

Die Story von "Servo suo" klingt vertraut und befand sich 1973 auf der Höhe einer Zeit, in der einige Mafia-Filme in die Kinos kamen und der "Poliziesco" in Italien an Fahrt aufnahm. Im Jahr zuvor hatte Regisseur Romano Scavolini mit dem Giallo "Un bianco vestite per Marialé" schon einmal ein populäres Genre bedient, blieb aber seinem avantgardistischen Stil treu. "Servo suo" erfüllt nicht die übliche Erwartungshaltung an einen Thriller oder Action-Film, sondern betrachtete das Genre aus einem eigenständigen Blickwinkel, geprägt von der Bildsprache Scavolinis, der neben Regie und Drehbuch auch als Kameramann fungierte.
Seit Mitte der 60er Jahre bis heute arbeitet Scavolini, Jahrgang 1940, in unregelmäßigen Abständen außerhalb des populären Kinobetriebs auf vielen Feldern des Filmschaffens und ist nur wenig bekannt. Leider existiert von "Servo suo" nur eine Veröffentlichung in VHS-Qualität - entsprechend unzureichend sind die hier im Blog gezeigten Screenshots. Bei der Veranstaltung des Filmkollektivs Frankfurt "Avantgarde und Experiment in Italien" vom 3.-6.11.2016 gab es die einmalige Gelegenheit seinen Kurzfilm "Solitudine" aus dem Jahr 1966 zu betrachten - neben einer Vielzahl weiterer Werke avantgardistischer Filmkunst.
Martin (Chris Avram), ein Mann ohne Zukunft und familiäre Bindungen, wird zum Objekt eines Mafia-Clans für einen internen Racheplan. Erst wird er zum Killer ausgebildet, dann muss er seine Fähigkeiten beweisen, bevor er auf das Zielobjekt angesetzt wird.

„Alle denken, die Einsamkeit ist Teil des Geschäfts“
äußert Martin einmal gegenüber einem Verbindungsmann, der
ihm den Kontakt zu einer schönen Tänzerin (Paola Senatore) ermöglicht. Doch bis
Martin dieser Glücksmoment gewährt wird – der sich genregerecht als Illusion
herausstellt – vergeht viel Zeit, denn Scavolini legte sein erzählerisches
Gewicht auf die Vorgeschichte. Diese beginnt noch konventionell mit einem
Attentat und lauten Sirenen, aber schon hier wird die eigenwillige Handschrift
des Regisseurs deutlich. Keine Verfolgungsjagd oder Schusswechsel bestimmen den
weiteren Verlauf, sondern die Kamera bleibt bei dem Schwerverletzten im
Krankenwagen und fängt dessen Schmerzen ein. An ihrer Kritik an der Mafia, die
Jeden gnadenlos opfert, der ihrer Sache im Weg steht, ließen weder "Tony Arzenta" noch die parallel erschienenen Mafia-Filme Fernando di Leos („Il Boss“
(Der Teufel führt Regie, 1973)) einen Zweifel, aber sie betonten mehr deren
Gewaltpotential, Scavolini konzentrierte sich dagegen auf die sklavenhafte
Abhängigkeit des Einzelnen innerhalb eines Systems völliger Kontrolle.
Mit den Worten „Servo suo“ (Dein Diener) erweist ein
Mafia-Boss dem ranghöheren Paten seinen Respekt. Bei ihm eine Form der Höflichkeit,
für Martin die erniedrigende Realität. Er gerät unfreiwillig in diese Position,
weil er dem an einen Rollstuhl gefesselten Sohn des örtlichen Mafia-Potentaten
Englischunterricht gibt und damit in den Focus seines Auftraggebers gerät. Obwohl
ohne Freunde und Perspektive, hat sich der aus England stammende Enddreißiger mit
seiner Situation abgefunden und sein Leben in einer einfachen Umgebung
eingerichtet. Für die Mafia ist er ein idealer Kandidat – Niemand würde ihn
vermissen. Als ihm nach einer Unterrichtsstunde zu viel Geld zugesteckt wird,
will er es zurückgeben, aber der Wachposten am Tor verweigert die Annahme.
Martin nutzt das Geld für eine Nacht mit seiner Lieblings-Prostituierten,
weshalb er am nächsten Tag nicht mehr in der Lage ist, es zurückzuzahlen. Eine
kleine Summe genügte, um ihn in die Abhängigkeit der Mafia geraten zu lassen.

Die erzählerische Anlage des Films ist sehr ruhig und blieb in
der Verwendung bekannter Klischees des Mafia- und Kriminalfilms konventionell.
Doch diese dienten Scavolini nur als Rahmen für eine Bildsprache, die dem Genre
nicht nur zusätzliche Aspekte verlieh, sondern darüber hinausging. Die eingeblendeten
TV-Bildschirme einer zentralen Überwachungsstelle, von der aus Martin bei jeder
Regung beobachtet werden kann, überhöhten die Realität und sollten die marionettenhafte
Abhängigkeit des Protagonisten symbolisieren. Mehr noch betonte Scavolini mit
seinen Bildern eine inhaltliche Leere. Eine Leere, die Scavolini generell als
Ausdruck der Gegenwart verstand. Wiederholt stellte er seinen Protagonisten in
große, von betonierten Flächen bestimmte Räume, in denen er fast verschwindet.
Oder er konfrontierte ihn mit gleichförmigen Mustern. Ein anderes Mal tritt er aus
dem Hintergrund einer zentral im Bild stehenden unbekannten Person heraus. Das
Individuum fällt hinter eine austauschbare, gesichtslose Umgebung zurück. Auch
den wenigen Action-Szenen nahm Scavolini ihre Bedeutung. Von der wilden
Schießerei in einer Industriebrache schwenkt die Kamera über zu seinem einsamen
Sandstrand mit zwei Spaziergängern und Hund, die nichts davon bemerkt haben.
„Servo suo“ ist ein aufregender, überraschender Film, aber er zieht seine Spannung weniger aus der Story, als aus einer optischen Inszenierung, die mehr zuließ als die Genre--übliche Auseinandersetzung mit einem übermächtigen Feind. Den eigentlichen Kampf liefert Martin um seine Selbstbestimmtheit und der Ausgang bleibt bis zum Schluss offen.
"Servo suo" Italien 1973, Regie: Romano Scavolini, Drehbuch: Romano Scavolini, Darsteller : Chris Avram, Paola Senatore, Lea Leander, Alberto Bertoli, Francesca Sebastiani, Laufzeit : 90 Minuten
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