicht nur seiner Mitschülerin Emanuela (Leonora Fani) missfällt, sondern vor allem seinem Freund Gabriele, der einen perfiden Plan ersinnt...


Die Auswirkungen der "sexuellen Revolution" der späten 60er Jahre wurden Im Laufe der 70er Jahre auch im konventionellen Kino erkennbar. Zunehmend wurde es akzeptiert, dass Nacktheit und offene Ausübung von Sexualität aus dem Umfeld der Non-Stop-Kinos heraustrat und storytechnisch in ein bürgerliches Umfeld eingeordnet wurde. Obwohl viele dieser Filme aus heutiger Sicht wenig relevant wirken, spiegeln sie in ihrer Unterschiedlichkeit bezüglich ihrer Herkunftsländer, die damaligen Eigenarten der moralischen Standards anschaulich wider. Während die französischen Filme es schnell frivol krachen liessen, setzte man in Deutschland zuerst auf einen aufklärischen Gestus, bevor vor allem derber Humor die sexuellen Freuden begleitete.

In Italien entwickelte sich eine eigene Form des Erotikfilms, die noch stark von den durch die katholische Kirche beeinflussten Moralvorstellungen geprägt war. Während junge Italienerinnen möglichst unberührt in die Ehe gehen sollten, durften die jungen Männer sich schon mal ausprobieren und erste Erfahrungen sammeln. Immer wieder gibt es im italienischen Film die Situation, in der ein männlicher Heranwachsender eine reife Frau beobachtet, um damit erste Blicke auf den sonst züchtig verhüllten weiblichen Körper zu werfen. Im Idealfall lernt er von ihr die Liebe. Solche Momente gibt es sicherlich auch in anderen Ländern, aber in Italien war es damals wesentlich üblicher, dass ein junger Mann zu einer Prostituierten ging, um von ihr ins Liebesspiel eingewiesen zu werden.

"Lezione private" (Privatstunden) ist nicht nur in dieser Hinsicht signifikant für den italienischen erotischen Film der 70er Jahre, sondern verfügt noch über weitere prototypische Elemente. Anders als der zeitgleich entstandene "L'insegnante" (wörtlich : Die Lehrerin, deutscher Kinotitel "Die Bumsköpfe"), der motivisch auch eine Lehrerin in den Mittelpunkt stellte, bleibt er in seiner Gestaltung fast durchgehend ernsthaft. Einzig das wiederholte Auftreten eines Exhibitionisten, der in unterschiedlichen Situationen sein bestes Stück vorzeigt, ist albern un
d wirkt im Film wie ein Fremdkörper. Die banale Gestaltung dieser Figur, die im Hochsommer mit einem speckigen Mantel unterwegs ist, verdeutlicht die damalige Gratwanderung im Kino, die zwischen Tabubruch und klischeehafter Verulkung schlingerte.

Wesentlich prägender für den Film sind die zwei Hauptdarstellerinnen, die die beiden Pole darstellen, zwischen denen sich der 18jährige Alessandro (Rosalino Cellamare) bewegt. Als Hintergrund für seine Geschichte entwarf Regisseur und Drehbuchautor Vittorio De Sisti, der mit Dokumentarfilmen über Sexualität ("Inghilterra nuda", 1969 über das freizügige "nackte England", und "Sesso in confessionale" 1974 über das noch sehr religiös geprägte Italien) begonnen hatte, eine sehr bürgerlich geprägte Atmosphäre. In einer Kleinstadt fängt die neue Lehrerin für Klavier, Laura Formenti, am örtlichen Konservatorium an.

Gespielt wird sie von der us-amerikanischen Schauspielerin Caroll Baker, die 1956 als "Baby Doll" im gleichnamigen Film bekannt wurde. Nachdem sie 1965 "Jean Harlow" gespielt hatte, welches ihre Festlegung auf das laszive Fach weiter untermauerte, ging sie für ein Jahrzehnt nach Europa, wo sie vor allem in Gialli und erotischen Filmen besetzt wurde. Zum Zeitpunkt der Entstehung von "Lezioni private" war sie schon 44, aber man kann ihr nic
ht absprechen, dass sie in den nicht wenigen erotischen Szenen eine gute Figur machte.

Als Gegenspielerin Emanuela, wie Alessandro Mitglied der Klavierklasse, fungierte Leon
ora Fani. Fani profitierte in den 70er Jahren von ihrem jugendlichen Aussehen, weshalb sie auf Rollen als Minderjährige ("Nenè" 1977) oder junge Erwachsene festgelegt war. Nicht ohne Grund dauerte ihre Karriere nur 8 Jahre, in denen sie in qualitativ sehr unterschiedlichen Filmen mitwirkte. Ihre Rolle in "Lezioni private" bleibt blass, da sie eine passive Haltung einnimmt. Ihr offensiv vorgetragener Wunsch, mit Alessandro zusammen sein zu wollen, vor allem aber die Szene, als sie mit ihrer Freundin vor einem Spiegel die Wirkung ihres Busens bespricht, sollen nur voyeuristische Blicke befriedigen. Ihre Rolle ist das bürgerliche, nach außen rein und jungfräulich wirkende Mädchen.

Auch der Lehrerin werden natürlich züchtige Verhaltensformen abgefordert, aber ihre (im Gegensatz zu den Schülerinnen) kurzen Röcke und das offene Dek
olletè strafen diese Vorgaben lügen. Nicht erstaunlich, dass die jungen Männer angesichts der attraktiven Blondine auf andere Gedanken kommen. Darunter befindet sich auch die interessanteste Figur des Films - Gabriele, Bruder von Emanuela und Freund Alessandros. Er fällt zu Beginn durch alberne Scherze auf, aber als er merkt, dass sein Freund in seine Lehrerin verliebt ist, beginnt er sich für sie zu interessieren. Als er ihr einmal zu ihrer Wohnung folgt, sieht er durch das geöffnete Fenster, dass sie sich selbst befriedigt, besorgt sich eine Kamera und macht Nacktaufnahmen von ihr.

Die im Gesamtzusammenhang viel zu lange Szene mit der Selbstbefriedigung ist natürlich der Erwartung an erotische Aufnahmen geschuldet, aber sie startet den spannendsten Teil des Films, denn Gabriele beginnt sie mit den Fotos, die die Lehrerin in der Kleinstadt diskreditieren würden, zu erpressen. Er zwingt sie, sich vor ihrer Klasse, besonders aber vor Alessandro, auszuziehen, beginnend mit dem Verzicht auf einen BH bis zur kompletten Nacktheit bei den Privatstunden, die sie Alessandro in dessen Elternhaus gibt. Es wird zunehmend offensichtlich, dass Gabriele selbst kein Interesse an ihr hat, sondern nur seinen Freund damit konfrontieren will, den das Verhalten der Lehrerin verstört. Spätestens in einer Brunnenszene, in der sich die beiden jungen Männer umarmen, werden seine homoerotischen Gefühle offensichtlich, die ihm die Lehrerin zum Schluß konkret vorhält.

Das Gabriele in "Lezioni private" die Rolle eines gemässigten Bösewichts einnimmt und letztlich nicht zu seiner Homosexualität steht, ändert nichts an der lange Zeit sensiblen Darstellung, die ein komplexes Bild der unterschiedlich erwachenden Gefühle vermittelt. Diesen Eindruck unterstreicht noch die Gestaltung der älteren Männer, die nur als dumpfe Machos daher kommen. Alessandros Vater (Carlo Giuffrè, ähnlich einfältig viril wie in "Pensione paura") schwärmt ständig von seiner Zeit als Soldat in Afrika, wo er es angeblich ganz toll getrieben hatte, und vergisst immer das Alter seines Sohnes, und auch der Onkel (Renzo Montagnani) hat nichts besseres zu tun, als dem Neffen die körperlichen Vorzüge seiner Geliebten feixend vorzuführen.

Insgesamt ist De Sisti hier bemüht, die Sexualität aus dem schenkelklopfenden Image herauszuhalten, was "Lezioni private" über den Durchschnitt der damaligen Erotikfilme hebt, auch wenn der Film zeitgenössische Anpassungen vornehmen muss. Alessandros Weg bleibt im idealen Sinne konventionell. Der hübsche, blonde und sehr begabte Jung - Pianist wird durch seine Lehrerin auch in die Liebeskunst eingewiesen, bevor er mit gestärktem Selbstbewußtsein, dieses an die junge Emanuela weiter gibt. Emotional wirkte die Beziehung zwischen ihm und der reiferen Frau wesentlich überzeugender, aber trotz aller gewährten Blicke auf nackte Frauenkörper und kurzer Tabubrüche bleibt der Film letztlich doch ganz brav.

"Lezioni private" Italien 1975, Regie: Vittorio De Sisti, Drehbuch: Vittorio De Sisti, Paolo Brigenti, Darsteller: Caroll Baker, Rosalino Cellamare, Leonora Fani, Carlo Giuffrè, Renzo Montagnani, Laufzeit: 89 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.