Frühe Komödie von Dino Risi, Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa

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Initialzündung für die "Commedia sexy all'italiana"

Dienstag, 28. September 2010

Interview mit Oskar Roehler, Regisseur des Films "Jud Süß - Film ohne Gewissen"

Gespräch mit Oskar Roehler im Taschenberg-Palais Dresden am 23.09.2010


Frage: Ich habe den Film („Jud Süss – Film ohne Gewissen“) mehr als  Film über die Person Ferdinand Marian verstanden, als über die Geschichte der Entwicklung des Films „Jud Süss“. Für mich ist es das übergeordnete Thema, unter dem sie sich mit dem Menschen auseinander setzen, oder besser, dessen Beeinflussung. Wie sehen Sie Ihre Gewichtung?

Oskar Roehler:  Das würde ich jetzt nicht sagen, aber wir haben uns natürlich Gedanken darüber gemacht, als was für einen Typ Mensch, als was für einen Charakter wir den Marian darstellen. Es gab ja den „Mephisto“ (nach Klaus Mann, verfilmt 1981, mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle), der über eine enorme Intelligenz und einen entsprechenden Background verfügte, da Göring ihn quasi freigehalten hatte. Marian kann dagegen als durchschnittliche Person durchgehen. Er ist Jemand, der nicht besonders intelligent ist, der nicht protegiert wurde und der eine Familie hat – und damit unter ganz modernen Umständen lebt, so wie wir heute leben. Er ist ein Durchschnittstyp und man hätte ihn sicherlich negativer anlegen könne, aber das wäre dann ein anderer Film geworden.
  Viele Vorwürfe, mit denen ich konfrontiert wurde, hätten sich, bei genauerer Betrachtung dieser Charakterisierung, selbst widerlegt. Es gab immer den Vorwurf, ich hätte die halbjüdische Ehefrau erfunden, um Marian sympathischer werden zu lassen oder um den Druck auf ihn zu verstärken, aber wenn Göbbels gesagt hat, du spielst jetzt diese Rolle, dann blieb nur noch die Möglichkeit, sich den Strick zu nehmen oder auszuwandern. Oder man machte es eben.
  Faszinierend an diesen Vorwürfen ist, wie extrem diese immer wieder hoch gekocht werden. Das hängt damit zusammen, dass die Nazi-Geschichte in unserem Land eine irrsinnige Agenda hat. Jeder, der sich nur halbwegs historisch interessiert, weiß dazu halt unglaublich viel - mit anderen Worten, es ist kein unschuldiges Thema. Dadurch entsteht die Absurdität, dass man sich am Wissen anderer Leute abarbeiten muss, auch weil gerade die Filmkritiker nicht mehr in der Lage sind, sich einen solchen Film ohne Vorbehalte anzusehen. Dabei handelt es sich hier um keinen wissenschaftlichen Diskurs.

Frage: Auffällig in diesem Zusammenhang ist ja, dass zwar immer der Vorwurf mit der halbjüdischen Ehefrau geäußert wird, dabei aber außer Acht gelassen wird, dass sie sich in vielen Details Freiheiten nehmen – so lassen Sie Göbbels die „Othello“ - Aufführung untersagen, obwohl Marian tatsächlich als „Jago“ erfolgreich aufgetreten war. Zudem saß er ja nicht allein im Auto, als er gegen den Baum gefahren ist, sondern Zwei saßen noch dabei…

Oskar Roehler: …das weiß man nicht genau.

Frage:  Das will ich damit ausdrücken, dass bei der teilweise unsicheren Faktenlage und dem selten vorhandenen umfassenden Wissen über Marians Leben, ein Herumstochern auf einzelnen Details, dem Film wenig entspricht, zudem der normale Betrachter kaum etwas über Ferdinand Marian und die Entstehung des Films „Jud Süss“ wissen wird. Mich interessiert, ob sie die Figur generell gedacht haben, durchaus in die Modernität versetzt, als Darstellung der Verführbarkeit unter dem Zwang der Diktatur, und damit nicht als ein in seine Zeit versetztes „Bio-Pic“? 

Oskar Roehler:  Das ist ja gerade das, was man nicht machen sollte. „Bio-Pics“ sind sowieso ein Thema für sich, aber ich würde gar nicht Marian als Person generell herausstellen, die wir als modern darstellen wollten. Von Anfang an, als ich mit Moritz Bleibtreu die Rolle Göbbels besprach, dachten wir, Berlusconi ist doch in seiner Körpersprache ganz ähnlich. Etwa auch in seinen Auftritten, in denen er sich von langbeinigen Blondinen begleiten lässt und allen jovial auf die Schulter schlägt. Ich weiß gar nicht, ob Moritz sich diese Geste mit seiner Hand bei Berlusconi abgeguckt hat…

Frage: Auch die ständige Promiskuität der Beteiligten im Film erinnert an die Gegenwart.

Oskar Roehler: Diese Persönlichkeitsstruktur spielt beispielsweise auf eine Figur wie Reiner Barschel an, der schon als zukünftiger Kanzlerkandidat gehandelt wurde und dann tot in seiner Hotelbadewanne aufgefunden wurde. Das hat mit einem bestimmten Politikertyp zu tun - was wir sehr spannend fanden und was auch unserem Konzept entsprach, für das wir oft angegriffen wurden – den wir modern in der Gewandung einer alten Gesellschaft darstellen wollten. Ich finde das auch viel eleganter, als heutige Politiker wie etwa Angela Merkel vorzuführen – das wäre für mich banal -  sondern zeige das in einem viel tragischeren, historischen Zusammenhang, gebe dem aber gleichzeitig eine spezielle, teuer aussehende Note, die den Höhepunkt der Macht symbolisiert. Heute unterwirft man sich dem Urteil diverser Talentshows, aber wer während des 3.Reichs groß rauskommen wollte, dem blieb gar nichts anderes übrig, als zu Joseph Göbbels zu gehen.

Frage: Es ist natürlich ein Wagnis, eine Figur wie Göbbels und einen Film wie „Jud Süss“ für diese modernen Gesichtspunkte zu nutzen, da diese stark durch ihre Zeit besetzt sind.

Oskar Roehler: Zumindest wird so getan, aber ich denke, dass den meisten das genaue Verhalten Göbbels nicht wirklich präsent ist.

Frage eines Journalisten: Ihnen wurde in diesem Zusammenhang vorgeworfen, dass Moritz Bleibtreu den Göbbels immer gleichförmig spielt, egal ob offiziell oder privat.

Oskar Roehler: Es gibt keine private Szene mit Göbbels in dem Film. Dieser Vorwurf ist falsch und beruht darauf, nicht genau hinzusehen. Es sind alles öffentliche Auftritte, auch die Gespräche mit Marian. Er präsentiert sich immer als Repräsentant der Macht in der Öffentlichkeit. Und es bleibt einem Schauspieler, der solch eine Rolle spielt, überhaupt nichts anderes übrig, als diese Nummer durchzuziehen. Ich sage das gar nicht als Rechtfertigung, aber ich finde das gut. Und wenn man die Zuschauer beobachtet, dann sieht man, dass sie es mögen und dass sie sich freuen, Göbbels endlich wieder zu sehen.
  Aber nicht weil es Göbbels ist oder ein politisches Bild verfälscht wurde, sondern weil es der Spaß am Film ist, um den es letzten Endes geht. Von Göbbels wird man, wenn man rausgeht, keine falsche Meinung haben, denn es gibt eine Schlüsselszene, die eine meiner Lieblingsszenen ist. Das ist, wenn er wirklich sein wahres Gesicht zeigt und gegenüber den Journalisten seine Brandreden gegen die Juden hält. Das ist extrem ernsthaft und wahnsinnig gut gespielt, so dass es einem eiskalt den Rücken runter läuft. In diesem Moment geht Moritz weit weg von dem Parvenu, den er sonst zeigt.
  Für mich ist bei aller Kritik die entscheidende Frage, ob die Freiheiten, die wir uns nehmen, das Bild von damals beeinflusst, egal ob im positiven oder negativen Sinn. 

Frage: Der Eindruck, dass Sie irgendetwas im Film verharmlosen, entstand bei mir nicht.

Oskar Roehler: Das ist der einzige Punkt, um den es mir geht – mit welchem Gefühl geht man aus dem Film raus. Als ich den Film (bei der Berlinale) auf der großen Leinwand sah, ist mir bewusst geworden, dass der Film recht aggressiv und powerful daher kam, und den Betrachter vereinnahmt. Vielleicht haben sich davon auch Einige vergewaltigt gefühlt. Das ist ein psychologisches Moment, das habe ich vorher nicht wirklich hinterfragt…

Frage: Das empfinde ich als Ihren Stil. Ich will nicht sagen, dass er im Detail nicht subtil ist, aber insgesamt wirkt er eher kräftig, manchmal mit der Hammermethode daher kommend…

Oskar Roehler: Das ist mein Stil. Hätte ein anderer Regisseur das Drehbuch inszeniert, hätte der Film mit Sicherheit anders ausgesehen. Ich mag die Überhöhung, zum Teil auch die Überzeichnung, weil sie etwas Exemplarisches von der Figur zeigen, sich mehr rausschälen lässt, als wenn man das im immer gleichen, drögen Realismus darstellt. Man langweilt die Leute auch mittlerweile. Ich habe wirklich das Gefühl, gerade betreffend der jungen Zuschauer, dass diese den Film mochten. Sie sind deshalb ja nicht unkritisch, nur weil sie nicht so dogmatisch sind, hinsichtlich der historischen Details.

Frage: Ein subtiles Detail ist mir übrigens aufgefallen. Mehrfach lassen sie in verschiedener Form das Lied „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ aus „La Habanera“ (1937, Regie Detlef Sierck) erklingen, indem Ferdinand Marian eine gegensätzliche Rolle spielt – erst einen negativen Charakter, der sich zum Schluss als der authentischste herausstellt.

Oskar Roehler:  Das ist sein Lied. Das ist eine Art Todesmelodie, die ihn in dem für ihn düster verlaufenden Film begleitet, wobei er in „La Habanera“ auch glänzt. Egal, was er gespielt hat, man fand ihn immer irgendwie gut. Er hatte sehr viele Facetten, aber hatte seine Rolle in „Jud Süss“ wohl selber falsch eingeschätzt. Er hatte tatsächlich von sich behauptet, er würde versuchen, dem Juden menschliche Züge einzuhauchen, ihn sympathisch darzustellen. Ob er allerdings einer Selbsttäuschung unterlag oder das erst später verbreitete, kann ich auch nicht sagen. Nur wusste 1940 Niemand, dass der Nationalsozialismus nicht noch viele Jahre andauern würde, weshalb er wahrscheinlich auch ein Karrierist und Opportunist war, der nur spürte, dass er die Rolle als Jude nicht mehr loswerden würde.

Frage: Die Figur des Regisseurs Veit Harlan spielt dagegen keine besondere Rolle?

Oskar Roehler: Schade eigentlich. Man kann das leider nicht alles in einem Film unterbringen. Die Sache mit Harlan war nicht mehr drin. Man hätte ihm ein oder zwei Fingerzeige geben können, nur hätte man sich dann wirklich mit seinem Schicksal befassen müssen. Er war eine dubiose Figur, aber wir wollten damit gar nicht erst anfangen…

Frage: Schade um den guten Darsteller.

Oskar Roehler: Ja, Dohnanyi, fantastisch. Es ist zwar eine der unscheinbarsten Szenen, aber auch eine meiner Lieblingsszenen, wenn er beim Vorsprechen von Marian, diesen nach einem Satz wieder fortschickt.

Frage einer Journalistin: Sie haben sich sicher den Originalfilm „Jud Süss“ angesehen. Mit welchem Gefühl sind sie nach dem ersten Sehen raus gegangen?

Oskar Roehler: Ich war extrem überrascht, wie gut und wie spannend er immer noch heute ist. Er ist nicht schlecht gealtert, im Gegensatz zu 99,9% aller Filme aus der Zeit, inclusive der Unterhaltungsfilme. Propagandafilme kann man sich schon gar nicht ansehen. Aus einem merkwürdigen Grund, der viele Ursachen hat, funktioniert dieser Film. Das war so mein erster Eindruck.
  Wenn man es einmal dramaturgisch betrachtet, gibt es keine Szene die überflüssig ist. Der Film spielt im Grunde auf drei Ebenen – einmal die archaische Ebene mit dem unschuldigen blonden Mädchen, die mit dem schillerschen Idealdarsteller verheiratet ist, später auf der politischen Ebene, wo er versucht sein Volk nach Stuttgart hinein zu bringen und heuchlerisch und meuchlerisch den Herzog umgarnt, und dann noch auf einer abstrakteren Ebene, die maßgeblich von Göbbels beeinflusst wurde, wo man, wie nebenbei, in einer dunkleren Ecke einer Synagoge hört, heute gehört uns Stuttgart, morgen ganz Baden-Württemberg, sinngemäß, wir sind angetreten, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Das fällt, aber die Leute merken es beim ersten Ansehen gar nicht. Das geschieht unterschwellig.

Frage: Deshalb hat es mich überrascht, dass die Leute im Film nach dem Ansehen mit unmittelbarem Hass reagieren. Dadurch dass der Film eher hintenrum wirkt, stelle ich mir die Reaktion des Publikums verspäteter und nachhaltiger vor. Das macht ja die Gefahr dieses Films aus.

Oskar Roehler:  Das hätte man auch so machen können. Für mich schürt der Film aber, so im Show-Down der letzten 20 Minuten, schon den Volkszorn der Zuschauer. Wenn am Ende dann „Jude, Jude“ geschrieen wird, da geht einem echt der Arsch auf Grundeis. Auch wenn er die Wasserleiche auf seinem Arm zum Schloss trägt. Das ist schon ein Aufruf an die Zuschauer des Films. Ich hätte gerne noch gezeigt, wie der Film sich später weiter entwickelt. Wir haben uns auf Marian konzentriert, aber im Nachhinein hätte mich auch interessiert, welche Wirkung dieser europaweit gezeigte Film noch entfaltet hat.

Fragen und Aufzeichnung Udo Rotenberg, Dresden

Kommentare:

Paul hat gesagt…

Feine Sache, diese Ausnahme! :)

Film wurde mir zwar mittlerweile durch die fast ausnahmslos schlechten Kritiken recht madig gemacht, aber wie du sagst, immer fein, solche Interviews zu lesen.

War das eine einmalige Sache oder rückst du Regisseuren in Zukunft öfter auf die Pelle? :)

Bretzelburger hat gesagt…

Danke für deine Reaktion, Paul,

Ja, ich denke, dass ich in Zukunft öfter die Gelegenheit erhalten werde, allerdings muss ich mir dann noch überlegen, wo ich diese Interviews veröffentliche (neben der offiziellen Stelle), denn ich will meinen Italo-Blog natürlich nicht zu sehr verwässern. Als ich Oskar Roehler davon erzählte, meinte er nur, dass würde doch passen, schließlich käme Antonioni in seinem Film vor :)

Paul hat gesagt…

hehe, na, passt doch! :)

dann war das Interview wohl auch für eine Lokalzeitung abgehalten? ;)

Sieben Berge hat gesagt…

Wäre es nicht eine gute Idee, für deine ebenfalls sehr zahlreichen Besprechungen zu aktuellen Filmen, bzw. für deine sonstigen aktuellen Texte (wie z.b. dieses Interview) einen eigenen Blog hier bei Blogger anzulegen?
Das ist doch mit relativ geringem Aufwand machbar.

Im Italo-Blog ist der Text tatsächlich ja etwas fremd und im GF gehen solche Sachen sehr schnell unter.

Die Blogs könnten ja aufeinander verweisen und möglicherweise ganz unterschiedliche Leserkreis anlocken.
Texte schreibst du ja genug, so dass ein zweiter Blog reichlich Inhalte zu bieten hätte.

Und wenn du tatsächlich in Zukunft die Möglichkeit hast, weitere eigene Interviews mit Regisseuren zu führen, hätte ein solcher Blog auch etwas, was kaum einer der zahlreichen anderen "aktuell" orientierten Blogs zu bieten hat.

Muyserin hat gesagt…

Guten Tag, ich habe über die Barnim-Blog -Liste Ihr Blog entdeckt und freue mich darüber. Für Romanisten eine Fundgrube.

Leider steht nirgends eine E-Mail-Adresse, unter der man Sie erreichen kann.

Bretzelburger hat gesagt…

Hallo, das habe ich jetzt in meinem Profil geändert.

Muyserin hat gesagt…

Danke.

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.