In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Mittwoch, 10. Oktober 2012

C'era una volta il West (Spiel mir das Lied vom Tod) 1968 Sergio Leone


Inhalt: Drei bewaffnete Pistoleros in langen Mänteln begeben sich zu einem Bahnhof einer staubigen Kleinstadt im Westen der USA. Nachdem sie die wenigen Anwesenden vertrieben und den Vorsteher eingesperrt haben, warten sie auf den nächsten Zug, der auch planmäßig eintrifft. Nur scheint die Person, auf die sie warten, nicht auszusteigen, denn kurze Zeit später nimmt die Lokomotive wieder Fahrt auf. Bis sie die Töne einer Mundharmonika hören, die ein Mann (Charles Bronson) erklingen lässt, der auf der gegenüberliegenden Seite ausgestiegen war und ihnen selbstbewusst zum Duell gegenüber tritt. Kurze Zeit später reitet er mit einem ihrer Pferde davon, drei tote Männer zurücklassend.

Auf der abseits der Stadt gelegenen Farm von Brett McBain (Frank Wolff) herrscht große Aufregung. Bain treibt seine Kinder an, alles bestens für das Fest vorzubereiten, das er heute feiern will, denn seine Braut Jill (Claudia Cardinale), die er in New Orleans kennengelernt hatte, kommt in wenigen Minuten mit dem Zug an. Doch bevor er sie mit seiner Kutsche abholen kann, werden er und seine Kinder aus dem Hinterhalt erschossen. Nichts ahnend lässt sich Jill, die erstaunt ist, nicht abgeholt zu werden, zur Farm bringen, wo sie nur noch Leichen vorfindet. Doch die Killer, die es auf Bains Farm abgesehen hatten, ahnen nicht, das Jill schon mit McBain verheiratet war und rechtmäßige Erbin der Farm ist…


Sergio Leone war und blieb eine Ausnahmeerscheinung im italienischen Kino. Nicht nur wegen der großen und bis heute anhaltenden Popularität seiner wenigen Filme, sondern auch wegen seines Einzelgängertums innerhalb der eng verflochtenen Gemeinschaft der italienischen Filmschaffenden.

Dabei verlief der Beginn seiner Karriere parallel zu denen vieler Regisseure seiner Generation. Aufgewachsen während der Zeit des Mussolini-Faschismus, geprägt von einem Vater, der ebenfalls als Regisseur tätig war und wie viele seiner Zeitgenossen dem Kommunismus nahe stand, nahm er als Schauspieler und Regieassistent an "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948) von Vittorio De Sica teil, einem Schlüsselwerk des Neorealismus. Auffällig ist zudem, das er mit einigen später bekannt gewordenen Filmemachern zusammenarbeitete - etwa mit Sergio Corbucci und Duccio Tessari bei "Gli ultimi giorni di Pompei" (Die letzten Tage von Pompeji, 1959) - und einige Karrieren erst ermöglichte oder bestärkte, wie die des Schauspielers Gian Maria Volontè, der in seinen beiden ersten Western der Dollar-Trilogie als Bösewicht auftrat, des Regisseurs Dario Argento, der am Drehbuch von "C'era una volta il West" (Spiel mir das Lied vom Tod) beteiligt war, oder des Filmmusikers Ennio Morricone, dem er - zudem ein ehemaliger Klassenkamerad - treu blieb.


Doch das blieb bei Leone eine Ausnahme. Weder beteiligte er sich bei den zahlreichen Episodenfilmen, die in den 60er Jahren entstanden, und die eine Vielzahl von Regisseuren in unterschiedlichen Konstellationen vereinte, noch arbeitete er am Drehbuch anderer Filmemacher mit, wie es für viele Regisseure üblich war. Drehbuchautoren wie Cesare Zavattini, Tonino Guerra oder Suso Cecchi D'Amico, die mehr als drei Jahrzehnte lang prägend waren für das italienische Kino und mit fast allen wichtigen Regisseuren zusammen arbeiteten, blieben bei ihm außen vor. Einzig die späte Zusammenarbeit mit Damiano Damiani an "Un genio, due compari, un pollo" (Nobody ist der Größte, 1975) ist noch bemerkenswert, doch während der Entstehungszeit von "C'era una volta il West", als durch den Vietnamkrieg und große gesellschaftliche Veränderungen - in der Folge davon Studentenunruhen, Massenstreiks und Terrorismus - die Demokratie in Italien auf der Kippe stand, und die Solidarität und enge Zusammenarbeit unter den italienischen Filmregisseuren ihren Höhepunkt fand, hielt Leone sich fern. Das filmische Manifest zum Tode Giuseppe "Gino" Pinellis ("Documenti su Giuseppe Pinelli", 1970) wurde von 60 Regisseuren unterzeichnet - darunter Sergio Corbucci, Tessari, Bertolucci, der ebenfalls am Drehbuch von "C'era una volta il West" mitwirkte, und Damiani - nicht aber von Sergio Leone. Trotzdem ist "C'era una volta il West" in seiner inhaltlichen Ausrichtung ohne die gesellschaftspolitischen Veränderungen dieser Phase nicht vorstellbar.

Bekanntlich wollte Leone nach seiner „Dollar-Trilogie“, die er 1966 mit „Il buono, il brutto, il cattivo“ (Zwei glorreiche Halunken) vervollständigte, ein Gangster-Epos drehen, wurde aber von den amerikanischen Studios in Hollywood davon überzeugt, nochmals einen Western auf die Leinwand zu bringen. Die Idee eines Gangster-Epos verlor er nicht aus den Augen, denn schon 1972 begann er seinen letzten Film „Once upon a time in America“ (Es war einmal in Amerika, 1984) vorzubereiten, den dritten und abschließenden Teil seiner „Amerika-Trilogie“. Dass er diese Trilogie schon vor Augen hatte, als er "C'era una volta il West" entwarf, ist eher unwahrscheinlich, aber die Parallelen zwischen diesen Werken, zu denen noch „Giù la Testa“ (Todesmelodie, 1971) gehört, sind offensichtlich. Neben den äußerlichen Merkmalen – der Bildaufbau, die Wechsel zwischen der Totalen und Nahaufnahmen in die Gesichter der Protagonisten oder Morricones Musik - ist es vor allem die verschachtelte Erzählform, die mit Rückblenden arbeitet, aus der sich erst langsam die Konsequenzen der Gegenwart erklären.

Mit diesem Storyaufbau unterschied sich Leones Film erheblich vom typischen Italowestern, der eine eher geradlinige Storyline bevorzugte. Das gilt auch für die Charakterzeichnungen, die sich nur langsam dem Betrachter erschließen, wie der gesamte Film die Form eines Mosaiks annimmt, das sein Antlitz erst kurz vor der Vollendung preisgibt. Unabhängig von dieser inneren Entwicklung verzichtete Leone sowohl auf eindeutige Charaktere, als auch auf einen klassischen Helden. Der Mann mit der Mundharmonika (Charles Bronson) scheint als Gegenspieler von Frank (Henry Fonda), der als verlängerter Arm des Eisenbahnchefs Morton (Gabriele Ferzetti) über Leichen geht, am ehesten für die Rolle des Sympathieträgers prädestiniert, aber solche Eindeutigkeiten strebte Leone in seinem Film nicht an. Der Mann mit der Mundharmonika bleibt lange abwartend und beobachtend, keineswegs gewillt seine offensichtlichen Fähigkeiten einzusetzen, die er in der berühmten Szene zu Beginn beweist, als er von drei Männern am Bahnhof erwartet wird. Auch verhält er sich für einen typischen Helden des Italowestern zu spartanisch, den weltlichen Dingen des Lebens wenig zugeneigt und nur auf sein Ziel fokussiert – eine Rolle, die ihrer Zeit voraus war, und prägend wurde für den coolen, seine Emotionen unter Kontrolle haltenden Profi.

Eher wäre Cheyenne (Jason Robards) ein geeigneter Kandidat für eine typische Helden-Figur, denn unter seiner rauen Schale schlägt ein goldenes Herz, weshalb er sich auch der schönen Jill McBain (Claudia Cardinale) annimmt, die plötzlich als Witwe da steht – natürlich nicht ganz ohne eigennützige Motive. In seiner Figur vereinen sich nicht nur Gerissenheit und Können, sondern er ist auch für den Humor in Leones Film in einer selbstironischen Art zuständig, die auch seine Umgebung treffend zu kommentieren weiß – nicht zuletzt gegenüber dem jederzeit ernsten Mann mit der Mundharmonika. Das sich in seiner Rolle auch die Tragik des alten Westeners verdeutlicht, der die Veränderungen durch die Zivilisation zu spät für sich entdeckt, wurde als weiteres Indiz dafür angesehen, das Sergio Leone mit seinem Film einen Abgesang auf den „Wilden Westen“ beabsichtigt hätte – eine häufig geäußerte, bei näherer Betrachtung zu oberflächliche These.

Tatsächlich widmet sich der Film weder den klassischen Mythen, noch der unendlichen Weite des „Wilden Westens“, sondern beschränkt seine Handlung auf einen kleinen Kreis von Protagonisten in einem überschaubaren Umfeld. Auch die grandiosen Panorama-Bilder, begleitet von Morricones Emotionen schürender Musik, können nicht darüber hinwegtäuschen, das nur wenige Meilen zwischen dem Bahnhof, der kleinen Stadt und der Farm liegen, auf die sich die Gleisbauarbeiten zubewegen. Leone entwickelt innerhalb dieser klar definierten Umgebung fast kammerspielartig eine zugespitzte Situation, die stellvertretend steht für die industrielle Entwicklung der USA unter der Prämisse des Kapitalismus. Die Rückblende, die sich in der Erinnerung des Mannes mit der Mundharmonika zusehends konkretisiert, erzählt nicht einfach die Geschichte einer persönlichen Auseinandersetzung – nicht ohne Grund gibt sich der Mann mit der Mundharmonika wechselnde Familiennamen - sondern steht für eine generelle Vorgehensweise im Namen des Fortschritts. 

Aus diesem Grund ist die Einordnung Franks als klassischer Bösewicht auch falsch, denn er agiert weder als Revolverheld, noch Gangster-Boss, sondern im Auftrag einer Eisenbahngesellschaft, deren Chef Morton als Ehrenmann gilt. Sein Hang zum Sadismus und seine Gnadenlosigkeit auch gegenüber Frauen und Kindern, ändert nichts daran, dass er Befehle ausführt, die im Rahmen der industriellen Expansion gewünscht sind. Gesetzlich liegt gegen ihn nichts vor. In seiner Person wird die Tragik eines Mannes ersichtlich, der sich selbst überschätzt. Mit seinen stahlblauen Augen scheinbar selbstbewusst und kontrolliert auftretend, begreift er nicht, dass er nur willfähriges Werkzeug für die Drecksarbeit der Eisenbahngesellschaft war – sein Versuch, selbst das Heft des Handelns zu übernehmen, als sein Boss Morton zunehmend von seiner Krankheit dahingerafft wird, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Frank fehlt das Entscheidende für einen modernen (Gangster)Boss – bürgerliches Auftreten, Ansehen in der Gesellschaft und die notwendige Bildung, ein großes Wirtschaftsunternehmen zu leiten.

Häufig wird die Kürze des abschließenden Showdowns zwischen Frank und dem Mann mit der Mundharmonika kritisiert. Dabei wird darin das entscheidende Statement des Regisseurs ersichtlich - es ist nicht mehr von Bedeutung. Frank hatte schon im Vorfeld verloren, als er Morton vernichtete, sein eigener Tod ist nur noch nebensächlich. Einzig das Gefühl, den Protagonisten eines hemmungslosen Fortschritts einen Moment lang Einhalt geboten zu haben, streift den Betrachter, aber Leone selbst zerstört diesen Eindruck nur wenige Augenblicke später. Die Mortons und Franks sind ersetzbar, während der Mann mit der Mundharmonika am Horizont verschwindet. Die Eisenbahn dagegen lässt sich nicht aufhalten und wenn Jill am Ende, bewusst ihre Reize einsetzend, zwischen den Bahnarbeitern flaniert, dann zeigt sich - begleitet von Morricones melancholischer Musik - darin kein ausgelassenes fröhliches Bild, sondern eine notwendige Anpassung an die Zukunft. 

"C'era una volta il West" Italien, USA 1968, Regie: Sergio Leone, Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati, Dario Argento, Bernardo Bertolucci, Darsteller : Charls Bronson, Henry Fonda, Jason Robards, Claudia Cardinale, Gabriele Ferzetti, Laufzeit : 175 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Leone:

Keine Kommentare:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.