Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

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Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Montag, 21. April 2014

L'homme de Rio (L'uomo di Rio / Abenteuer in Rio) 1964 Philippe de Broca

Inhalt: Soldat Adrien (Jean-Paul Belmondo) kommt gemeinsam mit einem befreundeten Kameraden auf Heimaturlaub nach Paris. Am Bahnhof trennen sie sich, verabreden sich aber wieder für die Rückreise. Adrien will seine Verlobte Agnés (Françoise Dorléac) besuchen, die bei Professor Catalan (Jean Servais), einem früheren Kollegen ihres verstorbenen Vaters, in einem Museum arbeitet. Als er dort ankommt, wird er Zeuge des Diebstahls einer wertvollen Inka-Statue und der Entführung seiner Verlobten und des Professors.

Er lässt sich von den Entführern nicht abschütteln und kommt auf Umwegen bis Rio de Janeiro, wo er zwar mehr über das Geheimnis der Statuen erfährt, gleichzeitig aber in Gefahr gerät…


"L'homme de Rio" (Abenteuer in Rio) konnte so nur in der ersten Hälfte der 60er Jahre entstehen - in einer Zeit, die noch von den altmodischen Relikten der Nachkriegszeit geprägt wurde, sich aber schon hemmungslos auf einen optischen wie architektonischen Futurismus zu bewegte, dessen uneingeschränkter Optimismus den Charme eines Films ausmacht, den Jean-Paul Belmondo als „Mann von Rio“ ideal verkörperte. In der Rolle des Adrien begibt er sich auf eine "Tour de Force", die noch unzählige Male imitiert wurde, aber in dieser Mischung aus Selbstironie, Lässigkeit, Ungeschicktheit, Zuverlässigkeit, heldenhaftem Mut und erfrischender intellektueller Einfachheit nicht mehr erreicht wurde (auch von Belmondo selbst nicht). Adrien hält immer die Waage zwischen Macho und Softie, Gewinner und Verlierer und selbst die widrigsten Umstände können ihn nicht von seinem Weg abbringen. Das Durchhaltevermögen und die körperliche Ausdauer des ständig rennenden und kletternden Kerls grenzen ans Übernatürliche.

Regisseur und Drehbuchautor Philipp de Broca, der zuvor schon „Cartouche“ (Cartouche der Bandit, 1962) mit Belmondo in der Hauptrolle inszeniert hatte, machte kein Geheimnis daraus, dass er sich mit dem Film an Hergés "Tintin"-Comics orientierte, dessen Held auch immer weite Wege gehen musste, womit De Broca sich einen Traum erfüllte. Doch das allein begründet nicht die traumwandlerische Sicherheit, mit der er seine Geschichte auf dem schmalen Grad von Albernheit, Kitsch, Übertreibungen und Stereotypen so tanzen lässt, dass sie trotzdem nachvollziehbar und fesselnd bleibt. Unterstützt wurde De Broca von überzeugenden Schauspielern, die den comichaft zugespitzten Figuren Leben einhauchten, ohne in Overacting zu verfallen. Besonders hervorzuheben ist Françoise Dorléac, die leider früh verstorbene große Schwester von Catherine Deneuve, die der jungen Agnès eine Mischung aus mädchenhafter Erotik, selbstbewusster Widerspenstigkeit und intelligenter Tatkraft verlieh. Auch Adolfo Celi als brasilianischer Forscher und Millionär De Castro ist einfach köstlich in seinem ständigen Wechsel zwischen Snobismus und Naivität.

Entscheidend für die Wirkung des Films ist aber die großartige Kulisse Rio de Janeiros und der im Entstehen begriffenen Hauptstadt „Brasilia“, die erst vier Jahre zuvor mitten im Urwald gegründet wurde. Der optimistische, zukunftsgläubige Zeitgeist spiegelt sich in deren Optik wider. Selbst in den Favelas Rio de Janeiros lässt sich Aufbruchstimmung und Modernität erkennen, aber erst die klar strukturierten Räumlichkeiten und Gebäude der futuristischen Architektur Oscar Niemayers in Brasilia verleihen dem chaotischen Treiben den passenden Hintergrund.

Vordergründig geht es um drei Inka-Figuren, die zusammen einen großen Schatz verbergen, dessen Geheimnis nur der Pariser Museumsleiter Prof. Norbert Catalan (Jean Servais) kennt. Er hatte diese zusammen mit zwei Forscherkollegen gefunden, die jeweils eine davon in ihrem Besitz behielten. Darunter Agnés Vater, der aber schon kurze Zeit später den Tod fand. Allerdings hatte er zuvor die Statue in Rio versteckt und nur seine Tochter kannte das Versteck. Als kurz hintereinander Catalans Figur aus dem Museum gestohlen wird und der Professor und Agnés entführt werden, führt die Spur unweigerlich nach Brasilien, wo sich die dritte Figur im Besitz des reichen Forschers De Castro befindet. Der einfache Soldat Adrien (Jean-Paul Belmondo) gerät nur in dieses Komplott, weil er während seines Heimaturlaubs seine Freundin Agnés besuchen will und sie vor seinen Augen entführt wird.

Erstaunlich an dieser Jagd über tausende Kilometer ist nicht nur das stimmige Tempo, dass neben wilden Jagden und halsbrecherischen Stunts immer wieder ruhige Momente einstreut, sondern die Lässigkeit, mit der die gesamte, sich keinen Moment zu ernst nehmende Geschichte, erzählt wird. Als zum Schluss Adrien wieder am Bahnhof Richtung Armeestützpunkt einsteigt, erreicht in letzter Sekunde auch sein Kamerad den abfahrenden Zug und erzählt aufgeregt vom Verkehrsstau, der ihn drei Stunden lang vom Montmartre zum Hauptbahnhof aufgehalten hätte. Adrien hört ihm aufmerksam zu, als hätte er selbst nichts erlebt - ein würdigeres Ende ist kaum vorstellbar.

"L'homme de Rio" Italien / Frankreich 1964, Regie: Philippe de Broca, Drehbuch: Philippe de Broca, Ariane Mnouchkine, Jean-Paul Rappeneau, Darsteller : Jean-Paul Belmondo, Francois Dorléac, Adolfo Celi, Roger Dumas, Jean Servais, Laufzeit : 98 Minuten

1 Kommentar:

Manfred Polak hat gesagt…

Als zum Schluss Adrien wieder am Bahnhof Richtung Armeestützpunkt einsteigt, erreicht in letzter Sekunde auch sein Kamerad den abfahrenden Zug und erzählt aufgeregt vom Verkehrsstau, der ihn drei Stunden lang vom Montmartre zum Hauptbahnhof aufgehalten hätte. Adrien hört ihm aufmerksam zu, als hätte er selbst nichts erlebt - ein würdigeres Ende ist kaum vorstellbar.

Sagt er nicht sogar etwas wie "Was für ein Abenteuer!"? Wirklich ein toller Schluss für einen tollen Film. Ich sah ihn vor ein paar Monaten wieder, und er hat mich so überzeugt wie in meiner Kindheit und Jugend, als ich ihn zwei- oder dreimal sah.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.