Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 29. September 2015

Letti sbagliati (Die richtige Frau im falschen Bett) 1965 Steno

Ingeborg Schöner
Inhalt: Episode 1: „Il complicato“ (Der Komplizierte)  Burolli (Lando Buzzanca) begegnet im Zug nach Mailand dem Geschäftsmann De Rossi (Aldo Giuffrè), mit dem er sich ein Schlafwagenabteil teilt. Er will nur seine Ruhe haben, aber er wird von De Rossi ständig damit konfrontiert, dass die Nacht im Zug doch ideal für ein sexuelles Abenteuer wäre. Burolli ist skeptisch, muss sich aber auch den angeblichen Erfahrungen von Professor Vittorio Foconi (Pietro Tordi) erwehren, den sie im Speisewagen kennenlernen. Zuerst sieht er sich in seiner Haltung bestätigt, als eine schöne Frau (Ingeborg Schöner) De Rossi einen Korb gibt, aber als diese bei ihm ihr Taschentuch fallen lässt, wird er von den anderen Männern zum Handeln gedrängt…

Margaret Lee
Episode 2:  "00-Sexy, missione bionda platino" (00-Sexy – Mission Platinblond)  Ingenieur Filippo (Raimondo Vianello) träumt davon, seine schöne blonde Nachbarin (Margaret Lee) im Aufzug zu verführen. Da seine Chancen eher gering sind, ersinnt er einen perfiden Plan…



Beba Loncar
Episode 3: "Quel porco di Maurizio" (Maurizio, was für ein Schwein) Die gemeinsame Fahrt in einem Zugwagenabteil wird für Maurizio (Aldo Puglisi) zu einer Herausforderung. Angesichts der schönen Mitfahrerin (Beba Loncar), die sich lasziv auf ihrem Sitz bewegt, stehen ihm die Schweißperlen auf der Stirn. Als sich ihre Gesichter nähern, küsst er sie spontan und wird durch ihr lautes Schreien aus allen Träumen gerissen. Ihm droht eine Verurteilung wegen versuchter Vergewaltigung, vor der ihn nur sein Anwalt (Carlo Giuffrè) bewahren kann…

Ciccio Ingrassi und Olimpia Cavalli
Episode 4: „La seconda moglie“ (Die zweite Ehefrau) Ciccio Ingrassi lebt zusammen mit seiner zweiten Ehefrau (Olimpia Cavalli) und seinem behinderten Bruder Franco (Franchi) in einer Wohnung, die vollgestellt ist mit Bildern seiner ersten, aber leider früh verstorbenen Ehefrau. Ingrassi verehrt sie als Heilige, die ihm immer treu gewesen ist. Als er einen Brief erhält, der ihm anonym mitteilt, dass ihn seine Frau betrügt, kapiert er nicht, dass dieser mit zwölf Jahren Verspätung zugestellt wurde…


Die Herren fachsimpeln (Aldo Giuffrè, Pietro Tordi, Lando Buzzanca)...
Mitte der 60er Jahre mit gerade 50 Jahren konnte Steno schon auf ein umfangreiches Werk zurücksehen. Nach fast 25 Jahre Drehbucharbeit und knapp 40 Filmen unter seiner Regie seit 1950 im von ihm bevorzugten Komödien-Fach, hatte er nicht nur die Bandbreite des Genres ausgelotet, sondern auch die Entwicklung der "Commedia all'italiana" ausgehend vom Neorealismus maßgeblich mit beeinflusst. Zuletzt waren noch zwei Western-Komödien hinzu gekommen ("Gli eroi del West" und "I gemelli del Texas", 1964), machte er das Dutzend an Filmen mit Totò voll ("Totò contro i quattro", 1963) und legte kurz darauf in einer Art Wachablösung seinen ersten Film mit dem inzwischen populär gewordenen Komiker-Duo Franco Franchi/Ciccio Ingrassio vor ("Un mostro e mezzo", 1964). Nur die aufkommende Sex-Welle war an ihm scheinbar vorüber gegangen, während sein langjähriger Regie-Assistent und Co-Autor Lucio Fulci schon die zwei Erotik-Komödien „Gli imbroglioni“ (1963) und „I maniaci“ (1964) abgeliefert hatte, jeweils unter Mitwirkung von Franco Castellano und Giuseppe Moccia am Drehbuch. 


...und beobachten,ob...
Tatsächlich hatte Steno schon 1955 mit "Le avventure di Giacomo Casanova" (Casanova - seine Liebe und Abenteuer) eine erotische Komödie vorgelegt, die als erste "Commedia sexy all'italiana" gelten kann, aber die offensiven Nacktdarstellungen waren ihrer Zeit weit voraus, weshalb der Film der Zensurschere zum Opfer fiel. "Letti sbagliati“ (Die richtige Frau im falschen Bett) wurde so zu Stenos erneutem Einstieg ins Erotik-Genre, blieb aber noch halbherzig, da er nur Regie führte. Er beteiligte sich nicht am Drehbuch, sondern überließ es seinem langjährigen Vertrauten Sandro Continenza, der zuvor schon an mehreren Episodenfilmen („L‘amore difficile“ (Erotika, 1962)) mitgewirkt hatte, hier die vier Kurzgeschichten alleine zu verfassen. Diese im italienischen Episodenfilm seltene Konstellation eines Kreativen-Duos hätte zu einem Prozess innerhalb der vier Episoden genutzt werden können oder wenigstens für eine erzählerische Klammer – stattdessen wirken die vier Filme inhaltlich und von der Reihenfolge her beliebig zusammengestellt. Dem deutschen Verleihtitel „Die richtige Frau im falschen Bett“ ist entsprechend die Hilflosigkeit anzumerken, einen thematischen Überbau zu finden, aber auch „verwechselte (falsche) Betten“, wie der Film im Original heißt, passt nicht zum Inhalt.

...Burolli seine Chancen bei der Schönen (Ingeborg Schöner) nutzt
Denn die vier Kurzfilme besitzen nur eine Gemeinsamkeit - einen männlichen Verlierer-Typus. Doch die Gründe dafür könnten kaum unterschiedlicher sein. Lando Buzzanca spielte in der ersten Episode „Il complicato“ (Der Komplizierte) einen jungen Mann, der im Schlafwagen von Rom nach Mailand reist und dabei auf einen Kabinengenossen trifft, der mit allen Machismo-Wassern gewaschen ist. De Rossi (Aldo Giuffrè) schwadroniert zusammen mit Professor Vittorio Foconi (Pietro Tordi), den sie im Speisewagen kennenlernen, von den erotischen Abenteuern, die im Schlafwagenabteil auf einen Mann warten – offensichtlich eine damals beliebte Sex-Fantasie, die beispielsweise auch im späteren Buzzanca-Film „Warum hab‘ ich bloß 2x ja gesagt“ (1969) eine wichtige Rolle spielte. Der etwas schüchterne Burolli (Lando Buzzanca) zweifelt daran und fühlt sich auch bestätigt, als De Rossi bei einer hübschen Dame (Ingeborg Schöner) abblitzt. Als diese aber ausgerechnet bei ihm ihr Taschentuch fallen lässt, gerät Burolli in den Blickpunkt seiner männlichen Genossen, die von ihm fordern, eine solche Gelegenheit nicht auszulassen.

Filippo (Raimondo Vianello) auf  der Jagd nach...
Weil Burolli aber immer noch nicht an seine Chancen glaubt, bietet ihm De Rossi eine hohe Wette an: wenn es nicht klappt, zahlt er, sollte er aber eine Nacht mit der jungen Frau verbringen, muss Burolli die Wettschuld begleichen. Für den jungen Mann scheinbar eine faire Angelegenheit. Continenza spielte in der ersten Episode mit dem klassischen männlichen Rollenverhalten innerhalb einer Gruppe. Burolli kann sich dem Druck nicht entziehen, will er nicht als Feigling dastehen, aber Lando Buzzanca wäre nicht Lando Buzzanca, wenn er sich im Abteil der Schönen nicht ungeschickt anstellte. Was diese auch zu fördern weiß, weshalb es natürlich nicht zum Sex kommt, er aber trotzdem zahlt, um nicht als Versager zu gelten. Die letzte Szene spielt in der Wohnung von De Rossi und lässt deutlich werden, dass es sich bei ihm und der jungen Frau um ein Gauner-Paar handelt, das die männlichen Fantasien im Schlafwagenabteil für ihre Zwecke nutzt. Ein Abschluss-Gag, der dem vorherigen Treiben etwas die sezierende Komponente nimmt, da die Absicht dahinter deutlich wird. Aus De Rossis Worten ist allerdings herauszuhören, dass ihr Trick sonst leichter klappt – Burolli war kein typischer Macho, sondern „il complicato“.

...der platinblonden Versuchung (Margaret Lee)
Die zweite Episode "00-Sexy, missione bionda platino" (00-Sexy – Mission Platinblond) ist gänzlich anders konzipiert mit einem zutiefst unsympathischen Protagonisten im Mittelpunkt. Der etwa 50jährige Ingenieur Filippo (Raimondo Vianello) sieht sich selbst als coolen Agenten á la James Bond, der sich mit einem Trick die platinblonde Nachbarin (Margaret Lee) im Aufzug gefügig machen will. Zuerst nur im Traum, aber dann beginnt er seine Wünsche in die Tat umzusetzen und plant erst den Aufzug außer Betrieb zu setzen, um dann die junge Frau mit einem Gas zu betäuben. Nichts weniger als eine versuchte Vergewaltigung, die sich glücklicherweise gegen den Verursacher wendet. Und gegen den Autor, der die Story offensichtlich so komisch fand, dass er stattdessen einen jungen Handwerker auf seine Kosten kommen ließ, der versehentlich mit der Ehefrau des Ingenieurs im Aufzug eingesperrt wurde.

Maurizio (Aldo Puglisi) bekommt den Mund nicht mehr zu...
Die dritte Episode "Quel porco di Maurizio" (Maurizio, was für ein Schwein) kehrte diesen Ansatz wieder um, indem sie aus einem harmlosen Vorfall eine Straftat werden ließ. Aldo Puglisi spielte hier – wie zuvor schon in "Sedotta e abbandonata" (Verführung auf italienisch, 1964) – einen wenig souveränen jungen Mann, den ein Moment der Schwäche in große Schwierigkeiten bringt. Allein mit der schönen Blondine Enrichetta Cordelli (Beba Loncar) in einem Zugabteil, missversteht Maurizio (Aldo Puglisi) ihr laszives Verhalten als Aufforderung und küsst sie spontan, als sie sich Beide beim Aufheben ihrer aus der Handtasche gefallenen Gegenstände nähern. Was ihm eine Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung einbringt und das Missfallen seiner Umgebung, für die er nur noch als „Schwein“ gilt. Einzig sein Anwalt (Carlo Giuffrè) setzt sich für ihn ein, verfolgt aber ganz eigene Ziele, als er selbst die junge Frau schätzen lernt, die bei ihrem sehr kurzsichtigen Onkel wohnt.

...angesichts der jungen Frau (Beba Loncar) in seinem Zugabteil
Der dritte Teil zeigte am deutlichsten die Diskrepanz zwischen damaliger konservativer Realität und den hier zugrundeliegenden männlichen Fantasien. Die weibliche Figur wechselt ständig in für Männer nicht nachvollziehbarer Weise zwischen Heilige und Hure, womit die Episode ein beliebtes Vorurteil über Frauen bediente. Continenza und Regisseur Steno verfolgten damit keinen gesellschaftskritischen Gestus, sondern nutzten die Stories von verführerischen Frauen und geilen Männern für eine eher handfeste Komik und die erotisch ins Bild gerückten Darstellerinnen Ingeborg Schöner, Margaret Lee und Beba Loncar. Sieht man von den noch fehlenden Nacktaufnahmen ab, wies „Letti sbagliati“ damit schon ganz auf den Geist der „Commedia sexy all’italiana“ der 70er Jahre hin.

Die späte Erkenntnis, dass ihn Franco (Franchi) seit Jahren hintergeht, lässt...
Bei der vierten Episode „La seconda moglie“ (Die zweite Ehefrau) handelt sich um einen Sketch des Duos Franco Franchi/Ciccio Ingrassi, gegen den selbst der bisherige Humor noch feinsinnig wirkt. Sexuelle Fantasien spielen hier keine Rolle, sondern nur Extreme. Ingrassi gibt einen verbohrten sizilianischen Ehemann, der trotz neuer Ehefrau (Olimpia Cavalli) die gemeinsame Wohnung mit Bildern seiner verstorbenen ersten Frau zugepflastert hat, da es sich bei dieser um eine Heilige gehandelt haben soll – die treueste und beste Ehefrau, wie er seiner zweiten Frau ständig vorhält. Wie gewohnt unterhöhlte Franco Franchi grimassierend und mit unverhohlener Freude diese Illusion. Im Rollstuhl sitzend lebt er seit Jahren als sein Bruder in dessen Haushalt und lässt es sich gutgehen. Dass er weder sein Bruder, noch behindert ist, weiß Ingrassi nicht, aber auch als er einen Brief erhält, der ihn als betrogenen Ehemann ausweist, kapiert er lange nicht, dass das Lügengebäude um ihn herum zusammenfällt.

...Ciccio Ingrassi so enden.
Verfügten die ersten drei Stories über ein realistisches Szenario, arbeiteten Franchi/Ingrassi in ihrer Persiflage auf archaische Vorstellungen von Ehre und Moral wie üblich mit exzessiver Übertreibung. Auch die bis auf kurze Aufnahmen bei einer Modenschau fehlenden erotischen Einblicke lassen „La seconda moglie“ als Abschluss des Episodenfilms zuerst unpassend wirken. Ihr Sketch lässt sich aber auch als ironischer Kommentar auf die den Voyeurismus unverhohlen bedienenden ersten Kurzgeschichten verstehen - hier wird der männliche Protagonist am Ende zu einem willenlosen Hampelmann.

"Letti sbagliati" Italien 1965, Regie: Steno, Drehbuch: Sandro Continenza, Darsteller : Ingeborg Schöner, Lando Buzzanca, Aldo Giuffrè, Margaret Lee, Bebar Loncar, Carlo Giuffrè, Aldo Puglisi, Franco Franchi, Ciccio Ingrassia, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Steno:

Mittwoch, 24. März 2010

Todo modo 1976 Elio Petri


Inhalt: Einmal im Jahr begeben sich führende Politiker, Industrielle, Bankiers und weitere Mitglieder der christlichen Partei an einem abgeschiedenen Ort in Klausur - San Ignazio di Loyola, einem seit Jahrhunderten bestehenden Orden, der schon lange als Quelle der spirituellen Erneuerung für die herrschenden Kasten gilt. Diesmal haben sich besonders viele Mitglieder angesagt, da Italien gleichzeitig von einer Epidemie heimgesucht wird, der schon eine Vielzahl von Menschen zum Opfer fielen.Als Erster erscheint schon am Vorabend der Klausur "M" (Gian Maria Volonté), der italienische Präsident, der von dem Leiter des Ordens, Pater Don Gaetano (Marcello Mastroianni) begrüsst wird.

Erste Unstimmigkeiten treten auf, als Voltrano (Ciccio Ingrassia), die rechte Hand Don Gaetanos, mit einigen Politikern nicht am selben Tisch sitzen will, weil er sie für Diebe und Betrüger hält. Nur von "M" hat er eine hohe Meinung, weshalb er ihm am Abend noch Fotografien als Beweise übergibt, ohne genau zu sagen wofür. "M" nimmt diese Beweise entsprechend nicht ernst. Als am nächsten Tag alle Würdenträger eingetroffen sind und die Klausur beginnt, erinnert Don Gaetano daran, dass an diesem Ort Niemand mehr über Privilegien verfügt. Doch nicht nur, dass bei der Morgenmesse die Kommunion ausfällt, weil Wein und Hostien gestohlen wurden, sondern auch der Verzicht auf Nahrung und damit der Zwang zum Fasten, fordert erste Proteste heraus.. 


Der 1976 entstandene Film "Todo modo" ist in vielerlei Hinsicht Zentrum und Bindeglied einer langjährigen künstlerischen und politischen Epoche, der einige der wichtigsten Protagonisten dieser Phase - sowohl konkret in der künstlerischen Zusammenarbeit, als auch fiktiv im Film selbst - miteinander verband. Er entstand in der Hochphase der so genannten "Anni di piombo" ("bleierne Jahre"), Mitte der 70er Jahre in Italien, als die terroristischen Akte zunahmen und Ministerpräsident Aldo Moro den "historischen Kompromiss" anstrebte, eine Zusammenarbeit zwischen der christdemokratischen Regierungspartei und der kommunistischen Partei, um eine Übernahme des Landes durch radikale Kräfte zu verhindern.

Gemeinsam mit "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976) von Francesco Rosi und "Io ho paura" (Ich habe Angst, 1977) von Damiano Damiani, bildet "Todo modo" eine Art Dreigestirn der politischen Analyse dieser Phase. Obwohl die Regisseure nie zusammen arbeiteten, sind die Parallelen in der Entstehung offensichtlich - Rosis Film entstand ebenfalls nach einer Buchvorlage Leonardo Sciascias und Gian Maria Volonté übernahm auch bei Damiani die Hauptrolle. Während "Io ho paura" die Ereignisse aus der Sicht des Bürgers, am Beispiel eines einfachen Polizisten, schildert, "Cadaveri eccellenti" die Verstrickungen von Justiz und Politik erfahrbar werden lässt, konzentriert sich Petri ausschließlich auf die Machthaber - führende Politiker, Industrielle, Bankiers und Journalisten.

Doch nicht nur diese politische Phase spiegelt sich in "Todo modo" wider, sondern auch eine Entwicklung im Schaffen Leonardo Sciascias, gemeinsam mit Gian Maria Volontè. Beide hatten schon 1967 mit Elio Petri "A ciascuno il suo" (Zwei Särge auf Bestellung) gedreht, der sich mit den gesellschaftlichen Verflechtungen in Sciascias sizilianischer Heimat beschäftigte. Trotz der lokalen Verwurzelung, betrachtete der Film das Eindringen von Macht in private gesellschaftliche Strukturen als generelles Problem. "Todo modo" ist entsprechend die konsequente Weiterentwicklung dieser Thematik bis zur Spitze der italienischen Regierung, aber durch die Ereignisse um Aldo Moro, der 1978 von den "Roten Brigaden" ermordet wurde, erhielten viele der Anspielungen in Petris Film eine zusätzliche Bedeutung. Unter diesem Gesichtspunkt ist ihre weitere Zusammenarbeit 1986 beim Film "Il caso Moro" (Der Fall Moro) zu verstehen, der unter Regisseur Guiseppe Ferrara entstand (Elio Petri war leider schon 1982 verstorben). Sciascia schrieb das Buch und Volontè spielte wieder Aldo Moro, den er in Gestik und Mimik unzweifelhaft schon in "Todo modo" als "M" gegeben hatte.

Angesichts dieser Begleitumstände, stellt sich die Frage, warum gerade „Todo modo“ heute so gut wie unbekannt ist, obwohl er direkt ins Zentrum der Macht zielte. Vordergründig lag das sicherlich daran, dass der Film nach der Ermordung Aldo Moros für Jahrzehnte von den Bildschirmen und Kinoleinwänden verschwand. Zu sehr zielte der Film darauf, die Figur des Ministerpräsidenten ins Lächerliche zu ziehen, zu konkret war das tödliche Attentat, dem er am Ende erliegt (allerdings als Letzter von mehr als hundert Opfern), zu nah kam der Film der These, dass die Hauptfeinde Moros im eigenen Lager zu finden sind, als das der Film noch eine wertfreie Betrachtung erfahren durfte. Doch der Versuch, entlarvende Filme einfach im Archiv verstauben zu lassen, ist schon oft daran gescheitert, dass sich die Verbreitung eigene Wege suchte. Da „Todo modo“ zwei Jahre vor Aldo Moros Entführung erschien, eine denkbare Variante.

Dass es nicht dazu kam, liegt am eigentlichen Grund für seine Unpopularität – „Todo modo“ vereinbart die unterschiedlichen Stile einer Satire und eines typischen Giallo im Gewand eines Kammerspiels. Nur unmittelbar zu Beginn und am Ende des Films findet die Handlung außerhalb der unterirdischen, bunkerähnlichen Anlage statt, die zum Komplex des San Ignazio di Loyola Ordens gehört. Der größte Teil des Films spielt in langen, schmalen Gängen, kleinen, spartanisch eingerichteten Zimmern und den zwar großflächigen Versammlungsräumen, die aber dank ihrer verhältnismäßig geringen Höhe einen niederdrückenden Eindruck hinterlassen. Hier versammeln sich einmal jährlich führende Vertreter der christdemokratischen Partei, einflussreiche Industrielle, Bankiers und Journalisten, um unter der Hoheit der katholischen Kirche in einer Art Selbstreinigung, Kraft für das kommende Jahr zu sammeln und innere Strukturen zu pflegen - eine schon seit Jahrhunderten bestehende Tradition der mächtigsten Personen des Landes. Und eine konkrete Anspielung auf Geheimbünde und Logen.

Als „M“ (Gian Maria Volonté) als Erster am Vorabend der dreitägigen Klausur eintritt, wird durch einen Lautsprecher vor einer Epidemie gewarnt, der schon einige Menschen in Italien zum Opfer fielen. Dieses Szenario deutet kurz auf ein übergeordnetes Drama hin, aber die Folgen der Epidemie werden nur ein, zweimal von „M“ angesprochen, später gibt es auch den Verdacht, dass von den Politikern ebenfalls welche der Krankheit zum Opfer gefallen wären, aber wirklich von Bedeutung ist sie nicht. Viel mehr steht diese Katastrophe beispielhaft für den Zustand eines Landes, um das man sich verstärkt kümmern müsste. Stattdessen erschließt sich daraus erst die Unfähigkeit der dafür Verantwortlichen, die sich hauptsächlich in Machtspielchen, persönlichen Interessen und verletzten Eitelkeiten ergehen. Diese werden vor allem dadurch hervorgerufen, weil sämtliche Teilnehmer der Klausur ihre sonstigen Machtbefugnisse verlieren. Sie alle stehen unter der Knute von Pater Don Gaetano (Marcello Mastroianni), der ihnen ihre Sünden lautstark vorhält, sie zum Fasten zwingt, in dem er ihnen kein Essen mehr serviert, und damit zunehmend Widerstand hervorruft.

Mastroianni verleiht dieser Rolle eine Ambivalenz in der Kritik an den Mächtigen, die ihre Ironie daraus gewinnt, dass sie zwar die Wahrheit klar ausspricht, aber letztlich nur eine Funktion erfüllt, der sich die Teilnehmer an der Klausur freiwillig stellen. Zum Nachdenken zwingt seine Kritik dann auch beinahe Niemand, denn die „Tage der Selbstfindung“ sind für die meisten nur eine lästige Pflicht, der sie sich aussetzen, um ihre Kontakte zu knüpfen und Machtinteressen durchzusetzen. Im Vergleich zu dem Großteil der hier anwesenden Politikern und Industriellen, erscheint „M“ sympathisch, aber er wird von Volonté als ängstlicher, zur Bigotterie neigender Schwächling entworfen. Besonders im Zusammenspiel mit seiner Frau, die er heimlich in das unterirdische Verlies schmuggeln ließ, gelingt Volonté die Studie eines Mannes, der sich einerseits an seiner großen Aufgabe berauscht, andererseits von inneren Zwängen beherrscht wird. Doch Petri und Sciascia belassen es nicht bei einer satirischen Überhöhung von Politcharakteren, sondern beginnen langsam, diese zu meucheln. Mit zunehmender Geschwindigkeit werden Leichen gefunden und immer, wenn sich ein Verdacht zu erhärten scheint, wird der Verdächtige selbst zum Opfer…

In dieser Konstellation wird die Situation des „historischen Kompromiss“ erkennbar, der die konservativen Kräfte des Landes spaltete. Seit den 90er Jahren steht fest, dass rechtsgerichtete Kreise die chaotischen Zustände in Italien bewusst förderten, um die Kommunisten, die damals sehr starke Unterstützung in der Bevölkerung erfuhren, zu diskreditieren. Dass Aldo Moro ausgerechnet in dieser Situation auf die kommunistische Partei zuging, um gemeinsam mit dieser an der Befriedung des Landes zu arbeiten, konnte bei interessierten Kreisen seiner Partei nur für Missstimmung sorgen. „Todo modo“ schildert konkret diese Gegenbewegung in dessen eigener Partei, aber auch von Seiten der Kommunisten blies dem Präsidenten der Wind ins Gesicht. Petri - wie Volonté selbst Mitglied der Kommunistischen Partei - wird zitiert, dass die Kommunisten den „historischen Kompromiss“ nach außen kritisierten, intern aber Sympathien dafür hatten. Diese widersprechenden Gefühle zeigen sich in der Gestaltung der Figur des „M“, dem zwar Sympathien entgegen gebracht werden, der aber gleichzeitig lächerlich gemacht wird. Der bis heute nicht endgütig aufgeklärte Mord an Aldo Moro, an dem auch der Geheimdienst mitgewirkt hatte und der diversen Parteigenossen nicht ungelegen kam, erzeugte ein Umdenken bei Sciascia und Volonté. Ihr 1986 entstandener, gemeinsamer Film „Il caso moro“ (Der Fall Moro), sollte sich Aldo Moro ernsthafter nähern und mehr dessen private Seite betonen.

Diese realen Vorkommnisse verleihen dem Film eine gewisse Tragik, weil er zwar bestehende Strukturen erkannte, diese aber für eine böse Satire nutzte, ohne die ernsthafte Gefahr dahinter voraussehen zu können. Das erschwert den Zugang zu einem Film, dessen Nähe zur damaligen Realität zudem Vorkenntnisse vorauszusetzen scheint, und der in seiner konkreten Aussage überholt wirkt. Dagegen können Damianis „Io ho paura“ und Rosis „Cadaveri eccellenti“ mit ihren an Polizei – Thrillern angelegten Szenarien bis heute ein größeres Publikum ansprechen, obwohl auch diese Filme direkt auf die damalige Situation in Italien reagierten.

Doch diese Betrachtung wäre oberflächlich, denn prinzipiell handelt es sich bei „Todo modo“ um das eigentliche Schlüsselwerk, das einen generellen Blick auf eine Führungselite wirft, deren grundsätzliches Verhalten sich bis in die Gegenwart nicht verändert hat. Angesichts der Bemühungen der Berlusconi-Regierung um Gesetze, die vor allem eigene Verfehlungen vertuschen sollen, während das Land unter der Finanzkrise leidet, wirkt der Vergleich mit der tödlichen Epidemie keineswegs übertrieben, aber „Todo modo“ nur auf Italien zu beschränken, wäre selbstgefällig und ignorant. Großartig gespielt, bis ins Detail genau sezierend, ohne Anspruch auf politische Neutralität, aber dafür eine makabre Lösung anbietend, die von der Wirklichkeit eingeholt wurde.


"Todo modo" Italien 1976, Regie: Elio Petri, Drehbuch: Elio Petri, Leonardo Sciascia (Roman), Darsteller : Gian Maria Volonté, Marcello Mastroianni, Michel Piccoli, Ciccio Ingrassia, Mariangela Melato, Laufzeit : 123 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Elio Petri:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.