Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa
Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Samstag, 19. Januar 2013

100 film italiani di salvare - 100 zu bewahrende italienische Filme 1942 - 1978

Die Aufstellung einer Liste der besten Filme, egal unter welchen Vorzeichen, war schon immer eine beliebte Spielerei unter Filmfreunden, die mehr über den Verfasser einer solchen Tabelle aussagte, als über die Qualität der Filme selbst. Neben diesem legitimen Versuch, die eigenen individuellen Vorlieben zu erfassen - in der Regel eine Momentaufnahme - gab es auch immer wieder das Bestreben, einen bleibenden, quasi allgemein gültigen Kanon der besten Filme aufzustellen. 

In Italien wurde dieses Projekt von der "Cinecittà Holding" in Zusammenarbeit mit den "Filmfestspielen Venedig" in Angriff genommen, gefördert durch das "Ministerium der schönen Künste". Neun Journalisten, Historiker und Filmschaffende kamen zusammen und stellten eine chronologische Liste der aus ihrer Sicht bewahrenswertesten italienischen Filme der Jahre 1942 bis 1978 auf, eine zeitliche Begrenzung, die einen gewissen endgültigen Charakter ausstrahlen sollte. Diese Liste spiegelt meine persönliche Meinung nicht wider, auch wenn eine Vielzahl ausgezeichneter Filme darunter sind, die zu meinen Favoriten gehören. Entscheidender ist weniger, welche Filme aufgelistet sind - 100 zu bewahrende Filme dieser beinahe 40jährigen Epoche aufzuführen, ist nicht schwierig - sondern welche fehlen. Auch ist diese Liste in der Hinsicht interessant, wie italienische Künstler und Intellektuelle das Filmschaffen ihres Landes beurteilen.

Zur besseren Übersicht wurden die 100 Filme nach den vier Jahrzehnten aufgegliedert, jeweils von mir hinsichtlich ihrer inneren Struktur kommentiert. Die schon im Blog besprochenen Filme sind entsprechend verlinkt.

1. Die 40er Jahre (1942 - 1950)

01 "Quattro passi fra le nuvole" (Lüge einer Sommernacht) Alessandro Blasetti (1942)
02 "Ossessione" Luchino Visconti (1943)
03 "Roma città aperta" (Rom, offene Stadt) Roberto Rossellini (1945)
04 "Paisà" Roberto Rossellini (1946)
05 "Sciuscià" (Schuhputzer) Vittorio De Sica (1946)
06 "L'onorevole Angelina" (Abgeordnete Angelina) Luigi Zampa (1947)
07 "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe) Vittorio De Sica (1948)
08 "La terra trema" (Die Erde bebt) Luchino Visconti (1948)
09 "Riso amaro" (Bitterer Reis) Giuseppe De Santis (1949)
10 "La città dolente" Mario Bonnard (1949)
11 "Cielo sulla palude" (Himmel über den Sümpfen) Augusto Genina (1949)
12 "Stromboli, terra di Dio" (Stromboli) Roberto Rossellini (1949)
13 "Catene" (Sühne ohne Sünde) Raffaello Matarazzo (1949)
14 "Il cammino della speranza" (Der Weg der Hoffnung) Pietro Germi (1950)
15 "Domenica d'agosto" (Ein Sonntag im August) Luciano Emmer (1950)
16 "Cronaca di un amore" (Chronik einer Liebe) Michelangelo Antonioni (1950)
17 "Luci del varietà" (Lichter des Varieté) Alberto Lattuada / Federico Fellini (1950)
18 "Prima comunione" (Der Göttergatte) Alessandro Blasetti (1950)

Es ist wenig erstaunlich, dass die frühesten Filme bis 1949 alle dem Stil des Neorealismus verpflichtet sind, obwohl diese nur einen geringen Teil am damaligen Filmschaffen ausmachten, das sonst größtenteils in Vergessenheit geraten ist. Es ließe sich diskutieren, warum mit "Riso amaro" ein plakativer, wenig kritischer Film den Vorzug vor Giuseppe De Santis "Caccia tragica" (Tragische Jagd, 1947) erhielt, aber daran wird eine signifikante Eigenschaften der Liste deutlich. Nicht nur die Qualität des Films war ausschlaggebend, auch seine historische Bedeutung spielte eine Rolle bei der Bewertung - diese sprach eindeutig für "Riso amaro"


2. Die 50er Jahre (1951 - 1960):

19 "Bellissima" Luchino Visconti (1951)
20 "Due soldi di speranza" (Für zwei Groschen Hoffnung) Renato Castellani (1951)
21 "Guardie e ladri" (Räuber und Gendarm) Steno / Mario Monicelli (1951)
22 "Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand) Vittorio De Sica (1951)
23 "La famiglia Passaguai" (Aufruhr im Familienbad) Aldo Fabrizi (1951)
24 "Umberto D." Vittorio De Sica (1952)
25 "Europa '51" Roberto Rossellini (1952)
26 "Lo sceicco bianco" (Die bittere Liebe) Federico Fellini (1952)
27 "Totò a colori" (Toto in Farbe) Steno (1952)
28 "Don Camillo" (Don Camillo und Peppone) Julien Duvivier (1952)
29 "Pane, amore e fantasia" (Liebe, Brot und Fantasie) Luigi Comencini (1953)
30 "I vitelloni" (Die Müßiggänger) Federico Fellini (1953)
31 "Napoletani a Milano" Eduardo De Filippo (1953)
32 "Febbre di vivere" ( Die Lust des Bösen) Claudio Gora (1953)
33 "La provinciale" (Gefährliche Schönheit) Mario Soldati (1953)
34 "Carosello napoletano" (Karussel Neapel) Ettore Giannini (1953)
35 "Il sole negli occhi" (Die Sonne in den Augen) Antonio Pietrangeli (1953)
36 "La spiaggia" (Der Skandal) Alberto Lattuada (1954)
37 "L'oro di Napoli" (Das Gold von Neapel) Vittorio De Sica (1954)
38 "Un Americano a Roma" (Ein Amerikaner in Rom) Steno (1954)
39 "L'arte di arrangiarsi" (Die Kanaille von Catania) Luigi Zampa (1954)
40 "Senso" (Sehnsucht) Luchino Visconti (1954)
41 "La strada" (La strada - das Lied der Straße) Federico Fellini (1954)
42 "Una donna libera" Vittorio Cottafavi (1954)
43 "Gli sbandati" (Die Verirrten) Francesco Maselli (1955)
44 "Un eroe dei nostri tempi" (Ein Held unserer Tage) Mario Monicelli (1955)
45 "Poveri ma belli" (Ich lass' mich nicht verführen) Dino Risi (1956)
46 "Il grido" (Der Schrei) Michelangelo Antonioni (1957)
47 "Le notti di Cabiria" (Die Nächte der Cabiria) Federico Fellini (1957)
48 "I soliti ignoti" (Diebe haben's schwer) Mario Monicelli (1958)
49 "Arrangiatevi!" Mauro Bolognini (1959)
50 "La grande guerra" (Man nannte es den großen Krieg) Mario Monicelli (1959)
51 "I magliari" (Auf St.Pauli ist der Teufel los) Francesco Rosi (1959)
52 "Tutti a casa" (Der Weg zurück) Luigi Comencini (1960)
53 "La dolce vita" (Das süße Leben) Federico Fellini (1960)
54 "Rocco e i suoi fratelli" (Rocco und seine Brüder) Luchino Visconti (1960)
55 "La ragazza con la valigia" (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck) Valerio Zurlini (1960)
56 "La lunga notte del '43" (Die lange Nacht von Ferrara) Florestano Vancini (1960)
57 "Il bell'Antonio" (Bel Antonio) Mauro Bolognini (1960)

Die Liste der 50er Jahre entspricht den Erwartungen. Beginnend mit den Spätwerken des Neorealismus von Vittorio De Sica und Roberto Rossellini, werden die Filme der bekanntesten Regisseure Michelangelo Antonioni, Federico Fellini oder Luchino Visconti größtenteils berücksichtigt. Auch die führenden Vertreter der "Commedia all'Italiana" Mario Monicelli, Steno (mit dem Volksschauspieler Totò), Dino Risi, Mauro Bolognini und Luigi Comencini wurden ausreichend bedacht. Überraschend ist, dass Antonio Pietrangelis Frühwerk "Il sole negli occhi" (Die Sonne in den Augen) den Vorzug vor "Adua e le compagne" (Adua und ihre Gefährtinnen, 1960) erhielt, aber insgesamt gibt es wenige ausgefallene Vorschläge. Auffällig ist, dass die frühen Auftritte von Gina Lollobrigida, Marcello Mastroianni oder Claudia Cardinale zur Liste gehören, aber kein Film, indem Sophia Loren eine Hauptrolle spielte - eine Ansicht, die ich nachvollziehen kann. Dass die Liste der 50er Jahre verhältnismäßig viele Strömungen und Regisseure berücksichtigt - darunter als "Don Camillo"-Regisseur auch den Franzosen Julien Duvivier - liegt daran, dass diese Phase mit 39 Filmen innerhalb der Gesamtliste überdurchschnittlich stark repräsentiert ist.


3. Die 60er Jahre (1961 - 1970):

58 "Una vita difficile" (Das Leben ist schwer) Dino Risi (1961)
59 "Divorzio all'italiana" (Scheidung auf italienisch) Pietro Germi (1961)
60 "Il posto" (Der Job) Ermanno Olmi (1961)
61 "Accattone" Pier Paolo Pasolini (1961)
62 "Leoni al sole" Vittorio Caprioli (1961)
63 "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven) Dino Risi (1962)
64 "Salvatore Giuliano" Francesco Rosi (1962)
65 "L'eclisse" (Liebe 1962) Michelangelo Antonioni (1962)
66 "Mafioso" Alberto Lattuada (1962)
67 "I mostri" (Die Monster) Dino Risi (1963)
68 "Le mani sulla città" (Hände über der Stadt) Francesco Rosi (1963)
69 "Otto e mezzo" (Achteinhalb) Federico Fellini (1963)
70 "Il gattopardo" (Der Leopard) Luchino Visconti (1963)
71 "La donna scimmia" Marco Ferreri (1963)
72 "Chi lavora è perduto" (Wer arbeitet, ist verloren) Tinto Brass (1963)
73 "La vita agra" Carlo Lizzani (1964)
74 "I pugni in tasca" (Mit der Faust in der Tasche) Marco Bellocchio (1965)
75 "Io la conoscevo bene" (Ich habe sie gut gekannt) Antonio Pietrangeli (1965)
76 "Comizi d'amore" (Gastmahl der Liebe) Pier Paolo Pasolini (1965)
77 "Signore & signori" Pietro Germi (1966)
78 "Uccellacci e uccellini" (Große Vögel, kleine Vögel) Pier Paolo Pasolini (1966)
79 "La battaglia di Algeri" (Die Schlacht von Algier) Gillo Pontecorvo (1966)
80 "La Cina è vicina" Marco Bellocchio (1967)
81 "Dillinger è morto" (Dillinger ist tot) Marco Ferreri (1968)
82 "Banditi a Milano" (Die Banditen von Mailand) Carlo Lizzani (1968)
83 "Il medico della mutua" Luigi Zampa (1968)
                         (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger) Elio Petri (1970)
85 "Il conformista" (Der große Betrug) Bernardo Bertolucci (1970)

Das nur 28 Filme der 60er Jahre in die Liste aufgenommen wurden im Vergleich zu den 39 Filmen der 50er Jahre wirkt unverhältnismäßig, besonders wenn man bedenkt, dass mit Pier Paolo Pasolini, Francesco Rosi und Pietro Germi drei Regisseure neu hinzu gekommen waren, die neben den etablierten Kräften Antonioni, Visconti, Risi und Fellini stark repräsentiert sind. Für junge Regisseure wie Tinto Brass, Elio Petri, Antonio Pietrangeli, Marco Ferreri oder Bernardo Bertolucci blieben nur einzelne beispielhafte Erwähnungen. Aber auch Luchino Viscontis spätere Filme nach "Il gattopardo" fanden keine Aufnahme mehr in die Liste, vielleicht weil sie sich weniger spezifisch italienischen Themen widmeten. Mit dieser Argumentation ließe sich auch die vollständige Abwesenheit des "Italo-Western" begründen, aber dann hätte auch Pontecorvos "La battaglia di Algeri" fehlen müssen. 

Während die Liste der 50er Jahre noch die Bandbreite zwischen neorealistischem Drama und volkstümlicher Komödie abdeckte, fällt bei den Filmen der 60er Jahre auf, dass ganze Genres nicht berücksichtigt wurden. Nicht nur die Klassiker des Horrorfilms, Giallo oder Western existieren nicht, auch Elio Petris originelle Genre-Ausflüge finden keine Anerkennung wie auch Mario Monicellis "L'armata Brancaleone" für die "Commedia all'Italiana" und Damiano Damiani für den Polit-Film wahrscheinlich zu grob oder plakativ waren. Man könnte es als ausgleichende Gerechtigkeit ansehen, dass auch Michelangelo Antonioni nach "L'eclisse" (1962) nicht mehr berücksichtigt wurde, aber insgesamt verliert die Liste der zu bewahrenden italienischen Filme stark an Gehalt, angesichts der extremen Unterrepräsentierung der produktivsten Jahre des italienischen Films. 


4. Die 70er Jahre (1971 - 1978):


86 "L'udienza" Marco Ferreri (1971)
87 "Diario di un maestro" Vittorio De Seta (1972)
88 "Il caso Mattei" (Der Fall Mattei) Francesco Rosi (1972)
89 "Lo scopone scientifico" (Teuflisches Spiel) Luigi Comencini (1972)
90 "Nel nome del padre" Marco Bellocchio (1972)
91 "Amarcord" Federico Fellini (1974)
92 "C'eravamo tanto amati" (Wir waren so verliebt) Ettore Scola (1974)
93 "Pane e cioccolata" (Brot und Schokolade) Franco Brusati (1974)
94 "Fantozzi" (Das größte Rindvieh weit und breit) Luciano Salce (1975)
95 "Novecento" (1900) Bernardo Bertolucci (1976)
96 "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis) Francesco Rosi (1976)
97 "Una giornata particolare" (Ein besonderer Tag) Ettore Scola (1977)
98 "Un borghese piccolo piccolo" Mario Monicelli (1977)
99 "Padre padrone" Paolo e Vittorio Taviani (1977)
100 "L'albero degli zoccoli"(Der Holzschuhbaum) Ermanno Olmi (1978)

Auf Grund der wenigen Filme, die es aus den 70er Jahren noch in die Liste schafften, entsteht der Eindruck, das italienische Kino wäre schon in den späten 60er Jahren in die Krise geraten und nicht erst in den 80er Jahren. Zwar verfügen die aufgeführten Filme über eine gewisse Bandbreite, aber wieder fanden die gröberen, plakativeren Werke wie "La grande bouffe" (Das große Fressen, 1973) und "L'ultima donna" (Die letzte Frau, 1976) von Marco Ferreri oder "Brutti, sporchi e cattivi" (Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen, 1976) von Ettore Scola keine Aufnahme in die Liste, obwohl beide Regisseure vertreten sind. Kaum noch erwähnenswert ist, dass der Poliziesco nicht existent ist, obwohl es wenige Genres gab, die dem italienischen Alltag näher kamen - von den erotischen Filmen ganz abgesehen, die trotz ihrer nicht unwesentlichen Bedeutung in der Spiegelung der sich verändernden Sozialisation keine Rolle in dieser Liste spielen.

Ohne Zweifel besteht die Liste der 100 erhaltenswerten italienischen Filme größtenteils aus qualitativ hochwertigen Werken. Doch während bei der Auswahl der frühen Jahre noch der Spagat zwischen populären und künstlerisch ambitionierten Werken gelang, blieb der Blick der letzten zwei Jahrzehnte zu sehr beschränkt auf das gediegene intellektuelle Kino. Provokative, plakative, politisch relevante Filme wie es auch die frühen Filme des Neorealismus oder der "Commedia all'italiana" waren, blieben unberücksichtigt.

1 Kommentar:

Sebastian hat gesagt…

Auf diese Liste bin ich vor ein paar Wochen Zeit auch (zufällig) gestoßen. Über das völlige Fehlen von Beispielen aus dem Genre-Kino der 60er und 70er Jahre habe ich mich ebenfalls gewundert. Ich fühlte mich ein wenig zurückversetzt in die Anfangsjahre meiner Filmrezeption, die begleitet war von den strengen Herren Gregor und Patalas. ;) Ansonsten: Vielen Dank für die sachkundigen Kommentare – und überhaupt für diese Seite. Ich lese Deine Texte immer wieder mit Vergnügen und mit Gewinn!

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.