Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Montag, 29. Dezember 2014

Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt) 1980 Ruggero Deodato

Inhalt: Während im TV noch Bilder der Verabschiedung der vierköpfigen Film-Crew gezeigt werden, darunter der optimistische Regisseur Alan (Carl Gabriel York) und seine Lebensgefährtin Faye (Francesca Fijardi), gelten sie schon lange als vermisst. Sie wollten im ostasiatischen Dschungel einen Dokumentarfilm über einen noch von der Zivilisation unberührten Eingeborenen-Stamm drehen, bei dem es sich um Kannibalen handeln soll, doch inzwischen fehlt jede Spur von ihnen.

Der Anthropologie-Professor Monroe (Robert Kerman) erklärt sich bereit, nach ihnen zu suchen und begibt sich in das gefährliche Dschungelgebiet, wo ihm ein erfahrener Führer zur Seite gestellt wird. Schnell muss Monroe erfahren, dass seine Vorstellungen von Moral und Empathie hier keine Rolle spielen – als sie sich schon in der Nähe des Stammes befinden, wird er von seinem Begleiter dazu gezwungen, tatenlos zuzusehen, als ein Mann seine Frau erst vergewaltigt und dann tötet. Seinem Gespür für die Verhaltensweisen der Eingeborenen ist es aber zu verdanken, dass er ihr Vertrauen gewinnt, und so mit dem Schicksal der Film-Crew konfrontiert wird…


Auf Grund des vergleichsweise hohen Bekanntheitsgrads, über den die wenigen aus italienischer Produktion stammenden "Kannibalismus" - Filme noch heute verfügen, hat sich der Eindruck einer kurzen, verdichteten Genre-Phase manifestiert, die als extremster Ausschlag einer Entwicklung gilt, mit der die finanziell angeschlagene italienische Filmindustrie, Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, versuchte, der wachsenden Konkurrenz aus Hollywood mit einer zunehmenden Gewaltspirale und bewussten Provokationen Paroli zu bieten (siehe "Das italienische Kino frisst sich selbst"). Ruggero Deodatos "Cannibal Holocaust" (Nackt und zerfleischt) gebührt innerhalb des Genres der fragwürdige Ehrenplatz des gewalttätigsten und kontroversesten Films, dessen gesellschaftskritische Relevanz jeweils nach Standpunkt zwischen einem vorgeschobenen Deckmantel für den blutrünstigen Inhalt und einer intelligenten Abrechnung mit der modernen (Medien)Gesellschaft angesiedelt wird. Gemein ist den gegensätzlichen Haltungen in der Regel die Ablehnung der im Film detailliert gezeigten Tiertötungen, die ganz generell die Frage aufwerfen, ob die exzessive Gewalt für eine kritische Botschaft notwendig ist oder nur plakative Sensationsgelüste bedient?


I. Die 70er Jahre: Der Vietnam-Krieg und die neue Medienlandschaft

So wie Umberto Lenzis „Il paese del sesso selvaggio“ (Mondo Cannibale, 1972) nur dank des deutschen Verleihtitels den Status eines Kannibalenfilms erhielt – innerhalb der Abenteuerfilmhandlung vor exotischer Kulisse nimmt die Kannibalismus-Thematik nur einen kurzen Randaspekt ein - gibt es für „Cannibal Holocaust“ kein direktes Vorbild. Autor Gianfranco Clerici griff zwar auf Details des von ihm mit verfassten Drehbuchs zu Deodatos erstem Kannibalismus-Film „Ultimo mondo cannibale“ (Mondo Cannibale 2 – der Vogelmensch, 1977) zurück, ließ aber sowohl aktuelle Film-Strömungen, als auch die gesellschaftspolitische Entwicklung in Folge des Vietnamkrieges einfließen, der heute als erster „Medien-Krieg“ gilt. Regisseur Sidney Lumet hatte die Auswirkungen einer nur an Zuschauerzahlen orientierten, immer rücksichtloser vorgehenden Sensations-Berichterstattung im Fernsehen schon 1976 in „Network“ thematisiert, aber Clerici und Deodato gelang es, dessen satirischen, im Stil einer Dokumentation vorgetragenen Gestus so mit den Motiven des Abenteuer- und „Mondo“-Films zu kombinieren, dass ein vollständig neues Konzept daraus entstand.

Seitdem der Erfolg von „Blair Witch Projekt“ (1999) in regelmäßigen Abständen neue „Found Footage“-Filme in die Kinosäle spült, hat die Mär eines aufgefundenen, noch rohen Filmmaterials, das Auskunft über seinen Erzeuger und seine Begleiter geben kann, etwas an Faszination verloren, aber in „Cannibal Holocaust“ wurde dieses Stilmittel nicht nur erstmals in einem Langfilm eingesetzt, sondern so geschickt inszeniert, dass es dem Film ab der Laufzeitmitte eine vollständige Wendung gibt. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb die Handlung bewusst konventionell – vier Menschen, die im Dschungel einen Dokumentarfilm drehen wollten, kehren nicht mehr zurück, weshalb sich der Anthropologe Professor Monroe (Robert Kerman) auf den Weg in die noch unerforschten Gefilde macht, um deren Schicksal in Erfahrung zu bringen. Sowohl „La montagna del dio cannibale“ (Die weiße Göttin der Kannibalen, 1978), als auch „Mangiati vivi!“ (Lebendig gefressen, 1980), der ebenfalls mit Robert Kerman in der Hauptrolle nur wenige Wochen nach „Cannibal Holocaust“ in die italienischen Kinos kam, wählten eine vergleichbare Ausgangssituation.

Das galt auch für den anfänglichen Charakter des Films, der aus dem zivilisatorischen Blickwinkel erzählt wird und damit den Betrachter in Sicherheit wiegt. Professor Monroe bekommt einen erfahrenen Dschungel-Führer an die Seite gestellt, der weiß, wie er mit den wilden Tieren und den Eingeborenen umzugehen hat – das klassische Klischee des harten Kerls, der den Professor zwingt, nicht einzugreifen, als ein Stammesmitglied seine Frau erst vergewaltigt und dann brutal erschlägt. Dem Anthropologen Monroe wiederum gelingt es, nachdem sie das Dorf der Kannibalen erreicht hatten, deren Vertrauen zu gewinnen. Er entkleidet sich und lässt sich auf ihre Lebensweise ein, darunter auch der Verzehr von Menschenfleisch. Eine Szene, in der die Frauen seinen Körper untersuchen und an seinem Penis ziehen, zitiert unmittelbar Deodatos ersten Kannibalismus-Film „Ultimo mondo cannibale“, dessen Anlage wesentlich komplexer wirkte in dem Versuch, tiefer in das archaische Verhalten der Eingeborenen einzudringen.

Dagegen erscheint „Cannibal Holocaust“ zu Beginn als typischer Abenteuerfilm in der Tradition von „Il paese del sesso selvaggio“, in dem die Eingeborenen nicht über die Rolle des exotischen Grusel-Beiwerks aus Sicht des westlichen Kulturkreises hinauskamen. Eine Sichtweise, die sowohl Sergio Martinos „La montagna del dio cannibale“, als auch Joe D’Amatos „Emanuelle e gli ultimi cannibali“ (Nackt unter Kannibalen, 1977) eigen ist – den beiden einzigen Kannibalen-Filmen, die zwischen Deodatos zwei Genre-Werken herauskamen. Von einer verdichteten Genre-Phase kann angesichts der gleichzeitigen Massenproduktion der italienischen Filmindustrie keine Rede sein, ganz abgesehen davon, dass drei Jahre Abstand zwischen zwei thematisch verwandten Filmen damals einer Ewigkeit gleich kamen. Umberto Lenzi drehte allein zwischen 1975 und 1978 sieben Polizieschi und legte 1980 und 1981 noch zwei Kannibalen-Filme nach. Daran wird viel mehr deutlich, dass Deodato und Autor Clerici mit ihrem zweiten Film auf die generelle Medien-Entwicklung der letzten Jahre reagierten, möglicherweise erst dadurch motiviert wurden, sich ein zweites Mal dem Genre zu widmen.


II. Der Perspektivwechsel

Die Intelligenz der Inszenierung zeigt sich nicht allein im damals neuartigen Stilmittel „Found Footage“ – Professor Monroe erhält im Tauschgeschäft die Filmaufnahmen der vier getöteten Dokumentarfilmer – das die zweite Hälfte des Films prägt, sondern mehr noch in einem fast unmerklich vorgenommenen Perspektivwechsel. Vordergründig ändert sich nur wenig. Wurde die erste Handlungshälfte aus dem Blickwinkel des Professors betrachtet, nimmt die Kamera nun die Sicht der vier Dokumentarfilmer ein. Es bleibt bei einer von außen kommenden Perspektive auf den Eingeborenen-Stamm, nur wird die Distanz zwischen Betrachter und Story langsam zerstört, indem der Zuschauer an die Seite des Professors gestellt wird, der die Aufnahmen für die Veröffentlichung in einer TV-Sendung prüfen soll. Damit wird dem Betrachter eine doppelte Perspektive aufgezwungen – die des Voyeurs, der den Unterhaltungswert einschätzen soll, und die des Kamerateams, dessen wahre Beweggründe sich zunehmend offenbaren.


Deren menschenverachtendes, rücksichtloses Vorgehen, nur um einen möglichst sensationellen Bericht verkaufen zu können, entsprach der schon in „Network“ formulierten Kritik. Die angebliche zivilisatorische Überlegenheit gegenüber dem Naturvolk hatte Deodato selbst zuvor in seinem „Ultimo mondo cannibale“ als fragile Hülle entlarvt. In „Cannibal Holocaust“ ging er darüber hinaus. Er zielte auf den Konsumenten ab, auf dessen Erwartungshaltung und Urteil. Sowohl die Bilder des Vietnamkrieges, die TV-Jagd nach Sensationen oder die „Mondo“-Filme und ihre Ableger dienten trotz des darin verbreiteten „realen“ Schreckens vor allem der Unterhaltung, beließen den Betrachter immer auf der heimischen Couch oder dem bequemen Kinosessel, von wo aus es sich aus sicherer Distanz gruseln ließ. Am Ende des Films existiert diese Distanz nicht mehr, verliert die Gewalt-Orgie jeden Unterhaltungs-Charakter, da eine Parallelität zwischen Sensations-Geilheit und Betroffenheit entsteht – der Zuschauer wird gleichzeitig zum Opfer und Täter.


III. Notwendigkeit von Gewaltdarstellungen

Diese Intention des Films lässt sich an vielen Details ablesen, besonders hervorstechend an Riz Ortolanis‘ Filmmusik, die nicht zufällig eine direkte Verbindung zu „Mondo cane“ (1962) herstellte. Die Schönheit seiner Empathie erzeugenden Musik steht im starken Kontrast zu den Ereignissen auf der Kinoleinwand – mit diesem Effekt arbeiteten schon die Macher von „Mondo cane“ -  und steigert damit die Fallhöhe zwischen moralischem Anspruch und der Realität menschlicher Abgründe. Während dieses Stilmittel als unstrittig gilt, werden die detailliert gezeigten, realen Tiertötungen fast ausschließlich abgelehnt, obwohl deren Art der Inszenierung ebenfalls als Reaktion auf die „Mondo“-Filme und ihre Nachfolger zu verstehen ist. Weder zeigt „Cannibal Holocaust“ Aufnahmen einer brutalen Tierwelt - gemäß dem beliebten Motto „Fressen und gefressen werden“ - noch Opfer-Rituale oder bewusst von Menschen angestrengte Tierkämpfe, wie sie in „Mondo Cane“ oder Lenzis „Il paese del sesso selvaggio“ selbstverständlich vorkamen. Einzig zur Nahrungsaufnahme werden die Tiere durch Menschen getötet – eine millionenfache tägliche Selbstverständlichkeit.

Das allein hätte die schrecklichen Bilder nicht gerechtfertigt, aber erst die Kombination aus Realität und den gestellten Aufnahmen exzessiver Gewalt, besonders gegenüber Frauen, führt zu dem notwendigen Distanzverlust des Betrachters, um ein entspanntes Sehvergnügen zu verhindern. Sicherlich lässt sich je nach persönlicher Sensibilität über einzelne Szenen diskutieren, aber für die Intention des Films sind die Gewaltdarstellungen zwingend notwendig, wie sie – nicht weniger umstritten - auch Pier Paolo Pasolini in „Salò o le 120 giornate di Sodoma" (Die 120 Tage von Sodom, 1975) vorsah. Es wird immer Betrachter geben, die sich an den extremen Gewaltaufnahmen delektieren und den Film nicht näher an sich heranlassen, so wie die Intention intellektuell auch ohne die schockierenden Szenen zu verstehen ist. Aber sowohl Pasolini, als auch Deodato genügte keine theoretische Abhandlung, kein bequemes selbstkritisches Geplänkel, sie wollten die menschlichen Abgründe körperlich erfahrbar werden lassen, wie ein Schlag in die Magengrube. Wer einmal „Cannibal Holocaust“ gesehen hat, vergisst ihn nicht mehr – allein die Erinnerung daran, treibt die Tränen in die Augen.

"Cannibal Holocaust" Italien 1980, Regie: Ruggero Deodato, Drehbuch: Gianfranco Clerici,  Darsteller : Robert Kerman, Carl Gabriel Yorke, Francesca Ciardi, Perry Pirkanen, Luca Barbareschi, Laufzeit : 92 Minuten

Der Film lief in der deutschen Kinofassung beim 5. Forumtreffen "Deliria Italiano" in Nürnberg vom 10. bis 11.10.2014

weitere im Blog besprochene Filme von Roggero Deodato: 

"Zenabel" (1969)
"Ultimo mondo cannibale" (1977)

Freitag, 5. Dezember 2014

La montagna del dio cannibale (Die weiße Göttin der Kannibalen) 1978 Sergio Martino

Inhalt: Susan Stevenson (Ursula Andress) und ihr Bruder Arthur (Antonio Marsina) versuchen die Genehmigung zu erhalten, im ostasiatischen Dschungel nach Susans seit Monaten verschollenem Ehemann zu suchen, der dort anthropologische Forschungen betrieb. Die Behörden glauben nicht daran, dass er noch lebt, aber Susan will nicht aufgeben und überredet Professor Foster (Stacy Keach), der die Region als Einziger kennt, sie zu begleiten. Er glaubt, dass Susans Mann zu einer Insel gelangt ist, auf der sich der Berg des „Kannibalen-Gotts“ befindet, der von einem geheimnisvollen Stamm bewohnt wird.

Ohne Genehmigung begeben sie sich in den Dschungel und dringen unter lebensgefährlichen Bedingungen bis zum Ozean vor, von wo aus sie zu der Insel übersetzen. Dort angekommen, sehen sie sich nicht nur einer feindlichen Tierwelt ausgesetzt, sondern auch ein maskierter Attentäter hat es offensichtlich auf sie abgesehen…


Allein die Tatsache, dass die wenigen Kannibalismus-Filme der späten 70er Jahre noch heute als eigenständige Genre-Phase im italienischen Film Erwähnung finden, lässt auf den tiefen Eindruck schließen, den sie trotz ihrer preiswerten und spekulativen Machart hinterließen. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Rassismus, Misogynie, ekelhafte Gewaltdarstellungen und Tiertötungen erzeugten heftige Ablehnung. Vom "Mondo"- Film seit „Mondo cane“ (1962) beeinflusst, täuschten sie einen realen Hintergrund vor, der irgendein Forscher-Team in die noch unentdeckten Gebiete Ostasiens oder am Amazonas führte, wo sie einen bisher unbekannten Volksstamm vermuteten, der zuvor noch nie Berührung mit der Zivilisation hatte. Doch die Kritik an der ungehemmten Darstellung archaischer Verhaltensmuster konnte nicht die Faszination auf eine Nachkriegsgeneration verhindern, die erstmals in Friedenszeiten aufwachsen konnte und im Zuge der generellen Liberalisierung im Kino seit den frühen 60er Jahren nach Tabubrüchen dürstete.

Genügten Ende der 60er Jahre noch Nuditäten, verbunden mit dem Versprechen einer frei ausgelebten Sexualität, um die bürgerliche Moral herauszufordern, erreichten Mitte der 70er Jahre schon Sado-Maso-Spielarten ein großes Publikum ("Histoire d'O" (Die Geschichte der O, 1975)). In Italien entwickelte sich parallel aus der ureigenen „Commedia all’Italiana“ der Ableger „Commedia sexy all’italiana“, der seine erotischen Bilder in eine Komödienhandlung einbettete, die zwischen Albernheiten und gesellschaftskritischen Aspekten oszillierte. Regisseur Sergio Martino gehörte zu den führenden Vertretern dieses Genres, zu dem er in der Hochphase zwischen 1973 („Giovannona Coscialunga disonorata con onore“)  und 1983 („Occhio, malocchio, prezzemolo e finocchio“) elf Filme besteuerte, die heute nahezu unbekannt sind – im Gegensatz zu "La montagna del dio cannibale" (Die weiße Göttin der Kannibalen), seinem einzigen Kannibalen-Film.

Dabei ließ der Regisseur keinen Zweifel daran, dass die Themenwahl vor allem der Vorgabe der Produktionsgesellschaft seines älteren Bruders Luciano Martino geschuldet war, wirtschaftlich erfolgreiche Filme zu drehen. Um Produktionskosten zu sparen, wickelte er am exotischen Drehort in Ostasien neben "La montagna del dio cannibale" noch "L'isola degli uomini pesce" (Insel der neuen Monster, 1978) und "Il fiume del grande caimano" (Der Fluß der Mörderkrokodile) - jeweils nach selbst verfassten Drehbüchern - ab, die zwar häufig in einem Zug mit seinem Kannibalismus-Film genannt werden, aber dem Science-Fiction-Horror bzw. Tier-Horror-Genre zuzurechnen sind. Sie entstanden in Folge des Kassenknüllers „Jaws“ (Der weiße Hai, 1975), der das Horror-Genre im Mainstream-Kino salonfähig werden ließ, und wurden meist mit internationalen Stars besetzt, die ihren Karrierehöhepunkt schon hinter sich hatten – ein Versuch der darbenden italienischen Filmindustrie, der wachsenden Übermacht Hollywoods trotz ungleicher finanzieller Mittel Einhalt zu gebieten  (siehe „Das italienische Kino frisst sich selbst“).

Entsprechend gehörten mit Ex-Bond Girl Ursula Andress und Stacy Keach in "La montagna del dio cannibale" zwei bekannte Namen zur Darstellerriege, aber Sergio Martino griff auch auf seinen Landsmann Claudio Cassinelli zurück, mit dem er zuvor den Poliziesco "Morte sospetta di una minorenne" (1975) gedreht hatte, um ihn in allen drei Ostasien-Streifen in einer der Hauptrollen zu besetzen. In "La montagna del dio cannibale" stößt er in der Rolle des Dschungel-Arztes Manolo zwar erst nach einem Drittel der Laufzeit auf Susan Stevenson (Ursula Andress) und deren Bruder Arthur (Antonio Marsina), die unter der Führung von Professor Edward Foster (Stacy Keach) den verschollenen Ehemann Susans suchen, kann aber als Sympathieträger punkten, als es für die Protagonisten weiter in Richtung des sagenumwobenen Bergs des Kannibalen-Gotts geht. Von dort sind nur Wenige lebend zurückgekommen - darunter Professor Foster, der nach wie vor unter den traumatischen Umständen seiner Gefangenschaft leidet.

Auch für Sergio Martino - wie zuvor schon für Joe D’Amato bei der Entwicklung seines vierten „Emanuelle nera“ - Streifens „Emanuelle e gli ultimi cannibali“ (Nackt unter Kannibalen, 1977) - wurde der Erfolg von Ruggero Deodatos „Ultimo mondo cannibale“ (Mondo cannibale 2 – Der Vogelmensch, 1977) zum Auslöser, die Kannibalen-Thematik in Angriff zu nehmen. Und ähnlich D‘Amato orientierte sich Martino in der Story-Anlage mehr an Umberto Lenzis „Il paese del sessio selvaggio“ (Mondo cannibale, 1972) als an Deodatos kompakter, tief in die archaische Lebenswelt der Urwaldbewohner eindringenden Sichtweise. Der Blick auf den Kannibalen-Stamm bleibt immer aus der Distanz des westlichen Kulturkreises, stellt das Verhalten der weißen Abenteurer nicht in Frage – von üblichen Geldgier-Mechanismen einmal abgesehen - und verkommt spätestens mit den Sodomie- und Selbstbefriedigungsszenen beim Fest um die weiße Göttin, für die Susan von den Kannibalen gehalten wird, zum sensationsheischenden, rassistische Vorurteile bestätigenden Panoptikum. Auch die realen Tiertötungen, wie sie früh in den „Mondo“-Filmen gezeigt wurden, die schon für Lenzis Film Pate standen, haben in Martinos Film nur den fragwürdigen Zweck, zusätzlichen Grusel zu entfachen. Inhaltlich stehen sie in keiner Verbindung zur Story.

D’Amato hatte in „Emanuelle e gli ultimi cannibali“ auf Tiertötungen jeder Art verzichtet, Sergio Martino bot dagegen die reifere Inszenierung an. Von den wenigen Szenen nach dem Motto „Fressen und gefressen werden“ zu Beginn und der abschließenden Eskalation am Berg des Kannibalen-Gotts schuf Martino gemeinsam mit Autor Cesare Frugoni, der ebenfalls bei allen drei vor Ort entstandenen Filmen zum Team zählte, eine klassische Abenteuerstory, die über eine stimmige Figurenkonstellation verfügt und sich über eine Vielzahl an Zwischenstationen abwechslungsreich entwickelt – allein das actionreiche Geschehen am Wasserfall nimmt kaum weniger Zeit ein als die abschließenden Ereignisse am Kannibalen-Hort. Die seltenen Nacktaufnahmen wirken – anders als bei D’Amato - nicht künstlich integriert (von der erwähnten Selbstbefriedigungsszene abgesehen) und es kommt zu keinen zeremoniellen Vergewaltigungen wie sie schon in Lenzis Film an der Tagesordnung waren und von D’Amato zitiert wurden. Zudem ist es dem Spiel der damals 42jährigen Ursula Andress zu verdanken, dass trotz diverser Geschlechter-Klischees der Eindruck der Misogynie zurückhaltend blieb. Sergio Martino erwähnte, wie selbstbewusst und ohne Angst sich die Darstellerin im Dschungel bewegte und etwa die Szene mit der Schlange bewältigte – eine Haltung, die sich auf ihre Rolle übertrug.

Trotz dieser Qualitäten wird an "La montagna del dio cannibale" und mehr noch im Vergleich zu den zwei weiteren Abenteuerfilmen der Ostasien-Trilogie deutlich, wie sehr die Kannibalismus-Thematik als reißerischer Aufhänger diente. Auf Basis einer identischen Anlage - weiße Abenteurer schlagen sich durch das unbekannte Terrain einer exotischen Welt – variierte Martino darin unterschiedliche populäre Horror-Sujets. Während ein Riesenkaiman in "Il fiume del grande caimano" als „Weißer Hai“-Epigone herhalten musste, wurden unter dem Oberbegriff „Kannibalismus“ fremdartige Stammesrituale, exotische Speisen, eine gnadenlose Tierwelt und eine ungehemmt ausgelebte Sexualität zusammengefasst - die eigentliche Menschenverspeisung sollte den makabren Höhepunkt abgeben. Mit einer kritischen Gegenüberstellung unterschiedlicher Kulturkreise, wie sie Deodato in „Ultimo mondo cannibale“ anklingen ließ, hatte das nichts zu – Sergio Martinos Abenteuerfilm hätte auch unter anderen Vorzeichen funktioniert.

"La montagna del dio cannibale" Italien 1978, Regie: Sergio Martino, Drehbuch: Sergio Martino, Cesare Frugoni, Darsteller : Ursula Andress, Stacy Keach, Claudio Cassinelli, Antonio Marsina, Franco Fantasia, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Martino:


Sonntag, 30. November 2014

Emanuelle e gli ultimi cannibali (Nackt unter Kannibalen) 1977 Joe D'Amato

Inhalt: Emanuelle (Laura Gemser) schmuggelt sich als Fotoreporterin in eine New Yorker Heilanstalt, mischt sich unter die Patienten und wird zufällig Zeugin, als eine junge Frau einer Krankenschwester die Brustwarze abbeißt und sie isst. Nachdem diese überwältigt und auf einer Liege festgeschnallt wurde, begibt sich Emanuelle heimlich in deren Zimmer und versucht sie mit Zärtlichkeiten zu beruhigen. Dabei entdeckt sie oberhalb der Vagina ein Tattoo, dass sie fotografiert.

In der Zeitungs-Redaktion gibt ihr der Chefredakteur den Tipp, den Anthropologen Marc Lester (Gabriele Tinti) aufzusuchen, um ihn nach der Bedeutung des Tattoos zu befragen. Der Professor reagiert sehr interessiert, denn es handelt sich um das Kennzeichen eines im Amazonas-Gebiet, weitab jeder Zivilisation lebenden Kannibalen-Stamms, bei dem die Frau aufgewachsen sein muss. Um seine Worte zu unterstreichen, zeigt er Emanuelle einen Dokumentarfilm, der deren Grausamkeit verdeutlicht. Trotzdem will die Fotoreporterin den Weg in die unbekannte Wildnis wagen und bittet den Professor, sie zu begleiten…



Gesteigerte Fleischeslust

Zärtlicher Abschied von New York
1977 hatte die Soft-Sex-Welle ihren Höhepunkt bereits überschritten. Unter dem vielsagenden Titel "Emmanuelle goodbye" kam der dritte und vorläufig letzte Teil der französischen "Emmanuelle" - Reihe in die Kinos, die seit ihrem Erscheinen 1974 zu einem bis heute stehenden Begriff für das Erotik-Film-Genre geworden war. Auch die indonesisch-niederländisch stämmige Laura Gemser hatte 1977 schon ihren vierten Film als "Emanuelle nera" (Schwarze Emanuelle) abgedreht, dem italienischen Pendant zur französischen "Emmanuelle", das aus rechtlichen Gründen auf ein "m" im Namen verzichten musste. Nicht der einzige Unterschied, denn Laura Gemser, die nach ihrem ersten Auftritt als "Emanuelle nera" (1975) auch eine Nebenrolle in "Emmanuelle: L'antivierge" (Emmanuelle 2 - Garten der Liebe (1975)) an der Seite Sylvia Kristels spielte, verkörperte einen gänzlich anderen Frauen-Typus. Als eigenständig agierende Fotoreporterin begibt sie sich zu den Brennpunkten der Welt.

Wie üblich haben es die wilden Tiere besonders auf Frauen abgesehen...
Eine Vorlage für Joe D'Amato, der ab der ersten Fortsetzung "Emanuelle nera: Orient reportage" (Black Emanuelle 2. Teil (1976)) Regie führte und spätestens mit der Übernahme auch des Drehbuchs bei Teil Vier ("Emanuelle - Perché violenza alle donne?" (Emanuela: Alle Lüste dieser Welt (1977)) die Reihe ganz in seinem Sinn gestaltete. Nicht nur, dass er ohne Laura Gemsers Mitwirkung mit nachträglich integrierten expliziten Sex-Szenen für alternative Fassungen sorgte, um der zunehmend aufkommenden Konkurrenz durch den Pornofilm zu begegnen, thematisch wusste er geschickt Exploitation mit Erotik zu einem Sensationsversprechen zu verbinden. Zwar steht seine Orientierung an Ruggero Deodatos "Ultimo mondo cannibale" (Mondo Cannibale 2 - der Vogelmensch, 1977) bei der Entwicklung seiner Story für den fünften "Emanuelle"-Streifen "Emanuelle e gli ultimi cannibali" (Nackt unter Kannibalen) außer Zweifel, aber das betraf mehr dessen wirtschaftlichen Erfolg und damit die Akzeptanz beim Publikum als die inhaltliche Ausrichtung. Schon in "Emanuelle e Françoise (Le sorelline)" (Foltergarten der Sinnlichkeit, 1975), der nichts mit der "Emanuelle nera"-Reihe zu tun hat, schuf Joe D’Amato eine Mischung aus Sex und Horror, die in einer Szene auch die Kannibalismus-Thematik streifte.

... die sich davon aber nicht die Laune verderben lassen.
Für D’Amato besaß diese vor allem das Potential, den exploitiven Charakter seiner „Emanuelle“-Filme weiter zu steigern, deren Einfluss durch das „Mondo“-Genre in der Verwendung pseudo-dokumentarischer Gewalt- und Tötungssequenzen nicht zu übersehen war. In dieser Hinsicht lässt sich eine größere Nähe zu Umberto Lenzis „Il paese del sessio selvaggio“ (Mondo Cannibale, 1972) als zu Deodatos erstem Kannibalen-Film feststellen, denn D’Amato war an keiner Auseinandersetzung mit archaischen menschlichen Verhaltensmustern interessiert, sondern nutzte die Ereignisse um den Kannibalen-Stamm als oberflächlich-spekulativen Hintergrund für den nächsten investigativen Trip seiner Hauptfigur Emanuelle. Anders als Lenzi, dessen Sex-Szenen integrativer Bestandteil der Handlung blieben, inszenierte D’Amato die gut ausgeleuchteten Erotikszenen im Dschungel in starkem Kontrast zum gewalttätigen Kannibalismus-Geschehen und bewies damit einen eigenständigen Ansatz, weshalb die häufige Einordnung dieses zweiten italienischen Kannibalismus-Films als reines Deodato-Vehikel falsch ist („Das italienische Kino frisst sich selbst“).


Kastrationsängste


Allein die Anzahl schöner Frauen, die D’Amato in den Dschungel trieb, unterschied seinen Film schon von gängiger Genre-Ware. Gehörte in der Regel eine Frau zum Abenteurer-Team, schlagen sich neben Emanuelle noch Isabelle (Mónica Zanchi), die Nonne Angela (Annamaria Clementi) und nicht zuletzt Nieves Navarro - seit dem frühen Italo-Western “Una pistola per Ringo“ (Eine Pistole für Ringo, 1965) in der Rolle als verführerische Schönheit festgelegt - als Maggie McKenzie, Gattin eines fiesen Großwildjägers (Donald O’Brien), durch den Regenwald, der seine Herkunft als europäisches Strauchwerk nicht verbergen kann. D’Amato nutzte diese Besetzung für regelmäßige Soft-Sex-Szenen, die die sonst schnell geschnittene Handlung minutenlang unterbrachen. Besonders die gemeinsame Badeszene mit Laura Gemser und Mónica Zanchi wirkt in ihrer verspielt-sanften Ausgestaltung inmitten der angeblichen Wildnis fast absurd, erfüllte aber trefflich die ästhetische Erwartungshaltung an eine Lesben-Szene, die den männlichen Betrachter an den sonst heterosexuellen Neigungen der Protagonistinnen nicht zweifeln ließ.

Auch die emanzipatorische Ausrichtung der selbstständig agierenden Emanuelle wurde relativiert, indem ihr eine souveräne männliche Figur zur Seite gestellt wurde. Erst Professor Marc Lester (Gabriele Tinti) ermöglicht ihr den Trip zum Amazonas, denn der Anthropologe erkennt in dem Tattoo, das Emanuelle auf dem Körper einer scheinbar Wahnsinnigen vorfand, eine Verbindung zu einem dort lebenden Kannibalenstamm – nicht erstaunlich, dass sie sofort vom Sex mit ihm träumt. Die Fotoreporterin hatte sich zuvor undercover in eine New Yorker Heilanstalt eingeschlichen und wurde Zeuge, wie die junge Patientin einer Schwester die Brustwarze abbiss und verspeiste. Eine sehr gewagte Einleitung in Richtung Kannibalismus-Thematik, die der Professor nur wenig später mit seinen pseudo-dokumentarischen Aufnahmen einer Kastration noch toppt. Beide Motive wiederholen sich im Lauf der Handlung ein weiteres Mal in expliziterer Form, womit D’Amato den größtmöglichen Horror betonte – den Verlust der geschlechtsspezifischen Identität.

Allein unter inszenatorischen Gesichtspunkten betrachtet, lassen sich die Schwachpunkte in der Storyentwicklung, die oberflächliche Figuren-Gestaltung und der unausgewogene Charakter des Films nicht übersehen, aber mit dessen ständig zwischen Soft-Sex und Kannibalen-Horror wechselnder Handlung bewies D’Amato sein Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse und Ängste männlicher Betrachter, angesichts der fortschreitenden weiblichen Emanzipation, Ende der 70er Jahre. "Emanuelle e gli ultimi cannibali" kontrastierte den Schrecken amputierter Penisse und zerstörter weiblicher Körper mit ästhetischen Aufnahmen schöner Frauen, die sich letztlich dem Mann unterordnen. Als am Ende des Films Emanuelle, angesichts der vielen Opfer, Selbstzweifel über ihr Vorgehen als Fotoreporterin äußert, erhält sie von Professor Marc Lester sofort Absolution – die Welt ist noch in Ordnung.

"Emanuelle e gli ultimi cannibali" Italien 1977, Regie: Joe D'Amato, Drehbuch: Joe D'Amato, Romano Scandariato, Darsteller : Laura Gemser, Gabriele Tinti, Donald O'Brien, Nieves Navarro, Mónica Zanchi, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Joe D'Amato:

Sonntag, 7. September 2014

Ultimo mondo cannibale (Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch) 1977 Ruggero Deodato

Inhalt: Robert Harper (Massimo Foschi) und Rolf (Ivan Rassimov) veranlassen ihren Piloten, auf einer ostasiatischen Insel zwischenzulanden, wohin sie die Neugierde auf eine unbekannte Welt treibt. Auf Grund einer Panne bei der Landung werden sie zu einem längeren Aufenthalt als geplant gezwungen, da die Reparatur bis zum Abend andauert. Sie bemerken nicht, dass sie bei ihren Aktionen beobachtet werden.

Als die Freundin des Piloten nachts kurz das Flugzeug verlässt, kehrt sie nicht wieder zurück.  Bei der Suche nach ihr am nächsten Morgen wird der Pilot durch eine Falle getötet, aber auch Rolf und Robert verlieren sich aus den Augen. Robert versucht wieder zum Flugzeug zurück zu gelangen, gerät dabei aber in die Gefangenschaft eines abseits jeder Zivilisation lebenden Urwaldstamms…


Der Kannibalismus im italienischen Film oder wer kam zuerst?

Me Me Lai und Rassimov als Liebespaar in "Il paese del sesso selvaggio"
Ruggero Deodatos "Ultimo mondo cannibale" erschien im März 1977 in den italienischen Kinos und wird in der Regel als Nachfolger, häufig sogar als Sequel, des schon 1972 herausgekommenen "Il paese del sesso selvaggio" von Umberto Lenzi angesehen. Dafür gibt es neben der Kannibalismus-Thematik einige Argumente. Der jeweils im ostasiatischen Dschungel gelegene Handlungsort, Produzent Giorgio Carlo Rossi, der bei Lenzis Film schon zum Produzenten-Team gehörte und diesmal als Autor auch direkten Einfluss auf das Drehbuch nahm - und nicht zuletzt Iwan Rassimov sowie Me Me Lai, die in beiden Filmen zum Cast gehörten.

Me Me Lai und Foschi als Zweckgemeinschaft in "Ultimo mondo cannibale"
Zusätzlich sorgte der deutsche Verleih für eine inhaltliche Verknüpfung. Lenzis Film, der im Original "Das Dorf des wilden Sex" lautet - "wild" nicht im Sinn von exaltiert, sondern als Bezeichnung für "Sex der Wilden" – wurde in "Mondo cannibale" umbenannt, obwohl der Kannibalismus hier nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte. Damit knüpfte das Marketing an die seit "Mondo cane" (1962) populären "Mondo"-Filme an, die das Publikum mit fremdländischen Sitten gleichzeitig faszinieren und schockieren wollten. Exotische Speisen sowie deren archaische Form der Zubereitung waren ebenso fester Bestandteil dieser semi-dokumentarischen Filme, wie die für ein westliches Publikum seltsam erscheinenden Rituale und die als grausam beschriebene Tierwelt. Dass damit der Voyeurismus unter dem Deckmantel einer Dokumentation bedient wurde, konnte selbst „Mondo cane“, der erste Film dieser Art, nicht verbergen, obwohl er sich um eine gleichberechtigte Gegenüberstellung der westlichen Gebräuche bemühte, die aus einem anderen Blickwinkel nicht weniger grausam oder gewöhnungsbedürftig wirken.

Lächelnder Kannibale in Lenzis "Il paese del sesso selvaggio"
„Il paese del sesso selvaggio“ integrierte diese Elemente erstmals in eine zusammenhängende Story über einen Fotografen (Ivan Rassimov), der im Dschungel von einem Eingeborenenstamm gefangen genommen wird, einige Torturen über sich ergehen lassen muss bis er selbst zum Stammesmitglied wird, eine Frau (Me Me Lai) erhält und sich trotz deren Tod dafür entscheidet, dort weiter zu leben. Lenzi nutzte diesen sparsamen Handlungsfaden zwar für die Darstellung sexueller Spielarten, Brutalitäten und Tiertötungen, blieb in der Gestaltung einer Abenteuerstory darüber hinaus aber konventionell. Der Fotograf gewinnt Ansehen durch sein (überlegenes westliches) Wissen - er rettet einen Jungen durch einen Luftröhrenschnitt - und die Liebesgeschichte zwischen ihm und der jungen Stammesschönheit unterschied sich nicht wesentlich von typischer Softsex-Ware der frühen 70er Jahre. Bei den Kannibalen handelt es sich um einen gegen Ende der Handlung auftretenden feindlichen Stamm, dessen Grausamkeit mit einer kurzen Szene, in der sich einige Männer an einem Frauen-Torso laben, noch unterstrichen werden sollte. Was Ruggero Deodatos „Ultimo mondo cannibale“ damit gemeinsam hat? – Bis auf die genannten äußerlichen Merkmale nichts.


„Ultimo mondo cannibale“ – Der Beginn einer kurzen Genre-Phase

Mit dem Titel „Mondo cannibale 2 – Der Vogelmensch“ täuschte der deutsche Verleih eine Fortsetzung vor und ignorierte damit den gegensätzlichen Charakter beider Filme. Trotz der abseits der Zivilisation spielenden Story blieb „Il paese del sesso selvaggio“ jederzeit gut ausgeleuchtet, geriet Rassimovs blond gefärbtes Haar kaum einmal aus der Facon und glänzte Me Me Lai mit frischem Teint. Dass der Protagonist einem der Kannibalen die Zunge abschneidet, entsprach zwar den Gebräuchen der Dschungelbewohner, bedeutete aber keine Assimilation. Im Gegenteil lautete die Botschaft des Films, die zivilisatorischen Qualitäten mit der natürlichen Lebensform der „Wilden“ zu verbinden. Dank dieser Konsequenz mausert sich der Protagonist am Ende zu einem Anführer, der das Dorf nach dessen Zerstörung wieder aufbaut.

Von einer ähnlich positiven Botschaft ist in Deodatos Film nichts zu erkennen. In „Ultimo mondo cannibale“ geht es um das nackte Überleben, werden die Protagonisten auf ihre Ursprünge zurückgeworfen und erweisen sich die zivilisatorischen Errungenschaften als leicht zerstörbare Hülle. Dem Film wurden Rassismus, Voyeurismus und Misogynie vorgeworfen. Die drastischen Tiertötungen – ein noch lebendes Krokodil wird geschlachtet und ausgeweidet – dienten nur der Sensationsgier der Zuschauer, eine junge Frau wird durch Vergewaltigung gefügig gemacht und belohnt diese Vorgehensweise durch Dienstbeflissenheit und die „Wilden“ im asiatischen Dschungel quälen zuerst ihre Opfer, bevor sie sie verspeisen. Kritikpunkte, die mehr über die Kritiker aussagen als über die Intention des Films.

Es lassen sich einige Konzessionen an das Publikum in Deodatos Film finden. Der pseudo-dokumentarische Anstrich einer angeblich wahren Begebenheit, die abschließende Flucht des männlichen Protagonisten aus dem Dschungel sowie die Besetzung von Me Me Lai, deren hübsche, nackte Optik aus dem sonst konsequent dreckigen, grobstichigen Umfeld heraus sticht. Ihre Vergewaltigung durch Robert Harper (Massimo Foschi), der seine Triebe nicht zurückhalten kann, unterstrich nur dessen Verlust zivilisatorischer Verhaltensmuster. Ihre freundliche Reaktion basiert dagegen auf reinem Überlebenswillen in einer feindlichen Umgebung und verfügt über keinerlei Gemeinsamkeiten mit der in Lenzis Film geschilderten romantischen Beziehung zwischen der Stammesbewohnerin und dem Abkömmling westlicher Kultur. Dagegen diente ihr hübsches Aussehen allein der Erwartungshaltung männlicher Betrachter, die bei der einzigen wesentlichen Frauenrolle nicht mit der sonst üblichen Optik konfrontiert werden sollten – ein misogyner Ansatz, der nur selten Erwähnung findet.

Von diesen Konzessionen abgesehen, gelang Deodato ein verstörend konsequentes Abbild menschlicher Urinstinkte. Besonders die Begegnung Harpers mit den Dschungelbewohnern, die ihn nicht weniger fremdartig finden als er sie und deshalb glauben, dass er fliegen könnte, ist von großer Intensität. Die Bilder, in denen sie an seinem Penis ziehen, sind in ihrem spielerischen Gestus einmalig und ohne jeden Voyeurismus. Nicht Sadismus, sondern Neugierde treibt sie zu ihrem oft grausamen Spiel mit Harper, ebenso wie ihr Essverhalten bis zum Kannibalismus den natürlichen Abläufen folgt und nie als Konsequenz taktischer Überlegungen erscheint. Deshalb wäre es falsch, Harpers Entwicklung als Anpassung an diese Lebensweise zu interpretieren, auch wenn er am Ende Respekt dadurch gewinnt, dass er die Innereien eines getöteten Feindes frisst. Er wird auf seine eigenen Ursprünge zurückgeworfen. Er tötet, vergewaltigt und kämpft nach seinen Regeln ums Überleben. Emphatische Gefühle für die Frau entwickelt er selbst dann nicht, als sie gefangen genommen und für ihren Verrat brutal bestraft wird.

Dieser Verzicht auf abschwächende Elemente und damit auf jede Vereinbarkeit von archaischer Lebenswelt und sogenannter Zivilisation musste provozieren. Es lässt sich darüber diskutieren, ob die Anzahl der gezeigten Tiertötungen oder die Geburtsszene, nach der eine Frau ihr Baby scheinbar an die Krokodile verfüttert, notwendig war, aber sie unterstrichen noch zusätzlich eine Situation, in der die gewohnten moralischen Maßstäbe des westlichen Kulturkreises nicht nur nicht mehr galten, sondern sich als Illusion erwiesen. Deodato betonte das noch zusätzlich, indem er die drastischen Kannibalismus-Bilder mit harmonischer Musik unterlegte. „Ultimo mondo cannibale“ wurde weniger ein Film über eine unbekannte Welt, sondern hält seinen Betrachtern den Spiegel vor. Nicht erstaunlich, dass der Film so viel Kritik hervorrief, denn damit wird die Nähe zu einer Handlung vermieden, die die Frage nach dem eigenen Verhalten in einer vergleichbar lebensbedrohenden Situation stellt.

"Ultimo mondo cannibale" Italien 1977, Regie: Ruggero Deodato, Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Clerici, Giorgio Carlo Rossi, Darsteller : Massimo Foschi, Ivan Rassimov, Me Me Lai, Judy Rosli, Laufzeit : 88 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Roggero Deodato:

"Zenabel" (1969)

Montag, 9. September 2013

Essay - Filmliste: Das italienische Kino frisst sich selbst (Die Phase des Niedergangs 1977 - 1983) Kannibalen, Zombies und die Apocalypse

Bis Ende der 70er Jahre blieb das italienische Kino stilbildend für die Filmbranche, als langsam eine Trendwende eintrat, die die jahrzehntelang anhaltende Hochphase des italienischen Films beenden sollte. Anfang der 40er Jahre hatte eine gemeinsame Bewegung vieler junger Regisseure und Drehbuchautoren nicht nur den neorealistischen Stil hervorgebracht, der sich als Gegenentwurf zum Kino der Mussolini-Zeit verstand, sondern eine kontinuierliche Entwicklung ausgelöst, die sich auf alle Genrebereiche der Filmkunst auswirken sollte. Viele der Protagonisten der ersten Stunde waren inzwischen verstorben oder hatten ihre Karriere beendet wie Luchino Visconti, Vittorio De Sica, Pier Paolo Pasolini, Elio Petri, Antonio Pietrangeli, Pietro Germi, Giuseppe De Santis oder Roberto Rossellini, andere inzwischen berühmt gewordene Zeitgenossen drehten zwar noch einzelne Filme wie Federico Fellini, Michelangelo Antonioni, Dino Risi, Luigi Comencini, Francesco Rosi oder Damiano Damiani, hatten aber den Zenit ihrer Filmkarriere schon überschritten, arbeiteten vermehrt für das Fernsehen oder für die us-amerikanische Filmindustrie wie Bernardo Bertolucci.

Die Protagonisten der zweiten Generation um Mario Bava, Sergio Leone, Sergio Corbucci, Umberto Lenzi, Duccio Tessari, Enzo G. Castellari, Dario Argento, Lucio Fulci oder Sergio Martino – um nur die Bekanntesten zu nennen – hatten sich um das Genre-Kino verdient gemacht und wurden stilbildend für den Western, den Kriminal- oder Horrorfilm, aber auch für die Ende der 60er Jahre entstehende Erotikfilm-Welle, die sie mit einer Komödienvariante bereicherten, die auf der „Commedia all’italiana“ fußte - ein nicht weniger einflussreiches Genre des italienischen Kinos, das sich über alle Bereiche erstreckte. Allen diesen Stilen war gemein, dass sie trotz ihrer internationalen Verzahnung oder des us-amerikanischen Einflusses - etwa vom Western oder der „Schwarzen Serie“ – ihren authentischen italienischen Gestus beibehielten. So wie der italienische Erotik-Film die konservative Haltung einer katholisch erzogenen Gesellschaft verarbeitete, so reagierte der „Poliziesco“ auf die dramatischen Ereignisse in den 70er Jahren, weshalb sie sich trotz ihres urbanen Charakters nicht in Großstädte anderer Länder versetzen ließen - sie waren ein unmittelbares Abbild der italienischen Situation.

Dass diese individuelle Qualität, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, verloren ging und den Niedergang des italienischen Films einläutete, lässt sich nicht an einer Jahreszahl festmachen, sondern beruht auch auf dessen Eigenart, zu provozieren und ein Gefühl für populäre Themen zu entwickeln. Schon in den 50er Jahren drehte ein im Neorealismus verankerter Regisseur wie Alberto Lattuada für diese Zeit gewagte erotische Filme mit sehr jungen Darstellerinnen („Guendalina“, 1957) und konfrontierte das Publikum mit Verstößen gegen die vorherrschende Moral („La Spiaggia“ (Der Skandal, 1954)). Aus heutiger Sicht wirken diese Filme stilvoll und zurückhaltend, waren aber nicht weniger gewagt als der erste Mondo-Film „Mondo cane“, der 1962 das Publikum auf der Suche nach Sensationen in die Kinos brachte, und damit die weitere Liberalisierung im Kino vorantrieb. Schon Ende der 60er Jahre hatte der Anblick nackter Körper seinen Skandal-Charakter verloren, weshalb immer extremere Spielarten notwendig wurden, um das Publikum anzulocken.

In Folge dessen nahm der Grad der Gewalt Anfang der 70er Jahre im „Italo-Western“ weiter zu, womit - neben den ironisch-humorvollen Umsetzungen - noch versucht wurde, einen Rest an Attraktion zu retten, den das Genre an den populäreren „Giallo“ verloren hatte, der geschickt Gewalt, Sex und Suspense mischte. Umberto Lenzis in dieser Phase entstandener Film „Il paese del sessio selvaggia“ (1972) bedeutete eine erneute Zäsur, da unter dem Deckmäntelchen eines dokumentarisch angehauchten Abenteuerfilms im asiatischen Dschungel explizit dargestellte Gewalt sowie sexuell provozierende Spielarten auf die Leinwand gebracht werden konnten. Der deutsche Titel „Mondo Cannibale“ war zwar ein Etikettenschwindel, da der Film keinen Blick über den Tellerrand warf, traf aber den Nerv des Publikums, da er eine unmittelbare Verbindung zu den exotischen Schauplätzen der „Mondo“ - Filme herstellte und Szenen aus „Mondo cane“ nachahmte. Lenzis Film blieb noch eine Ausnahme - er selbst widmete sich zunehmend dem „Poliziesco all’italiana“, der Mitte der 70er Jahre seine Blüte erlebte - aber „Ultimo mondo cannibale“ (Mondo cannibale 2 – Der Vogelmensch), der 1977 unter der Regie von Ruggero Deodato herauskam, der zuvor Roberto Rossellini und Sergio Corbucci assistiert hatte, läutete das letzte eigenständige Kapitel im italienischen Film ein, dass gleichzeitig seinen Niedergang kennzeichnete.

War der italienische Film Jahrzehnte lang stilbildend, begann mit dem überragenden Erfolg von „Jaws“ (Der weiße Hai, 1975), der eine horrorartige Geschichte massenkompatibel erzählte, eine Trendwende. Produzenten wie Luciano Martino - bisher führend im Giallo oder Poliziesco tätig - oder Ovidio G. Assonitis, der Lenzis 1972 entstandenen „Mondo cannibale“ produzierte, setzten verstärkt auf Sex-, Gewalt- und Horror- Stories, die meist an exotischen Orten spielten und mit einem entscheidenden Bezugspunkt kaum etwas zu tun hatten – mit Italien. Nachdem Sergio Martino mit „La montagna del dio cannibale“ (Weiße Göttin der Kannibalen, 1978) die kurze Phase des Kannibalen-Films fortführte, fertigte er mit „La isola degli uomini pesci“ (Insel der neuen Monster, 1979) und „Il fiume del grande Caimano“ (Fluss der Mörderkrokodile, 1979) noch zwei weitere Filme im Dschungel unter günstigen Bedingungen ab, die sich dem Science Fiction und Tierhorror widmeten, der auch von Assonitis mit „Tentacoli“ (Angriff aus der Tiefe, 1977) und „Piranha part two:the spawning“ (Fliegende Killer – Piranha II) bedient wurde. Auch der zunehmende Trend zur Zusammenarbeit mit us-amerikanischen Darstellern und Produzenten lässt sich an diesen Filmen deutlich ablesen. Parallel legte Enzo G.Castallari mit „Il cacciatore di squali“ (Dschungel-Django, 1979) und „L’ultimo squalo“ (The last jaws – der weiße Killer, 1981) Referenzen an „Jaws“ vor, von denen letzterer von Maurizio Amati und Ugo Tucci produziert wurde, deren Weg Richtung Apocalypse- und Zombie-Welle weiter führte.

Angesichts der Erfolge von Spielbergs „Close encounters of the third kind“ (Die unheimliche Begegnung der dritten Art), der 1977 beginnenden „Star Wars“ - Trilogie (Krieg der Sterne) sowie Romeros „Dawn of the dead“ (Zombie, 1978) und nicht zuletzt 1979 "Mad Max" und "Alien" versuchten viele italienische Produzenten auf diesen Erfolgszug aufzuspringen, wodurch es in den frühen 80er Jahren zu einem Konglomerat aus apokalyptischen Zukunftsvisionen, Zombie- und Kannibalenfilmen kam. Waren die ersten Nachahmer wie „Holocaust 2000“ (Das siebenköpfige Ungeheuer, 1977) mit Kirk Douglas in der Hauptrolle oder kleinere Produktionen wie „Incontro con gli umanoidi“ (Unheimliche Begegnung in der Tiefe, 1978) noch leicht durchschaubare Plagiate, enstanden auf dem Höhepunkt 1980 Filme wie „Cannibal Holocaust“ (Nackt und zerfleischt, 1980), „Zombie Holocaust“ (Zombies unter Kannibalen, 1980), „Apocalypse domani“ (Asphalt Kannibalen, 1980) oder „Cannibal ferox“ (Die Rache der Kannibalen, 1981) eigenständige, durch ihre explizite Gewalt verstörende, Genre-Filme.

Auch Lucio Fulci sattelte nach Romeros Erfolg unmittelbar vom Western („Sella d’argento“ (Silbersattel, 1978)) zum Zombie-Film um und legte mit „Zombi 2“ (Woodoo – die Schreckeninsel der Zombies, 1979) und „Paura nella città dei morti viventi“ (Ein Zombie hing am Glockenseil, 1980) gleich zwei prägende Werke vor, denen er weitere folgen ließ. Die Kannibalen-Filme hatten 1980 ihren kurzen Zenit zwar schon überschritten, aber im Zuge der populären Science-Fiction-Welle und dem Anschluss-Erfolg von "Mad Max 2" (1981) sollten apocalyptische Zukunftsvisionen die frühen 80er Jahre weiter bestimmen. Besonders Enzo G.Castellari machte sich mit Filmen wie „1990: I guerrieri del Bronx“ (The Riffs – die Gewalt sind wir, 1982), „I nuovi barbari“ (Metropolis 2000, 1983) und "Fuga dal Bronx" (The Riffs 2 - Flucht aus der Bronx, 1983) verdient, aber auch Sergio Martino legte 1983 noch mit „2019 – dopo la caduta di New York“ (Fireflash – der Tag nach dem Ende) einen überzeugenden Genre-Vertreter vor. Doch auch wenn sich diese Filme bis heute einer großen Beliebtheit unter Fans erfreuen, lässt sich nicht übersehen, dass nur die geringen Produktionsmittel und der Versuch, die us-amerikanischen Vorbilder mit extremer Gewalt in den Schatten zu stellen, ihre Eigenständigkeit ausmachte – letztlich strebten die Macher nur an, die von den Hollywood-Produkten erzeugte Popularität für sich zu nutzen, ohne dass die Filme noch in der italienischen Tradition verankert waren.

Angesichts einer Gesamtproduktion innerhalb von sieben Jahren, die weit hinter der Anzahl an Italo-Western allein des Jahrgangs 1968 zurück blieb, erstaunt die Langzeitwirkung, die diese Filme im Urteil über den italienischen Film hinterlassen haben. Sicherlich auch bedingt dadurch, dass sie neben den Überbleibseln des Giallo, der zunehmend zum reinen Horrorfilm mutierte, einzelnen Kriegsfilmen und einer grassierenden - mehr oder weniger erotischen - Komödienwelle, in ihrer häufig extremen, fast immer spektakulären Aufmachung einen bleibenden Eindruck hinterließen, auch wenn sie dieses Versprechen häufig nicht einlösen konnten. Die italienischen Filmexperten, die eine Liste der „100 zu bewahrenden italienischen Filme“ aufstellten, beschränkten den Zeitraum auf das Filmschaffen von 1942 – 1978, was ihre Meinung über diese Phase deutlich werden lässt. Tatsächlich sind viele der in dieser Zeit entstandenen Werke von fragwürdiger Qualität, aber sie verdienen es als Ausklang einer langen erfolgreichen Phase im italienischen Film genauer und in der korrekten Reihenfolge betrachtet zu werden - allein die Vielzahl an kursierenden Fehlinformationen hinsichtlich von Plagiaten oder Nachahmungen erfordern eine solche Vorgehensweise.

Entsprechend der Vorbildwirkung des us-amerikanischen Kinos kann von keiner Homogenität innerhalb des hier betrachteten 7jährigen Zeitraums gesprochen werden. Im Gegenteil - bestimmten zuerst noch die vom italienischen Mondo-Film beeinflussten Kannibalen-Filme das Geschehen, entstanden parallel dazu die ersten Tier-Horror und Science-Fiction Filme. Ein erster Höhepunkt war schon 1980 überschritten, gut sichtbar an den wenigen Genre-Filmen die 1981 und 1982 herauskamen, bevor in Folge von "Mad Max" - die Endzeit-Filme noch eine kurze Hochphase erlebten, schon verzahnt mit den Barbaren, die das italienische Kino auch nicht mehr retten konnten.

Tavola cronologica  / Zeittafel   --------------------------------   Persone importante /Protagonisten


Jahrgang 1977:

08.02. "Ultimo mondo cannibale" (Mondo Cannibale 2 - der Vogelmensch)  Ruggero Deodato
                                                                                                                                  / Ivan Rassimov
25.02. "Tentacoli" (Angriff aus der Tiefe)                                  Ovidio G. Assonitis / Henry Fonda
23.09. "Anno zero - guerra nello spazio" (Battle of the stars)                   Alfonso Brescia 
21.10. "Emanuelle e gli ultimi cannibali" (Nackt unter Kannibalen)    Joe D'Amato / Laura Gemser
25.11. "Holocaust 2000" (Das siebenköpfige Ungeheuer)  Alberto De Martino / Kirk Douglas


Jahrgang 1978: 

17.02. "Battaglie negli spazi stellari" (Cosmo 2000)                        Alfonso Brescia 
05.04. "Incontro con gli umanoidi" (Unheimliche Begegnung in der Tiefe)  Tonino Ricci /
                                                                                        Gabriele Ferzetti / Andrés Garcia
27.04. "La guerra dei robot" (Krieg der Roboter)                                  Alfonso Brescia
25.05. "La montagna del dio cannibale" (Die weiße Göttin der Kannibalen) Sergio Martino /
                                                                                Ursula Andress / Claudio Cassinelli / Stacy Keach
28.06. "Bermude: la fossa maledetta" (Haie am Todesriff)            Tonino Ricci / Arthur Kennedy
16.11. "Papaya dei caribi" (Papaya - Die Liebesgöttin der Kannibalen)   Joe D'Amato
21.12. "Starcrash" (Star Crash - Sterne im Duell) Luigi Cozzi / David Hasselhoff / Christopher Plummer
21.02. "Occhi dalle stelle" (Der Angriff kommt aus dem All)        Mario Garriazzo, Martin Balsam


Jahrgang 1979: 

18.01. "L'isola degli uomini pesce" (Insel der neuen Monster)     Sergio Martino / Claudio Cassinelli /
                                                                                                                  Barbara Bach / Joseph Cotton
22.03. "Stridulum" (Die Außerirdischen) Giulio Paradisi / Ovidio G. Assonitis / Mel Ferrer / Franco Nero
11.04. "L'umanoide"  (Kampf um die 5. Galaxis)                Aldo Lado / Barbara Bach / Ivan Rassimov
25.08. "Zombi 2" (Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies)           Lucio Fulci
03.11. "Il fiume del grande caimano" (Fluss der Mörderkrokodile)   Sergio Martino / Mel Ferrer /
                                                                                                 Claudio Cassinelli / Barbara Bach
17.11. "Io zombo, tu zombi, lei zomba"                                                  Nello Rossati
07.12. "Killer fish"(Piranhas II - Die Rache der Killerfische)           Antonio Margheriti / Lee Majors /
                                                                                                                  Karen Black
24.12. "Il cacciatore di squali" (Dschungel Django)                     Enzo G. Castellari / Franco Nero
26.12. "Savana violenza carnale" (Dschungel Inferno)                    Roberto Bianchi Montero













Jahrgang 1980: 

07.02. "Cannibal Holocaust" (Nackt und zerfleischt)                                     Ruggero Deodato
20.03. "Mangiati vivi!" ( Lebendig gefressen)                                   Umberto Lenzi / Ivan Rassimov
28.03. "Zombi Holocaust" (Zombies unter Kannibalen)                                Marino Girolami
11.04. "Alien due - sulla terra" (Alien - die Saat des Grauens kehrt zurück)    Ciro Ippolito
02.08. "Contamination" (Astaron - Brut des Schreckens)                                    Luigi Cozzi
04.08. "Apocalisse domani" (Asphalt-Kannibalen)                          Antonio Margheriti / John Saxon
09.08. "Antropophagus" (Der Menschenfresser)                                                 Joe D'Amato
11.08. "Paura della città dei morti viventi" (Ein Zombie hing am Glockenseil)  Lucio Fulci
15.09. "Mondo cannibale" (Mondo Cannibale 3.Teil - die blonde Göttin)         Jesus Franco
06.11. "Le notti erotiche dei morti viventi" (In der Gewalt der Zombies)          Joe D'Amato
17.11. "Virus"(Die Hölle der lebenden Toten)                                  Bruno Mattei / Claudio Fragasso
05.12. "Il cacciatore di uomini" (Jungfrau unter Kannibalen)                           Jesus Franco
11.12. "Incubo sulla città contaminata" ( Großangriff der Zombies )               Umberto Lenzi


Jahrgang 1981: 

23.01. "Le notti del terrore" (Die Rückkehr der Zombies)                               Andrea Bianchi
12.02. "Giochi erotici nella 3a galassia" ( Flucht von Galaxy III)                  Bitto Albertini
02.04. "L'ultimo squalo" (Last Jaws - der weiße Killer)              Enzo G. Castellari / Vic Morrow    
22.04. "...e tu vivrai nel terrore! - L'aldilà" (Geisterstadt der Zombies)            Lucio Fulci
24.04. "Cannibal ferox" (Die Rache der Kannibalen)                                      Umberto Lenzi
01.12. "Piranha part two: the spawning" (Fliegende Killer - Piranha II)  James Cameron /
                                                                                                                        Ovidio G. Assonitis 

Jahrgang 1982: 

01.09. "Anno 2020 - I gladiatori del futuro" (2020 - Texas Gladiators) Joe D'Amato / George Eastman
17.11. "1990: I guerrieri del Bronx" (The Riffs - die Gewalt sind wir)  Enzo G.Castellari / Vic Morrow
07.12. "Bakterion" (Panik)                                                                            Tonino Ricci


Jahrgang 1983: 

05.02. "Thor il conquistatore" (Thor - der unbesiegbare Barbar)               Tonino Ricci
10.03. "Vindicator: La guerra del ferro - Ironmaster" (Er - stärker als Feuer und Eisen)
                                                                                                                   Umberto Lenzi
02.06. "La conquista"  (Conquest)                                                            Lucio Fulci
10.06. "I nuovi barbari" (Metropolis 2000)                            Enzo G. Castellari / George Eastman
13.08. "Sterminatori dell'anno 3000" (The Executor - Der Vollstrecker) Giuliano Carnimeo
15.08. "Fuga dal bronx" (The Riffs 2 - Flucht aus der Bronx)     Enzo G. Castellari / Henry Silva
19.08. "Il mondo di Yor" (Einer gegen das Imperium)                        Antonio Margheriti
21.10. "2019: Dopo la caduta di New York" (Fireflash - Der Tag nach dem Ende) Sergio Martino /
                                                                                                                George Eastman
28.10. "Rush"                                                                                  Tonino Ricci / Gordon Mitchell
05.11. "Endgame - Bronx lotta finale"(Endgame - das letzte Spiel mit dem Tod) Joe D'Amato /
                                                                                                       George Eastman / Laura Gemser
25.11. "Predatori di atlantide" (Atlantis Inferno)                                Ruggero Deodato
01.12. "Il giustiziere della terra perduta"(The last warrior - der Kämpfer einer neuen Welt)
                                                                                                           David Worth / Donald Pleasance
30.12. "I guerrieri dell'anno 2072" (Die Schlacht der Centurions)            Lucio Fulci

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.