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Catherine Spaak und Enrico Maria Salerno |
Inhalt: „Le donne“ (Der Junggeselle): Es ist schon später
Vormittag, als Antonio (Enrico Maria Salerno) von seiner Zugehfrau geweckt
wird. Er bezahlt ihr schnell ihren Lohn, um sie loszuwerden, denn er hatte sich
schon für den Nachmittag verabredet. Sein erster Versuch galt Valeria
(Catherine Spaak), deren Wunsch ans Meer zu fahren aber nicht in seine Planung
passte. Schließlich hat er alles was er braucht bei sich zu Hause und es dauert
auch nicht lange bis Bruna (Claudia Mori), die er danach anrief, vor seiner Tür
steht…
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Nadja Tiller und Vittorio Gassman |
„L’avaro“ (Der Hausfreund): Als er die attraktive Ehefrau
(Nadja Tiller) seines Klienten (Adriano Rimoldi) kennenlernt, ändert der
Rechtsanwalt (Vittorio Gassman) seine Meinung, hinsichtlich der Chancen, dessen
Versicherung zu verklagen, um weiter mit dem Ehepaar verkehren zu können. Er
bemerkte schnell, dass ihre Ehe nicht glücklich ist, denn sein Klient ist der
Spielleidenschaft verfallen und vernachlässigt seine Frau. Offensiv versucht er
sie zu verführen – bis er erfährt, dass ihr Mann längst pleite ist…
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Fulvia Franco und Nino Manfredi |
„L’avventura di un soldato“ (Der Soldat): Schläfrig sitzt
ein Soldat (Nino Manfredi) im überhitzten Zugabteil, kaum seine Mitpassagiere
wahrnehmend. Bis eine attraktive junge Frau (Fulvia Franco) einsteigt, die wie
eine Witwe gekleidet ist. Sie setzt sich direkt neben den Soldaten, dem es sehr
schwer fällt, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Als er sie scheinbar zufällig
berührt und sie weder zurückzuckt, noch sich beschwert, wird er mutiger…
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Bernhard Wicki und Lilli Palmer |
„Le serpente“ (Der Ehemann): Ein deutsches Ehepaar in den
Vierzigern - Hans (Bernhard Wicki) und Hilde Brenner (Lilli Palmer) - verbringt
seinen Urlaub mit dem eigenen Auto auf Sizilien. Während der Ehemann (Bernhard
Wicki) vor allem an den alten Ausgrabungsstätten interessiert ist, gibt sich
seine vernachlässigt fühlende Frau ihren Fantasien hin. Als sie nachts in einer
einsamen Gegend mit ihrem Wagen liegen bleiben, kommt ihnen ein kleiner LKW mit
zwei jungen Männern zu Hilfe. Da sie nur einen Platz frei haben, nehmen sie
Hilde mit, um einen Abschleppdienst zu holen…
"L'amore difficile" steht nicht nur am Beginn der Hochphase des Episodenfilms im italienischen Kino, sondern gehört auch zu den Fixpunkten deutsch-italienischer Zusammenarbeit in der aufkommenden erotischen Komödie. Gemeinsam mit den Co-Produktionen "Come imparai ad amare le donne" (Das gewisse Etwas der
Frauen, 1966) und "Warum habe ich bloß 2mal ja gesagt" (Professione bigamo, 1969) symbolisiert er die Entwicklung in Richtung der erotischen Komödie der 60er Jahre und in einer Art künstlerischem Triangel auch die Unterschiede italienisch-deutscher Eigenheiten.
Der zentrale "Come imparai ad amare le donne" besaß ein zwischen den Ländern ausgewogenes Kreativteam (und wurde von mir in beiden Blogs berücksichtigt), der späte "Warum habe ich bloß 2mal ja gesagt" entstand unter deutscher Hoheit, während "L'amore difficile" noch größtenteils italienisch geprägt war. Trotzdem gehört er - nicht nur wegen Nadja Tiller, Lilli Palmer und Bernhard Wicki - auch in meine Liste des "deutschen erotischen Films".
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Claudia Mori in "Le donne" |
Italienische Komödien, Episoden- und Erotikfilme - aus
heutiger Sicht vermischt sich alles zu einer schwer differenzierbaren Masse,
gerne mit dem 68er Stempel versehen, der den Eindruck entstehen lässt, Jemand
hätte 1968 einen Schalter umgelegt und die prägnanten Ereignisse dieser Zeit
wären nicht das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung. Diese oberflächliche
Betrachtungsweise führt dazu, dass Filme wie "L'amore difficile",
sollten sie zufällig in irgendeinem TV-Programm auftauchen, als wenig
aufregende erotische Geschichten aus Opas Zeiten wahrgenommen werden. Wer empört
sich noch über eine junge Frau, die kurz vor ihrer Hochzeit mit ihrem Geliebten
schläft, oder begreift die Aufregung, die einen Soldaten in einem Zugabteil
packt, als dessen verschämte Berührungen von einer attraktiven Witwe nicht
abgewiesen werden?
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Lilla Brignone in "L'avaro" |
Zurecht ließe sich anmerken, dass Filme keinen Anspruch
darauf besitzen, nur aus ihrer Entstehungszeit heraus bewertet zu werden. Eine
veraltete Story bleibt veraltet, auch wenn sie damals hypermodern gewesen sein
soll. Nur ist das in der "Commedia all'italiana" selten der Fall,
deren gesellschaftskritische Inhalte nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Sieht man hinter die Fassade ihrer im Vergleich zur Gegenwart optisch
zurückhaltenden Inszenierungen, gilt das auch für die in den 60er Jahren
langsam entstehende "Commedia sexy". "L'amore difficile"
oder "Erotica", wie die deutsch-italienische Co-Produktion hierzulande
genannt wurde, war dafür in mehrfacher Hinsicht eine Initialzündung. Ein frühes
Wagnis, dessen Einfluss auf die kommenden Jahre nicht zu unterschätzen ist.
So beliebt die Gattung des Episodenfilms in Italien unter
Filmschaffenden war, kann von einer kontinuierlichen Pflege nicht die Rede sein
(siehe auch den Essay „L’amore in città und die Folgen“). Nach einem kurzen
Aufflackern in den frühen 50er Jahren, wurde erst der Erfolg von „Boccaccio ‘70“ (1962) zum Auslöser eines bis Ende der 60er Jahre anhaltenden Booms. Zumindest
in Italien, denn über die geballte Star-Power des von Luchino Visconti,
Vittorio De Sica und Federico Fellini verantworteten Episodenfilms, der die
erotischen Geschichten Boccacios sehr frei in die Moderne transferierte,
verfügten nur noch wenige der späteren Genre-Vertreter. Signifikant dafür ist
auch, dass die erste Episode auf Grund der 3stündigen Gesamtlänge von der
Produktionsgesellschaft für die Vermarktung außerhalb Italiens herausgenommen
wurde. Regisseur Mario Monicelli, obwohl Anfang der 60er Jahre eine anerkannte
Größe in Italien, verfügte nicht über das internationale Renommee seiner
Mitstreiter.
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Gastone Moschin in "Le serpente" |
Eine Vorbildfunktion ist „Boccaccio ‘70“ trotzdem nicht
abzusprechen – der im Jahr zuvor erschienene Episodenfilm „Le italiane e
l’amore“ (Die Italienerin und die Liebe, 1961) blieb wenig bekannt - aber für
eine direkte Einflussnahme war der Film zu groß. Diese Rolle steht „L’amore
difficile“ (Erotica) zu, der wenige Monate später herauskam und mit seiner
Experimentierfreudigkeit unter jungen Regisseuren und Drehbuchautoren die
zukünftige Richtung vorgab. Besonders die in den folgenden Jahren 1963 bis 1965
herausgekommenen 14 Episodenfilme zeichneten sich durch ihren unverkrampften
Umgang mit der Sexualität und den veränderten Geschlechterrollen aus. Ein Großteil
dieser Filme wurde nie oder nur verspätet außerhalb Italiens im Kino gezeigt
und ebnete den Weg in Richtung „Commedia sexy all’italiana“.
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Adriano Rimoldi in "L'avaro" |
Über den Entstehungsprozess von „L’amore difficile“ lassen
sich nur wenige Fakten finden, aber diese können zumindest eine Ahnung davon
vermitteln, wie sensibel das Thema „Sexualität“ Anfang der 60er Jahre angegangen
werden musste. Anders als bei „Boccaccio ‘70“ stand keine bekannte
Produktionsgesellschaft wie Angelo Rizzolis „Cineriz“ hinter dem Projekt,
sondern teilten sich die italienische „SpA Cinematografica“ und die deutsche
„Eichberg Film“ die Kosten. Für Produzent Achille Piazzi und die „SpA
Cinematografica“ wurde „L‘amore difficile“ ihr letzter Kinofilm, die
„Eichberg-Film“ setzte danach verstärkt auf die damals dank des Karl-May- und
Edgar-Wallace-Hypes populären Abenteuer- („Kali-Yug: Die Göttin der Rache“,
1963) und Kriminalfilme („Agent spécial à Venise“ (Mord am Canale Grande, 1964)).
Offensichtlich war dem frühen Ausflug ins erotische Metier kein großer Erfolg
beschieden.

Dabei war der Auswahl der Stoffe der Wille zu größtmöglicher
Seriosität anzumerken. Ausschließlich Werke der Literatur dienten als Vorlage,
wie besonders in der deutschen Fassung mit eingeblendeten Schautafeln vor den
einzelnen Episoden betont wurde. Die Kurzgeschichten der italienischen Autoren
Alberto Moravia („L‘avaro“), Mario Soldati („Il serpente“), Ercole Patti („Le
donne“) und Italo Calvino (L’avventura di un soldato“) sollten mit ihrem
intellektuellen Gestus der erotischen Thematik die Anrüchigkeit nehmen. Wie
häufig wurde die Reihenfolge der Episoden in der deutschen Fassung geändert. In
diesem Fall ohne Bedeutung, da die einzelnen Kurzfilme außer der
grundsätzlichen Thematik keine Gemeinsamkeiten oder innere Dynamik aufweisen.
Bemerkenswerter ist die deutsche Übersetzung der Originaltitel. Aus „L’avaro“
(Der Geizhals) wurde „Der Hausfreund“, „Le donne“ (Die Frauen) umbenannt zu
„Der Junggeselle“, „Le serpente“ (Die Schlange) mutierte zu „Der Ehemann“ und
„L’avventura di un soldato“ (Abenteuer eines Soldaten) wurde zu „Der Soldat“
vereinfacht.
Die Absicht dahinter liegt auf der Hand – die Typisierung
männlicher Charaktere sollte eine inhaltliche Klammer herstellen, widersprach
aber der Intention besonders der ersten beiden Episoden. Vittorio Gassman als
Rechtsanwalt in „L’avaro“ ist nichts weniger als „ein Hausfreund“ – auch nicht
im ironischen Kontext - sondern von emotionaler Leere. Moravia entwarf das
bösartige Bild eines überheblichen Bürgers, dessen Geiz jeden Bereich seines
Lebens erfasst. Sich selbst als Frauenheld hoch stilisierend, ist er nicht in
der Lage, der von ihm forcierten Annäherung der verführerischen Ehefrau (Nadja
Tiller) seines Klienten angemessen zu begegnen. Ein Paradebeispiel für Feigheit
und Kleingeistigkeit – und eine Paraderolle für Gassman.
Enrico Maria Salerno als „Junggeselle“ scheint da in „Le
donne“ von ganz anderem Kaliber zu sein, denn die hübschen jungen Frauen stehen
auf den erfahrenen Liebhaber mit künstlerisch, intellektueller Aura. Bruna
(Claudia Mori) beendet zwar ihre Affäre, weil sie in zwei Tagen heiraten will,
schläft aber noch mit Antonio (Enrico Maria Salerno), und die 18jährige Valeria
(Catherine Spaak) springt schnell als Ersatz ein und verbringt einen zärtlichen
Nachmittag mit ihm am Strand. Ein täuschender Eindruck. Nicht nur die
Selbstverständlichkeit, mit der hier außerehelicher Geschlechtsverkehr
zelebriert wurde, provozierte, sondern die selbstbewusste Rolle der Frauen. Der
sehr von sich eingenommene Macho muss konsterniert feststellen, dass er selbst zum
Sexualobjekt wurde.
In „Le serpente“ zeigt der von Bernhard Wicki gespielte
Ehemann zwar die üblichen Verschleißerscheinungen einer länger andauernden Ehe,
aber unsympathisch ist er nicht. Im Mittelpunkt der von Mario Soldati erdachten
Story steht das Tabu-Thema Sex im fortgeschrittenen Alter, hier am Beispiel
zweier Mittvierziger. Hilde (Lilli Palmer) fühlt sich von ihrem Ehemann vernachlässigt,
nicht mehr begehrt. Die titelgebende „Schlange“ im italienischen Original steht
für die Fantasien, die Hilde immer wieder überkommen – so hält sie ihren Gürtel
aus Schlangenleder, den sie spontan öffnete und von sich warf, für eine Schlange
und ruft ihren Mann um Hilfe. Mit dem Ergebnis, dass er sich über sie lustig
macht. Er begreift ihr Verlangen erst, als sie zwei junge Sizilianer zu unrecht
der Vergewaltigung beschuldigt.
Im Gegensatz zu den drei anderen Episoden, in der die
sexuelle Interaktion, wenn auch unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, direkt
angesprochen wurde, scheint „L’avventura di un soldato“ unmittelbar der damaligen,
sehr verklemmten Realität entnommen. Das Abenteuer, von dem der italienische
Originaltitel spricht, erlebt ein Soldat (Nino Manfredi) in einem Zugabteil an
der Seite einer attraktiven Witwe (Fulvia Franco). Der Typus „Soldat“ sollte
die sexuellen Entzugserscheinungen noch betonen, weshalb die körperliche Nähe
der jungen Frau für ihn zu einer echten Herausforderung wird. Als er bemerkt,
dass sie seine vorsichtigen Berührungen nicht zurückweist, wird er mutiger,
immer auf der Hut vor seiner Umgebung. Doch ständig kommt ihm etwas in die
Quere – einmal glaubt er sich endgültig erwischt, als die gegenüber sitzende
kleine Tochter ihrer Mutter etwas ins Ohr flüstert und sie daraufhin das Abteil
verlassen.
Ein echtes Abenteuer, aber ohne Happy-End. Am Ende steht der
Soldat einsam auf den Gleisen eines verlassenen Kleinstadt-Bahnhofs, während
sich die Witwe und sein Zug in unterschiedlichen Richtungen entfernen. In der
deutschen Fassung das schöne Schlussbild eines Films dessen Humor nur sehr
rudimentär die Verlogenheit der vorherrschenden Moral und der zementierten
Geschlechterrollen überdeckte und damit die Linie für die kommende „Commedia all’Italiana“
und deren Ableger „Commedia sexy“ vorgab. Dass die Drehbuchautoren Sandro
Continenza, Ettore Scola und Fabio Carpi sowie die Darsteller Catherine Spaak,
Nino Manfredi, Vittorio Gassman, Enrico Maria Salerno und Gastone Moschin zu
den kommenden Größen der „Commedia all’italiana“ gehören sollten, unterstreicht
noch die Bedeutung von „L’amore difficile“. Das gilt auch für Lilli Palmer, Bernhard
Wicki und besonders die Rolf Thiele-Muse Nadja Tiller als Vertreter der „deutschen
Produktion“.
Einzig am Regie-Pult lassen sich keine prominenten Namen
finden. Sergio Sollima gehört heute zwar zu den profiliertesten Vertretern des
Italo-Western und frühen Poliziesco, aber seine Inszenierung der Episode „Le
donne“ blieb seine einzige Beteiligung an einem Episodenfilm der „Commedia all’italiana“.
Erst drei Jahre später begann seine eigentliche Karriere als Regisseur mit „Agente
3S3: Passaporto per l'inferno“ (Agent 3S3 kennt kein Erbarmen, 1965). Die
übrigen Episoden übernahmen der Autor Luciano Lucignani sowie die Schauspieler
Alberto Bonucci und Nino Manfredi, für die der Ausflug ins Regie-Fach eine seltene
Ausnahme blieb. Der Grund dafür, wie bei den zuvor beschriebenen Umständen der
Produktion, lässt sich im Risiko finden, dass mit der Thematik „Sex“ Anfang der
60er Jahre noch verbunden war. Es bedurfte junger, experimentierfreudiger Regisseure,
Autoren und Darsteller – der Anfang war gemacht.
"L'amore difficile" Italien, Deutschland 1962, Regie: Sergio Sollima, Nino Manfredi, Luciano Lucignani, Alberto Bonucci, Drehbuch: Ettore Scola, Sandro Continenza, Fabio Carpi, Nino Manfredi, Renato Mainardi, Giuseppe Orlandini, Alberto Moravia (Kurzgeschichte), Mario Soldati (Kurzgeschichte), Ercole Patti (Kurzgeschichte), Italo Calvino (Kurzgeschichte), Darsteller : Catherine Spaak, Claudia Mori, Enrico Maria Salerno, Vittorio Gassman, Nadja Tiller, Lilla Brignone, Bernhard Wicki, Lilli Palmer, Gastone Moschin, Fulvia Franco, Nino Manfredi, Laufzeit : 117 Minuten
weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Sollima:
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