Inhalt: Die
Bande von Duncan (Aldo Sambrell) macht Jagd auf die Skalps von Indianern, dabei
auch rücksichtslos gegenüber Frauen vorgehend. Für jeden Skalp erhalten sie
einen Dollar, aber Duncan schwebt ein besseres Geschäft vor. In einem Saloon
trifft er sich mit einem Mann, der ihn über den Transport einer großen Menge
Dollars in einem Zug informiert. Während seine Männer den Zug überfallen und
die Bewacher ausschalten sollen, wäre er in der Lage, den Tresor ohne
Gewaltanwendung zu öffnen.
Der
Überfall gelingt, aber ihnen kommt ein Indianer in die Quere, der sie auf ihrem
blutigen Weg schon einige Zeit verfolgte, ohne dass es ihnen gelang, ihn zu
beseitigen. Informiert von den Mitgliedern einer Tanzgruppe, die Duncans
Gespräch zufällig belauscht hatten, gelingt es Navajo Joe (Burt Reynolds) den
Zug zu kapern und an dessen Bestimmungssort zu fahren. Die Bürger, erst froh
dass der Geldtransport doch noch eintrifft, reagieren ungläubig auf den
Indianer, dem sie misstrauen. Auch befällt sie die Angst, dass Duncans Bande
sich an ihnen rächen wird, aber sie ahnen nicht, dass der eigentliche Verräter
aus ihrer Mitte kommt…
Sergio
Corbucci brachte 1966, als die Hochphase in der Popularität des "Western
all'italiana" begann, gleich drei Genre-Vertreter heraus, deren Kino-Start
nicht in der Reihenfolge ihrer Herstellung erfolgte. "Johnny Oro"
(Ringo mit den goldenen Pistolen) wurde zwar wenige Wochen nach
"Django" veröffentlicht, war aber schon vor diesem geschrieben und
abgedreht worden, und stand noch in der Tradition des US-Western. Die
Parallelen zu Corbuccis erstem Western "Minnesota Clay" (1964) sind entsprechend
offensichtlich, auch weil Adriano Bolzoni zu beiden Filmen das Drehbuch
verfasste. Erst mit dem Ende 1966 in die Kinos gekommenen "Navajo
Joe" (Kopfgeld: Ein Dollar) legte Corbucci einen Nachfolger von
"Django" vor, der äußerlich wie ein Gegenentwurf zu diesem wirkt,
tatsächlich aber den Weg zu "Il grande silenzio" (Leichen pflastern
seinen Weg, 1968) konsequent fortsetzte.
Der
Vergleich mit dem Mythos "Django"
Dass
"Navajo Joe" bis in die Gegenwart ein eher unbekannter Western
innerhalb Corbuccis Werk blieb, der nicht selten als kreativer Rückschritt
angesehen wird, lässt sich an zwei wesentlichen Einflüssen festmachen - dem
übergroßen Schatten des zum eigenständigen Markenzeichen gewordenen
"Django" und der fehlenden Akzeptanz, einen Indianer als gleichwertigen
Helden anzuerkennen. Selbst Burt Reynolds, der als "Navajo Joe" seine
erste Hauptrolle erhielt, äußerte sich negativ über eine Figur, die sich anders
als der edle "Winnetou" in den Karl-May-Filmen, das Recht herausnahm,
aus ähnlichen Motiven eine Übermacht anzugreifen wie der von Franco Nero
dargestellte Revolverheld Django.
Auch Sergio
Corbucci weigerte sich zuerst, eine Story zu verfilmen, deren Entstehung nicht
zufällig auf Ugo Pirro zurückging, einem der wichtigsten Autoren des
italienischen Politkinos, der mehrere Drehbücher zu Filmen Elio Petris schrieb,
darunter "A ciascuno il suo" (Zwei Särge auf Bestellung, 1967) und
"Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto" (Ermittlungen
gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger), für den er eine
Oscar-Nominierung erhielt. Von ihm stammt auch die Grundlage zu dem politischen
Manifest "Documenti su Giuseppe Pinelli" (1970) aus Anlass des Todes
des Anarchisten, dass auch von Sergio Corbucci unterzeichnet wurde. Im
Gegensatz zu dem politisch wenig relevanten "Django", lässt sich an
"Navajo Joe" erstmals eine gesellschaftskritische Ausrichtung
erkennen, die für Corbuccis folgende Western signifikant wurde.
Trotz der
von Ugo Pirro verantworteten Grundlage, für den es der einzige Ausflug ins
Western-Fach blieb, verfügt "Navajo Joe" über alle wesentlichen
Merkmale des Genres, nicht zuletzt dank der Zusammenarbeit mit Fernando Di Leo,
mit dem Corbucci auch die in "Django" eingeführte kompromisslose,
pessimistische Haltung weiter entwickelte. Wie weit der Mythos
"Django" inzwischen über dem tatsächlichen Film schwebt, wird daran
deutlich, dass diese Weiterentwicklung in vielen Kritiken an Corbuccis Werk
nicht erkannt wird, sondern im Gegenteil "Django" als härter,
konsequenter und nihilistisch angelegter gilt - eine These, die einem genauen
Vergleich nicht standhält.
Einzig die
Optik des schwarz gekleideten Pistolero, der - einen Sarg hinter sich
herziehend - in einer dreckig, schlammigen Umgebung gegen seine Gegner antritt,
scheint diese Meinung zu bestätigen, aber das täuscht darüber hinweg, dass es
unter der gleißenden Sonne in "Navajo Joe" wesentlich kompromissloser
zugeht. Während Django zu Beginn einer Frau das Leben rettet, tötet
und skalpiert Duncan (Aldo Sambrell) eine Indianerfrau, ohne das Joe (Burt
Reynolds), der dessen Gang schon einige Zeit folgt, eingreift. Nur einmal wird
er zur Rettung eines Menschen ein persönliches Risiko eingehen, während in
"Django" kaum ein Sympathieträger Schaden erleidet. Außer den
Mitgliedern einer fahrenden Tanzgruppe und der Halbindianerin Estella
(Nicoletta Machiavelli) kann in "Navajo Joe" auch nicht von
sympathischen Menschen gesprochen werden, denn anders als in "Django"
wird der Protagonist mit einer Bürgerschaft konfrontiert, die von Anpassung,
Feigheit und Egoismus geprägt wird, und ihm mit unverhohlenem Rassismus
gegenüber tritt.
"Navajo
Joe" fehlt noch die Konzentration auf das Wesentliche wie sie Corbucci in
"Il grande silenzio" gelang, etwa wenn er die Machenschaften von
Duncans Gang in der Kleinstadt zu lange auswalzt. Dass diese erst nach Joes
Flucht beginnt, die Bürger systematisch hinzurichten, obwohl diese
Vorgehensweise gegenüber dem Indianer effektiver gewesen wäre, wirkt
konstruiert, aber gleichzeitig gelingen dem Film kurze eindrucksvolle Momente,
deren Gewalt nicht durch Plakativität geprägt ist. Etwa wenn der Arzt Dr.Lynne
(Pierre Cressoy) kaltblütig die einzige Zeugin ermordet, die ihn als Verbrecher
entlarven könnte, dabei das positive Image des Lebensretters missbrauchend,
oder wenn Duncan den Priester (Fernando Rey) erschießt, nachdem dieser ihm
zuvor gedankt hatte, sie verschont zu haben.
Auch in
"Django" stirbt ein Geistlicher, aber bei ihm handelt es sich um
einen bigotten Fanatiker, während dieser in "Navajo Joe" noch zu den
gemäßigteren Zeitgenossen gehört. Darin zeigt sich auch der Unterschied in der
Charakterisierung der Verbrecher, denn während es sich bei "Django"
um einseitig gezeichnete machtgierige und sadistische Banditen handelt, die in
Ku-Klux-Clan-Optik Jagd auf anonym bleibende Mexikaner machen, wird an dem
Bandenboss Duncan deutlich, dass er Opfer seines eigenen rassistischen Hasses
wurde, dem er als Halbblut selbst ausgesetzt war. Trotz dieser etwas
differenzierteren Betrachtungsweise, handeln die Banditen in „Navajo Joe“ noch
kompromissloser als in "Django", etwa wenn sie ohne Skrupel Frauen
erschießen.
Der
entscheidende Unterschied, der zu der ungerechtfertigten Unterschätzung des
Films führte, liegt aber in der Gestaltung der Hauptfigur. Joe, von Burt
Reynolds athletisch, aber ohne jedes emotionale Zugeständnis angelegt, bietet
sich nicht als Identifikationsfigur an. Seine Intention bleibt bis zum Ende
offen, seine Sprüche sind weder cool, noch amüsant, sondern knapp gehalten.
Wenn er – wie in dem Moment, als er dem Sheriff erklärt, warum er im Gegensatz
zu ihm ein wahrer Amerikaner ist – ausnahmsweise einmal mehr redet, bleibt er
von großer Ernsthaftigkeit. Auch in „Navajo Joe“ gibt es viele typische, sehr
unterhaltende Momente des Italo-Western, wird der Kampf des Einzelnen gegen
eine große Übermacht entsprechend stilisiert, aber die Figur des Indianers
bleibt immer differenziert und in ihrem Verhalten zwiespältig. Dagegen ist Django trotz seiner harten Optik ein Softie, dessen Aktionen märtyrerhafte
Züge annehmen und dem ein positives Ende gegönnt wird.
Begleitet
von Ennio Morricones rhythmisch gehaltener Musik, bleibt Sergio Corbucci in
„Navajo Joe“ dagegen bis zum Ende pragmatisch, ohne Zugeständnisse an
pathetische Gefühle, womit er schon den Weg in Richtung „Il grande silenzio“
einschlug. Dass „Django“ der erfolgreichere, wesentlich populärere Film wurde,
zudem stilbildend für das Italo-Western-Genre, ist wenig erstaunlich - „Navajo Joe“ war für Corbucci in seiner differenzierten,
gesellschaftskritischen Gestaltung trotzdem ein qualitativer Fortschritt.
"Navajo Joe" Italien / Spanien 1966, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Fernando Di Leo, Ugo Pirro, Darsteller : Burt Reynolds, Aldo Sambrell, Nicoletta Macchiavelli, Fernando Rey, Pierre Cressoy, Laufzeit : 93 Minuten
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