Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Dienstag, 8. Oktober 2013

L'avvertimento (Die tödliche Warnung) 1980 Damiano Damiani

Inhalt: Commissario Baresi (Giuliano Gemma) entdeckt auf seinen Kontoauszügen eine große Summe, deren Herkunft er sich nicht erklären kann. Auf Nachfrage bei seiner Bank, ob es sich um einen Fehler handelt, wird ihm die ordnungsgemäße Überweisung auf sein Konto bestätigt. Als er wenig später in seinem Büro im römischen Polizeihauptquartier einen anonymen Anruf erhält, der eine Gegenleistung für diese Bezahlung einfordert, beschließt er spontan, seinen Dienst zu quittieren, um nicht erpressbar zu sein.

Doch ein schrecklicher Vorfall macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Sein Kollege Vincenzo Laganà (Franco Odoardi) wird gemeinsam mit dem Anwalt Milanesi (Giordano Falzoni) im Poizeigebäude von drei Männern ermordet, die sich als Polizisten verkleidet hatten. Laganà hatte gegen die Mafia ermittelt, aber seine Kontoauszüge lassen den Verdacht zu, dass er selbst in die Sache verwickelt war - eine Verdächtigung, gegen die sich seine Witwe Silvia (Laura Trotter) vehement wehrt. Baresi, der gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten Martorana (Martin Balsam) den Fall aufklären soll, vermutet, dass sie mehr weiß, als sie zugibt. Als sie erpresst wird, scheint sich eine erste Spur zu ergeben...


"L'avvartimento" (Die tödliche Warnung) bedeutete nicht nur einen Einschnitt im Schaffen des Regisseurs Damiano Damiani, ab diesem er nur noch selten für das Kino arbeitete und sich vermehrt dem Fernsehen zuwendete, sondern setzte auch einen Schlusspunkt im Polizieschi-Genre. Nachdem er mit "Amityville II: the possession" (Amityville 2: der Besessene) 1982 eine Auftragsarbeit in Hollywood abgeliefert hatte, setzte Damiani mit "La piovra" (Allein gegen die Mafia) 1984 neue Maßstäbe für eine Fernsehserie. In dieser griff er seine seit "Il giorno della civetta" (Der Tag der Eule, 1968) mehrfach wiederholte Thematik der Unterwanderung der italienischen Gesellschaft durch die Mafia erneut auf, die auch in "L'avvartimento" den Anlass für die Handlung lieferte, ohne selbst Gegenstand einer genaueren Betrachtung zu werden.

Im Mittelpunkt stehen die polizeilichen Ermittlungen, da die Story fast ausschließlich aus dem Blickwinkel von Commissario Antonio Baresi (Giuliano Gemma) erzählt wird, womit Damiano Damiani ein letztes Mal auf Stilmittel des Polizieschi-Genre zurückgriff, das seinen Zenit 1980 überschritten hatte. Ein Jahr zuvor hatte Giuliano Gemma in "Un uomo in ginocchio" (Ein Mann auf den Knien), seinem ersten Film unter der Regie Damianis, einen Dieb verkörpert, der in die Mühlen der Mafia gerät, in "L'avvartimento" trat er dann das Erbe Franco Nero an, der in Damianis frühen Polit-Thrillern meist für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen zuständig war. Der Bogen, den der Film damit über mehr als ein Jahrzehnt spannte, lässt sich auch den beteiligten Drehbuchautoren ablesen - Massimo De Rita und Arduino Mauri waren schon an Carlo Lizzanis "Banditi a Milano" (Die Banditen von Mailand, 1968) und Sergio Sollimas "Città violentà" (Brutale Stadt, 1970) beteiligt, die das Polizieschi-Genre früh beeinflusst hatten.

Schon in der Eingangssequenz charakterisiert Damiani seinen Protagonisten als einen Einzelkämpfer, der konsequent nur seinen eigenen Maßstäben folgt. Während die nächtliche Geliebte seine Wohnung in dem Wissen verlässt, dass ein Wiedersehen eher unwahrscheinlich ist, entdeckt Baresi auf seinem Kontoauszug einen hohen Geldbetrag, dessen Herkunft er sich nicht erklären kann. Nachdem ihm seine Bank die Korrektheit der Überweisung bestätigte und er wenig später im Polizei-Präsidium einen anonymen Anruf erhält, der Gegenleistungen dafür erwartet, formuliert er sofort seinen Austritt aus dem Polizeidienst, um nicht erpressbar zu sein. Nur ein brutales Attentat auf seinen Vorgesetzten Lagana (Franco Odoardi), der mitten im Polizeigebäude von drei als Polizisten verkleideten Attentätern ermordet wird, ändert seine Pläne - gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten Martorana (Martin Balsam) soll er nicht nur die Mörder finden, sondern das Geflecht aus Korruption, in dem scheinbar auch Lagana verstrickt war, entwirren.

Anders als in Damianis zuvor gedrehten "Io ho paura" (Ich habe Angst, 1977), in dem Gian Maria Volonté einen demoralisierten Polizisten mimte, der erst seine Ängste überwinden musste, wirkt Giuliano Gemma in seiner Rolle als Commissario keinen Moment verunsichert und tritt ähnlich energisch gegen einen übermächtig wirkenden Gegner an, wie ihn Franco Nero in "Confessione di un commissariodi polizia al procuratore della repubblica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte, 1971) als Staatsanwalt verkörperte. Dieser Rückgriff auf Damianis Frühphase des politisch motivierten Polizieschi, wird noch durch die Besetzung Martin Balsams betont, der hier seine damalige Rolle an der Seite Neros variierte und erneut in den Verdacht gerät, selbst korrupt zu sein. Damit zitierte sich Damiani nur vordergründig selbst, denn inhaltlich vertauschte er die Rollen. Nicht der sich auch illegaler Methoden bedienende Commissario steht in "L'avvartimento" im Verdacht, mit den Verbrechern gemeinsame Sache zu machen - wie noch in Damianis 1971 gedrehten Film - sondern der betont konservativ auftretende, bürgerliche Polizeipräsident.

"L'avvartimento" wirkt in dieser sich verändernden Charakterisierung wie ein Kommentar auf das vergangene Jahrzehnt des Polizieschi. So pessimistisch Damianis frühere Polizeifilme auch waren, so behielten sie immer eine integere Figur im Zentrum, selbst wenn diese menschliche Schwächen aufwies. Der von Gemma verkörperte Commissario zeigt dagegen auch Charakterzüge des von Maurizio Merli ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) gespielten zwar unbestechlichen, aber rücksichtslos vorgehenden Polizistentypus, etwa wenn Baresi die attraktive Witwe Silvia Lagana (Laura Trotter) trotz ihrer offensichtlichen psychischen Anfälligkeit unter Druck setzt, weil er glaubt, dass sie mehr weiß, als sie zugibt, oder er ein Attentat auf den Polizeipräsidenten vortäuscht, um diesen zu verunsichern. Dank Gemmas ruhigem Spiel, seinem Verzicht auf übertriebene Emotionen, für die in "L'avvartimento" sein Kollege Brizzi (Giancarlo Zanetti) zuständig ist, und seines intellektuellen Auftretens, blieb diese Figur trotzdem in Damianis Sinn unabhängig.

Wie gewohnt streute der Regisseur nur wenige, entsprechend beeindruckende Actionszenen ein - besonders der kaltblütige Mord im Polizeipräsidium ist sehr graphisch dargestellt - und legte das Schwergewicht auf den sprachlichen Diskurs. Nur langsam erschließen sich die Zusammenhänge zwischen politischen Interessen, den mafiösen Strukturen und einem korrupten Polizeiapparat, wodurch Damianis Film trotz der spannenden Thematik eher den Gestus eines realistischen Films annimmt - zusätzlich betont durch die unprätentiösen Bilder der grauen und dreckigen Großstadt Rom. Entsprechend mündet der Film in kein abschließendes Actionspektakel, sondern in eine lange Szene um die Hochzeit eines jungen Paares, zu der sich die einflussreiche Gesellschaft Roms versammelt hat. Fast provozierend ruhig gestaltet sich der Film in seiner Endphase, verzichtet zwar nicht auf dramatische Ereignisse, lässt diese aber nur parallel zur eigentlichen Haupthandlung stattfinden – dem Gespräch zwischen dem Commissario und dem Polizeipräsidenten, dass die abschließenden Konsequenzen auslöst.

Zusammengefasst wird deutlich, warum „L’avvartimento“ nur wenig Erfolg hatte. Auf der einen Seite die gröberen, plakativen Stilmittel eines Poliziesco nutzend – zu einem Drehzeitpunkt, als das Genre an Popularität verloren hatte – lag das Schwergewicht trotzdem auf den Zwischentöne, sind es die im Detail verborgenen Verhaltensweisen, die erst über Macht oder Ohnmacht entscheiden. Auch die von Gemma souverän gespielte Figur eines unbeirrbaren Commissario, sowie das unerwartete Ende täuschen nur vordergründig darüber hinweg, dass Damiano Damiani nichts von seinem pessimistischen Blick verloren hatte – „L’avvartimento“ wäre als sperrige Entdeckung dringend für eine angemessene Veröffentlichung zu empfehlen.

"L'avvartimento" Italien 1980, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Nicola Badalucco, Massimo De Rita, Arduino MauriDarsteller : Giuliano Gemma, Martin Balsam, Laura Trotter, Giancarlo Zanetti, Franco Odoardi, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Samstag, 4. September 2010

Imputazione di omicidio per uno studente (Mordanklage gegen einen Studenten) 1972 Mauro Bolognini


Inhalt: Bei Studentenprotesten an der Architektur-Fakultät eskalieren die Ereignisse. Die Polizei greift mit Schlagstöcken an, während die Studenten mit Steinen antworten und auf die Polizisten zustürzen. Als im Gemenge ein Schuss fällt und ein Student getroffen zu Boden fällt, verliert Fabio Sola (Massimo Ranieri) vor Wut die Kontrolle und schlägt mit einem zufällig auf dem Boden gefundenen Schlagring auf einen Polizisten ein. Dieser bleibt ebenfalls tot liegen.

Um den Schuldigen für den Tod ihres Kollegen zu finden, werden wahllos Studenten festgenommen, bevor der gleich zu Beginn der Demo verhaftete Massimo Trotti (Luigi Diberti) als Hauptverdächtigter präsentiert wird. Richter Sola (Martin Balsam) bekommt die Ermittlungen übertragen, ohne zu ahnen, dass sein Sohn der wirkliche Täter ist...


Als sich Mauro Bolognini 1972 der Thematik der Studentenproteste annahm, hatten die Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des Staates, die eine große bürgerliche Mehrheit hinter sich wussten, und den meist jugendlichen Oppositionellen, längst unnachgiebige Züge angenommen. Während die Demonstranten als linke Chaoten eingestuft wurden, galten diesen die Bürger automatisch als Faschisten - nicht erstaunlich, dass konkrete Themen wie der Vietnam-Krieg oder die Lehr - Situation an den Universitäten nicht mehr konstruktiv erörtert werden konnten. „Imputazione di omicidio per uno studente” (Mordanklage gegen einen Studenten) schien, angesichts dieser Ereignisse, nicht mehr über die unmittelbare Aktualität zu verfügen, die die Filme auszeichneten, zu denen Ugo Pirro zuvor das Drehbuch schrieb.

Beginnend 1967 mit Elio Petris „A ciascuno il suo“ (Zwei Särge auf Bestellung), über Damiano Damianis „Il giorno della civetta“ (Der Tag der Eule) von 1969, und weiteren zwei Filmen von Elio Petri - „Ingadine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto“ (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger) und „La classe oparaia va in paradiso“ (Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies)1970 und 1971 - , steht Bologninis Film über die Studentenproteste am Ende einer Reihe von höchst brisanten, jeweils von Pirro geschriebenen Polit-Filmen. Doch während Elio Petris und Damianis Film über mafiöse Strukturen in der Politik sehr pessimistisch angelegt waren, und sich Petris spätere Filme durch ihren beißenden, teils überzeichneten Blick auszeichneten, wirkt Bologninis Film aus heutiger Sicht unspektakulär und zurückhaltend. Selbst der historische Film „Il Giardino dei Finzi Contini“ (Im Garten der Finzi Contini), den Pirro gemeinsam mit Vittorio De Sica zwischen den Petri-Filmen entwarf, schien in seiner Gesellschaftskritik relevanter, weshalb „Imputazione di omicidio per uno studente”, der auch als einziger der zuvor genannten Filme keinen Preis gewann, bis heute nahezu unbekannt blieb.

Bei Analyse der inszenatorischen Anlage, verbunden mit den zeitlichen Umständen während der Entstehungszeit des Films, wird das nachvollziehbar, ist aber nichtsdestotrotz ungerechtfertigt, denn Pirro und Bolognini wagten etwas für ihre Zeit Ungeheuerliches – einen objektiven, bewusst ausgewogenen Blick auf eine Situation, die nicht nur deutlich stärker im Focus der Bevölkerung stand, als die politischen Themen der anderen Filme, sondern ausschließlich von extremen Haltungen begleitet war. Nur zu Beginn verwendet „Imputazione di omicidio per uno studente” typische Bilder, als er die Eskalation eines Studentenprotests zeigt, der in eine tödliche Auseinandersetzung zwischen der Polizei und den Studenten mündet. Am Ende gibt es zwei Tote – einen erschossenen Studenten und einen erschlagenen Polizisten – aber keinen Moment lässt der Film den Eindruck von Vorsatz entstehen. Der junge Architekturstudent Fabio Sola (Massimo Ranieri) hatte, nachdem er ansehen musste, wie sein Kommilitone starb, im Affekt einen Schlagring genommen und blind auf einen Polizisten eingeschlagen, aber auch die tödliche Kugel war zuvor nicht gezielt abgegeben worden.

Nach diesen ersten – von Ennio Morricones großartiger Musik begleiteten – Szenen, verbleibt der Film über seine gesamte Laufzeit in einem ruhigen, sehr gesprächsintensiven Modus, der auf jede Action oder zugespitzte Momente verzichtet und trotzdem jederzeit spannend bleibt. Pirro und Bolognini konzentrieren sich auf einen Vater – Sohn – Konflikt, der vor allem von Martin Balsam getragen wird, der nicht nur als ermittelnder Richter Aldo Sola agiert, sondern im Besonderen als Fabios Vater. Es wird offensichtlich, dass dieser Mikrokosmos – frei von den üblichen Vorurteilen - stellvertretend für den Generationskonflikt stehen sollte. Sowohl Balsam als auch Ranieri gelingt es überzeugend, ihre Zugehörigkeit zur jeweiligen Gesellschaftsgruppe zu unterstreichen, ohne bei ihrer Auseinandersetzung in übertriebene Aggression oder Anbiederung zu verfallen. 

Auch ihr jeweiliger Hintergrund ist ähnlich differenziert gestaltet. Zwar wurde mit Massimiliano Trotti (Luigi Diberti) ein Student festgenommen und des Mordes an dem Polizisten angeklagt, aber als Richter Sola professionell beginnt, die Ermittlungen der Polizei zu hinterfragen, werden Aggressionen innerhalb der Truppe spürbar. Einen Moment keimt der Eindruck auf, es könnte für den Richter gefährlich werden – wie oft im italienischen Polit-Thriller – aber an Verschwörungen hat der Film kein Interesse. Im Gegenteil wird dem ehrgeizigen und aus seiner Abneigung gegenüber den Studenten kein Geheimnis machenden Commissario Cottone (Pino Colizzi), der zunehmend in Verdacht gerät, selbst geschossen zu haben, der gemäßigte ältere Commissario Malacarne (Turi Ferro) gegenüber gestellt, der diesen mehrfach in die Schranken weist. Immer bleibt die Polizeiarbeit in einem Gleichgewicht zwischen Wut auf die Studenten und dem gesteigerten Interesse, schnell einen Schuldigen zu präsentieren, und einer möglichst objektiven Ermittlungsarbeit.

Auch bei den Studenten verzichtet Bolognini nicht darauf, deren taktisches Kalkül zu beschreiben. Als Fabio sich stellen will, hindern ihn die anderen Studenten daran. Für sie ist es ein Vorteil, dass ein tatsächlich Unschuldiger hinter Gittern sitzt, denn so können sie die Staatsmacht überzeugender angreifen, während ein geständiger „Mörder“ nur ein gefundenes Fressen für die Presse wäre, die Studentenproteste als verbrecherisch hinzustellen. Neben dieser Vorgehensweise, wird aber auch immer ihr friedliches, von einer klaren linkspolitischen Haltung geprägtes Engagement offensichtlich, dass sie antreibt. Auch die Darstellung von Wohngemeinschaften und die Andeutung einer freieren Sexualität bleiben ohne jeden sensationsgierigen Blick. Selbst die Gefühle, die Fabio für Carla (Petra Pauly) hegt, werden nicht instrumentalisiert, sondern bleiben eine Randerscheinung.

Durch diesen bewussten Verzicht auf Polemik und eine vordergründige Sympathiebekundung, erntete der Film nicht nur keine Zustimmung von irgendeiner politischen Seite, sondern setzte sich zudem dem Verdacht aus, keine Stellung zu beziehen, was sich noch durch die scheinbare Unentschiedenheit des Endes bekräftigen ließe. Doch tatsächlich bewies der Film Mut, indem er die Thematik von üblicher Ideologie befreite und sich auf den Generationskonflikt konzentrierte, der nach der Phase des Wiederaufbaus nach dem 2.Weltkrieg kommen musste und der letztlich der Auslöser für die Proteste wurde. Es ist auch falsch, dem Film keine klare Haltung zu unterstellen, nur weil er von politischen Statements absah. Im Gegenteil versuchte er sich damit nur, den üblichen ideologischen Verdächtigungen zu entziehen, aber aus seiner Haltung, dass sich die Gesellschaft verändern muss, machte er kein Geheimnis.

"Imputazione di omicidio per uno studente" Italien 1972, Regie: Mauro Bolognini, Drehbuch: Ugo Pirro, Darsteller: Martin Balsam, Massimo Ranieri, Valentina Cortese, Salvo Randone, Petra PaulyLaufzeit: 96 Minuten 

- weitere im Blog besprochene Filme von Mauro Bolognini :

"Le bambole" (1965)
"Le fate" (1966) 
"Le streghe" (1967)


Mittwoch, 19. August 2009

Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert) 1971 Damiano Damiani

Inhalt : Ein Krimineller wird überraschend aus einer Nervenanstalt entlassen und richtet ein Blutbad an. Commissario Bonavia (Martin Balsam) hatte die Ärzte der Anstalt zwar dazu erpresst, den Mann frei zu lassen, allerdings war ihm die Situation außer Kontrolle geraten. Er hatte geplant, damit Lomunno (Luciano Catenacci) unter Druck setzen, einem nach außen hin seriös wirkenden Geschäftsmann, den er schon lange als Mafia-Verbrecher zu überführen versuchte.

Als mit Staatsanwalt Treni (Franco Nero) ein überaus korrekter Jurist auf diesen Fall angesetzt wird, fallen diesem schnell Ungereimtheiten auf. Doch obwohl ihn Treni in die Enge zu treibt, lässt sich Bonavia nicht von seiner Jagd auf Lipuma aufhalten...


Auch wenn hier - wie häufig - der deutsche Titel nicht das Geringste mit dem Originaltitel zu tun hat, so muss man konstatieren, dass der deutsche Verleiher dem Film von Damiano Damiani damit einen Gefallen getan hat. Der im Original lautende Titel "Das Geständnis eines Polizeikommissars vor dem Staatsanwalt der Republik" hinterlässt einen dermaßen staubtrockenen Eindruck, dass damit sicherlich deutlich weniger Aufmerksamkeit erzeugt worden wäre. Letztlich erfassen beide Titel den Charakter des Films, der sowohl die plakative Action, als auch die sprachintensive Aufarbeitung der politischen und mafiösen Verstrickungen bis in höchste Staatsämter miteinander verbindet.

Franco Nero spielte den jungen Staatsanwalt Treni, der in Palermo auf Sizilien seinen Dienst antritt, und moralisch integer seinen staatlichen Auftrag, den Bürger vor dem Verbrechen zu schützen, umsetzen will. Franco Nero, der schon zuvor mit Damiani "Il giorno della civetta" (Der Tag der Eule,1968) drehte und durch "Django" (1966) berühmt wurde, strahlt hier eine glatte, asketische Perfektion aus, gepaart mit einer intellektuellen Attitüde, ein für ihn zum damaligen Zeitpunkt eher untypischer Charakter. Damiani ließ ihm die Wahl zwischen den beiden Hauptrollen und es erstaunt vordergründig, dass er nicht den Part des harten, kompromisslosen Polizeikommissars übernommen hatte, der seinem Image mehr entsprochen hätte. Doch gerade deshalb ist er die ideale Besetzung für die Figur des korrekten Staatsanwaltes, denn durch seine Präsenz und der unter der äußerlichen Fassade zu spürenden Energie, gelingt es Nero dieser eher unpopulären Figur Sympathien einzuhauchen.

Martin Balsam gab mit seinen weicheren, von Erfahrung gezeichneten Zügen den desillusionierten Widerpart. Schon in den ersten Szenen des Films ist zu erkennen, dass er die korrekten Wege der polizeilichen Vorgehensweise schon lange verlassen hat. Er sorgt mit erpresserischen Argumenten dafür,
dass ein gefährlicher Straftäter innerhalb von zwei Tagen frei gelassen wird. Folgerichtig erwartet er die Meldung über einen Mordanschlag, aber das Ergebnis entspricht nicht seinen Vorstellungen, denn er hatte es auf den Mafioso Lomunno (Luciano Catenacci) abgesehen, den er mit korrekten Polizeimethoden nicht überführen konnte. Stattdessen entwickelte sich ein unkontrolliertes Blutbad, dass dazu führte, dass Staatsanwalt Treni den Vorfall untersuchen soll. Nachdem Damiani in den ersten Minuten auf Action setzte, wird die Begegnung der beiden Protagonisten und deren sprachlicher Diskurs, der von der unterschiedlichen Auffassung bei der Verbrechenskämpfung lebt, zum inhaltlichen Schwerpunkt.

Treni kommt dem Kommissar zwar schnell auf die Schliche, kann ihm aber anfänglich nichts nachweisen. Zwischen ihren Treffen streut der Film immer wieder kleinere Szenen ein, um die Charaktere zu vertiefen. Es wird deutlich, dass Bonavia trotz seiner äußerlich schroffen Art, bei der Qualität der Straftaten zu unterscheiden in der Lage ist und nicht automatisch hart durchgreift. Einmal schützt er einen jugendlichen Attentäter und ordnet dessen Vergehen maßvoll ein. Auch sieht man ihn nach dem Sex mit einer Frau in seiner Wohnung, ohne dass der Film verdeutlicht, in welcher Beziehung er zu ihr steht. Treni dagegen telefoniert nur mit seiner kranken Mutter und scheint über kein Privatleben zu verfügen - der Gedanke, er könnte homosexuell sein, wird offen von Bonavia ausgesprochen. Dieser von ihm diffamierend gemeinten Äußerung widerspricht der Film weder, noch bestätigt er sie. Damiani vermied mit diesen differenzierten Charakterzügen jede Eindeutigkeit, um beide Protagonisten in ihrer Bedeutung im Gleichgewicht zu halten.

Auch für die Figur des Bauunternehmers Lomunno gilt diese Komplexität. Auch wenn Damiani den mafiösen politischen Verstrickungen nur wenig Zeit widmet, betonte er die Selbstverständlichkeit, mit der Lomunno und seine Kumpane als angesehene Mitglieder der Gesellschaft aus dem Hintergrund ihren Einfluss geltend machen und verdeutlichte damit, wie weit die Korruption die Gesellschaft schon unterwandert hat. Ähnlich alltäglich sind die geplanten Straftaten. Ein Unternehmer kauft Ackerland für wenig Geld, dass an Hand eines Bebauungsplans zu wertvollem Bauland umgewidmet wird. Dafür werden beste Beziehungen zu verantwortlichen Politikern und Beamten benötigt und wer will behaupten, dass diese Vorgehensweise nicht überall und jederzeit möglich ist. Lomunno selbst ist ein intelligenter, souveräner Geschäftsmann, dessen Gefährlichkeit nur selten aufblitzt, der sich aber nicht scheut, für die Durchsetzung seiner Ziele die Leichen von störenden Zeitgenossen in Bauteilen seiner Neubauten verschwinden zu lassen.

Damiano Damiani gelang an Hand der sehr differenzierten Ausgestaltung seiner zwei Hauptdarsteller, die sich argumentativ auf einer Ebene befinden, ein klassischer gesellschaftspolitischer Diskurs, der seine Aktualität bis heute nicht eingebüßt hat. Wie weit darf das Gesetz gehen, wenn es merkt, dass es die Täter auf normalem Weg nicht überführen kann ? - Welche moralischen Gesichtspunkte sind für ihr Handeln verantwortlich ? - Ist es moralischer, Verbrecher auch mit unlauteren Methoden unschädlich zu machen, als sich an die Statuten des Gesetzes zu halten, damit aber die Täter laufen zu lassen ?

"Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert" bleibt in der Behandlung dieser Themen ernsthaft und gleichzeitig entlarvend hinsichtlich der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Macht einzelner Gruppen, der von der Polizei keine Grenzen gesetzt werden können. Antworten konnte und wollte Damiani nicht geben, was den Realitätsbezug noch unterstreicht. Trotz der scheinbaren Hoffnungslosigkeit der Lage, forderte er ein, sich nicht auf die selbe Ebene wie die Verbrecher zu begeben.

"Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica" Italien 1971, Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Damiano Damiani, Darsteller : Franco Nero, Martin Balsam, Marilù Tolo, Claudio Gora, Luciano Catenacci, Laufzeit : 101 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Damiano Damiani:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.