Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy
Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Mittwoch, 24. Juli 2013

Gian Maria Volonté (1933 - 1994) Attore / Schauspieler



Gian Maria Volonté starb 1994 in Griechenland, während der Dreharbeiten zu „Der Blick des Odysseus“ unter der Leitung von Theo Angelopoulos. Der Regisseur fand ihn tot in der Badewanne liegend – er sah aus, als ob er schliefe. Ein Zustand, der nicht typisch war für einen Schauspieler, der alle Facetten der Emotionen bediente, der laut, brachial, theatralisch, körperlich, spielerisch und kindisch auftreten konnte und sich und seine Umgebung immer vollständig forderte. Dass er mit nur 61 Jahren an einem Herzinfarkt starb, scheint folgerichtig angesichts einer unaufhaltsamen schauspielerischen Laufbahn, die erst in den 80er Jahre von einer tiefen Depression gestoppt wurde, die Volonté sichtlich schwächte und frühzeitig altern ließ. Der Mann, der mit seiner fast 1,90 Meter großen kräftigen Gestalt seine Umgebung auch einschüchtern konnte - wie eine Schauspielkollegin in einem Interview einmal verriet - war körperlich gebrochen.

Schon seine Kindheit geriet in die Mühlen des 2.Weltkriegs und der faschistischen Diktatur unter Mussolini. 1933 in Mailand geboren, wuchs er in Turin als Sohn eines überzeugten militanten Faschisten auf. Dieser schloss sich 1944 der „Brigata nera“ (Schwarzen Brigade) in Chivasso an, einer in der Nähe von Turin gelegenen Kommune, um kommunistische Partisanen zu jagen, weshalb er nach dem Krieg ins Gefängnis kam, wo er kurz darauf starb. In Folge davon geriet Volontés Mutter Carolina Bianchi, die von einer Mailänder Industriellenfamilie abstammte, in finanzielle Schwierigkeiten, weshalb ihr ältester Sohn Gian Maria mit 14 Jahren nach Frankreich ging, um dort bei der Apfelernte zu arbeiten und die Familie zu entlasten. In diese Phase fällt auch seine erste Begegnung mit den Schriften von Albert Camus und Jean-Paul Sartre, die Volonté entscheidend prägen sollten.

Als er mit 16 Jahren wieder nach Italien zurückkehrte, galt sein Interesse schon dem Theater, weshalb er sich als Hilfs-Garderobier und im Sekretariat des örtlichen Theaters verdingte, bevor er 1954 seine Ausbildung zum Schauspieler an der „L’Accademia Nazionale d’Arte Drammatica“ in Rom begann, wo er bald als großes Talent galt. Noch während seiner Studienzeit spielte er in „Fedra“, einem 1957 für das italienische Fernsehen inszenierten Theaterstück, eine wichtige Rolle, die seine schauspielerische Arbeit für die kommenden Jahre bestimmen sollte. Noch mehrfach wirkte er in Theaterinszenierungen mit, darunter in der im Fernsehen als Mini-Serie ausgestrahlten fast 8stündigen Fassung von Dostojewskis „Idiot“ (1959), einem großen Erfolg in Italien, der seine Popularität begründete. Auffällig wurde dort, so sein damaliger Kollege und spätere Regisseur Giorgio Albertazzi, dass Volonté zwar ein großer Schauspieler war, aber nicht im klassischen Sinn – seine Kunst lag in der Improvisation. Dadurch wurde es intensiv spürbar, wie wahrhaftig und authentisch er seine Rollen anzunehmen in der Lage war.

1960, bei einer Theater-Inszenierung von Shakespeares „Romeo und Julia“ in Verona, begegnete er Carla Gravina, die zu diesem Zeitpunkt schon in einigen Filmen mitgewirkt hatte, darunter in „Guendalina“ (1957) von Alberto Lattuada und in Monicellis „I soliti ignoti“ (Diebe haben’s schwer, 1958), mit der er eine langjährige Liebesbeziehung begann. 1961 wurde ihre gemeinsame Tochter Giovanna, Volontés einziges Kind, geboren. Parallel begann er seine Filmkarriere mit einer kleinen Rolle in „Sotto dieci bandieri“ (Unter zehn Flaggen, 1960), in dem Charles Laughton die Hauptrolle spielte, bevor er 1961 schon in insgesamt vier Filmen mitwirkte. Neben zwei Nebenrollen in den damals populären Sandalenfilmen, spielte er auch in „La ragazza con la valigia“ (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck) von Valerio Zurlini und verkörperte an der Seite von Nino Manfredi und Mario Adorf in Luigi Comencinis „A cavallo della tigre“ (Vergewaltigt in Ketten) einen Intellektuellen, der aus Eifersucht getötet hatte. Verstand und Wahnsinn gleichzeitig zu verkörpern, wurde zu einem seiner Markenzeichen, wie er in den beiden frühen Leone Western „Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) und „Per qualche dollaro in più“ (Für ein paar Dollar mehr, 1965) bewies, mit denen er den Verbrecher-Typus in den Italo-Western entscheidend prägte. In „Quien sabe?“ (Töte Amigo!, 1967) unter der Regie von Damiano Damiani und Sergio Sollimas „Faccia a faccia“ (Von Angesicht zu Angesicht, 1967) variierte er diese Figur noch zwei weitere Male im Italo-Western.

Neben diesen Genre-Beiträgen - er spielte auch einen Schwerverbrecher in Lizzanis "Banditi a Milano" (1968), der das Polizieschi-Genre einleitete -  blieb Volonté immer auch dem intellektuellen Kino treu. Die Brüder Paolo und Vittorio Taviani besetzten ihn in ihrem ersten Langfilm „Un uomo da bruciare“ (Gebrandmarkt, 1962), in seiner ersten Hauptrolle als Salvatore Carnevale, einem Gewerkschaftsführer der Sozialistischen Partei Italiens (SPI), der 1955 auf Sizilien von der Mafia ermordet wurde – eine prototypische Rolle für Gian Maria Volonté, die er mit Vehemenz, aber auch mit dem Mut zur Stille ausfüllte. Noch mehrfach sollte er politisch kontroverse Personen der italienischen Zeitgeschichte  - darunter in „Il caso Mattei“ (Der Fall Mattei, 1972) und „Il caso Moro“ (Die Affäre Aldo Moro, 1986) – verkörpern. Auch für das italienische Fernsehen arbeitete er in den 60er Jahren noch regelmäßig, darunter in einer Serie über das Leben von „Michelangelo“ (1964).

Die Rolle des Salvatore Carnevale, aber auch des Widerstandkämpfers in De Bosios „Il terrorista“ (1963) waren beispielhaft für sein zunehmendes politisches Engagement. Als es 1965 bei der Aufführung des Theaterstücks „Der Stellvertreter“ (italienisch „Il vicario“) von Rolf Hochhuth, dass die Passivität des Pabsts und des Vatikans gegenüber den Judenmorden der Nationalsozialisten thematisiert, in Rom zu Verboten und Gewalttätigkeiten kam, stellte sich Volonté den Massenprotesten und kritisierte die Beeinflussung der Polizei durch den Vatikan als einen Verstoß gegen das Konkordat. Mit „A ciascuno il suo“ (Zwei Särge auf Bestellung, 1967) begann wenig später seine enge Zusammenarbeit nicht nur mit Elio Petri, mit dem er insgesamt fünf Filme drehte, sondern mit weiteren politisch engagierten Regisseuren wie Gianni Puccini ("I sette fratelli Cervi“, 1967), Francesco Rosi „Uomini contro“ (Bataillon der Verlorenen, 1970), Giuliano Montaldo („Saccho e Vanzetti“, 1971), Marco Bellocchio „Sbatti il mostro in prima pagina“ (Tödliche Schlagzeilen, 1972), erneut mit Damiano Damiani in „Io ho paura“ (Ich habe Angst, 1977) und nicht zuletzt mit Gillo Pontecorvo „Operación Ogro“ (Ogro, 1979).

Parallel nahm Volonté engagiert am politischen Diskurs in der Öffentlichkeit teil, der sich ab den späten 60er Jahren zuspitzte. Schlagzeilen wie „Volonté - cento facce per combattare di sistema“ (Volonté - hundert Methoden um das System zu bekämpfen) oder  „Gian Maria, il „mostro sacro“ – un grande camaleonte“ (Gian Maria, das „heilige Monster“ – ein großes Chamäleon) lassen an seiner linksgerichteten Haltung, aber auch an der Kritik an seinen Methoden keinen Zweifel. Gemeinsam mit über 60 Regisseuren verfasste er das politische Manifest „Documenti su Giuseppe Pinelli“ (1970), nachdem dieser nach einer Festnahme aus dem Fenster eines Polizeigebäudes stürzte und starb. Der Kommunist war zu Unrecht nach einem Bombenattentat verhaftet worden, für das tatsächlich eine faschistische Gruppe verantwortlich war, wie sich erst Jahrzehnte später herausstellen sollte. So engagiert Volonté war, so anstrengend war er auch für seine Mitstreiter, denn der Darsteller forderte ein gleichberechtigtes Mitbestimmungsrecht an der Filmherstellung.

Mitte der 70er ließ er sich für eine Wahlliste der Kommunistischen Partei (KPI) aufstellen, in der er schon seit den 60er Jahren Mitglied war, wurde aber nicht gewählt. Es war eine Phase, in der die KPI einen hohen Zuspruch bei den Wählern erzielte, weshalb sogar eine Koalition mit der christlichen Partei diskutiert wurde, um Italien vor einer erneuten Diktatur zu bewahren – ein in beiden politischen Lagern höchst umstrittener Plan. Es gibt keine Quellen dafür, dass es in dieser Frage zwischen Elio Petri und Volonté zum Bruch kam, aber nach ihrem gemeinsamen Film „Todo modo“ (1976), der diese Idee satirisch behandelte und in dem Volontè Aldo Moro als lächerliche Figur interpretierte, dem wichtigsten Befürworter auf konservativer Seite, war die seit einem Jahrzehnt andauernde enge Zusammenarbeit zwischen Petri und Volonté beendet. Als wenig später Aldo Moro entführt und ermordet wurde, war der „compromesso storico“ (der historische Kompromiss) in Italien nicht mehr möglich.

Die Parallelen zwischen dem Niedergang der italienischen Filmindustrie und dem politischen Film, der Mitte der 70er Jahre seinen Zenit überschritten hatte, sind offenkundig. Nach dem Anschlag auf Aldo Moro veränderten sich die Vorzeichen in Italien eklatant. Die Anti-Terror Gesetze wurden verstärkt und die Linke verlor, da die „Roten Brigaden“ für den Tod des Politikers verantwortlich gemacht wurden, insgesamt an Reputation – der Tod Enrico Berlinguers 1984, dem charismatischen Führer der KPI, beendete diese Hochphase endgültig. Gian Maria Volonté trotzte dieser Tendenz noch ein wenig und drehte mit „La mort de Mario Ricci“ (1983) und „Il caso Moro“ (1986) zwei politische Filme, die ihm wichtige Preise einbrachten. Besonders „Il caso Moro“ nutzte er, um bei seiner zweiten Verkörperung des Politikers Moro nach „Todo modo“, dessen Charakter eine andere Richtung zu geben. Die wenigen Filme, die er in dieser Phase drehte, waren ein beredtes Zeichen für seinen schlechten Gesundheitszustand, und auch wenn er Ende der 80er Jahre wieder stärker in das Filmgeschäft einstieg, bleibt sein früher Tod nicht nur ein unersetzlicher Verlust für das Kino generell, sondern steht am Ende eine langen erfolgreichen Ära des italienischen Films.

Quelle: „Un attore contro: Gian Maria Volonté” Dokumentarfilm 2005 

Gian Maria Volonté - seine Kinofilme: 

1. Vom Sandalenfilm zum Italo-Western 1960 - 1965













"Sotto dieci bandieri" (Unter zehn Flaggen, 1960) - Duilio Coletti
"Antinea, l'amante della città sepolta" (Die Herrin von Atlantis, 1961) - Giuseppe Masini
"Ercole alIa conquista di Atlantide" (Herkules erobert Atlantis, 1961) - Vitterio Cottafavi
"La ragazza con la valigia" (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck, 1961) - Valerio Zurlini
"A cavallo della tigre" (Vergewaltigt in Ketten, 1961) - Luigi Comencini
"Noche de verano" (1962) - Jorge Grau
"Un uomo da bruciare" (Gebrandmarkt, 1962) - Paolo und Vittorio Taviani, Valentino Orsini
"Le quattro giornate di Napoli" (Die vier Tage von Neapel, 1962) - Nanni Loy
"Il terrorista" (1963) - Gianfranco De Bosio
"Per un pugno di dollari" (Für eine Handvoll Dollar, 1964) - Sergio Leone
"Il magnifico cornuto" (Der große Hahnrei, 1964) - Antonio Pietrangeli
"Per qualche dollaro in più" (Für ein paar Dollar mehr, 1965) - Sergio Leone

2. Vor dem politischen Urknall - Brancaleone bis zum Poliziesco 1966 - 1969















"L'armata Brancaleone" (Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Branca Leone, 1966) - Mario Monicelli
"La stagioni di nostro amore" (Jahreszeiten unserer Liebe, 1966) - Florestano Vancini
"Svegliati e uccidi" (Feuertanz, 1966) - Carlo Lizzani
"La strega in amore" (Hexe der Liebe, 1966) - Damiano Damiani
"Het gangstermeisje" (Illusion - ein Gangstermädchen, 1966) - Frans Weisz
"Quien sabe?" (Töte Amigo, 1967) - Damiano Damiani
"A ciascuno il suo" (Zwei Särge auf Bestellung, 1967) - Elio Petri
"Faccia a faccia" (Von Angesicht zu Angesicht, 1967) - Sergio Sollima
"I sette fratelli Cervi" (1967) - Gianni Puccini
"Summit" (1968) - Giorgio Bomtempi
"Banditi a Milano" (1968) - Carlo Lizzani 
"L'amante di Gramigna" (1969) - Carlo Lizzani
"Sotto il segno dello scorpione" (Im Zeichen des Skorpions, 1969) - Paolo und Vittorio Taviani

3. Die politische Phase 1970 - 1979



















"Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto" (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger, 1970) - Elio Petri
"Le vent d'est" (Ostwind, 1970) - Groupe Dziga Vertov
"Uomini contro" (Bataillon der Verlorenen, 1970) - Francesco Rosi
"Le cercle rouge" (Vier im roten Kreis, 1970) - Jean-Pierre Melville
"Documenti su Giuseppe Pinelli" (1970) - Elio Petri, Nelo Risi
"Sacco e Vanzetti" (Sacco und Vanzetti, 1971) - Giuliano Montaldo
"La classe oparaia va a paradiso" (Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies, 1971) - Elio Petri
"Il caso Mattei" (Der Fall Mattei, 1972) - Francesco Rosi
"L'attentat" (Das Attentat, 1972) - Yves Boisset
"Sbatti il mostro in prima pagina" (Tödliche Schlagzeilen, 1972) - Marco Bellocchio
"Lucky Luciano" (1973) - Francesco Rosi
"Giordano Bruno" (Der Mönch von San Dominico, 1973) - Giuliano Montaldo
"Il sospetto" (1975) - Francesco Maselli
"Actas de Marusia" (1976) - Miguel Littin
"Todo modo" (1976) - Elio Petri
"Io ho paura" (Ich habe Angst, 1977) - Damiano Damiani
"Operación Ogro" (Ogro, 1979)
"Cristo si è fermato a Eboli" (Christus kam nur bis Eboli, 1979) - Francesco Rosi

4. Spätphase 1980 - 1994

"Stark system" (1980) - Armenia Balducci
"La storia vera deIla signora dalle camelie" (Die Kameliendame, 1981) - Mauro Bolognini
"La mort de Mario Ricci" (Tod des Mario Ricci, 1983) - Cluade Goretta
"Il caso Moro" (Die Affäre Moro, 1986) - Giuseppe Ferrara
"Cronica di una morte annunciata" (Chronik eines angekündigten Todes, 1987) - Francesco Rosi
"Un ragazzo di Calabria" (1987) - Luigi Comencini
"L'oeuvre au noir" (1988) - Andrè Delvaux
"Pestalozzis Berg" (1989) - Peter von Gunten
"Tre colonne in cronaca" (1990) - Carlo Vanzina
"Porte aperte" (Offene Türen, 1990) - Gianni Amelio
"Una storia semplice" (Eine einfacher Fall, 1991) - Emidio Greco
"Funes, un gran amor" (1993) - Raúl de la Torre
"Tirano Baderas" (1993) - José Luis Garcia Sánchez

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.