Inhalt: Als
sich Sergio Marazzi (Tomas Milian) während der Vorführung eines Italo-Western
im Gefängnis kurz verdrücken will, wird er niedergeschlagen und zu seiner
Überraschung befreit. Doch sein Entführer, Antonio Sarti (Claudio Cassenelli),
verfolgt damit eigennützige Ziele, denn der Polizist glaubt nur mit der Hilfe
Marazzis, der sich gut in den kriminellen Kreisen Roms auskennt, an Brescianelli
(Henry Silva) heranzukommen, dessen Bande ein krankes Mädchen entführt hat, das
dringend ärztliche Hilfe benötigt.
Tomas Milian spielte Mitte der 70er Jahre in einigen Filmen sehr expressive und verhaltensauffällige Typen, deren Erfolg dazu führte, das er diese Rollen noch mehrfach wiederholte - selbst wenn er am Ende von der Polizei niedergestreckt wurde, wie in "Roma a mano armata" (Die Viper, 1976), den er kurz vor "Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle) ebenfalls unter der Regie von Umberto Lenzi drehte. Der darin von ihm verkörperte hinterhältige Bösewicht Vincenzo Moretti, genannt "Il Gobbo" (Der Bucklige), war in seiner kranken Psyche schon eine Variante des Verbrechertypen aus der ersten Zusammenarbeit von Lenzi und Milian in "Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974) und führte in "La banda del gobbo" (Die Kröte, 1978) zu einem erneuten Erscheinen des abgefeimten Buckligen, wieder gemeinsam mit Umberto Lenzi.


Damit sind die jeweiligen Positionen der drei Protagonisten festgelegt. Henry
Silva, ebenfalls von Umberto Lenzi in unterschiedlichen Rollen eingesetzt
(„L’uomo della strada fa giustizia“, 1975), darf diesmal den fiesen Charakter
übernehmen, der Polizist Sarti verkörpert den „Bullen“ (Lo sbirro) und Milian
ist das „Schlitzohr“, dessen Hang zur Kriminalität ausnahmsweise der guten
Sache dienen soll. Im Original bezeichnet „Il trucido“ einen grausamen
Schlächter, woran deutlich wird, dass Milians Rolle im italienischen Filmtitel
gar nicht erwähnt wird, sondern die von Silva gespielte Rolle des Entführers
und Gangsterbosses Brescianelli. Das trifft den Kern des Films genau, denn
Marazzis Position zwischen diesen Polen lässt sich nie festlegen, genauso wie sich
die Ziele seiner außergewöhnlichen Wege weder dem Zuschauer, noch den
Protagonisten im Film sofort erschließen.
In diesem Zusammenhang sollte der deutsche Titel „Das Schlitzohr und der Bulle“
wahrscheinlich einen komödiantischen Charakter vermitteln, über den Lenzis Film
im Original eher hintergründig verfügt. Marazzis Methoden und Umgangsformen
wirken äußerlich zwar ein wenig verrückt, sind letztlich aber effektiver und
zielführender, als die Aktionismen des „Bullen“. Lenzi entwirft als Grundlage
erneut das Kaleidoskop einer durch und durch verkommenen Sozialisation, in der
Entführung, Mord und Korruption auf allen Ebenen an der Tagesordnung sind,
womit er den Zeitgeist in Italien Mitte der 70er Jahre genau traf. Das sich
Marazzi und Sarti mit drei Schwerverbrechern verbünden müssen, um den Fall
lösen zu können - dabei weitere Verbrechen in Kauf nehmend - ist bei Lenzi
weder eine raffinierte Vorgehensweise, noch eine Aufforderung, das Gesetz in
eigene Hände zu nehmen, sondern Zeichen einer tief greifenden Amoralität in der
italienischen Gesellschaft.
Keine Politiker oder sonstige hohe Würdenträger vertreten in "Il trucido e
lo sbirro" Anstand und Gesetz, sondern ein leicht irrer Kleinkrimineller,
der äußerlich als Bürgerschreck daher kommt. Das entbehrt nicht einer gewissen
Komik, so wie Lenzis Film sich mit gewohnt hohem Tempo seinen Weg durch diverse
Action-Sequenzen bahnt. Doch dahinter verbirgt sich ein moralischer Anspruch,
der weniger im äußerlich plakativen Geschehen, als zwischen den Zeilen zu finden
ist.
"Il trucido e lo sbirro" Italien 1976, Regie: Umberto Lenzi, Drehbuch: Umberto Lenzi, Dardano Sacchetti, Darsteller : Tomas Milian, Claudio Cassinelli, Henry Silva, Claudio Undari, Nicoletta Machiavelli, Laufzeit : 91 Minuten
weitere im Blog besprochene Filme von Umberto Lenzi:
"Kriminal" (1966)
"Paranoia" (1970)
"Milano odia: la polizia non può sparare" (1974)
"Il giustiziere sfida la città" (1975)
"Paranoia" (1970)
"Milano odia: la polizia non può sparare" (1974)
"Il giustiziere sfida la città" (1975)
"Roma a mano armata" (1976)
"La banda del gobbo" (1978)
"Incubo sulla città contaminata" (1980)
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