In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017

Donnerstag, 4. Juni 2015

Femmine insaziabili (Mord im schwarzen Cadillac) 1969 Alberto De Martino

Inhalt: Der Journalist Paolo Sartori (Robert Hoffmann) liegt angezogen und verkatert auf seinem Bett, als plötzlich zwei Männer in sein Appartement in Los Angeles eindringen. Sie halten sich nicht lang mit Reden auf, sondern versuchen aus ihm heraus zu prügeln, wo sich „Lambert, the Smile“ befindet. Sartori ahnt nicht, dass damit sein alter Freund aus Italien, Giulio Lamberti (Roger Fritz), gemeint ist, den er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat, der aber plötzlich auf seiner Terrasse steht, nachdem die beiden Schläger wieder verschwunden sind.

Lamberti, der er sich in ihrer italienischen Heimat auch politisch engagiert hatte, bleibt nur einen Moment, will ihn aber kurzfristig wieder treffen, um ihn über die Hintergründe seiner Situation zu informieren. Stoff für eine gute Story, wie Sartori seinem Chefredakteur Salinger (John Ireland) am nächsten Morgen mitteilt, der ihm die Bezeichnung „Lambert, the smile“ erklärt. Lamberti ist das Werbegesicht eines mächtigen Chemie-Konzerns, auf dessen Plakaten er immer mit einem Lächeln zu sehen ist. Doch das dabei eine Titel-Story herauskommt, glaubt er nicht – bis Sartori, als er seinen Freund aufsuchen will, erfährt, dass dieser bei einem Unfall ums Leben gekommen ist…


In Erinnerung an den am 02.06.2015 verstorbenen Regisseur und Drehbuchautor Alberto De Martino

Einen Film als "Kind seiner Zeit" zu klassifizieren, ist schnell dahin geschrieben, sobald Machart und Thema typisch für eine Stilepoche erscheinen. Und der Erotik-Thriller "Femmine insaziabili" (wörtlich "Unersättliche Frauen" - neutraler in der deutschen Verleih-Version "Mord im schwarzen Cadillac" oder schlicht "Exzess") weist so offensichtlich auf die späten 60er Jahre hin - Giallo-Anklänge, weibliche Promiskuität mit viel nackter Haut und ein generell zynischer Blick auf den menschlichen Charakter - dass ein solches Urteil schnell gefällt ist. Begleitet von dem Song "I want it all" aus der Feder Bruno Nicolais beginnt die Zeitreise von der ersten Einstellung an und lässt den Betrachter bis zum "Showdown" in den teils futuristisch anmutenden Anlagen des "Marineland of the Pacific" bei Los Angeles nicht mehr los, das schon seit 1987 geschlossen ist.

Ein Urteil, das prinzipiell für das Gesamtwerk des Regisseurs Alberto De Martino gilt, der am 02.06.2015 kurz vor der Vollendung seines 86. Lebensjahrs in seinem Geburtsort Rom verstarb. Positiv betrachtet befand er sich immer am „Puls der Zeit“ und durchlief seit seinem Karrierebeginn alle populären Genre-Spielarten. Die erste Regie-Arbeit des schon als Kind eines Maskenbildners am Set in „Cine città“ mitwirkenden De Martino fiel noch in die Phase der Sandalen Filme („Il gladiatore invincibile“ (Der unbesiegbare Gladiator, 1961)), aber auch Western („Due contra tutti“ (1962)) und Horror („Horror“, 1963) fanden schon früh sein Interesse. Mitte der 60er Jahre folgten weitere Italo-Western, Agenten-Filme im Zuge des James-Bond-Hypes („Upperseven, l'uomo da uccidere“ (Der Mann mit den tausend Masken, 1966)) und Kriegs-Filme („Dalle Ardenne all'inferno“ (...und morgen fahrt ihr zur Hölle, 1967)), größtenteils mit Beteiligung deutscher Produktionsgelder und Darsteller, was auch die Zusammenarbeit mit Produzent Hans A. Pflüger in „Femmine insaziabili“ folgerichtig erscheinen lässt, der zuvor die populäre deutsch-italienische „Kommissar X“-Reihe auf Basis der Roman-Hefte des Pabel-Verlags mit produziert hatte.

Die Auflistung dieser am Publikumsgeschmack orientierten Kinofilme verweist gleichzeitig auf den negativen Aspekt im Urteil über den jeweils auch am Drehbuch beteiligten Regisseur De Martino – ihm wurde bestenfalls die Qualität eines soliden Unterhaltungsfilm-Machers zugestanden. Darüber hinaus gehende Ehrungen und offizielle Anerkennungen blieben aus. Doch De Martino allein auf einen guten Film-Handwerker zu reduzieren, lässt dessen Gespür für Themen übersehen, die er häufig umsetzte, bevor sie in Mode kamen. Sein „Roma come Chicago“ (Mord auf der Via Veneto) entstand 1968 unmittelbar nach Carlo Lizzanis „Banditi a Milano“ (Die Banditen von Mailand, 1968), jeweils in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Massimo De Rita. Beide Filme gelten heute als Auslöser für das in den 70er Jahren populäre „Poliziesco“ – Genre. Alberto De Martino hielt sich damit aber nicht auf, sondern entwickelte seine Stoffe weiter, wie „Femmine insaziabili“ anschaulich werden lässt, der größtenteils in den USA entstand mit vielen illustren Darstellerinnen – darunter Bond Girl Luciana Paluzzi, Nicoletta Machiavelli , die damals 17jährige Romina Power und nicht zuletzt „Femme fatale“ Dorothy Malone („The tarnished angels“ (Duell in den Wolken, 1957)).

Unterstützt von Erotik-Sternchen Ini Assmann, die im selben Jahr auch „Pudelnackt in Oberbayern“ (1969) war, zeigte De Martino viel nackte Haut in seinem Film - neben kleineren Gewalt-Szenen verantwortlich für die erheblich gekürzte deutsche Kino-Fassung. Dabei waren Nacktaufnahmen 1970, als „Femmine insaziabili“ in Deutschland herauskam, nicht mehr unüblich, aber De Martino integrierte diese in eine Story, in der Sex fast ausschließlich der Machtausübung und Erniedrigung dient. Die Kriminalstory über die Wiederbegegnung zweier alter Freunde, von denen der Eine bei einem angeblichen Unfall stirbt, kurz bevor er über die inneren Mechanismen bei einem Chemie-Riesen, dem er als Werbefigur diente, auspacken wollte, gibt nur den Rahmen ab für die Zerstörung einer Illusion. Je mehr der Journalist Paolo Sartori (Robert Hoffmann) über das Leben seines alten Freunds Giulio Lamberti (Roger Fritz) erfährt, desto mehr offenbaren sich die menschlichen Abgründe dahinter.

Besonders die Szenen mit Romina Power als hintertriebener Teenager-Tochter Gloria verweisen auf die Kehrseiten der angeblichen neuen Freiheiten. Weniger ihr Sex mit Lamberti vor den Augen ihrer Mutter (Dorothy Malone), mehr noch ihre Spielchen mit Sartori und den zwei männlichen Anhaltern beeindrucken in ihrer unterschwelligen Aggression. Trotzdem weckte der Filmtitel falsche Erwartungen und sollte vor allem die Werbewirksamkeit erhöhen, denn die Männer stehen in De Martinos Film den Frauen in nichts nach. Roger Fritz überzeugte mit der Verkörperung einer so charmanten, wie egozentrischen Figur, die im Überangebot aus Luxus und sexueller Freiheit jeden moralischen Halt verliert. Die Parallelen zu seinem eigenen wenig später entstandenen Film „Mädchen mit Gewalt“ (1970) lassen sich sowohl in der Fokussierung auf die sich verändernden Geschlechterrollen, als auch in dem fatalistischen Ende nicht übersehen.

Dass „Femmine insaziabili“ den Zeitgeist Ende der 60er Jahre widerspiegelte, ist offensichtlich, aber Alberto De Martino blieb nicht an der stylischen Oberfläche, sondern verband verschiedene Strömungen zu einem Gesamtbild, dass seiner Zeit voraus war. Sein Film ist weder „Giallo“, noch „Hitchcock“-Epigone oder Erotikfilm, obwohl Elemente davon im Film zu entdecken sind, sondern eine komplexe Zustandsbeschreibung einer korrumpierten Sozialisation. Zu einem Zeitpunkt, als Studentenproteste und sexuelle Revolution noch den Aufbruch in eine neue Zukunft versprachen, setzte De Martino mit seinem Film schon zu einem Abgesang auf die propagierten Ideale an.

"Femmine insaziabili" Italien, Deutschland 1969, Regie: Alberto De Martino, Drehbuch: Alberto De Martino, Vincenzo Flamini, Lianella Carell, Carlo RomanoDarsteller : Robert Hoffmann, Dorothy Malone, Roger Fritz, Romina Power, Frank Wolff, Luciana Paluzzi, John Ireland, Reiner Basedow, Ini Assmann, Laufzeit : 103 Minuten

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Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.