Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Sonntag, 20. April 2014

Classe tous risques (Asfalto che scotta / Der Panther wird gehetzt) 1960 Claude Sautet

Inhalt: Abel Davos (Lino Ventura) will zusammen mit seiner Frau Clemente und seinen beiden kleinen Söhne wieder zurück in ihr Heimatland Frankreich fliehen. Außerdem begleitet ihn sein Freund Raymond (Stan Krol), der ihn bei der Flucht aus Italien unterstützt.

Die beiden Gangster wurden in Italien zum Tode verurteilt und sie erhoffen sich in Frankreich - auch mit Hilfe ihrer alten Pariser Freunde - einen neuen Anfang. Doch die Flucht erfordert dramatische Opfer und Abel muß erfahren, daß ihn auch die alten Kumpels im Stich lassen. Einzig ein Fremder namens Stark (Jean-Paul Belmondo) scheint ihm helfen zu wollen...


Claude Sautets zweiter Film „Classe tous risques" (Der Panther wird gehetzt) wurde nicht nur ein signifikantes Werk für den italienisch-stämmigen Lino Ventura, der zuvor schon die Hauptrolle in „Le fauve est lâché" (Ein Raubtier rechnet ab, 1959) nach einem Drehbuch Sautets gespielt hatte, sondern auch zu einem Wegbereiter der langjährigen Karriere Jean-Paul Belmondos, obwohl der äußerst spannend erzählte Gangster-Film im allgemeinen Hype um die "Nouvelle Vague" zu Unrecht unterging. Godards nach einem Drehbuch Francois Truffauts parallel gedrehter "À bout de souffle" (Außer Atem, 1960) machte Belmondo endgültig zum Star als cooler Draufgänger, während er in „La ciociara“ (...und dennoch leben sie, 1960) unter Vittorio De Sica noch einen zurückhaltenden Intellektuellen neben der übermächtigen Sophia Loren verkörperte. Sautets realistischer, fast lakonisch dokumentarisch anmutender Stil, seine atmosphärischen Außenaufnahmen und teilweise aus einem subjektiven Blickwinkel gedrehten Schwarz-Weiß-Bilder wirken heute noch modern, aber sein rationaler Erzählstil und ausgeprägter Hang zur Action galt im Vergleich zum avantgardistischen Stil des jungen französischen Films damals als altmodisch.

Die italienisch-französische Co-Produktion beginnt in Mailand, wo die Freunde Abel Davos (Lino Ventura) und Raymond einen Geldkurier überfallen. Zuvor hatte Abel seine Frau Clemente und seine beiden kleinen Söhne zum Zug gebracht und sich mit ihr in dem italienischen Grenzort Ventimiglia verabredet, von wo sie gemeinsam nach Frankreich fliehen wollen, da Abel in Italien wegen Mordes zum Tode verurteilt worden war. In Frankreich erhofft er sich Unterstützung durch seine alten Freunde und ein Leben zusammen mit seiner Familie. Sautets Film nimmt in der ersten Hälfte den Charakter eines rasanten Road-Movies an, denn Abel befindet sich auf der Flucht vor der Polizei, ständig bedroht von Straßensperren und Kontrollen. Doch sein Plan geht schief. Als sie in einem Motorboot die französische Küste erreichen, werden sein bester Freund und seine Frau von Polizisten erschossen. Er kann zwar mit seinen Söhnen fliehen, aber der Bruch seines Lebenswillens wird trotz seines äußerlich weiter gehenden Kampfes zunehmend spürbar.

Lino Ventura, 1950 Europameister im Ringen, galt als ein Macho vom alten Schlag, der eher eine Frau schlug als mit ihr zu diskutieren. Äußerlich entsprach er diesem Image auch in Sautets Film, als er in einer Szene einer naseweisen jungen Frau eine Ohrfeige gibt, aber darüber hinaus zeichnet er sich durch einen sensiblen Umgang mit seiner Familie aus, was ihm die Sympathien der Zuschauer einbringt, die von seinen früheren Verbrechen nichts erfahren. Abel ist ein verzweifelter Mann, der darunter leidet, keine Zeit für seine Familie zu haben und es bereut, seiner geliebten Frau dieses Gangsterleben zugemutet zu haben. Die Szene zwischen ihm und seiner Frau kurz vor der Flucht beeindruckt durch ihre lakonische, frei von Kitsch bleibende Intensität. Auch der Umgang mit seinen Kindern wirkt genretypisch anachronistisch, da im Gangsterfilm normalerweise auf eine intensive Vermischung von Gangsterleben und Familie verzichtet wird.

Lino Venturas desillusionierter Ernsthaftigkeit stand als zweiter Hauptdarsteller der junge, stets gut gelaunte und optimistische Eric Stark gegenüber, ideal von Jean-Paul Belmondo verkörpert. Belmondo interpretierte mit seinem lässigen, gleichzeitig professionellen Spiel einen ähnlichen Typus wie in „Außer Atem“, der schon im heutigen Sinn cool wirkte und damit seiner Zeit weit voraus war - frei von Anstrengung und gleichzeitig seiner Situation bewusst. Es erstaunt wenig, dass der altmodische Abel viel Zeit benötigt, bis er ihm vertraut. Stattdessen versucht er - in Paris nur dank der Hilfe Starks angekommen - wieder Kontakt zu seinen alten Kumpels aufzunehmen, die sich teilweise zur Ruhe gesetzt haben und denen der von der Polizei gesuchte Gangster ein Dorn im Auge ist, den sie schnell wieder loswerden wollen. Sautet betont in der zweiten Hälfte des Films die Diskrepanz zwischen deren verbrecherischen Handeln und ihrer inzwischen festen Verankerungen in einem bürgerlichen Leben, auf das sie keineswegs mehr verzichten wollen.

Abel muss erkennen, dass ihn seine alten Kumpanen nicht nur im Stich gelassen haben, sondern das seine Vorstellungen von Gangster-Ehre und Zusammenhalt schlicht der Vergangenheit angehören, womit Sautet die Thematik des Melville-Films „Le deuxième souffle“ (Der zweite Atem, 1966) - ebenfalls mit Lino Ventura in der Hauptrolle - schon vorweg nahm. Einzig Eric Stark ( Jean-Paul Belmondo) steht ihm als Sympathieträger und cooler Draufgänger zur Seite, was Sautet nicht davon abhielt, seinen illusionslosen Film bis zum konsequenten Ende zu führen.

"Classe tous risques" Italien / Frankreich 1960, Regie: Claude Sautet, Drehbuch: José Giovanni, Claude Sautet, Darsteller : Lino Ventura, Jean-Paul Belmondo, Sandra Milo, Michel Ardan, Marcel Dalio, Laufzeit : 102 Minuten

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Neben "der zweite Atem" der beste Film Lino Ventura`s, welcher einer
meiner Lieblingsdarsteller neben Alain Delon u.Gerard Depardieu ist.
Da ich ein großer Fan französ.Filme
bin, habe ich diesen schon sehr lange
und sehe ihn immer wieder an.Sautet
gehört auch zu meinen Lieblingsregis-
seuren und ich kan jedermann diesen
Film empfehlen.Herzl.Dank Herr Archi-
tekt für diese Super-Beschreibung.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.