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Dienstag, 8. November 2016

Servo suo (1973) Romano Scavolini


Inhalt: Martin (Chris Avram), ein gebürtiger Engländer Ende 30, lebt allein in einer kleinen Hütte in einem heruntergekommenen Stadtteil. Als Englisch-Nachhilfe-Lehrer des an einen Rollstuhl gefesselten Sohnes des örtlichen Mafia-Bosses verdient er ein wenig Geld und hat es sich trotz seiner Perspektivlosigkeit in seinem Leben eingerichtet. Auch wenn ihn seine Nachbarn belächeln, weil er seine kleine Wohnung immer ordentlich abschließt. Bei ihm gäbe es schließlich nichts zu holen. 

Sein Leben verändert sich schlagartig als ihm nach einer nachmittäglichen Unterrichtsstunde zu viel Geld zugesteckt wird. Als der Wachposten es nicht zurücknehmen will, verbringt er eine gemeinsame Nacht mit der jungen Prostituierten vom Straßenstrich nebenan. Am nächsten Tag kann er das Geld nicht mehr zurückzahlen. Martin ahnt den perfiden Plan dahinter noch nicht. Er wurde von dem Vater seines Schülers als Werkzeug eines Rachefeldzugs ausgewählt. Neben seiner körperlichen Konstitution sind es besonders seine fehlenden sozialen Bindungen, die ihn für die Rolle eines Profi-Killers prädestinieren… 

Die Story von "Servo suo" klingt vertraut und befand sich 1973 auf der Höhe einer Zeit, in der einige Mafia-Filme in die Kinos kamen und der "Poliziesco" in Italien an Fahrt aufnahm. Im Jahr zuvor hatte Regisseur Romano Scavolini mit dem Giallo "Un bianco vestite per Marialé" schon einmal ein populäres Genre bedient, blieb aber seinem avantgardistischen Stil treu. "Servo suo" erfüllt nicht die übliche Erwartungshaltung an einen Thriller oder Action-Film, sondern betrachtete das Genre aus einem eigenständigen Blickwinkel, geprägt von der Bildsprache Scavolinis, der neben Regie und Drehbuch auch als Kameramann fungierte. 

Seit Mitte der 60er Jahre bis heute arbeitet Scavolini, Jahrgang 1940, in unregelmäßigen Abständen außerhalb des populären Kinobetriebs auf vielen Feldern des Filmschaffens und ist nur wenig bekannt. Leider existiert von "Servo suo" nur eine Veröffentlichung in VHS-Qualität - entsprechend unzureichend sind die hier im Blog gezeigten Screenshots. Bei der Veranstaltung des Filmkollektivs Frankfurt "Avantgarde und Experiment in Italien" vom 3.-6.11.2016 gab es die einmalige Gelegenheit seinen Kurzfilm "Solitudine" aus dem Jahr 1966 zu betrachten - neben einer Vielzahl weiterer Werke avantgardistischer Filmkunst. 

Martin (Chris Avram), ein Mann ohne Zukunft und familiäre Bindungen, wird zum Objekt eines Mafia-Clans für einen internen Racheplan. Erst wird er zum Killer ausgebildet, dann muss er seine Fähigkeiten beweisen, bevor er auf das Zielobjekt angesetzt wird.

Romano Scavolini entwarf und drehte seinen Film in einer Phase, in der das aufkommende Poliziesco-Genre noch zwischen Mafia- und Polizeifilm wechselte. "Servo suo" kam im September 1973 in die italienischen Kinos, wenige Tage nach Duccio Tessaris "Tony Arzenta" (Tödlicher Hass, 1973), der den vergeblichen Versuch eines Mafia-Killers schilderte, auszusteigen. Gespielt wurde die Rolle von Alain Delon, dessen Darstellung eines Profis in "Le samourai" (Der eiskalte Engel, 1967) prototypisch für den einsamen, seine Emotionen kontrollierenden Auftragskiller wurde. Eine Referenz, die in "Servo suo" immer spürbar bleibt und auch direkt zitiert wird – allerdings ironisch gebrochen: 

„Alle denken, die Einsamkeit ist Teil des Geschäfts“

äußert Martin einmal gegenüber einem Verbindungsmann, der ihm den Kontakt zu einer schönen Tänzerin (Paola Senatore) ermöglicht. Doch bis Martin dieser Glücksmoment gewährt wird – der sich genregerecht als Illusion herausstellt – vergeht viel Zeit, denn Scavolini legte sein erzählerisches Gewicht auf die Vorgeschichte. Diese beginnt noch konventionell mit einem Attentat und lauten Sirenen, aber schon hier wird die eigenwillige Handschrift des Regisseurs deutlich. Keine Verfolgungsjagd oder Schusswechsel bestimmen den weiteren Verlauf, sondern die Kamera bleibt bei dem Schwerverletzten im Krankenwagen und fängt dessen Schmerzen ein. An ihrer Kritik an der Mafia, die Jeden gnadenlos opfert, der ihrer Sache im Weg steht, ließen weder "Tony Arzenta" noch die parallel erschienenen Mafia-Filme Fernando di Leos („Il Boss“ (Der Teufel führt Regie, 1973)) einen Zweifel, aber sie betonten mehr deren Gewaltpotential, Scavolini konzentrierte sich dagegen auf die sklavenhafte Abhängigkeit des Einzelnen innerhalb eines Systems völliger Kontrolle.

Mit den Worten „Servo suo“ (Dein Diener) erweist ein Mafia-Boss dem ranghöheren Paten seinen Respekt. Bei ihm eine Form der Höflichkeit, für Martin die erniedrigende Realität. Er gerät unfreiwillig in diese Position, weil er dem an einen Rollstuhl gefesselten Sohn des örtlichen Mafia-Potentaten Englischunterricht gibt und damit in den Focus seines Auftraggebers gerät. Obwohl ohne Freunde und Perspektive, hat sich der aus England stammende Enddreißiger mit seiner Situation abgefunden und sein Leben in einer einfachen Umgebung eingerichtet. Für die Mafia ist er ein idealer Kandidat – Niemand würde ihn vermissen. Als ihm nach einer Unterrichtsstunde zu viel Geld zugesteckt wird, will er es zurückgeben, aber der Wachposten am Tor verweigert die Annahme. Martin nutzt das Geld für eine Nacht mit seiner Lieblings-Prostituierten, weshalb er am nächsten Tag nicht mehr in der Lage ist, es zurückzuzahlen. Eine kleine Summe genügte, um ihn in die Abhängigkeit der Mafia geraten zu lassen.

Der rumänische Darsteller Chris Avram, selbstbewusst und markant auftretend, ist ideal besetzt als unfreiwilliger Handlanger des organisierten Verbrechens. Nie lässt er sich unterkriegen, bleibt sprachlich provokant und zynisch, aber an seiner Metamorphose zum Killer ändert das nichts. Im Gegenteil erweist sich die Einschätzung der Mafia als richtig, ihn als Profi-Killer auszubilden, denn Martin erledigt die ihm gestellten Aufgaben mit Bravour. Ausgesetzt ohne Geld in einer ihm unbekannten Gegend, findet er schnell seine Kontaktperson. Allein tötet er eine schwer bewaffnete Übermacht. Doch auch diese aktionistischen Sequenzen und Martins dominantes Auftreten ändern nichts an seinem Ausgeliefertsein. Freude, gar Befriedigung können diese Erfolge weder bei ihm, noch dem Betrachter auslösen.

Die erzählerische Anlage des Films ist sehr ruhig und blieb in der Verwendung bekannter Klischees des Mafia- und Kriminalfilms konventionell. Doch diese dienten Scavolini nur als Rahmen für eine Bildsprache, die dem Genre nicht nur zusätzliche Aspekte verlieh, sondern darüber hinausging. Die eingeblendeten TV-Bildschirme einer zentralen Überwachungsstelle, von der aus Martin bei jeder Regung beobachtet werden kann, überhöhten die Realität und sollten die marionettenhafte Abhängigkeit des Protagonisten symbolisieren. Mehr noch betonte Scavolini mit seinen Bildern eine inhaltliche Leere. Eine Leere, die Scavolini generell als Ausdruck der Gegenwart verstand. Wiederholt stellte er seinen Protagonisten in große, von betonierten Flächen bestimmte Räume, in denen er fast verschwindet. Oder er konfrontierte ihn mit gleichförmigen Mustern. Ein anderes Mal tritt er aus dem Hintergrund einer zentral im Bild stehenden unbekannten Person heraus. Das Individuum fällt hinter eine austauschbare, gesichtslose Umgebung zurück. Auch den wenigen Action-Szenen nahm Scavolini ihre Bedeutung. Von der wilden Schießerei in einer Industriebrache schwenkt die Kamera über zu seinem einsamen Sandstrand mit zwei Spaziergängern und Hund, die nichts davon bemerkt haben.

„Servo suo“ ist ein aufregender, überraschender Film, aber er zieht seine Spannung weniger aus der Story, als aus einer optischen Inszenierung, die mehr zuließ als die Genre--übliche Auseinandersetzung mit einem übermächtigen Feind. Den eigentlichen Kampf liefert Martin um seine Selbstbestimmtheit und der Ausgang bleibt bis zum Schluss offen. 

"Servo suoItalien 1973, Regie: Romano ScavoliniDrehbuch: Romano ScavoliniDarsteller : Chris Avram, Paola Senatore, Lea Leander, Alberto Bertoli, Francesca SebastianiLaufzeit : 90 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.