Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy
Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Mittwoch, 20. Januar 2016

Tre notti d'amore (Drei Liebesnächte) 1964 Renato Castellani, Luigi Comencini, Franco Rossi

Inhalt: Episode 1: La vedova (Die Witwe)

Schwarz gekleidete Sargträger empfangen die junge Witwe Giselle (Catherine Spaak) am Bahnhof des kleinen Ortes, um den Leichnam von Don Ciccio erst zu dessen Mutter und dann weiter zum Friedhof zu transportieren. Die jungen Männer des Ortes stellen kurz die Juke-Box aus, um dem Toten Respekt zu erweisen, lassen ihre Augen aber nicht von dessen hübscher Witwe. Doch das ändert sich schnell, als Jeder der mit ihr in Berührung kommt kurz darauf selber in einem Sarg landet…

Episode 2: Fatebenefratelli (GutgemachtBruder)

Ghiga (Catherine Spaak) schwimmt im Meer noch seelenruhig ein paar Bahnen, während ihr viel älterer Liebhaber ungeduldig auf sie wartet. Er hat einen dringenden Termin, was sie nicht weiter interessiert. Viel mehr will sie mit seinem Mercedes-Cabriolet allein weiter fahren – ein Wunsch, den er ihr nur zähneknirschend und verbunden mit guten Ratschlägen erfüllt. Zwecklos, denn Ghiga fährt rücksichtslos davon, um nur wenig später einen schweren Unfall zu bauen und in der Krankenstation eines nahegelegenen Mönchklosters zu landen. Doch trotz ihrer zahlreichen Brüche hat sie schon bald das nächste Ziel ins Auge gefasst: den schüchternen jungen Mönch Fra Felice (John Phillip Law), der sie betreut…

Episode 3: La moglie bambina (Die kindliche Ehefrau)

Ausgelassen tanzt Cirilla (Catherine Spaak) im Kreis ihrer jugendlichen Freundinnen, ohne zu bemerken, dass Giuliano (Enrico Maria Salerno), Architektur-Professor und ihr viel älterer Ehemann, nach Hause kommt. Als die Mädchen unter die Dusche wollen, treffen sie Giuliano dort in der Badewanne an. Kichernd verabschieden sie sich und lassen Cirilla mit ihrem Mann allein. Er hatte nicht stören wollen. Ein Verhalten, dass seiner jungen Frau zunehmend Sorgen bereitet, denn schon seit Wochen wirkt er depressiv. Sein Psychiater (Adolfo Celi) ist der Meinung, er leide unter zu großer Liebe zu seiner jungen Frau. Abhilfe könnten Verabredungen mit anderen Frauen schaffen – ein Vorschlag, den Cirilla zuerst noch ablehnt…


Gemessen an ihrer damaligen Popularität und ihrer Bedeutung für die sexuelle Liberalisierung im Film der 60er Jahre sind die italienischen Episodenfilme inzwischen nahezu aus dem Filmgedächtnis verschwunden – ganz abgesehen von ihrer Symbolik für die jahrzehntelange tiefgreifende Zusammenarbeit italienischer Filmschaffender über Genre-Grenzen hinweg (siehe „L’amore in città und die Folgen – der italienische Episodenfilm“). Während in Italien einzelne Episodenfilme noch medial verbreitet werden, sind sie in Deutschland quasi nicht mehr existent, obwohl ein Großteil davon in den hiesigen Kinos lief. Das gilt auch für „Tre notti d’amore“, der unter dem Titel „Drei Liebesnächte“ im Oktober 1965 hierzulande Premiere feierte. In der Hochphase des Episodenfilms in die Kinos gekommen, steht der Film wie viele seiner Genre-Brüder exemplarisch für die Entwicklung der „Commedia all’italiana“ zur „Commedia sexy“ – nicht nur thematisch, sondern auch hinsichtlich der am Film mitwirkenden Künstler.

Die damals 19jährige Catherine Spaak, seit „La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962) zu einem Star in der „Commedia all’italiana“ aufgestiegen und in den 60er Jahren auf der Kinoleinwand quasi omnipräsent, spielte in allen drei Episoden die Hauptrolle, darunter je einmal an der Seite von Renato Salvatori und Enrico Maria Salerno. Am Regie-Pult standen das Neorealismus-Urgestein Renato Castellani („Sotto il sole di Roma“ (Unter der Sonne von Rom, 1948)), der seit mehr als 10 Jahren erfolgreiche Luigi Comencini ("Pane, amore e fantasia" (Liebe, Brot und Fantasie, 1953)) und Franco Rossi. Rossi beteiligte sich allein bis 1968 an sieben Episodenfilmen und gehört damit zu den einflussreichsten Wegbereitern der erotischen Komödie - ebenso wie die Drehbuch-Autoren Massimo Franciosa, Luigi Magni, Franco Castellano und dessen Dauer-Partner Giuseppe Moccia („Castellano e Pipolo“), die im selben Jahr auch am nicht weniger stilprägenden Episodenfilm „Extraconiugale“ (Seitensprünge, 1964) mitwirkten.

Handelte es sich bei „Extraconiugale“ um eine Zusammenarbeit junger Regisseure am Beginn ihrer Karriere, standen den prominenteren Beteiligten an „Tre notti d’amore“ deutlich mehr Produktionsgelder zur Verfügung. Doch trotz des visuellen Erlebnisses in Technicolor und der selbstbewusst jugendlichen Catherine Spaak in so frivol wie provokanten Geschichten um die sich verändernden Geschlechterrollen, ereilte auch „Tre notti d’amore“ das Schicksal vieler nah am Zeitgeist angesiedelter Filme – sie wurden von der rasanten Entwicklung überholt und gerieten in Vergessenheit. Dabei verfielen die Macher keineswegs in Aktionismus, sondern nutzten die einzelnen Episoden, die mit 30 Minuten bzw. zweimal knapp 45 Minuten vergleichsweise lang ausfielen, für eine schlüssige Entwicklung der inneren Konflikte. Wie häufig in der italienischen Komödie erweist sich der Filmtitel eher als Wunsch, denn als Realität – von Liebesnächten ist hier nur wenig zu sehen. Bindeglied der drei Episoden ist die Hauptdarstellerin, deren naiv-modern auftretende Frauenfiguren auf konservative männliche Muster treffen.


„La vedova“ (Die Witwe) Renato Castellani, Drehbuch Franco Castellano, Giuseppe Moggia

Die erste ist nicht nur die kürzeste, sondern auch die turbulenteste Episode, auch wenn es ein wenig braucht, bis die Handlung in Gang kommt. Geschuldet ist die langsame Steigerung des Erzähl-Tempos der Begriffsstutzigkeit der Hauptdarstellerin, die im Gegensatz zum Betrachter viel Zeit benötigt, um die archaischen Regeln zu verstehen, die im südlichen Italien vorherrschen. Die Macher nutzten die französisch-belgische Herkunft der Schauspielerin, um sie eine junge Französin spielen zu lassen, die weder die strengen Moralvorstellungen kennt, noch ahnt, dass ihr keineswegs natürlich verstorbener Ehemann Don Ciccio ein einflussreicher Mafioso war. Mit schönstem französischem Akzent parlierend trippelt Giselle (Catherine Spaak) im kurzen schwarzen Kleid über die sonnenüberfluteten Straßen, badet spontan nackt in ein einem kleinen Teich und spricht ohne Arg jeden Mann an - darunter auch den Friedhofswärter (Renato Salvatori), der sich um Don Ciccios Grab kümmert.

Optisch erinnert Giselles Auftritt an Stefania Sandrellis Büßergang in Pietro Germis „Sedotta e abbandonata“ (Verführung auf Italienisch, 1964), der wie die dritte Episode in „Extraconiugale“ auf die strengen patriarchalischen Gesetze im Süden des Landes anspielte. Auf Grund der fast parallelen Entstehungszeit thematisch kein Zufall, aber in seiner schwarzhumorigen Konsequenz gegensätzlich. Auch in „La vedova“ kommt es zu sogenannten „Ehrenmorden“, aber diesmal ist nicht die Frau das Opfer, sondern jeder Mann, der es wagt, ihr auch nur ein wenig Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, da ihre Stellung als Witwe des Dons unangreifbar ist. Es genügt schon, Giselle seinen Namen zu nennen, um sein Todesurteil zu erwirken – einzig der Friedhofswärter kommt auf seine Kosten, da er wenigstens eine gemeinsame Nacht mit der Schönen erlebt, bevor sein Holzkreuz aufgeschlagen wird.

Angesichts der fortschreitenden Dezimierung der männlichen Bevölkerung, atmet der gesamte Ort auf, als Giselle endlich wieder mit dem Zug abreisen will. Doch unmittelbar bevor sie den Waggon betritt, begreift sie ihre Machtposition – und beschließt, doch zu bleiben. Die Absurdität, mit der Castellani und sein Autoren-Team Castellano / Pipolo den Takt der Todesfälle erhöhten, ohne ihr Zustandekommen im Bild zu zeigen, verleiht der Episode eine Leichtigkeit, die ihren ernsthaften Hintergrund vergessen lässt. Zu unrecht, denn dank der Umkehrung der üblichen Machtverhältnisse, wird erst die menschenverachtende Konsequenz der vorherrschenden Hierarchie für alle Beteiligten – Männer, wie Frauen - offensichtlich.


„Fatebenefratelli“ (GutgemachtBruder) Luigi Comencini, Drehbuch Marcello Fondato, Luigi Comencini

Die zweite Episode mit dem vielsagenden Titel-Wortspiel „Fatebenefratelli“ wählte einen gegensätzlichen Erzähl-Rhythmus – nach einem turbulenten Beginn konzentriert sie sich ganz auf das Zusammenspiel der exaltierten Ghiga (Catherine Spaak) mit dem jungen Mönch Fra Felice (John Phillip Law). Dieser pflegt die so selbstbewusste, wie verwöhnte Ghiga nach ihrem Unfall mit dem Sportwagen ihres deutlich älteren Liebhabers in der Krankenstation seines Klosters. Anfang der 60er Jahre nicht nur eine Konfrontation der größtmöglichen Gegensätze, sondern eine Umkehr der gewohnten Geschlechterrollen – hier die sexuell offensive junge Frau, dort der allen Machismo-Mustern entsagende junge Mann. Ihre Begegnung nimmt den erwarteten Verlauf. Kann sich Fra Felice zu Beginn noch den Avancen seiner Patientin erwehren, beginnt sein Widerstand zunehmend zu bröckeln.

Interessant ist weniger diese Entwicklung, als die Gespräche zwischen dem Mönch und Ghiga, für die sich Comencini viel Zeit nimmt. Während sie nur bestrebt ist, ihre Langeweile zu vertreiben, versucht er zu vermitteln, warum er sich für ein Leben als Mönch entschieden hat – nicht nur ihr gegenüber, sondern auch gegenüber sich selbst, denn das ihm die junge Frau gefällt, lässt sich schon bald nicht mehr übersehen. Auch wenn seine Argumente kaum eine Chance haben, gewinnt er mit seiner Haltung Sympathien gegenüber der dem Luxus-Leben frönenden Ghiga. Erneut spielte Catherine Spaak eine ins negativ überzeichnete moderne Frauenfigur – der „Rote Faden“, der sich durch alle drei Episoden zieht. War sie in „La vedova“ von ignoranter Naivität, steht hier ihre Vergnügungssucht an erster Stelle. Wieder bricht sie am Ende mit diesem Klischee, in dem sie gegen die Erwartungshaltung reagiert. Dieses komödiantische Spiel mit den Vorurteilen gegenüber der fortschreitenden Emanzipationsbewegung setzte sich in der dritten Episode in einer vergleichsweise konventionelleren Ausgangssituation fort – die Ehe eines älteren Mannes mit einer jungen Frau.


„La moglie bambina“ (Die kindliche Ehefrau) Franco Rossi, Drehbuch Massimo Franciosa, Luigi Magni

Während Cirilla (Catherine Spaak) mit ihren Freundinnen zu einem Schlager tanzt, kommt ihr Vater von der Arbeit nach Hause und begibt sich ohne zu stören in das obere Stockwerk. Zumindest will der Film diesen Eindruck in der Eingangssequenz erzeugen. Tatsächlich handelt es sich bei Giuliano (Enrico Maria Salerno) um Cirillas Ehemann, den sie als dessen Studentin beim Architektur-Studium kennenlernte und vor zwei Jahren geheiratet hatte. Franco Rossis Episode setzt zu einem Zeitpunkt in die Beziehung ein, in der die anfängliche Euphorie vorbei ist. Während er seiner Arbeit nachgeht, lebt die jugendliche Cirilla weiter ihr unbeschwertes Leben ohne Verantwortung:

„Hast du den Cafè gemacht oder Teresa (Anm. die Haushälterin)? – „Teresa“ – „Dann ist es Cafè“

Dieser kurze Dialog, als sie ihm eine Tasse Cafè in sein Büro bringt, plakatiert eine Realität, unter der Giuliano seit Monaten leidet. Obwohl er seine Frau liebt, verfällt er zunehmend angesichts der andauernden Jugend-Berieselung in seinem Haus in depressive Stimmungen. Sein Psychiater (Adolfo Celi) hat ihm deshalb geraten, sich mit anderen Frauen zu verabreden, was Cirilla gar nicht gefällt. Erneut stellte die Story ein weibliches Klischee der sich verändernden Geschlechterrollen in den Mittelpunkt – die flippige Studentin, die sich einen wohlhabenden Professor angelt, auf dessen Kosten sie in den Tag hinein lebt. Und wieder brach Catherine Spaak in ihrer Rolle mit der erzeugten Erwartungshaltung und reagierte am Ende reifer und konsequenter als ihr Ehemann.

Sieht man von Äußerlichkeiten ab, spielte Catherine Spaak in allen drei Episoden denselben jugendlichen Frauentypus, für den sie in „La voglia matta“ berühmt wurde – selbstbewusst, erotisch, frech und intelligent. Ihr Spiel mit den Emanzipations-Klischees führte jeweils zum selben Ergebnis: am Ende sind immer die Männer die gelackmeierten. Eine zum Entstehungszeitpunkt des Films provokante Konsequenz, die stilbildend für Catherine Spaaks Rolle in der Entwicklung der erotischen Komödie wurde - inhaltlich auf der Höhe der Zeit, im körperlichen Einsatz aber zurückhaltend. Obwohl im gleichen Alter wie ihre Nachfolgerinnen Laura Antonelli und Edwige Fenech, findet sie auch in langen Darstellerinnen-Listen zur „Commedia sexy all’italiana“ kaum Erwähnung. Ein unübersehbares Zeichen dafür, wie sich die sexy Komödie in den 70er Jahren zum voyeuristischen Spektakel veränderte – das Spiel mit den Moral-Konventionen wie in „Tre notti d’amore“ hatte an Reiz verloren.

"Tre notti d'amore" Italien 1964, Regie: Renato Castellani, Luigi Comencini, Franco Rossi, Drehbuch: Franco Castellano, Giuseppe Moggia, Massimo Franciosa, Luigi Magni, Luigi Comencini, Marcello Fondato, Darsteller : Catherine Spaak, Renato Salvatori, John Phillip Law, Enrico Maria Salerno, Aldo Puglisi, Adolfo Celi, Laufzeit : 119 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

"Pane, amore e fantasia" (1953)
"A cavallo della tigre" (1961)
"Le bambole" (1965)
"Delitto d'amore" (1974)

 weitere im Blog besprochene Filme von Franco Rossi:

"Le bambole" (1965) 
"Le streghe" (1967)

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.