Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Samstag, 18. März 2017

Poveri ma belli (Ich lass' mich nicht verführen) 1957 Dino Risi

Salvatore (Renato Salvatori) und Romolo (Maurizio Arena) teilen...
Inhalt: Unsanft wird Salvatore (Renato Salvatori) aus dem Schlaf gerissen, denn der von der Nachtschicht heimgekehrte Busfahrer erhebt Anspruch auf sein Bett, das Salvatores Mutter tagsüber vermietet hat. Dumm nur, dass er selbst erst spät nach Hause kam, weil er mit seinem Freund Romolo (Maurizio Arena), der mit Vater und Schwester Anna Maria (Alessandra Panaro) in der kleinen Nachbarwohnung lebt, im nächtlichen Rom um die Häuser gezogen war. Aber auch der Busfahrer kommt noch nicht zu seinem Schlaf. Einerseits mokiert er sich über die benutzte Bettwäsche, in der eine Grille haust, andererseits macht sich Salvatore im Zimmer noch frisch. 

..normalerweise alles, aber bei Giovanna (Marisa Allesio) wird's schwer
Gemeinsam mit Romolo verlässt er das Mietshaus, um zur Arbeit zu gehen, aber das hält sie nicht davon ab, stehen zu bleiben, als sie in einem Schneiderladen eine hübsche junge Frau entdecken. Unter dem Vorwand, einen maßangefertigten Anzug bestellen zu wollen, betreten sie den Laden, worauf Giovanna (Marisa Allesio), die die beiden Männer sofort durchschaut, sie bittet, sich in einer Umkleidekabine ihrer Hosen zu entledigen. Erwartungsvoll machen sich Salvatore und Romolo ans Werk - bis sie merken, dass sie in keiner Kabine, sondern im Schaufenster stehen. Giovanna hatte das Rollo hochgezogen und der lachenden Menge die Männer in Unterhosen präsentiert. Ein wenig beleidigt setzen sie ihren Weg fort, aber Giovanna geht ihnen nicht mehr aus dem Kopf… 

Die unter der Regie Pasquale Festa Campaniles entstandenen erotischen Komödien "Als die Frauen noch Schwänze hatten" (Quando le donne avevano la coda, 1970) oder "Das nackte Cello" (Il merlo maschio, 1971), verfügen heute noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad in Deutschland und kamen auch auf Video oder DVD heraus. "Poveri ma belli",  gehört dagegen zu den Filmen, die in Italien bis heute populär sind, hierzulande aber vergessen wurden, obwohl der Film unter dem Titel "Ich lass' mich nicht verführen" Ende der 50er Jahre auch in den deutschen Kinos gelaufen war.

Dass Pasquale Festa Campanile als Drehbuchautor an "Poveri ma belli" beteiligt war, ist entsprechend unbekannt, wie auch seine Partnerschaft mit Massimo Franciosa, mit dem er vor seiner ersten Regie-Arbeit fast 10 Jahre gemeinsam Drehbücher verfasste und damit den Weg für die "Commedia sexy all'italiana" bereitete. Ähnlich wie die "sexuelle Revolution" Ende der 60er Jahre das Ergebnis des sozialen Wandels nach dem Krieg war, ist die erotische Komödie keine Erfindung der frühen 70er Jahre. 


Blickfang für die versammelten Herren: auf der Straße...
"Poveri ma belli" (deutscher Titel „Ich lass' mich nicht verführen“, übersetzt „Arm, aber schön“) hat es auf die Liste der "100 film italiani di salvare" (100 zu bewahrende italienische Filme) gebracht, die eine italienische Experten-Kommission Ende der 90er Jahre aufstellte. Angesichts einer Komödie über Liebeslust und - leid junger Römer, die 1957 so gut in Italien ankam, dass sie mit "Belle ma povere" (Puppe mit Pfiff, 1957) und "Poveri millionari" (1959) zwei Fortsetzungen nach sich zog, eine auf den ersten Blick überraschende Ehre. Anders als die spezifischen Totò-Komödien ("Totò a colori" (1952)), die sich adäquat nur schwer aus dem Italienischen übersetzen lassen, kamen die jeweils unter der Regie von Dino Risi entstandenen, immer mit denselben Hauptdarstellern besetzten „Poveri“-Filme auch in die deutschen Kinos. Nur der dritte Teil - ohne Beteiligung des weiblichen Stars Marisa Allesio herausgekommen, die nach ihrer Hochzeit früh ihre Karriere beendete - brachte es nicht mehr auf eine deutsche Leinwand, aber auch dessen zwei Vorläufer gerieten als Lustspiele unter vielen schnell in Vergessenheit.

...oder in den eng stehenden Miethäusern
Zu unrecht. „Poveri ma belli“ wurde zu einer wichtigen Initialzündung für die italienische Komödie, besonders für die in den 60er Jahren aufkommende „Sexy“-Variante. Mit dem jungen Autoren-Duo Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa verfassten zwei Protagonisten der späteren „Commedia sexy all’italiana“ das Drehbuch. Und Regisseur Dino Risi, mit dem sie hier ihren ersten von fünf gemeinsamen Filmen schufen – neben den drei „Poveri“-Teilen noch „La nonna sabella“ (1957) und „Venezia, la luna e tu“ (Der Windhund von Venedig, 1958) – sollte zu einem führenden Vertreter der „Commedia all’italiana“ werden. Mit Filmen wie "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven, 1962) oder "I mostri" (1963) warf Risi entlarvende Blicke hinter die Fassade der italienischen Sozialisation – nicht zuletzt auch auf das Sexualleben seiner Landsleute.

Romolos Schwester Marisa (Lorella De Luca) wird nicht ernst genommen
Ihr gemeinsames Frühwerk „Poveri ma belli“ erscheint dagegen noch leichtgewichtig und wenig sozialkritisch. Die beiden jungen Männer Salvatore (Renato Salvatori) und Romolo (Maurizio Arena), im Mietshaus Seite an Seite aufgewachsen und seit ihrer frühen Kindheit miteinander befreundet, genießen das Sommerleben in Rom. Ihre Jobs – Salvatore arbeitet als Bademeister in einem Tiber-Strandbad, Romolo als Aushilfe im Plattenladen seines Onkels (Mario Carotenuto) – nutzen die gutaussehenden Kerle, um bei den Frauen ihren Charme spielen zu lassen. Abends schmeißen sie sich in Schale und streifen durch die Stadt – immer auf der Suche nach dem nächsten hübschen Mädchen. Ihre jüngeren Schwestern, die jeweils in den Freund des Bruders verliebt sind, nehmen sie dagegen nicht als Frauen wahr und behandeln sie mit der entsprechenden Ignoranz.

Dagegen legen sich die Freunde bei Giovanna...
Die beiden männlichen Hauptdarsteller Maurizio Arena und Renato Salvatori verdankten diesen Paraderollen ihren Durchbruch, ihr weiblicher Widerpart Marisa Allesio war als „italienische Jayne Mansfield“ dagegen schon sehr populär in Italien. In der Rolle der Giovanna wird sie zum Love-Interest beider Männer, denen es gelingt, sich mit ihr am Abend zu verabreden, was sie gegenüber dem Anderen selbstverständlich verschweigen. Bis sie sich am Treffpunkt begegnen und feststellen müssen, dass sie auf dieselbe Frau warten. Für Salvatore kein Problem, der beim gemeinsamen Tanz als von Gefühlen übermannter Charmeur auf einen Kuss dringt. Und ihn auch bekommt. Er glaubt sich am Ziel, aber Romolo, der die Party zuvor missgelaunt verlassen hatte, gibt noch nicht auf. Mit seiner Masche, den uninteressiert scheinenden, abweisenden Coolen zu geben, gelingt es ihm ebenfalls Giovanna zu küssen.

...richtig ins Zeug, aber...
„Poveri ma belli“ benötigt nicht lange, um eine Handlung in Gang zu setzen, die weniger stringente Erzählung, mehr facettenreiche Momentaufnahme ist. Es ist das Abbild einer jungen Generation im sozialen Wandel der Nachkriegszeit, für die Spaß und Freizeitvergnügen an erster Stelle steht. Und die Sexualität, woran „Poveri ma belli“ in seiner für die Entstehungszeit ungemein frivolen Inszenierung keinen Zweifel ließ. Besonders Giovanna, die nicht nur mit beiden Männern offen turtelt, sondern mit Ugo (Ettore Manni), obwohl er kurz zuvor mit ihr Schluss gemacht hatte, noch einen weiteren Verehrer in der Hinterhand hat, widersprach in ihrem selbstbestimmten Verhalten den vorherrschenden Moralvorstellungen. Der deutsche Filmtitel „Ich lass' mich nicht verführen“ brachte es auf den Punkt, denn Giovanna behält jederzeit die Kontrolle über das Liebesspiel. Trotz ihrer freizügigen Bade-Kleidung und der sie umgebenden Männer, entsteht nie der Eindruck, dass sie leicht zu haben ist.

...auch Ugo (Ettore Manni) hat noch nicht mit ihr abgeschlossen
Damit hielten Risi und sein Autoren-Duo den Männern den Spiegel vor, die zwar nichts anbrennen ließen, gleichzeitig aber gerne den Moralapostel spielten. Gegenüber ihren jeweiligen Schwestern Marisa (Lorella De Luca) und Anna Maria (Alessandra Panaro) sind die beiden Freunde schnell mit Vorhaltungen, sobald diese sich auch nur dezent aufhübschen. Da setzt es auch mal eine Ohrfeige als Ausdruck einer Doppelmoral, die Männern wie Romolos Onkel – von Caretonuto mit gewohntem Hang zur Lächerlichkeit verkörpert - nächtliche Affären mit verheirateten Frauen in seinem Plattenladen erlaubte, von den jungen Frauen aber sittsames Auftreten verlangte. Allzu dramatisch nahm „Poveri ma belli“ die Sache nicht, sondern wahrte dank seiner beiden sympathischen Protagonisten, die sich selbst nicht zu ernst nahmen, das Gleichgewicht zwischen Komödie und Realität und schuf damit ein stimmiges Zeitbild.

Romolos Onkel (Mario Carotenuto) weiß seinen Plattenladen zu nutzen
Dazu trug auch ein Aspekt bei, auf den der originale Filmtitel und seine zwei Fortsetzungen anspielten – die Armut. Konkret wird sie im Film nicht thematisiert, aber sie bleibt trotz der Homogenität des sozialen Umfelds und der allgemein vorherrschenden Lebensfreude gegenwärtig. Auf wenig Raum leben die Familien in den einfachen Mietshäusern eng beisammen. Salvatore teilt sich sein Bett mit einem nachts arbeitenden Busfahrer, der es tagsüber als Schlafplatz gemietet hat. Die Jobs der beiden jungen Männer sind keine Nebenverdienste während der Ferien, sondern schmaler Haupterwerb, ohne Aussicht auf spätere Karrieresprünge. „Poveri ma belli“ betrachtete diese Situation mit Humor, romantisierte sie aber nicht. Verglichen mit Mario Monicellis "I soliti ignoti" (Diebe haben’s schwer, 1958), der im selben Umfeld angesiedelt war, hielt sich die Sozialkritik zwar zurück, ließ aber spüren, dass die libertären Freizeitaktivitäten immer auch Ablenkung vom Alltag sind. Und das die Protagonisten am Ende den Konventionen nicht entkommen können.

"Poveri ma belli" Italien, Frankreich 1957, Regie: Dino Risi, Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Dino Risi, Darsteller : Marisa Allesio, Renato Salvatori, Maurizio Arena, Lorella De Luca, Alessandra Panaro, Mario Carotenuto, Memmo Carotenuto, Ettore Manni, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Dino Risi: 

"L'amore in città" (1953) 
"Il sorpasso" (1962) 
"I mostri" (1963)
"Le bambole" (1965) 
"I nuovi mostri" (1977)

Mittwoch, 20. Januar 2016

Tre notti d'amore (Drei Liebesnächte) 1964 Renato Castellani, Luigi Comencini, Franco Rossi

Inhalt: Episode 1: La vedova (Die Witwe)

Schwarz gekleidete Sargträger empfangen die junge Witwe Giselle (Catherine Spaak) am Bahnhof des kleinen Ortes, um den Leichnam von Don Ciccio erst zu dessen Mutter und dann weiter zum Friedhof zu transportieren. Die jungen Männer des Ortes stellen kurz die Juke-Box aus, um dem Toten Respekt zu erweisen, lassen ihre Augen aber nicht von dessen hübscher Witwe. Doch das ändert sich schnell, als Jeder der mit ihr in Berührung kommt kurz darauf selber in einem Sarg landet…

Episode 2: Fatebenefratelli (GutgemachtBruder)

Ghiga (Catherine Spaak) schwimmt im Meer noch seelenruhig ein paar Bahnen, während ihr viel älterer Liebhaber ungeduldig auf sie wartet. Er hat einen dringenden Termin, was sie nicht weiter interessiert. Viel mehr will sie mit seinem Mercedes-Cabriolet allein weiter fahren – ein Wunsch, den er ihr nur zähneknirschend und verbunden mit guten Ratschlägen erfüllt. Zwecklos, denn Ghiga fährt rücksichtslos davon, um nur wenig später einen schweren Unfall zu bauen und in der Krankenstation eines nahegelegenen Mönchklosters zu landen. Doch trotz ihrer zahlreichen Brüche hat sie schon bald das nächste Ziel ins Auge gefasst: den schüchternen jungen Mönch Fra Felice (John Phillip Law), der sie betreut…

Episode 3: La moglie bambina (Die kindliche Ehefrau)

Ausgelassen tanzt Cirilla (Catherine Spaak) im Kreis ihrer jugendlichen Freundinnen, ohne zu bemerken, dass Giuliano (Enrico Maria Salerno), Architektur-Professor und ihr viel älterer Ehemann, nach Hause kommt. Als die Mädchen unter die Dusche wollen, treffen sie Giuliano dort in der Badewanne an. Kichernd verabschieden sie sich und lassen Cirilla mit ihrem Mann allein. Er hatte nicht stören wollen. Ein Verhalten, dass seiner jungen Frau zunehmend Sorgen bereitet, denn schon seit Wochen wirkt er depressiv. Sein Psychiater (Adolfo Celi) ist der Meinung, er leide unter zu großer Liebe zu seiner jungen Frau. Abhilfe könnten Verabredungen mit anderen Frauen schaffen – ein Vorschlag, den Cirilla zuerst noch ablehnt…


Gemessen an ihrer damaligen Popularität und ihrer Bedeutung für die sexuelle Liberalisierung im Film der 60er Jahre sind die italienischen Episodenfilme inzwischen nahezu aus dem Filmgedächtnis verschwunden – ganz abgesehen von ihrer Symbolik für die jahrzehntelange tiefgreifende Zusammenarbeit italienischer Filmschaffender über Genre-Grenzen hinweg (siehe „L’amore in città und die Folgen – der italienische Episodenfilm“). Während in Italien einzelne Episodenfilme noch medial verbreitet werden, sind sie in Deutschland quasi nicht mehr existent, obwohl ein Großteil davon in den hiesigen Kinos lief. Das gilt auch für „Tre notti d’amore“, der unter dem Titel „Drei Liebesnächte“ im Oktober 1965 hierzulande Premiere feierte. In der Hochphase des Episodenfilms in die Kinos gekommen, steht der Film wie viele seiner Genre-Brüder exemplarisch für die Entwicklung der „Commedia all’italiana“ zur „Commedia sexy“ – nicht nur thematisch, sondern auch hinsichtlich der am Film mitwirkenden Künstler.

Die damals 19jährige Catherine Spaak, seit „La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962) zu einem Star in der „Commedia all’italiana“ aufgestiegen und in den 60er Jahren auf der Kinoleinwand quasi omnipräsent, spielte in allen drei Episoden die Hauptrolle, darunter je einmal an der Seite von Renato Salvatori und Enrico Maria Salerno. Am Regie-Pult standen das Neorealismus-Urgestein Renato Castellani („Sotto il sole di Roma“ (Unter der Sonne von Rom, 1948)), der seit mehr als 10 Jahren erfolgreiche Luigi Comencini ("Pane, amore e fantasia" (Liebe, Brot und Fantasie, 1953)) und Franco Rossi. Rossi beteiligte sich allein bis 1968 an sieben Episodenfilmen und gehört damit zu den einflussreichsten Wegbereitern der erotischen Komödie - ebenso wie die Drehbuch-Autoren Massimo Franciosa, Luigi Magni, Franco Castellano und dessen Dauer-Partner Giuseppe Moccia („Castellano e Pipolo“), die im selben Jahr auch am nicht weniger stilprägenden Episodenfilm „Extraconiugale“ (Seitensprünge, 1964) mitwirkten.

Handelte es sich bei „Extraconiugale“ um eine Zusammenarbeit junger Regisseure am Beginn ihrer Karriere, standen den prominenteren Beteiligten an „Tre notti d’amore“ deutlich mehr Produktionsgelder zur Verfügung. Doch trotz des visuellen Erlebnisses in Technicolor und der selbstbewusst jugendlichen Catherine Spaak in so frivol wie provokanten Geschichten um die sich verändernden Geschlechterrollen, ereilte auch „Tre notti d’amore“ das Schicksal vieler nah am Zeitgeist angesiedelter Filme – sie wurden von der rasanten Entwicklung überholt und gerieten in Vergessenheit. Dabei verfielen die Macher keineswegs in Aktionismus, sondern nutzten die einzelnen Episoden, die mit 30 Minuten bzw. zweimal knapp 45 Minuten vergleichsweise lang ausfielen, für eine schlüssige Entwicklung der inneren Konflikte. Wie häufig in der italienischen Komödie erweist sich der Filmtitel eher als Wunsch, denn als Realität – von Liebesnächten ist hier nur wenig zu sehen. Bindeglied der drei Episoden ist die Hauptdarstellerin, deren naiv-modern auftretende Frauenfiguren auf konservative männliche Muster treffen.


„La vedova“ (Die Witwe) Renato Castellani, Drehbuch Franco Castellano, Giuseppe Moggia

Die erste ist nicht nur die kürzeste, sondern auch die turbulenteste Episode, auch wenn es ein wenig braucht, bis die Handlung in Gang kommt. Geschuldet ist die langsame Steigerung des Erzähl-Tempos der Begriffsstutzigkeit der Hauptdarstellerin, die im Gegensatz zum Betrachter viel Zeit benötigt, um die archaischen Regeln zu verstehen, die im südlichen Italien vorherrschen. Die Macher nutzten die französisch-belgische Herkunft der Schauspielerin, um sie eine junge Französin spielen zu lassen, die weder die strengen Moralvorstellungen kennt, noch ahnt, dass ihr keineswegs natürlich verstorbener Ehemann Don Ciccio ein einflussreicher Mafioso war. Mit schönstem französischem Akzent parlierend trippelt Giselle (Catherine Spaak) im kurzen schwarzen Kleid über die sonnenüberfluteten Straßen, badet spontan nackt in ein einem kleinen Teich und spricht ohne Arg jeden Mann an - darunter auch den Friedhofswärter (Renato Salvatori), der sich um Don Ciccios Grab kümmert.

Optisch erinnert Giselles Auftritt an Stefania Sandrellis Büßergang in Pietro Germis „Sedotta e abbandonata“ (Verführung auf Italienisch, 1964), der wie die dritte Episode in „Extraconiugale“ auf die strengen patriarchalischen Gesetze im Süden des Landes anspielte. Auf Grund der fast parallelen Entstehungszeit thematisch kein Zufall, aber in seiner schwarzhumorigen Konsequenz gegensätzlich. Auch in „La vedova“ kommt es zu sogenannten „Ehrenmorden“, aber diesmal ist nicht die Frau das Opfer, sondern jeder Mann, der es wagt, ihr auch nur ein wenig Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, da ihre Stellung als Witwe des Dons unangreifbar ist. Es genügt schon, Giselle seinen Namen zu nennen, um sein Todesurteil zu erwirken – einzig der Friedhofswärter kommt auf seine Kosten, da er wenigstens eine gemeinsame Nacht mit der Schönen erlebt, bevor sein Holzkreuz aufgeschlagen wird.

Angesichts der fortschreitenden Dezimierung der männlichen Bevölkerung, atmet der gesamte Ort auf, als Giselle endlich wieder mit dem Zug abreisen will. Doch unmittelbar bevor sie den Waggon betritt, begreift sie ihre Machtposition – und beschließt, doch zu bleiben. Die Absurdität, mit der Castellani und sein Autoren-Team Castellano / Pipolo den Takt der Todesfälle erhöhten, ohne ihr Zustandekommen im Bild zu zeigen, verleiht der Episode eine Leichtigkeit, die ihren ernsthaften Hintergrund vergessen lässt. Zu unrecht, denn dank der Umkehrung der üblichen Machtverhältnisse, wird erst die menschenverachtende Konsequenz der vorherrschenden Hierarchie für alle Beteiligten – Männer, wie Frauen - offensichtlich.


„Fatebenefratelli“ (GutgemachtBruder) Luigi Comencini, Drehbuch Marcello Fondato, Luigi Comencini

Die zweite Episode mit dem vielsagenden Titel-Wortspiel „Fatebenefratelli“ wählte einen gegensätzlichen Erzähl-Rhythmus – nach einem turbulenten Beginn konzentriert sie sich ganz auf das Zusammenspiel der exaltierten Ghiga (Catherine Spaak) mit dem jungen Mönch Fra Felice (John Phillip Law). Dieser pflegt die so selbstbewusste, wie verwöhnte Ghiga nach ihrem Unfall mit dem Sportwagen ihres deutlich älteren Liebhabers in der Krankenstation seines Klosters. Anfang der 60er Jahre nicht nur eine Konfrontation der größtmöglichen Gegensätze, sondern eine Umkehr der gewohnten Geschlechterrollen – hier die sexuell offensive junge Frau, dort der allen Machismo-Mustern entsagende junge Mann. Ihre Begegnung nimmt den erwarteten Verlauf. Kann sich Fra Felice zu Beginn noch den Avancen seiner Patientin erwehren, beginnt sein Widerstand zunehmend zu bröckeln.

Interessant ist weniger diese Entwicklung, als die Gespräche zwischen dem Mönch und Ghiga, für die sich Comencini viel Zeit nimmt. Während sie nur bestrebt ist, ihre Langeweile zu vertreiben, versucht er zu vermitteln, warum er sich für ein Leben als Mönch entschieden hat – nicht nur ihr gegenüber, sondern auch gegenüber sich selbst, denn das ihm die junge Frau gefällt, lässt sich schon bald nicht mehr übersehen. Auch wenn seine Argumente kaum eine Chance haben, gewinnt er mit seiner Haltung Sympathien gegenüber der dem Luxus-Leben frönenden Ghiga. Erneut spielte Catherine Spaak eine ins negativ überzeichnete moderne Frauenfigur – der „Rote Faden“, der sich durch alle drei Episoden zieht. War sie in „La vedova“ von ignoranter Naivität, steht hier ihre Vergnügungssucht an erster Stelle. Wieder bricht sie am Ende mit diesem Klischee, in dem sie gegen die Erwartungshaltung reagiert. Dieses komödiantische Spiel mit den Vorurteilen gegenüber der fortschreitenden Emanzipationsbewegung setzte sich in der dritten Episode in einer vergleichsweise konventionelleren Ausgangssituation fort – die Ehe eines älteren Mannes mit einer jungen Frau.


„La moglie bambina“ (Die kindliche Ehefrau) Franco Rossi, Drehbuch Massimo Franciosa, Luigi Magni

Während Cirilla (Catherine Spaak) mit ihren Freundinnen zu einem Schlager tanzt, kommt ihr Vater von der Arbeit nach Hause und begibt sich ohne zu stören in das obere Stockwerk. Zumindest will der Film diesen Eindruck in der Eingangssequenz erzeugen. Tatsächlich handelt es sich bei Giuliano (Enrico Maria Salerno) um Cirillas Ehemann, den sie als dessen Studentin beim Architektur-Studium kennenlernte und vor zwei Jahren geheiratet hatte. Franco Rossis Episode setzt zu einem Zeitpunkt in die Beziehung ein, in der die anfängliche Euphorie vorbei ist. Während er seiner Arbeit nachgeht, lebt die jugendliche Cirilla weiter ihr unbeschwertes Leben ohne Verantwortung:

„Hast du den Cafè gemacht oder Teresa (Anm. die Haushälterin)? – „Teresa“ – „Dann ist es Cafè“

Dieser kurze Dialog, als sie ihm eine Tasse Cafè in sein Büro bringt, plakatiert eine Realität, unter der Giuliano seit Monaten leidet. Obwohl er seine Frau liebt, verfällt er zunehmend angesichts der andauernden Jugend-Berieselung in seinem Haus in depressive Stimmungen. Sein Psychiater (Adolfo Celi) hat ihm deshalb geraten, sich mit anderen Frauen zu verabreden, was Cirilla gar nicht gefällt. Erneut stellte die Story ein weibliches Klischee der sich verändernden Geschlechterrollen in den Mittelpunkt – die flippige Studentin, die sich einen wohlhabenden Professor angelt, auf dessen Kosten sie in den Tag hinein lebt. Und wieder brach Catherine Spaak in ihrer Rolle mit der erzeugten Erwartungshaltung und reagierte am Ende reifer und konsequenter als ihr Ehemann.

Sieht man von Äußerlichkeiten ab, spielte Catherine Spaak in allen drei Episoden denselben jugendlichen Frauentypus, für den sie in „La voglia matta“ berühmt wurde – selbstbewusst, erotisch, frech und intelligent. Ihr Spiel mit den Emanzipations-Klischees führte jeweils zum selben Ergebnis: am Ende sind immer die Männer die gelackmeierten. Eine zum Entstehungszeitpunkt des Films provokante Konsequenz, die stilbildend für Catherine Spaaks Rolle in der Entwicklung der erotischen Komödie wurde - inhaltlich auf der Höhe der Zeit, im körperlichen Einsatz aber zurückhaltend. Obwohl im gleichen Alter wie ihre Nachfolgerinnen Laura Antonelli und Edwige Fenech, findet sie auch in langen Darstellerinnen-Listen zur „Commedia sexy all’italiana“ kaum Erwähnung. Ein unübersehbares Zeichen dafür, wie sich die sexy Komödie in den 70er Jahren zum voyeuristischen Spektakel veränderte – das Spiel mit den Moral-Konventionen wie in „Tre notti d’amore“ hatte an Reiz verloren.

"Tre notti d'amore" Italien 1964, Regie: Renato Castellani, Luigi Comencini, Franco Rossi, Drehbuch: Franco Castellano, Giuseppe Moggia, Massimo Franciosa, Luigi Magni, Luigi Comencini, Marcello Fondato, Darsteller : Catherine Spaak, Renato Salvatori, John Phillip Law, Enrico Maria Salerno, Aldo Puglisi, Adolfo Celi, Laufzeit : 119 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

"Pane, amore e fantasia" (1953)
"A cavallo della tigre" (1961)
"Le bambole" (1965)
"Delitto d'amore" (1974)

 weitere im Blog besprochene Filme von Franco Rossi:

"Le bambole" (1965) 
"Le streghe" (1967)

Dienstag, 15. September 2015

Extraconiugale (Seitensprünge) 1964 Massimo Franciosa, Mino Guerrini, Giuliano Montaldo

Inhalt: Episode 1: „La doccia“ (Die Dusche)  Der Ingenieur Luigi (Gastone Moschin) kämpft mit den Tücken des Alltags – wenig motivierte Arbeiter auf seiner Baustelle, eine Ehefrau, die ihn auf sein Übergewicht aufmerksam macht, und deren jüngerer Bruder Roberto (Lando Buzzanca), der abends wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, noch im Bett liegt. Einzig eine neue spiralförmige Dusche, die sein Zulieferer im Angebot hat, kann seine Laune aufhellen. Als ihn Roberto mit seiner Begeisterung für die Sängerin Marestella (Lena von Martens) konfrontiert, beginnt Luigi zu fantasieren: Marestella, die Dusche und er…

Episode 2: "Il mondo è dei ricchi" (Die Welt gehört den Reichen)  Gastone (Enzo la Torre) ist ein kleiner städtischer Beamter, den Niemand ernst nimmt. Sein Chef unterdrückt ihn, seine Frau sitzt nur vor dem Fernseher und der reiche Maurizio (Mino Guerrini) lästert über den ewigen Verlierer. Auch die schöne Nachbarin (Agatha Flori), die für harte Kerle wie im Film schwärmt, würdigt ihn keines Blickes. Als er in der Zeitung liest, dass der Toto-Gewinner aus seiner Stadt kommt, sieht er auf seinen Schein und glaubt, gewonnen zu haben…

Episode 3: "La moglie svedese" (Die schwedische Ehefrau) Die junge Schwedin Eva (Maria Perschy) freut sich sehr auf die Familie ihres Mannes Renato (Renato Salvatori), die sie zum ersten Mal gemeinsam in Rom besuchen. Renato, der in Schweden arbeitet, hat sich verändert, auch das Verhalten seiner Ehefrau entspricht nicht den Vorstellungen seiner Eltern und Geschwister, aber sie versuchen sich darauf einzustellen. Doch Eva lässt kaum einen Fauxpas aus und stellt damit die Toleranz ihrer Schwiegereltern auf eine harte Probe…


Lando Buzzanca und Gastone Moschin 
Die enge, weit verzweigte Zusammenarbeit unter den Künstlern gehört zu den außergewöhnlichen Merkmalen der italienischen Filmlandschaft bis in die 80er Jahre. Besonders die Rollen hinter der Kamera - Regie, Drehbuch und Kameramann - erfuhren innerhalb großer Gruppen wechselseitige Besetzungen und verschiedene Kombinationen, deren gegenseitige Beeinflussungen über eine große Anzahl an Filmen oft nur noch mühsam nachvollzogen werden können. Es erstaunt wenig, dass kein Filmland mehr Episodenfilme, gedreht unter der Hoheit verschiedener Regisseure, produziert hat als Italien - eine Inszenierungsform, die beispielsweise in Deutschland nie über den Status der Exotik hinaus kam (siehe den Essay "L'amore in città und die Folgen - der italienische Episodenfilm"). Neben der kreativen Vielfalt förderten die Episodenfilme junge Regisseure und Autoren, die eine Chance erhielten, ihr Können an Hand von Kurzfilmen zu beweisen, die unter einem gemeinsamen Oberbegriff zusammengefasst wurden.

Regisseur Mino Guerrini 
"Extraconiugale" (Seitensprünge), der Mitte der 60er Jahre herauskam, als der Episodenfilm in Folge von "Boccaccio '70" (1962) einen Boom erlebte, steht beispielhaft für die Initialzündung, die von einem solchen Film ausgehen konnte - nicht nur als Karrieresprung, sondern auch in stilistischer Hinsicht. Dank der von einer Vielzahl an Künstlern getragenen Interpretationen ließen sich Tabu-Brüche riskieren, weshalb sich fast alle Episodenfilme dieser Phase sexuellen Themen widmeten - als Ausdruck des soziokulturellen Wandels und Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Dass die Macher für die Umsetzung die komödiantische Form wählten, verdeutlicht das damalige Wagnis. Nur als Farce oder Satire konnte man Männlein und Weiblein unter dem moralischen Deckmantel auf den Zahn fühlen - entsprechend gelten die Episodenfilme heute mehrheitlich als Vertreter der „Commedia all’italiana“.

Auch „Extraconiugale“ ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme, sondern näherte sich mit humorvoller Leichtigkeit dem außerehelichen Geschlechtsverkehr, der im patriarchalisch geprägten Italien schnell zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit ausarten konnte. Einerseits entsprach es dem männlichen Selbstbild, reihenweise Frauen beglücken zu wollen, andererseits konnte es keine größere Beleidigung für einen Mann geben, als als „Cornuto“ (Betrogener) bezeichnet zu werden. Wie üblich nutzten die drei Regisseure die episodische Form, um sich von unterschiedlichen Seiten ihrem Thema anzunähern – Teil 1 „La doccia“ (Die Dusche) blieb im Bereich der Fantasie, Teil 2 "Il mondo è dei ricchi" (Die Welt gehört den Reichen) konkretisierte den Aufstand eines Verlierer-Typen und Teil 3 "La moglie svedese" (Die schwedische Ehefrau) wählte den Blickwinkel eines scheinbar betrogenen Mannes. Alle drei Teile aber eint, dass sie gezielt den Voyeurismus bedienten, indem sie jeweils eine hübsche junge Darstellerin erotisch in den Mittelpunkt stellten. Besonders der von Mino Guerrini inszenierte Mittelteil verfügt schon über wesentliche Merkmale der späteren „Commedia sexy all’italiana“. Keine überraschende Feststellung, angesichts einer Besetzung vor und hinter der Kamera, die zu den Wegbereitern des erotischen Genres gehört.

Der Drehbuchautor Massimo Franciosa, der hier eine seiner wenigen Regie-Arbeiten ablieferte, hatte zuvor jahrelang mit Pasquale Festa Campanile („Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971)) zusammen gearbeitet und steht für eine sanftere Auslegung der Erotik-Komödie als sein ehemaliger Compagnon. Luigi (Gastone Moschin), der Protagonist der ersten Episode „La doccia“ ist ein Bau-Ingenieur mittleren Alters. Verheiratet und durchaus erfolgreich leidet er ein wenig unter der Ereignislosigkeit seines Lebens, zudem konfrontiert mit Roberto (Lando Buzzanca), dem jüngeren Bruder seiner Frau (Liana Orfei), der mit ihnen in der gemeinsamen Wohnung lebt. Wenig daran interessiert arbeiten zu gehen, liegt Roberto bis abends im Bett und hört immer denselben Schlager der Sängerin Marestella (Lena von Martens), für die er in Liebe entflammt ist. Ein Einfluss, dem sich auch Luigi nicht entziehen kann. Als er von einem Zulieferer den Prospekt einer spiralförmigen Dusche erhält, geht mit ihm die Fantasie durch – gemeinsam sieht er sich in Tagträumen mit Marestella nackt unter der Dusche.

Lena von Martens
Franciosa schrieb das Drehbuch zu seiner Episode gemeinsam mit Franco Castellano und Giuseppe Moccia, die in den kommenden Jahrzehnten nicht nur für manche Sex-Komödie („Il prode Anselmo e il suo scudiero“ (1972, Decamerotico, Regie Bruno Corbucci) und Militärklamotte ("Il colonnello Buttiglione diventa generale" (Herr Oberst haben eine Macke, 1974) Regie Mino Guerrini) verantwortlich wurden, sondern als "Castellano und Pipolo" in mehr als 20 Filmen zusammen Regie führten, die in den 80er Jahren zu den wirtschaftlich erfolgreichsten der italienischen Filmgeschichte gehörten („Il bisbetico domato“ (Der gezähmte Widerspenstige, 1980, mit Adriano Celentano und Ornella Muti). Auch die beiden männlichen Hauptdarsteller Gastone Moschin und Lando Buzzanca wurden zu entscheidenden Protagonisten der kommenden Erotikfilm-Welle. Bis sie Mitte der 70er Jahre von Chaos-Typen wie Alvaro Vitali abgelöst wurden, gab Moschin oft den Durchschnittsbürger mittleren Alters („Dove vai tutta nuda?“ (Warum läufst du immer nackt herum?, 1969), Regie Pasquale Festa Campanile) und Lando Buzzanca verkörperte unzählige Male eine Mischung aus Trottel und Lebemann („Warum habe ich bloß 2x ja gesagt“ (1969)).

Abgesehen von den dezenten Nacktaufnahmen mit der schönen Finnin Lena von Martens im Mittelpunkt, hielt sich die erste Episode hinsichtlich ihrer Provokation zurück. Die außerehelichen Aktionen finden nur in der Fantasie statt, allerdings nicht ohne ein überraschend versöhnliches Ende für den geplagten Ingenieur. Dagegen ist Mino Guerrinis zweite Episode von einem anderen Kaliber wie schon der Titel „Die Welt gehört den Reichen“ andeutet. Guerrini schrieb nicht nur das Drehbuch, sondern ließ es sich auch nicht nehmen, einen im Maserati herumrasenden Kapitalisten zu mimen, der sich über Gastone (Enzo la Torre) lustig macht. Gastone ist ein kleiner Beamter in Mantova, der von allen Seiten Häme und Verachtung erfährt. Seine vor dem Fernseher hockende Ehefrau, sein Chef oder seine zwei Kollegen hacken nur auf ihm herum, auch die schöne Nachbarin Ileana (Agatha Flori), die in einer Filmwelt lebt, sich selbst als Sophia Loren sieht und von harten Kerlen träumt, nimmt ihn nicht wahr.

Agatha Flori
Für eine Gesellschaftskritik sind Guerrinis Charakterisierungen zu übertrieben, aber sie gaben ihm die Gelegenheit ordentlich auf den Putz zu hauen. Als Gastone auf Grund einer Zeitungsmeldung glaubt, den Hauptgewinn im Toto gewonnen zu haben, beginnt er den Spieß umzudrehen. Sein Chef bekommt einen Tritt, der Maserati und der Fernseher werden zu Schrott verarbeitet (beim Maserati wurde getrickst, denn das hätte das Budget gesprengt) und die Nachbarin bekommt die Schläge, die sie von einem harten Kerl erwartet. Natürlich mit dem gewünschten Ergebnis – seine Frau putzt ihm ergeben die Schuhe und die Nachbarin legt einen heißen Striptease hin. Mit irgendeiner Realität hatte das nichts zu tun, persiflierte aber schön die Macho-Klischees und sorgte auch für die gewünschten erotischen Bilder – ein früher noch dezenter Blick in die Sex-Komödien der 70er Jahre.

Maria Perschy
Giuliano Montaldo, 1964 noch ein Newcomer auf dem Regie-Stuhl, schuf mit der dritten Episode eine Art Kommentar zu den humoristischen Versionen seiner Partner, die außer Guerrini alle am Drehbuch mitwirkten. Hinzu kam noch Luigi Magni, ebenfalls ein Protagonist des erotischen Films der kommenden zehn Jahre, der als Autor mehrfach mit Pasquale Festa Campanile zusammenarbeitete ("La cintura di castità" (Der Keuchheitsgürtel, 1967)). In „La moglie svedese“ wirkt einzig die Figur der schwedischen Ehefrau Eva (Maria  Perschy) überzeichnet. Gerade weil sie sehr sympathisch ist, ist ihr Verhalten zu ignorant gegenüber der aus Süditalien stammenden Familie ihres Mannes Renato (Renato Salvatori), die sie in ihrer Wohnung in Rom besuchen. Als ob Montaldo und seine Kollegen bewusst die Konfrontation zwischen konservativer Realität und der aufkommenden Modernisierung der Gesellschaft gesucht hätten, lassen sie Eva jeden Fehler begehen, den sie begehen kann – gleichberechtigtes Verhalten als Frau, fehlende Scham und lockerer Umgang mit anderen Männern.

Renato (Salvatori) gerät unter Druck
Renato, der als Gastarbeiter in Schweden lebt, wo er Eva kennen und lieben lernte, bewahrt lange Haltung und versucht seiner Familie und Freunden ihr Benehmen zu erklären, aber er kann sich auf Dauer der Archaik nicht entziehen, die von ihm fordert, die Ehre der Familie zu bewahren. Die vorherrschende Ernsthaftigkeit der dritten Episode, deren wenige Nacktaufnahmen die Situation noch zuspitzen, steht beispielhaft für Montaldos weiteren Weg, der als einziger Verantwortlicher des Films dem Komödien-Genre fernblieb. Nach Thrillern wie "Ad ogni costo" (Top Job, 1967) und "Gli intoccabili" (American Roulette“, 1969) wurde der passionierte Dokumentarfilmer später für seine gesellschaftskritischen Filme bekannt („Sacco e Vanzetti“ (Sacco und Vanzetti“ (1971)). Trotz des leichten Erzähl-Gestus ließ Montaldo an dem bösen Ende seiner Episode keinen Zweifel – ein Ende, das letztlich den gesamten Film erdet und damit die Tragweite vermittelt, die das Thema außerehelicher Sex damals noch beinhaltete.

"Extraconiugale" Italien 1964, Regie: Massimo Franciosa, Mino Guerrini, Giuliano Montaldo, Drehbuch: Massimo Franciosa, Mino Guerrini, Giuliano Montaldo, Franco Castellano, Luigi Magni, Giuseppe Moccia, Darsteller : Gastone Moschin, Lando Buzzanca, Renato Salvatori, Lena von Martens, Agata Flori, Maria Perschy, Enzo La Torre, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Giuliano Montaldo:

Donnerstag, 28. Juni 2012

I soliti ignoti (Diebe haben's schwer) 1958 Mario Monicelli


Inhalt: Nachdem Cosimo (Memmo Carotenuto) bei einem Autodiebstahl erwischt wurde und im Gefängnis landete, gewinnt er schnell wieder Oberwasser, als er dort von einem großen Coup erfährt, bei dem  man angeblich ohne großes Risiko Kasse machen kann. Über seine Freundin Norma (Rossana Rory) lässt er den Kumpanen draußen mitteilen, das sie sich um seine Freilassung kümmern sollen, wenn sie von dem Einbruch profitieren wollen.

Mit der Hilfe von Mario (Renato Salvatori) organisieren sie so viel Geld, das sich der erfolglose, aber nicht vorbestrafte Boxer Peppe (Vittorio Gassman) freiwillig den Behörden stellt und statt Cosimo die Strafe antreten will. Doch so leicht lässt sich die Polizei nicht hinters Licht führen, sondern verurteilt Peppe angeblich zu drei Jahren Gefängnis. Darauf vertraut Cosimo dem Unglücklichen seinen Plan an, worauf dieser gut gelaunt aus dem Gefängnishof tritt, mit der Information, nur ein Jahr auf Bewährung erhalten zu haben...

Als Mario Monicelli sich 1958 den "I soliti ignoti" und damit den "üblicherweise Unbekannten" widmete, hatte er schon einige Jahre als Drehbuchautor und Regisseur hinter sich. Seine Anfänge lagen in den 30er Jahren, in denen er häufig als Regieassistent arbeitete, bevor er an Drehbüchern zu Filmen aus der Phase des Neorealismus wie "I bambini ci guardano" (1944) oder "Riso amaro" (Bitterer Reis, 1949) mitwirkte. Sein Hauptaugenmerk galt aber von Beginn an dem komödiantischen Film. Schon in "Totò cerca casa" (Totò sucht eine Wohnung, 1950), bei dem er wie in vielen seiner frühen Filme gemeinsam mit Steno Regie führte, arbeitete er nicht nur mit dem italienischen Volksschauspieler Totò zusammen, sondern entwickelte den filmischen Humor aus einem genauen Abbild der Realität.

In der ersten Hälfte der 50er Jahre folgten noch eine Vielzahl von Filmen mit Totò (darunter "Guardi e ladri" (Räuber und Gendarm, 1951) und "Totò e le donne" (Totò und die Frauen, 1954)), die schon auf "I soliti ignoti" hinweisen, auch wenn dieser heute als Beginn der "Commedia all'italiana" gilt, der mit „Divorzio all’italiana“ (Heiraten auf Italienisch, 1961) und „Il sorpasso“ (Verliebt in scharfe Kurven, 1962) weitere herausragende Vertreter nach sich zog. Ebenso bestand die Zusammenarbeit mit den Drehbuchautoren Agenore Incrocci (unter dem Kürzel "Age" bekannt) und Suso Cecchi D'Amico schon einige Jahre - "Age" hatte die Drehbücher bei fast allen "Totò"-Filmen mit verfasst, während D'Amico gemeinsam mit Monicelli das Drehbuch zu "Proibito" (Verboten, 1954) entworfen hatte.

In "I soliti ignoti" vereinten sich eine Vielzahl von Stilen und Genres, die in dieser Mischung zuvor noch nicht auf die Leinwand gebracht wurden. Neben den neorealistischen Wurzeln, die sich im Umfeld und der Lebenssituation der Protagonisten widerspiegeln (immer wieder wählte Monicelli die modernen, gleichförmigen Neubauten für den Hintergrund, womit er schon an seine Episode aus "Boccaccio '70" von 1962 erinnert), paaren sich der teilweise abstruse Alltags-Humor, Reminiszenzen an den Stummfilm mit Einblendungen von Texttafeln und Slapstick-Einlagen, sowie eine Parodie auf den französischen Film "Rififi" (1955), in dem auch hier eine Gruppe von Männern zusammenkommen, um "ein großes Ding zu drehen". Das gab Monicelli die Gelegenheit gleich mehrere Typen zu klassifizieren, die zwar leicht überhöht gestaltet sind, aus denen sich der Charakter der in einfachen Verhältnissen lebenden Menschen aber stimmig zusammensetzt.

Gleich zu Beginn wird Cosimo (Memmo Carotenuto) beim Autodiebstahl geschnappt und landet im Gefängnis. Der Ältere versteht sich als Anführer der Herumtreiber und Tagelöhner seines römischen Stadtteils, weshalb er hofft, bald wieder entlassen zu werden. Besonders nachdem er von einer angeblich leichten Gelegenheit erfahren hatte, an viel Geld zu kommen. Seine Freundin Norma (Rossana Rory) stellt den Kontakt her zu den anderen Kumpels, darunter Mario (Renato Salvatori), ein junger Mann der im Waisenhaus aufwuchs und sich mit Diebstählen durchschlägt, der Neapolitaner Michele (Tiberio Murgia), der notfalls mit dem Messer die Unschuld seiner Schwester Carmelina (Claudia Cardinale in einer ihrer ersten Rollen) und die Traditionen seiner Heimat verteidigt, der Fotograf Tiberio (Marcello Mastroianni), der alleine sein Baby versorgen muss, weil seine Frau für drei Monate im Gefängnis sitzt, und der kleine Caspanelle (Carlo Pisacane), der ständig auf der Suche nach etwas Essbarem ist.

Um Cosimo aus dem Gefängnis zu bekommen, wollen sie einen bisher nicht Vorbestraften mit Geld dazu überreden, den Autobruch zu gestehen. Dafür bietet sich der Boxer Peppe, genannt „di Pantera“ (Vittorio Gassman), an, der gerade wieder, trotz seines nicht unerheblichen Selbstbewusstseins, einen Kampf verloren hatte, bisher aber immer anständig blieb. Da er keine Lust hat, arbeiten zu gehen, nimmt er das Angebot an und stellt sich der Polizei. Doch diese fällt auf das leicht zu durchschauende Manöver nicht herein, sondern verknackt Peppe ebenfalls für drei Jahre. So behauptet dieser zumindest tieftraurig gegenüber Cosimo, bis er dem Boxer seinen Plan verrät. Tatsächlich hatte Peppe nur ein Jahr auf Bewährung bekommen, weshalb er mit dem Wissen triumphierend das Gefängnis verlässt. Draußen wollen ihm Cosimos Kameraden und Norma entsprechend an den Kragen, aber als sie erfahren, das er den Plan kennt, machen sie gemeinsame Sache mit ihm.

Ohne das Monicelli konkret auf ihre materielle Situation eingeht oder irgendwelche Kritik an realen Zuständen äußert, beschreibt er ein Leben, das alle Beteiligten dazu zwingt, jederzeit auf veränderte Situationen zu reagieren und immer den Moment nutzen zu müssen. Ihr Leben gibt ihnen keine Sicherheit. Feste Standpunkte einzunehmen oder langfristige Planungen sind ein Luxus, den sie sich nicht leisten können, weshalb der Versuch, einen Tresor mit einer aufwändigen Vorbereitung zu knacken, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Entsprechend geht auch schief, was schief gehen kann, aber ihre gleichzeitige Fähigkeit zur Flexibilität und Improvisation, hilft ihnen selbst in ausweglos scheinenden Situationen weiter. So komisch die jeweiligen Wendungen sind, so ungeschickt sich die Protagonisten manchmal anstellen, so wenig ist „I soliti ignoti“ eine Persiflage auf einen „Heist-Coup“ oder gar eine „Loser-Komödie“, wie es der deutsche Titel „Diebe haben’s schwer“ vermittelt, auch wenn der Film das Genre in diese Richtung beeinflusste.

Bei Monicelli ist der geplante Einbruch ein Synonym für das Leben der Beteiligten, denen eindeutig seine Sympathie gehört. Keine kriminelle Energie, sondern nur die Aussicht auf ein Einkommen treibt sie in das Abenteuer, und das sie sich von Rückschlägen nicht verrückt machen lassen, liegt nur daran, das diese zu ihrem Leben gehören. Zur tragischsten Figur wird entsprechend Cosimo, der dank einer Amnestie doch wenig später frei kommt, denn er kann mit der veränderten Situation draußen nicht umgehen. Anstatt einfach mitzumachen, wie ihm seine Kameraden anbieten, will er sich an Peppe rächen und seine Position als Anführer zurück haben. Sein Versuch, sich alleine durchzuschlagen, wird von Monicelli mit dem gewohnten Humor geschildert, macht aber deutlich, wie nahe die Grenze zur Tragik liegt. Erwartungsgemäß scheitert Cosimo bei einem Handtaschenraub, da es ihm nicht gelingt der älteren Dame diese von seinem Fahrrad aus zu entreißen. Als er fliehen will, wird er von einer Straßenbahn tödlich erfasst. Letztlich war es seine mangelnde Bereitschaft zur Flexibilität, die ihn scheitern ließ.

Noch einige weitere Figuren gesellen sich mit der Zeit hinzu, wie der alte Tresorknacker Dante Cruciani (Totò), der den Beteiligten Tipps gibt, selbst aber nicht mitmachen kann, da er unter polizeilicher Beobachtung steht. Neben solchen von Totò souverän gespielten komischen Episoden fällt auf, das der sonstige Stil von „I soliti ignoti“ eher nüchtern ist, keinen Moment in Sentimentalitäten verfällt, auch nicht in den Beziehungen zu den Frauen. Schon die Begegnung von Norma und Cosimo, als diese ihn im Gefängnis besucht, deutet an, das sie schon lange darauf wartet, geheiratet zu werden, und als Tiberio am Tag des Einbruchs seiner Frau das Baby für einen Tag ins Gefängnis bringt, reagiert diese nur mit Unwillen – auch Beziehungen zwischen Mann und Frau unterliegen den Gesetzen des Pragmatismus. Das gilt sogar für Peppe und die sehr hübsche, neckische Nicoletta (Carla Gravina), zwischen denen sich etwas anzubahnen scheint. Peppe verhält sich ihr gegenüber auch sehr anständig, aber für Romantik bleibt beim täglichen Überlebenskampf kein Raum. Nur Mario kann trotz ihres strengen Bruders das Herz von Carmelina gewinnen, aber bevor daraus etwas werden kann, muss er sich erst einmal eines anständigen Lebenswandels befleißigen (im Hintergrund seiner Arbeitsstelle, einem Kino, ist das Plakat von "Kean" (1956) zu sehen, einer Regie-Zusammenarbeit von Vittorio Gassman und Francesco Rosi).

Die Leichtigkeit, die Improvisationskunst und der Witz, mit denen „I soliti ignoti“ bestens unterhält, und damit für viele „Gaunerkomödien“ zum Vorbild wurde, spiegeln nicht nur den Charakter der Protagonisten wider, sondern lassen gleichzeitig an der Härte der Realität keinen Zweifel. Ohne diese Eigenschaften wären sie nicht in der Lage mit ein wenig Selbstachtung zu überleben.

"I soliti ignoti" Italien 1958, Regie: Mario Monicelli, Drehbuch: Mario Monicelli, Suso Cecchi D'Amico, Agenore Incrocci (Age),  Darsteller : Vittorio Gassman, Renato Salvatori, Marcello Mastroianni, Claudia Cardinale, Carla Gravina, Totò, Laufzeit : 106 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Mario Monicelli:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.