In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Dienstag, 16. Juli 2013

Umberto Lenzi - Meister der Genres (1931 - ) Regista / Regisseur

Angesichts der Reaktionen und Beurteilungen, denen Umberto Lenzi seit Jahrzehnten ausgesetzt ist, könnte man provokativ fragen, ob ihm die Meinungen seiner Gegner oder seiner Anhänger lieber sind? – Bei Denjenigen, die ihn während seiner gut 30jährigen Schaffensperiode als Regisseur von 1961 bis 1992 nie ernst nahmen oder ihn wegen seiner plakativen Filme ablehnten, ist er inzwischen in Vergessenheit geraten, bei seinen Fans gilt er dagegen wahlweise als Guru für „Polizeifilme der 70er Jahre“, Erfinder des „Cannibalismus“-Genres oder schlicht als „B-Film-Gott“, mit dem Ergebnis, dass seine Filme meist nur nach Action, Härte- und Kompromisslos-Grad beurteilt werden – ließ Lenzi auch sanftere Töne anklingen oder differenzierte er seine Charaktere, galt er schnell als nicht richtig in Form.

Dabei begann Umberto Lenzi, 1931 in Massima Marittima in der Toskana geboren, seine Karriere ganz konventionell und machte 1956 sein Regie-Diplom an der „Centro sperimentale di cinematografia“ in Rom. Als Diplomarbeit drehte er den - an den späteren Pasolini erinnernden - Kurzfilm “I ragazzi di Trastevere” über die einfache Bevölkerung eines römischen Viertels. Bevor es zu seinem ersten selbst verantworteten Film „Le avventure di Mary Read“ (1961) als Regisseur kam, hatte er als Regie-Assistent bei „Il terrore di mari“ (Die Piraten der Totenkopfinsel, 1961) mitgewirkt – bei beiden Filmen arbeitete er mit den Drehbuchautoren Luciano Martino und Ernesto Gastaldi zusammen, was sich prägend für sein kommendes Werk auswirken sollte. Luciano Martino, älterer Bruder von Sergio Martino, der ähnlich wie Lenzi in allen populären Genres erfolgreich Regie führte, sollte Lenzi besonders als Produzent in den 70er Jahren begleiten und Gastaldi verfasste später noch die Drehbücher zu zwei wichtigen Filmen.

1961 hatte Luciano Martino gemeinsam mit Sergio Leone und Duccio Tessari das Drehbuch zu Leones Film „Il colosso di Rodi“ (Der Koloss von Rhodos) geschrieben, was schon auf die zukünftige Entwicklung des Italo-Western hinwies, den sie entscheidend beeinflussten. Auch Umberto Lenzi drehte mit „Una pistola per cento bare“ (Ein Colt für 100 Särge) und „Tutto per tutto“ (Zwei Aasgeier) 1968 noch zwei Italo-Western, die an der Schnittstelle zwischen seiner „Agenten-Phase“ und seinem ersten Giallo „Orgasmo“ (1969) häufig unbeachtet blieben, obwohl sie verdeutlichen, dass Lenzi in sämtlichen Genre-Sparten zu Hause war. Seine Karriere startete er aber im damals sehr populären „Historien/Abenteuer Film", unabhängig davon ob es sich um Robin Hood („Il trionfo di Robin Hood“ (Robin Hood – der Löwe von Sherwood, 1962)), Katharina die Große („Caterina di Russia“ mit Hildegard Knef in der Hauptrolle, 1963) oder diverse Sandalenfilme handelte („Sandokan“ mit Steeve Reeves (1964)). Bis zu „I pirati della Malesia“ (Die schwarzen Piraten von Malaysia, 1964 - einem „Sandokan“ – Sequel und vorletzten Film von Steve Reeves, dessen Karriere eng mit den „Sandalen" - Filmen verbunden blieb - drehte Umberto Lenzi zwölf Filme innerhalb von vier Jahren, denen die seriellen Produktionsbedingungen anzumerken sind, die aber schon phasenweise Lenzis Talent zu einer dynamischen Zuspitzung der Handlung aufblitzen ließen.

Luciano Martino war in den 60er Jahren nur an „L’invincibile cavaliere mascherato“ (Robin Hood in der Stadt des Todes, 1962 – obwohl der Film nichts mit Robin Hood zu tun hat) beteiligt, dessen Drehbuch er gemeinsam mit Lenzi schrieb, der zunehmend seine Drehbücher selbst verfasste. Erst mit „Milano odia: la polizia non può sparare“ (Der Berserker, 1974) - Lenzis erstem „Poliziesco all’italiana“, der das Genre entscheidend beeinflussen sollte, begann ihre intensive Zusammenarbeit, denn Luciano Martino produzierte ab diesem Zeitpunkt sämtliche Polizieschi unter Lenzis Regie. Das Drehbuch zu „Milano odia: la polizia non può sparare“ entwarf Ernesto Gastaldi, womit das Team aus Lenzis erstem Film wieder zusammen kam und den Höhepunkt seiner Karriere einleitete.

Doch bevor es zu seinem fulminanten Einstieg in den Poliziesco kam, widmete er sich auf ganz eigene Art dem „Giallo“, den er um eine erotische Variante erweiterte – „Orgasmo“ (1969), „Cosi dolce…cosi perversa“ (1969), „Paranoia“ (1970) und „Il cotello di ghiaccio“ (1972) - immer mit Carroll Baker in der Hauptrolle, deren erster Film „Baby Doll“ (1956) ihr Image als erotische Versuchung langfristig prägen sollte, waren elegante, optisch versierte Filme, die weniger auf äußere Action als auf hintergründige Spannung setzten. Wenig überraschend, dass diese Filme, an denen mit Jean Sorel, Jean-Louis Trintignant und Lou Castel internationale Stars des europäischen Kinos beteiligt waren, heute ein Schattendasein fristen und bisher keine adäquaten deutschen Veröffentlichungen erfahren haben. Parallel zu diesen Filmen drehte Lenzi mit „La legione dei dannati“ (Die zum Teufel gehen, 1969) schon früh einen Kriegsfilm - der 1967 entstandene "Attentato ai tre grandi" (Fünf gegen Casablanca) verband die Thematik noch stark mit einem Abenteuer-Charakter - ein Genre, dass es in Italien besonders in der zweiten Hälfte der 70er Jahre zu einiger Popularität brachte, weshalb Lenzi später weitere Kriegsfilme folgen ließ („La grande attacco“ (Die große Offensive, 1978)), die er unter Pseudonym drehte – verständlich, angesichts einer wenig kritischen, vor allem an der Action interessierten Umsetzung.

Bei „La legione dei dannati“ kam es zu einer Begegnung mit dem jungen Dario Argento, der das Drehbuch schrieb. Obwohl sie danach nicht mehr zusammen arbeiteten, zeigen sich Parallelen in ihren Regiearbeiten der frühen 70er Jahre, denn auch Umberto Lenzi stärkte zunehmend den Thriller-Charakter in seinen „Gialli“, weshalb es zu einer eher ungewollten Gemeinsamkeit zwischen ihm und Argento kam – sowohl sein „Sette orchidee macchiate di rosso“ (Das Rätsel des silbernen Halbmonds, 1971), als auch Argentos erster Film „L’uccello dalle piume di cristallo“ (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1970) wurden der absterbenden Edgar-Wallace-Filmreihe hinzugefügt, da sie mit deutschen Produktionsgeldern entstanden waren. Doch Lenzis weiterer Weg führte ihn vom Giallo direkt zum aufkommenden Polizeifilm. Auch wenn sein erster Versuch „Milano rovente“ (1973) noch etwas halbherzig geriet und im Gangster-Milieu spielte, wurden seine acht zwischen 1974 und 1978 entstandenen Polizieschi zum Herzstück des Genres und spiegelten Aufschwung und Niedergang des Genres wider – mit „La banda del gobbo“ (Die Kröte, 1978) als atmosphärisch stimmigem Abgesang, der keine übertriebene Action und Gewalt mehr nötig hatte.

Umberto Lenzi war kein Genre-Erfinder – selbst der 1972 erschienene „Il paese del sesso selvaggio“ (Mondo Cannibale) bedeutete keine Gründung eines neuen Kannibalismus-Genres, sondern variierte nur die seit den frühen 60ern populären „Mondo“-Filme, die unter dem Deckmäntelchen der Dokumentation über Abstrusitäten berichten konnten - aber er bewies ein Gespür für die Chancen eines neuen Trends, das ihm zu eigenständigen Umsetzungen verhalf. Seine enge Zusammenarbeit mit Darstellern wie Carroll Baker, Tomas Milian, der in sechs seiner Polizieschi mitspielte und in „La banda del gobbo“ seine Dialoge selbst schrieb, oder dem Produzenten Luciano Martino verdeutlicht seine Bereitschaft zur Auseinandersetzung und Entwicklung – wie fast alle erfolgreichen italienischen Regisseure war auch Lenzi ein Teil der eng verzahnten Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden. Aber auch er konnte den Niedergang der italienischen Filmindustrie nicht aufhalten, der Ende der 70er Jahre zunehmend Gestalt annahm. Seine Ausflüge ins Komödien - Fach, das seinen Zenit auch schon überschritten hatte, nahm ihm Niemand mehr ab („Scusi, lei è normale?“ (Entschuldigen Sie, sind Sie normal?, 1979)), und seine Konzentration auf den Horror-Film („Mangiati vivi!" (Lebendig gefressen, 1980), der wenig mit Deodatos „Mondo cannibale“ gemein hat) förderte zwar seinen Ruf bei Anhängern des Genres, beschleunigte aber die ungerechtfertigt klischeehafte Beurteilung seines Gesamtwerks.

Umberto Lenzi hat keinen Preis als Regisseur gewonnen und keiner seiner Filme schaffte es auf irgendeine offizielle Bestenliste, aber deshalb sind seine Filme weder „Trash“, noch „Crash“, wie sie gerne – positiv gemeint – von Anhängern bezeichnet werden, sondern spiegeln einen freien, fast anarchischen Umgang mit den Möglichkeiten der 60er und 70er Jahre wider, mit denen er unmittelbar auf Zeitgeist, gesellschaftspolitische Ereignisse, Ängste und Emotionen reagierte, die er mit seiner schnellen, schnörkellosen und besonders in den Polizieschi der damaligen Realität verpflichteten Bildsprache umsetzte – näher dran als er waren nur Wenige.



Umberto Lenzi - seine Filme bis 1980:

1. Abenteuer / Sandalen - Filme:
"Le avventure di Mary Read" (Piratenkapitän Mary, 1961)
"Duello nella sila" (Einer gegen Sieben, 1962)
"Il trionfo di Robin Hood" (Robin Hood - der Löwe von Sherwood, 1962)
"Catarina di Russia" (Katharina von Russland, 1962)
"L'invincibile cavaliere mascherato" (Robin Hood in der Stadt des Todes, 1962)
"Zorro contro Maciste" (Zorro gegen Maciste - Kampf der Unbesiegbaren, 1963)
"Sandokan, la tigre di Monpracem" (Sandokan, 1963)
"Sandok, il Maciste della giungla" (Im Tempel des weißen Elefanten, 1963)
"L'ultimo gladiatore" (Der letzte der Gladiatoren, 1964)
"I pirati della Malesia" (Die schwarzen Piraten von Malaysia, 1964)
"I tre sergente del Bengala" (Die drei Sergeanten von Bengali, 1964)
"La montagna di luce" (1965)

2. Die "Agenten" Phase :
"A 008, operazione sterminio" (Heiße Grüße vom CIA, 1965)
"Superseven chiama Cairo" (Höllenhunde des Secret Service, 1965)
"Le spie amano i fiori" (Die Höllenkatze des Kong-Fu, 1966)
"Un millioni dollari per sette assassini" (Der King hetzt 7 Killer, 1966)
"Kriminal" (1966) - nach einem Fumetti-Comic

3. Kriegsfilme I :
"Attentato ai tre grandi" (Fünf gegen Casablanca, 1967)
"La legione dei dannati" (Die zum Teufel gehen, 1969)

4. Italo-Western:
"Tutto per tutto" (Zwei Aasgeier, 1968)
"Una pistola per cento bare" (Ein Colt für 100 Särge, 1968)

5.Gialli:

5.1. Giallo erotico (mit Carroll Baker):
"Orgasmo" (1969)
"Cosi dolce...cosi perverse" (1969)
"Paranoia" (1970)
"Il coltello di ghiaccio" (1972)

5.2. Gialli:
"Un posto ideale per uccidere" (1971)
"Sette orchidee macchiate di rosso" (Das Rätsel des silbernen Halbmonds, 1972)
"Spasmo" (1974)
"Gatti rossi in un labirinto di vetro" (Labyrinth des Schreckens, 1975)

5.3. Mondo-Film:
"Il paese del sesso selvaggia" (Mondo cannibale, 1972)

6. Poliziesco all'italiana:
"Milano Rovente" (1973)
"Milano odia: la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974)
"L'uomo della strada fa giustizia" (1975)
"Il giustiziere fida città" (Flash Solo, 1975)
"Napoli violenta" (Camorra - ein Bulle räumt auf, 1976)
"Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)
"Il trucido e lo sbirro" (Das Schlitzohr und der Bulle, 1976)
"Il cinico, L'infame, il violento" (Die Gewalt bin ich, 1977)
"La banda del gobbo" (Die Kröte, 1978)
"Da Corleone a Brooklyn" (Von Corleone nach Brooklyn, 1979)

7. Kriegsfilme II:
"Il grande attacco" (Die große Offensive, 1978)
"Contro 4 bandiere" (Nur Drei kamen durch, 1979)

8. Horror:
"Mangiati vivi!" (Lebendig gefressen, 1980)
"Incubo sulla città contaminata" (Großangriff der Zombies, 1980)

9. Komödie:
"Scusi, lei è normale?" (Entschuldigen Sie, sind Sie normal?, 1979)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.