


„Ein junges Mädchen aus Parma, das ihrer Zeit immer voraus
ist“
klingt so positiv wie Dora (Catherine Spaak) vor Freude strahlend am Bahnhof von Parma aus dem Zug steigt. Sie ist auf dem Weg zu Amneris (Didi Perego), einer Freundin ihrer früh verstorbenen Mutter, die die junge Frau, die sie zuletzt als kleines Kind gesehen hatte, ohne zu Zögern und mit Begeisterung bei sich aufnimmt. Amneris, die als Krankenschwester Pflegedienste bei betuchten Kranken leistet und mit dem Berufsmusiker Scipio (Salvo Randone) verheiratet ist, ist immer gut gelaunt und voller Tatendrang, geht damit ihrem wortkargen Mann aber gehörig auf die Nerven. Für Dora ist sie ein Glücksfall, denn sie nimmt sich der jungen Frau ohne Vorbehalte an.
Zurecht erhielt Didi Perego 1964 eine Nominierung als „beste
Nebendarstellerin“ für das „Nastro d’argento“ (Goldene Band) durch die
italienischen Filmjournalisten, denn ihre Figur und die ihres großartig von
Randone gespielten Ehemanns stehen für die Übergangsphase der frühen 60er Jahre.
Sie sind tief im konservativen Bürgertum verwurzelt, verhalten sich aber weder
autoritär, noch vorurteilsbeladen gegenüber der attraktiven jungen Frau. Zu
verdanken ist die neidlose Art der etwa 40jährigen Amnerís auch ihrer
grenzenlosen Naivität, die in Dora immer noch ein Kind jenseits jeder
Sexualität sieht. Gefördert wird dieser Eindruck noch durch Doras Unschuldsmiene,
mit der sie in Parma auftritt, die aber Scipio nicht täuschen kann. Der bei
abendlichen Tanzveranstaltungen als Trompeter auftretende Mann mittleren Alters
ist mehr Zyniker als Macho, aber der Versuchung durch die junge Frau kann er
kaum widerstehen. Als er die Tür zum Schlafzimmer Doras schließen will, sieht
er sie nur leicht bekleidet schlafend auf ihrem Bett liegen. Seine Hand
zittert, als er sie beinahe berührt, aber es gelingt ihm, sich zurückzuhalten.
Schon in dieser frühen Szene wird deutlich, dass nichts ist wie es scheint.
Das gilt für Dora, aber mehr noch für das bürgerliche Leben
in Parma. Es sind die begehrlichen Blicke der Männer, die unverhohlenen
Anzüglichkeiten hinter der Anstandsfassade, die sie an ihre Vergangenheit
erinnern und die Pietrangeli zu Überblendungen nutzte, um auf Doras Zeit vor
ihrer Ankunft in Parma zurückzublicken. Gemeinsam mit Giacomo (Vanni De
Maigret), einem jungen angehenden Priester, war sie von zu Hause abgehauen. Aus
Angst vor den Konsequenzen, nachdem die beiden Verliebten in dem Dorf, in dem Dora
als Waise bei dem Pfarrer untergekommen war, zusammen am Fluss gesehen worden
waren. Doch Giacomo, unsicher nicht nur hinsichtlich seiner Zukunft, ließ sie
allein in dem Hotelzimmer zurück, in das sie sich an einem Badeort eingemietet
hatten – ohne Geld, um die schon angelaufenen Rechnungen bezahlen zu können. Kein
Problem findet der Geschäftsführer, denn für eine hübsche junge Frau findet
sich immer Verwendung.
Catherine Spaak trifft Nino Manfredi und Lando Buzzanca
Eine Haltung, die von Vielen geteilt wird und der sich Dora
in ihrer Zwangslage nicht entziehen kann. Auch Nino (Nino Manfredi) nutzt sie
für seinen Vorteil, als er sie zufällig am Strand sieht. Um einen Auftrag für
eine Werbe-Kampagne von dem Ingenieur Masselli (Umberto D’Orsi) zu erhalten,
behauptet er, die Blondine wäre sein Model. Ihm gelingt es, Dora zum Mitmachen
zu bewegen, aber als Masselli ebenfalls sexuelle Gefälligkeiten erwartet,
steigt sie aus – und Nino unfreiwillig gleich mit. Nino ist ein Betrüger und
Selbstdarsteller, aber Manfredi spielte ihn mit so viel jungenhaftem Charme,
dass er zur positivsten männlichen Figur des Films wird. Auch weil ihm die
machohafte Attitüde und die üblichen Vorurteile fremd sind. Mit ihm erlebt Dora
unbeschwerte Tage am Rand des Existenzminimums – bis Nino auf Grund einer früheren
Gaunerei im Gefängnis landet.
Dora wird im Stich gelassen, erleidet Hunger und gerät in
Abhängigkeit bis zur Prostitution, aber ihre Geschichte verfällt nicht in
Tragik, obwohl Pietrangeli an der Ernsthaftigkeit des Geschehens keinen Zweifel
ließ. Neben der kurzweiligen, wiederholt zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselnden
Inszenierung, ist dieser Eindruck Catherine Spaaks Spiel zu verdanken, die ihre
Dora nie in die Opferrolle geraten ließ. Spaak erwies sich in den 60er Jahren
als Idealbesetzung für sexuell konnotierte Rollen, da sie sich trotz ihrer
Attraktivität und Jugend auf Grund ihres selbstbestimmten Auftretens nicht als
Lustobjekt vereinnahmen ließ. Und damit in der „Commedia all’italiana“ zu einer
Ikone der Emanzipationsbewegung wurde, die mit ihren inhaltlich freizügigen
Rollen den Weg in Richtung „Commedia sexy“ bereitete, ohne jemals konkret nackt
aufzutreten. Nicht zufällig spielte sie bis 1970 viermal allein unter der Regie
von Pasquale Festa Campanile, dem „Sexy“- Spezialisten schlechthin, der in
„Adultero all’italiana“ (Seitensprung auf Italienisch, 1966) auch Spaak und
Manfredi noch einmal gemeinsam auf die Leinwand brachte.
Bemerkenswert ist auch das erste Aufeinandertreffen von
Spaak und Lando Buzzanca, das sich nach "Le monachine" (1963) im selben Jahr nur noch einmal 10 Jahre später wiederholen
sollte, obwohl beide Schauspieler zu vielbeschäftigten Stars in der „Commedia
all’italiana“ wurden. Der gebürtige Sizilianer Buzzanca spielte in „La
parmigiana“ einen Kleinbürger, dessen traditionelle Vorstellungen von Ehe und
Geschlechterrollen gehörig durcheinander gewirbelt werden – einen Typus, den er
später noch mehrfach variierte. So steif und tugendhaft er einen Polizisten
spielte, und so aussichtslos seine Bemühungen um Dora wirken, so hinterließ er
neben dem quirligen Nino noch den sympathischsten Eindruck. Zumindest den hartnäckigsten, denn selbst nachdem Dora mit ihm geschlafen hatte, um ihm zu
beweisen, dass sie keine Jungfrau mehr ist, will er sie noch heiraten. Für sie
schmeißt er notfalls auch seine Traditionen über Bord.
Trotz dieser genre-prägenden Konstellationen steht der 1969
früh verstorbene Regisseur Pietrangeli in keiner „Commedia sexy“- Liste, aber
die Selbstverständlichkeit, mit der er seit „Il sole negli occhi“ (Die Sonne in
den Augen, 1953) Frauen und ihre Sexualität auf die Realitäten einer von
Männern bestimmten Sozialisation stießen ließ, gehört zu den Wegbereitern für
die Liberalisierung in den 60er und 70er Jahren. Eine Liberalität, von der die
Gesellschaft in „La parmigiana“ noch weit entfernt ist. Doras Versuch, ihre
Vergangenheit hinter sich zu lassen und im bürgerlichen Parma neu anzufangen,
hat keine Chance. Nicht weil sie Jemand durchschaut hätte, sondern weil die
Mechanismen, denen sie als Frau ausgesetzt ist, überall gleich sind. Selbst die
Rückkehr zum aus dem Gefängnis entlassenen Nino scheitert, da er sein so
freies, wie unstetes Leben gegen eine feste Beziehung mit einer älteren Frau
eingetauscht hat. Er kapitulierte vor der wirtschaftlichen Not.
Einen Moment scheint es, dass auch Dora aufgibt. Dass sie es
nicht tut, verleiht dem Film am Ende eine optimistische Note - ohne zu
verschweigen, dass es verdammt hart ist, seiner Zeit voraus zu sein.
"La parmigiana" Italien 1963, Regie: Antonio Pietrangeli, Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Ettore Scola, Ruggero Maccari, Bruna Piatti (Roman), Darsteller : Catherine Spaak, Nino Manfredi, Lando Buzzanca, Didi Perego, Salvo Randone, Vanni De Maigret, Laufzeit : 98 Minuten
- weitere im Blog besprochene Filme von Antonio Pietrangeli :
"Porträt Antonio Pietrangeli"
"Il sole negli occhi" (1953)
"Amori di mezzo secolo" (1954)
"Adua e le compagne" (1960)
"La visita" (1963)
"Io la conoscevo bene" (1965)
"Le fate" (1966)
"Come, quando, perché?" (1969)
klingt so positiv wie Dora (Catherine Spaak) vor Freude strahlend am Bahnhof von Parma aus dem Zug steigt. Sie ist auf dem Weg zu Amneris (Didi Perego), einer Freundin ihrer früh verstorbenen Mutter, die die junge Frau, die sie zuletzt als kleines Kind gesehen hatte, ohne zu Zögern und mit Begeisterung bei sich aufnimmt. Amneris, die als Krankenschwester Pflegedienste bei betuchten Kranken leistet und mit dem Berufsmusiker Scipio (Salvo Randone) verheiratet ist, ist immer gut gelaunt und voller Tatendrang, geht damit ihrem wortkargen Mann aber gehörig auf die Nerven. Für Dora ist sie ein Glücksfall, denn sie nimmt sich der jungen Frau ohne Vorbehalte an.


Catherine Spaak trifft Nino Manfredi und Lando Buzzanca





"La parmigiana" Italien 1963, Regie: Antonio Pietrangeli, Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Ettore Scola, Ruggero Maccari, Bruna Piatti (Roman), Darsteller : Catherine Spaak, Nino Manfredi, Lando Buzzanca, Didi Perego, Salvo Randone, Vanni De Maigret, Laufzeit : 98 Minuten
"Porträt Antonio Pietrangeli"
"Il sole negli occhi" (1953)
"Amori di mezzo secolo" (1954)
"Adua e le compagne" (1960)
"La visita" (1963)
"Io la conoscevo bene" (1965)
"Le fate" (1966)
"Come, quando, perché?" (1969)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen