Giovanni Alberti (Alberto Sordi) mit Ehefrau Silvia (Gianna Maria Canale) |
Alberti hofft auf eine Chance bei Bausetti (Ettore Geri) |
Einzig die zufällige Begegnung mit dem älteren, sehr angesehenen
Ehepaar Bausetti verspricht noch eine Chance, weshalb Alberti am nächsten Vormittag
im Büro des vielbeschäftigten Bauunternehmers vorspricht. Doch Bausetti lehnt Albertis
spekulative Investitions-Pläne ab und will ihn rausschmeißen. Nur dessen Frau
(Elena Nicolai) ergreift Position für den zunehmend verzweifelten Alberti und
lädt ihn für den Nachmittag in ihren Palazzo ein. Voller Hoffnung belügt er
noch seine Frau Silvia (Gianna Maria Canale), der Geldsorgen fremd sind, dass
alles in Ordnung wäre, aber Signora Alberti macht ihm ein Angebot, auf das er
nicht vorbereitet war…
Nach ersten Erfahrungen als Regisseur Anfang der 40er Jahre mit komödiantischen Filmen, in denen er auch die Hauptrolle übernommen hatte, begann mit "I bambini ci guardano" (1944) Vittorio De Sicas ernsthafte Auseinandersetzung mit der italienischen Gegenwart, auch gekennzeichnet durch seine erste Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Cesare Zavattini. Gemeinsam prägten sie den Neorealismus, dem sie bis 1956 mit "Il tetto" (Das Dach) treu blieben. Länger als jeder andere Vertreter dieses Stils, der seinen Höhepunkt Anfang der 50er Jahre überschritten hatte - ein Grund dafür, warum De Sicas Regie-Karriere nach "Umberto D." (1952) zunehmend ins Stocken geriet.
Erst 1960 - vier Jahre nach "Il tetto" - begann ein neuer Abschnitt, der die Phase seiner größten Popularität und Erfolge einleiten solle. Für ihre Hauptrolle in "La ciociara" (Und dennoch leben sie, 1960) erhielt Sophia Loren den Oscar für die weibliche Hauptrolle. "Ieri, oggi, domani" (Gestern, Heute und Morgen, 1963) wurde mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. De Sica stieg zum Star der "Commedia all'italiana" auf - in seiner amüsanten Form zwischen italienischem Temperament und dezent gesellschaftskritischem Gestus, dem er noch mit "Matrimonio all'italiana" (Hochzeit auf Italienisch) fröhnte, jeweils mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen. Auch die internationalen Produktionen "Caccia alla volpe" (Jagt den Fuchs, 1966) mit Peter Sellers und "Woman times seven" (Siebenmal lockt das Weib, 1967) mit Shirley MacLaine schlossen an ein Image an, in dass ein Film wie "Il boom" nicht passen wollte. Obwohl dieser mitten in De Sicas Erfolgsphase entstanden war und nahezu prototypisch für die "Commedia all'italiana" steht, blieb der Film über Italien hinaus unbekannt. Offensichtlich fehlte der Wohlfühl-Charakter.
Das dicke Geldbündel täuscht, denn... |
Das Instrumentalstück „Wheels“ des Billy Vaughn-Orchesters
stand 1961 monatelang an der Spitze der deutschen Single-Charts. Der Titel und
der Interpret sind heute nur noch Wenigen bekannt, aber die treibende Melodie
hat fast Jeder schon einmal gehört. Regisseur Vittorio De Sica nutzte sie als
rhythmischen Hintergrund eines Films, der das Lebensgefühl in Italien Anfang
der 60er Jahre, nach einem Jahrzehnt des wirtschaftlichen Aufschwungs,
beschreibt. Die Wirtschaft boomt, das Bruttosozialprodukt steigt, der Konsum
wächst – und Jeder will ein Stück vom Kuchen abbekommen. Dass es dabei nicht
ausgeglichen zugeht, daran gibt es schon in der ersten Szene keinen Zweifel.
Während ein alter Mann einen knittrigen Schein in den Händen hält, zählt
Giovanni Alberti (Alberto Sordi) die Lire-Scheine seines dicken Bündels. Der Unternehmer
Alberti braucht das Geld für seinen luxuriösen Lebensstil. Ein Appartement in
Top-Lage, ein schnelles Auto für sich, ein Fiat für seine schöne Frau Silvia
(Gianna Maria Canale) und jeden Abend Party in angesagten römischen Locations
mit seinen Freunden und Geschäftspartnern. Ein Leben im ständigen Vorwärtsgang
– „the wheels go on“.
... nur Albertis Mamma hält noch zu ihrem Sohn |
Diesem Tempo passt sich auch der Rhythmus eines Films an,
der nicht lange braucht, um den Moment des Glücks zu Beginn als Illusion
herauszustellen. Das Geldbündel stammt vom Sparbuch seiner alten Mutter, aber
es reicht nicht annähernd, um seine hohen Schulden zu begleichen. Albertis
Gläubiger gewährt ihm keinen Aufschub und seine Versuche, seine Freunde um
einen Kredit zu bitten – auf dem Tennisplatz, an der Rennbahn oder im
Restaurant – scheitern. Sein wichtigster Geschäftspartner schläft ein, während
Alberti ihm von ihrer langen Freundschaft vorsäuselt. Einzig die Begegnung mit
dem schwerreichen Baumagnaten Bausetti (Ettore Geri) verspricht eine Chance, aber dieser lehnt
den Investitions-Vorschlag des jüngeren Kollegen ab. Er hätte sich seine Firma
in 50 Jahren mit harter Arbeit aufgebaut, während Alberti mit windigen
Spekulationen versuche, das gleiche Geld in einem Jahr zu verdienen.
Seinen gehobenen Lebensstil kann sich Alberti nicht mehr leisten... |
Das langjährige Team Cesare Zavattini / Vittorio De Sica
griff in „Il boom“ auf seine neorealistischen Wurzeln zurück und kombinierte
sie mit einem komödiantischen Unterton. Herauskam eine „Commedia all‘italiana“
in Reinform, versehen mit einem gnadenlosen Humor, bei dem das Lachen nicht
mehr im Hals stecken bleibt, sondern gar nicht erst aufkommen will. In seiner
Anlage erinnert „Il boom“ an "Il tetto" (Das Dach, 1956), in dem ein junges aus
armen Verhältnissen stammendes Ehepaar auf vielfältige Weise versucht, im prosperierenden
Rom eine eigene Wohnung zu finden. Daran knüpfte Autor Zavattini seine Kritik
an einem Wirtschaftswachstum, das einen Großteil der Bevölkerung in Armut
zurückließ, um in "Il sicario" (Das bittere Leben, 1961) auf die Seite der
Profiteure zu wechseln. Der unter der Regie von Damiano Damiani entstandene
Film nahm die Thematik von „Il boom“ konkret vorweg und beschrieb die Situation
eines Bauunternehmers aus der Oberschicht, dessen Firma nicht genug Geld für seinen verschwenderischen Lebensstil abwirft. Um die Pleite zu verhindern,
lässt er den alten Freund seines Vaters, dem er viel Geld schuldet, umbringen. Als
Mörder beauftragt er einen einfachen Arbeiter, der auf Grund seiner
Arbeitslosigkeit nach einem Gefängnisaufenthalt nicht mehr in der Lage ist,
seiner Familie etwas zu bieten und der deshalb fürchtet, Frau und Kind zu
verlieren.
...und seine Freunde verweigern ihm die Hilfe |
Die Verlockungen der Konsumgesellschaft und die Sucht nach
dem schnellen, leichten Erfolg waren in ihrer Auswirkung auf alle Bevölkerungs-Schichten
eine Folge des Wirtschaftswachstums nach dem Krieg. Eine Entwicklung, die auch
zu einer leichteren Durchdringung der sozialen Ebenen führte. Die Chance auf
einen gesellschaftlichen Aufstieg bestand ebenso, wie die Gefahr des Verlusts
an Ansehen. Der Bauunternehmer in "Il sicario" beauftragt den Killer, um seine
traditionelle familiäre Stellung zu bewahren, Giovanni Alberti in „Il boom“
versucht dagegen, seine mühsam erreichte soziale Position nicht wieder zu
verlieren. Seine Eltern sind Kleinbürger, die nur wenig mit seinem luxuriösen
Lebensstil anfangen können, ihren Sohn aber selbstlos unterstützen. Dieser
hatte mit Silvia, der Tochter eines Generals, nicht nur in die Oberschicht
eingeheiratet, seine Partnerschaft mit einem angesehenen Investor ermöglichte
ihm den Zugang in die besseren Kreise.
Seine Frau und ihr Vater (Federico Giordano) machen ihm schwere Vorwürfe... |
Erst nach mehr als einem Drittel der Laufzeit findet der
2jährige Sohn Albertis in einem Nebensatz Erwähnung, obwohl „Il boom“
ausführlich den Tagesablauf des Protagonisten und seiner Frau beschreibt bis
sie tief in der Nacht wieder nach Hause kommen. Berührung mit ihrem Kind gibt
es keine. Dafür ist allein das Hausmädchen zuständig, das in einem kleinen
Zimmer in der geräumigen Wohnung schläft. Doch dieses Leben zwischen Statussymbolen
und teuren Freizeitvergnügungen übersteigt Albertis finanzielle Möglichkeiten
bei weitem. Als seine Schulden bekannt werden, verlässt ihn nicht nur seine
Frau, sondern auch seine Freunde wenden sich von ihm ab. Es bietet sich ihm nur
ein Ausweg, auf den er in seiner hoffnungslosen Situation wieder zurückkommt.
Er verkauft für viel Geld die Hornhaut seines linken Auges an den Magnaten Bausetti,
der seit seiner Jugend auf dieser Seite nahezu blind ist. Die Spende der
Hornhaut eines gesunden Menschen verspricht medizinischen Erfolg.
...weshalb Alberti auf Signora Bausettis (Elena Nicolai) Angebot zurückkommt |
Wenn Jemand bereit ist, nur für den Erhalt seiner
gesellschaftlichen Stellung und ein luxuriöses Leben auf ein Auge zu
verzichten, warum sollte man an seinem Schicksal teilhaben? – Was sich nach
einer Satire auf die Konsumgesellschaft anhört, ist in „Il boom“ von demaskierender
Realität. Zu verdanken ist das vor allem dem Spiel Alberto Sordis, dessen
komisches Talent zwingend notwendig ist, um die Tragik hinter seiner Figur
ertragen zu können. Sein Giovanni Alberti ist weder ein skrupelloser
Geschäftemacher, noch der Vertreter einer hedonistischen Spaßgesellschaft. Er
liebt seine Familie und spielt den ewigen Witzbold und Unterhalter nur, um in
der besseren Gesellschaft anerkannt zu werden. Wie viele andere vor und nach ihm
träumte er von einem besseren Leben und ist in eine Falle geraten, aus der er
nicht mehr herauskommt.
Zuerst lehnt Alberti das Ansinnen der Signora Bausetti ab, aber als er feststellen muss, dass ihn seine Frau verlassen hat und ganz Rom von seinen Schulden weiß, muss er handeln. Der Strudel, in den der zunehmend Verzweifelte gerät, ist ein Paradebeispiel für einen tragikomischen Parforceritt. Albertis Gefühlslage wechselt ständig zwischen Verdrängung und ungeschönter Offenheit. Doch weder kann er damit sich selbst helfen, noch versteht seine Umgebung seine Kritik. Der sympathische Durchschnittstyp Giovanni Alberti böte sich als Identifikationsfigur geradezu an, wäre sein Beispiel nicht gleichzeitig so entlarvend. Obwohl Vittorio de Sicas frivoler Beitrag zum Episodenfilm „Boccacio '70“ (1962) sehr gut ankam, und er mit seinem wenige Monate später folgenden Film „Ieri, oggi e domani“ (Gestern, heute und morgen, 1963) große Erfolge feierte und Preise bis zum Oscar einheimste – jeweils nach einem Drehbuch Cesare Zavattinis - blieb „Il boom“ die internationale Vermarktung verwehrt. Auch in Deutschland kam der Film nicht in die Kinos, gegen den De Sicas populäre Werke dieser Phase von zahnloser Harmlosigkeit sind.
"Il boom" Italien 1963, Regie: Vittorio De Sica, Drehbuch: Cesare Zavattini, Darsteller : Alberto Sordi, Gianna Maria Canale, Ettore Geri, Elena Nicolai, Federico Giordano, Laufzeit : 85 Minuten
weitere im Blog besprochene Filme von Vittorio De Sica:
"Ladri di biciclette" (1948)
"Miracolo a Milano" (1951)
"Umberto D." (1952)
"Stazione Termini" (1953)
"L'oro di Napoli" (1954)
"Il tetto" (1956)
"La ciociara" (1960)
"I sequestrati di Altona" (1962)
"Boccaccio '70" (1962)
"Ieri, oggi, domani" (1963)
"Le streghe" (1967)
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