Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
Posts mit dem Label Erotik 60er/70er Jahre werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erotik 60er/70er Jahre werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 21. April 2016

Cristiana monaca indemoniata 1972 Sergio Bergonzelli

Inhalt: Gerade noch hatten Cristiana (Toti Achilli) und Luca (Gerardo Rossi) über den Höhen von Athen gefeiert, schon setzen sie ihr Liebesspiel im Heimatflug nach Italien fort. Vor den Augen der anderen Passagiere treiben sie es zwischen den Sitzreihen. Doch ihre Stimmung ändert sich schlagartig, als das Flugzeug ins Trudeln gerät und eine der Düsen Feuer fängt. Der Absturz scheint unvermeidbar. In Todesangst schwört Cristiana in den Armen einer Nonne, dass sie ihr Leben Gott weihen wird, sollte sie den Flug überleben. Kaum ausgesprochen, fängt sich die Passagiermaschine und sie ist gerettet.

Obwohl ihre Mutter (Eva Czemerys) und Freunde mit Unverständnis reagieren, hält Cristiana ihr Wort und geht als Novizin ins Kloster. Doch das zurückgezogene Leben fällt dem ehemaligen Party-Girl nicht leicht. Versuchungen lauern überall. Massimo (Vassili Karis), der als Maler Zutritt in die Abtei hat, erkennt schnell ihre sexuelle Aufgeschlossenheit und weiß diese für seine Zwecke zu nutzen. Noch mehr spitzt sich die Lage zu, als Luca auf der Flucht vor der Polizei bei ihr untertauchen will…

Rückblick Teil 2 auf das italienische Genre-Filmfestival "Terza visione 3" vom 01.04. bis 03.04.2016

"Cristiana monaca indemoniata" wurde mein persönlicher Höhepunkt des 3. Italo-Genre-Festivals zu Nürnberg. Ein Film, der sich jeder Einordnung entzog und mich nicht mehr losließ. Und ein Beispiel für die besondere Qualität des Festivals, denn Sergio Bergonzellis Film war im Gegensatz zu seinem Cristiana-Vorgänger "Io Cristiana, studentessa degli scandali“ (1971), der 1975 unter dem Titel "Verbotene Zärtlichkeiten" stark geschnitten in die deutschen Kinos kam, hierzulande gar nicht erst erschienen. 

So erlebte er seine Deutschland-Premiere beim Festival - mit deutschsprachigen Untertiteln und einer wunderbaren Kopie, von der meine von einem französischen Video stammenden Screenshots leider nicht zeugen können.








Das Glück zu Beginn: "Cristiana monaca indemoniata"
Die frühen 70er Jahre - wilde Zeiten. Sex, Drogen und Revolution an jeder Straßenecke. Langhaarige Männer auf ihren Motorrädern und schöne, fast unbekleidete Frauen - immer bereit für die Liebe. Eine Phase der Befreiung, der Emanzipation, des ungehemmten Auslebens. Viele Filme dieser Zeit transportierten dieses Lebensgefühl und sangen das Hohelied von Anarchie, Spaß und ewiger Jugend. So auch „Cristiana monaca indemoniata“ – ausgelassene Freude vor der Kulisse Athens, ungehemmter Sex im Flugzeug unter den Augen einer neugierig bis empörten Öffentlichkeit. Doch der Abgrund naht, die Linienmaschine gerät ins Trudeln, ein Absturz scheint unvermeidlich. Da geschieht das Unglaubliche. Cristiana (Toti Achilli), gerade noch voll ungehemmter Lust, schwört ihrem bisherigen Leben ab. Sollte Gott sie vor dem Tod retten, wird sie ihm ihr Leben als Nonne weihen. Und Gott erhört sie – wie durch ein Wunder kann der Pilot das Flugzeug wieder stabilisieren.

"Silvia e l'amore" (1968)
Für Regisseur und Autor Sergio Bergonzelli keine ungewöhnliche Berg- und Talfahrt, denn die Gefahren der soziokulturellen Veränderungen nach dem Krieg, besonders hinsichtlich der gesellschaftlichen Stellung der Frau, standen früh auf seiner Agenda. In „Silvia e l’amore“ (1968) betrachtete er semi-dokumentarisch die Auswirkungen der „Anti-Baby-Pille“ auf den Kinderwunsch der Frau, um mit einer glücklichen Mutter von Zwillingen zu enden. Das qualifizierte ihn offensichtlich für die Mitwirkung an einem deutschen Aufklärungsfilm. „Libido – das große Lexikon der Lust“ kam 1969 als deutsch-italienische Co-Produktion in die Kinos. Von diesem Mix aus Spielszenen und Informationen verabschiedete sich Bergonzelli in „Io Cristiana, studentessa degli scandali“ (Verbotene Zärtlichkeiten, 1971), der zwar noch Aufnahmen von kopulierenden Tieren und erotischen Ansichten aus der Antike an den Anfang stellte, dann aber in eine dramatische Story vor dem Hintergrund einer Studentenrevolte mündete.

"Io Cristiana, studentessa degli scandali" (1971)
Die deutschsprachige Synchronisation bemühte sich um einen komödiantischen Gestus, der auch zum Plan zweier junger attraktiver Studenten zu passen schien, die die Autorität des Dozenten und dessen Frau durch Sex diskreditieren wollen. Die idealisierten Bilder des glücklichen Paars zu Beginn unterstützten diesen Eindruck noch – ein Kniff, mit dem Bergonzelli wiederholt arbeitete, um die Verlogenheit und folgerichtige Brüchigkeit dieses Lebensgefühls zu demonstrieren. Eine moralisierende Sichtweise, die in „Silvia e l’amore“ vor den Gefahren der künstlichen Verhütung und in „Io Cristiana, studentessa degli scandali“ vor der sexuellen Liberalisierung warnen sollte. Die anfänglich so libertinöse Gemeinschaft der Studenten wird zum konservativen Moral-Mob als sich Cristiana in ihren Dozenten verliebt und mit diesem eine Beziehung eingehen will. Cristiana wird zum Opfer (die Massenvergewaltigung wurde in der deutschen Version herausgeschnitten). Dass Bergonzelli in „Cristiana monaca indemoniata“ erneut auf diesen weiblichen Vornamen zurückgriff, setzte diese Opferrolle fort und führte direkt ins Spannungsfeld von Sexualität und Religion - „Cristiana“ steht im Italienischen für „Christin“.

"La sposina" (1976)
Die Einbeziehung der katholischen Kirche war in Italien so zwangsläufig wie riskant. Das musste selbst Giacomo Puccini erfahren, dessen 1918 uraufgeführte, aus drei thematisch unabhängigen Einaktern zusammengesetzte Oper „Il trittico“ nur selten vollständig auf die Bühne gelangte. Der zweite Teil „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) fand nur wenig Gegenliebe und wurde auch nach dem Krieg weiter ausgeklammert – nicht nur in Italien. Darin erzählte Puccini die Geschichte eines gefallenen Mädchens, das wegen der Geburt eines unehelichen Kindes im Kloster für ihre Sünden büßen muss. Zentraler Bestandteil der Oper ist die Begegnung mit ihrer bigotten Mutter, die sie zugunsten ihrer braven Schwester enterbt und ihr das Kind vorenthält – ausgedrückt in der Arie „Senza Mamma“ (Ohne Mutter).

Die Mutter (Eva Czemerys)
Ob sich Bergonzelli an Puccinis Nonnen-Oper orientierte, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, aber die Parallelen sind bemerkenswert – beginnend beim Namen, denn nachdem sie ihr Gelübde abgelegt hat, wird Cristiana zu „Suor Angelica“. Auch der Anlass für ihr Eintreten ins Kloster lässt sich unter zeitgemäßen Gesichtspunkten vergleichen, aber mehr noch liegen die Gemeinsamkeiten in der Rolle der Mutter - bei Puccini wie bei Bergonzelli eine Gräfin. Steht sie in der Oper für die vorherrschende religiös-konservative Haltung, verkörpert sie in „Cristiana monaca indemoniata“ den Geist ungehemmter Promiskuität. Nur äußerliche Gegensätze, denn das Ergebnis ist für ihre Töchter gleich: sie werden im Stich gelassen. Nachdem Cristiana Zuflucht bei ihrer Mutter gesucht hatte, wird sie von ihr auf den Strich geschickt. Als Edel-Prostituierte soll sie in die Fußstapfen ihrer Mutter (Eva Czemerys) treten, die so zu Reichtum gelangt war – für Cristiana der Anfang vom Ende.

Party
Die Bezeichnung „Nunsploitation“ für „Cristiana monaca indemoniata“ verweist auf die Hilflosigkeit, einen Film einordnen zu wollen, der sich keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt. Das Kloster ist hier kein Ort einer verlogenen Scheinmoral oder übertriebener Autorität, sondern bietet Cristiana zumindest einen Moment lang Schutz. Der von Bergonzelli gewohnte moralisierende Aspekt lässt sich darin nicht übersehen. Schuld hat eine Gesellschaft, deren Interesse allein dem egoistischen Ausleben sexueller und monetärer Bedürfnisse gilt – neben der Mutter personalisiert in den Figuren des Luca (Gerardo Rossi), Cristianas dauergeilem und kriminellen Freund, und des Massimo (Vassili Karis), einem modernen Künstler, der die Attraktivität der jungen Frau für seine Zwecke nutzt. Die Klostermauern können dagegen nur wenig ausrichten, wie an Schwester Eleonora (Magda Konopka) deutlich wird, dem einzig ambivalenten Charakter in Bergonzellis Film. Obwohl schon geweiht, erliegt sie wieder den Versuchungen der körperlichen Liebe und wird zur Verräterin. Sie entscheidet sich, Nonne zu bleiben und will Cristiana um Verzeihung bitten. Sie kommt zu spät - die „Christin“ wird endgültig zum Opfer.

Straßenstrich
Statt diese Botschaft in ein moralinsaures Drama zu packen, schuf der Regisseur ein aufbrausendes, ungezähmtes Werk, dessen Anlage und melodramatischer Charakter an eine Oper erinnert – die Ouvertüre im Flugzeug, der erste Akt im Kloster bis zu Cristianas Gelübde, ihr Weg zurück zur Mutter und deren Lebensinhalten, der endgültige Niedergang auf dem Straßenstrich als letzter Akt. Das geschieht linear, zwangsläufig, die dramatischen Aspekte konsequent steigernd. Lebensfreude, Ausgelassenheit, Verrat und Niedergang werden zu einer untrennbaren Einheit – mit einer Protagonistin im Mittelpunkt, der Bergonzellis Sympathien gehören.

"Cristiana monaca indemoniata" Italien 1972, Regie: Sergio Bergonzelli, Drehbuch: Sergio Bergonzelli, Darsteller : Toto Achilli, Magda Konopka, Vasilli Karis, Gerardo Rossi, Marco Guglielmi, Eva Czemerys, Laufzeit : 95 Minuten

Mittwoch, 23. September 2015

Come imparai ad amare le donne (Das gewisse Etwas der Frauen) 1966 Luciano Salce

Roberto (Robert Hoffmann) und Irene (Romina Power)
Inhalt: Roberto (Robert Hoffmann) lebt nur geduldet in einem herrschaftlichen Gebäude, das der Direktor (Gianrico Tedeschi) einer Knabenpension von seinem hoch verschuldeten und inzwischen verstorbenen Vater erwarb. Unter der Auflage, dass Roberto bis zu seiner Volljährigkeit hier Wohnrecht genießt. Trotz der Strenge seines Vormunds genießt er das Leben an diesem Ort, denn sowohl die Frau des Direktors (Sandra Milo), als auch das Hausmädchen Agnese (Orchidea De Santis) sind ihm sehr wohlgesonnen.

Die Frau des Direktors (Sandra Milo) und Agnese (Orchidea De Santis)
Gestärkt von den ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht verdingt Roberto sich bei einer kleinen Autowerkstatt, wodurch er die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) kennenlernt, die Gefallen an dem jungen Mann findet. Sehr zum Ärger ihres Liebhabers Renzino (Vittorio Caprioli), der sich noch steigert, als Monica Roberto zu ihrem neuen Beifahrer macht. Auch für ihn kein reines Vergnügen, denn Monica kennt keine Grenzen, um ein Rennen zu gewinnen…


Die Liste deutsch-italienischer Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren ist lang, sagte aber in der Regel nur etwas über die Geldgeber aus, denn das jeweilige Kreativ-Team ließ sich meist einem Land zuordnen, von einzelnen Darstellern einmal abgesehen. Aus diesem Grund komme ich selten in die Situation, zwischen meinen Blogs wählen zu müssen, zudem ich eventuelle Verbindungen oder Einflussnahmen untereinander verlinken kann. Nur sehr wenige Filme wurden von mir - meist aus persönlichen Gründen - in beiden Blogs berücksichtigt.

"Come imparai ad amare le donne" oder auf deutsch "Das gewisse Etwas der Frauen" sollte Teil meiner Filmreihe zur "Commedia sexy all'italiana" werden, entstanden unter der Regie von Luciano Salce, einem wichtigen Wegbereiter der italienischen Erotik-Komödie. Die Einordnung des Films in "L'amore in città" stand nicht zur Disposition. Bis ich ihn mir ansah - in beiden Sprachfassungen, die glücklicherweise auf DVD vorliegen - und feststellte, dass sich hier die deutschen und italienischen Vorstellungen von erotischen Komödien begegneten. Mit dem erwartbar uneinheitlichen Ergebnis, dass mir die Gelegenheit gab, die Unterschiede genauer zu analysieren. 


Erotik im deutschen und italienischen Film nach dem Krieg

Traditioneller Beginn: Roberto als Schüler im Knabenpensionat...
Die Entwicklung des erotischen Films verlief in Deutschland und Italien ab den 50er Jahren parallel, spiegelte in ihrer Unterschiedlichkeit aber die jeweiligen Eigenarten beider Länder wider. Blieb in Westdeutschland das konservative Bürgertum bis weit in die 60er Jahre politisch bestimmend, entstand im Nachkriegs-Italien neben der christlichen Regierungspartei eine starke Linke, die nicht zuletzt das künstlerische Leben beeinflusste. Ein Großteil der prägenden Regisseure der 50er und 60er Jahre sympathisierte mit dem linksgerichteten Spektrum, viele von ihnen waren zumindest phasenweise Mitglied der kommunistischen Partei. Sexualität verstanden sie als antibürgerlich, als Protest gegen die von der katholischen Kirche bestimmten rigiden moralischen Gesetze im Land. Erotische Filme wie „I dolci inganni“ (Süße Begierde, 1960) mussten sich zwar optisch einschränken, propagierten aber eine aufgeklärte Moral mit gleichberechtigten Geschlechterrollen.

...mit hübschem Hausmädchen
Dank des geringeren Einflusses der Kirche setzte in der BRD trotz des konservativen Klimas eine langsame Aufweichung der moralischen Normen ein. Zudem besaß die Freikörperkultur seit Beginn des Jahrhunderts in Deutschland Tradition und erhielt in den 50er Jahren vermehrt Zulauf, wie in Nossecks „Das verbotene Paradies“ (1958) thematisiert wurde, der eingebettet in eine moralisch einwandfreie Handlung junge Frauen nackt bei Sport und Gymnastik zeigen konnte. Hatte Hildegard Knef mit der Momentaufnahme ihres entblößten Oberkörpers in "Die Sünderin" 1951 noch für einen veritablen Skandal gesorgt – auch wenn dieser mehr dem als unmoralisch geltenden Inhalt zu verdanken war - dienten Nacktaufnahmen in Filmen wie "Anders als du und ich (§175)" (1957) oder "Alle Sünden dieser Erde" (1958) der Warnung vor dem allgemeinen moralischen Verfall. Unterschwellig bedienten sie die voyeuristischen Bedürfnisse des Publikums, wollten aber den sozialen Status Quo stärken und standen damit entgegen der Intention der italienischen Filmemacher.

Zarah Leander singt: "Eine Frau wird erst durch die Liebe schön"
Diese unterschiedlichen Voraussetzungen führten zu einer gegensätzlichen Entwicklung des erotischen Films beider Länder in den folgenden Jahren (siehe auch „Bis die Schulmädchen kamen“, Essay Blog "Grün ist die Heide"). Der deutschsprachige Erotikfilm wurde ab Mitte der 60er Jahre optisch immer freizügiger, nahm aber Themen wie Ehebruch oder frei gelebte Sexualität in der Regel die Tragweite mit Komödienhandlungen („Die Liebesquelle“, 1965) oder einem kriminell anrüchigen Hintergrund („Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, 1967) – der bürgerliche Kosmos sollte gewahrt bleiben. Dagegen richteten sich die Macher im italienischen Erotik-Film radikal gegen die vorherrschende Moral. Besonders in den zahlreichen Episodenfilmen von 1962 bis 1967 wurde mit Vergnügen durchgespielt, was offiziell nicht sein durfte – entweder zum Vorteil der aus der Norm ausbrechenden Protagonisten oder als bissige Satire auf die verklemmte Realität. Nur optisch bewahrten sie weiterhin Zurückhaltung.

Vittorio Caprioli als selbstverliebter Playboy durfte nicht fehlen
An drei prägnanten deutsch-italienischen Co-Produktionen der 60er Jahre lassen sich diese unterschiedlichen Gewichtungen anschaulich demonstrieren. Entstand der Episoden-Film „L’amore difficile“ (Erotica) 1962 noch ganz unter italienischer Hoheit - mit Beteiligung von Nadja Tiller, Lilli Palmer und Bernhard Wicki - führte Ende der 60er Jahre bei „Warum habe ich bloß 2x ja gesagt“ (Professione bigamo, 1969) Franz Antel Regie. Zwar teilte sich die deutsche und italienische Seite Handlungsort, Drehbuch und Darsteller, aber vom gesellschaftskritischen Geist ließ sich bei der turbulenten Verwechslungskomödie nur in der italienischsprachigen Fassung noch etwas erahnen. 1966 kam es mit „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) zu einer deutsch-italienisch-französischen Zusammenarbeit, deren zwitterartiger Charakter sowohl die kommende „Commedia sexy all’italiana“ spüren ließ, als auch die Erwartungshaltung an eine deutsche Komödie mit frivolem Einschlag erfüllte.


Episodenform trifft auf Lustspiel


Lasziv baggert Irene Roberto an...
Luciano Salce, dessen „La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962) das erotische Komödien-Genre entscheidend beeinflusste, übernahm hier die Regie, überließ das Drehbuch aber Franco Castellano und Giuseppe Moccia (Castellano/Pipolo), mit denen er zuvor im Episodenfilm „Oggi, domani, doppodomani“ (1965) zusammengearbeitet hatte. Sowohl Salce („Le fate“ (Die Gespielinnen, 1966)), als auch seine Drehbuchpartner („Extraconiugale“ (Seitensprünge, 1964)) schätzten die damals populäre episodische Form, was sich auch in „Come imparai ad amare le donne“ (schöner als der deutsche Titel: Wie man lernt, Frauen zu lieben) nicht übersehen ließ. Zwar existiert ein grober Handlungsrahmen und stehen die Frauen, die Robertos (Robert Hoffmann) Weg zuvor begleitet hatten, am Ende bei seiner Hochzeit mit Irene (Romina Power) Spalier, aber ihre vorherigen Erlebnisse wurden in linear aneinander gereihten unabhängigen Einzelgeschichten erzählt.

...der auch langsam anbeißt...
Dass die Episodenform nicht konsequenter angewendet wurde, ist wahrscheinlich auf Willibald Eser zurückzuführen, der für den deutschen Einfluss am Drehbuch sorgte. Esers Verdienste als Autor lagen zwar ein paar Jahre zurück, aber bei Käutners „Der Traum von Lieschen Müller“ (1961) oder „Ingeborg“ (1960), eine Leinwand-Adaption des gleichnamigen Curt-Goetz-Bühnenstücks, hatte er sein Einfühlungsvermögen für unkonformistische Komödienstoffe schon bewiesen. Dem deutschen Kinobesucher traute er die italienische Kurzfilm-Variante aber offensichtlich nicht zu, denn er ließ die fünf Episoden von Robert Hoffmann ausführlich aus dem Off begleiten, um einen inhaltlichen Prozess zu vermitteln, der hier nicht existiert. Eine in der italienischen Version fehlende Geschwätzigkeit, die Überleitungen fabulierte und damit Zusammenhänge herstellte.

...bis am Ende alles seine Ordnung hat
Das gilt auch für die Rahmenhandlung, der ihre nachträgliche Konstruktion deutlich anzumerken ist. Die damals erst 15jährige US-Amerikanerin Romina Power wurde in ihren frühen Filmen („Femminine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969)) fast ausschließlich als verführerische Nymphe besetzt. Eine Rolle, die sie hier in der vierten Episode verkörperte, in der sie sich als minderjährige Nichte der Großindustriellen Olga (Zarah Leander) erst an Robertos Hals schmeißt, um ihn dann weinend der sexuellen Belästigung zu beschuldigen. Ein ernsthafter Vorfall, auf den im Film nicht weiter eingegangen wird. Stattdessen wurde diese Figur dazu auserkoren, um eine unglaubwürdige Liebesgeschichte um die einzelnen Episoden zu ranken. Obwohl in der Eingangssequenz und zwei hinein geschnittenen Szenen lasziv und selbstbewusst auftretend, mündet alles in Irenes kirchlicher Trauung mit Roberto, der zudem einen lukrativen Job in der Firma ihrer Tante erhält – eine Konzession an das deutschsprachige Publikum, denn eine ähnliche Legitimierung der zuvor gezeigten Frivolitäten lässt sich im italienischen Erotik-Film dieser Phase nicht finden.


Die Episoden

Für den Sieg gibt Monica (Elsa Martinelli) alles
Die einzelnen Episoden, in denen jeweils eine schöne, erfahrene Frau im Mittelpunkt steht, die Roberto in die Kunst der Liebe einweist, sind von sehr unterschiedlichem Zuschnitt und Qualität. Der Beginn im Knabenpensionat mit hübschem Hausmädchen (Orchidea de Santis in einer ihrer ersten Rollen) und der attraktiven Direktoren-Gattin (Sandra Milo) ist noch ganz traditionell. Das Motiv des Schülers, der von einer reifen Frau in die Liebe eingeführt wird, gehört zum Repertoire im italienischen Erotik-Film und wurde hier amüsant und atmosphärisch dicht umgesetzt. Sehr viel aktionistischer dagegen Episode zwei, die sich als Parodie auf die Emanzipation verstand, zeitweise aber in Albernheiten abrutschte. Die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) nahm hier konsequent die männliche Position ein. Nachdem sie Roberto in einer Werkstatt kennenlernte, holte sie ihn zu sich nach Hause, wo sie aber noch einen Zweikampf gegen ihre Mitbewohnerin gewinnen muss, um sich das Recht auf ihn zu sichern. Der junge Mann selbst wird nicht gefragt, auch nicht, als er neben ihr auf dem Beifahrersitz bei einer Rallye Platz nehmen soll.

"La dolce vita" nur für die Journalisten
Als Kritik an männlichen Verhaltensmustern war das nicht zu verstehen, wie spätestens in der Endphase des Rennens deutlich wird. Dank eines Striptease hinter dem Steuer und der damit verbundenen Gewichtseinsparung fährt Monica als Erste über die Ziellinie. Für die Einführung in die Liebeskunst blieb da wenig Zeit, aber immer noch mehr als im dritten Teil, in dem Anita Ekberg ihre Rolle als Sex-Symbol persiflierte. Assistiert von Heinz Erhardt vertreibt sich Margaret Joyce (Anita Ekberg) die Zeit in Alltags-Klamotten beim Pokern. Bis sich plötzlich Roberto ankündigt, um seinen Job als Chauffeur anzutreten. Er wird stattdessen für den Gewinner eines Preisausschreibens gehalten, bei dem es eine Nacht mit dem bekannten Erotik-Star zu gewinnen gab, weshalb sie sich in einen Sexy-Fummel schmeißt und auf Verführerin macht. Allerdings nur für die Horde an Journalisten, denen sie eine Badeszene á la „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960) vorführt – die einzigen konkreten Nacktaufnahmen des Films. Doch die Erotik ist nur Fassade. Sobald die Nacht hereinbricht wendet sich Margaret Joyce wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung zu – dem Pokerspiel.

Heinz Erhardt und Anita Ekberg gefällt der echte Gewinner nicht
Abgesehen von den Witzchen über den stotternden Gewinner, der eine halbe Stunde zu spät kommt, eine Episode im ironischen Geist der „Commedia all’italiana“. Und damit konträr zum folgenden längsten Abschnitt, dem der Charakter einer „deutschen Episode“ anhaftet. Nadia Tiller als Mode-Designerin Baronessa Laura, die die Rolle der reifen Verführerin übernahm, war stimmig besetzt, aber darüber hinaus fehlt es der Story an Stringenz. Auch weil Zarah Leander als Großindustrielle Olga jeden anderen an Präsenz übertraf und es sich nicht nehmen ließ, am Klavier eines ihrer Lieder zum Besten zu geben, dass sie zuvor 1938 in „Heimat“ gesungen hatte. Ob Roberto als Autoverkäufer arbeitet, er seinen Bentley-Vorführwagen einer Horde Teenager überlässt, die Modenschau der Baronessa auf Marquis De Sade anspielt oder Irene ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt – vieles geschieht hier, aber ohne schlüssige Intention.

Baronessa Laura (Nadja Tiller) und Olga (Zarah Leander)
Bemerkenswert ist auch ein kurzer Dialog zwischen den zwei Unternehmerinnen, indem die Baronessa gegenüber Olga anmerkt, dass diese Art von Verantwortung für sie als Frauen doch zu groß wäre. Eine angesichts ihres selbstbewussten Auftretens unglaubwürdige Kleinmachung, die nur als weitere Konzession an ein Publikum zu verstehen ist, das in „Come imparai ad amare le donne“ ausschließlich mit sexuell selbstbestimmt auftretenden Frauen konfrontiert wurde. Zuletzt noch mit „Angelique“ – Darstellerin Michéle Mercier als Wissenschaftlerin, die in einer Art atomarer Zeitreise ihr eigenes „Angelique“-Image veralberte und den armen Roberto zum sexuellen Leistungssport antrieb.

Michèle Mercier parodiert ihre "Angelique"-Rolle
Trotz der manchmal despektierlichen männlichen Sicht auf die Geschehnisse und einiger relativierender Details, eint alle Episoden die Rolle einer starken Frau, die sich der üblichen Geschlechterrolle entzog – Mitte der 60er Jahre noch eine echte Provokation. Roberto ist hübsch und kommt gut bei den Frauen an, bestimmt aber nie selbst über sein Leben. Darüber kann auch seine angebliche Karriere, sein abschließendes Lob an die ihn in der Liebeskunst unterrichtenden Frauen und die traditionelle Hochzeit mit einer 15jährigen Jungfrau nicht hinwegtäuschen – ganz abgesehen davon, dass diese zuvor sehr fordernd und wenig brav auftrat. Diese Qualitäten lassen leider nicht die stilistische Uneinheitlichkeit und inhaltliche Inkonsequenz einer Inszenierung übersehen, die die deutsche und italienische Komödien-Auffassung zu kombinieren versuchte. Als abwechslungsreiches Stimmungsbild seiner Zeit, dass den Weg einer sich verändernden Sozialisation weiter vorzeichnete, kann „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) aber auch heute noch bestens unterhalten.

"Come imparai ad amare le donne" Italien, Deutschland, Frankreich 1966, Regie: Luciano Salce, Drehbuch: Franco Castellano, Giuseppe Moccia, Willibald Eser, Darsteller : Robert Hoffmann, Romina Power, Elsa Martinelli, Sandra Milo, Vittorio Caprioli, Orchidea De Santis, Nadja Tiller, Anita Ekberg, Zarah Leander, Michèle Mercier, Laufzeit : 105 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Luciano Salce:

"La voglia matta" (1962)
"Le fate" (1966)
"Fantozzi" (1975)

Dienstag, 15. September 2015

Extraconiugale (Seitensprünge) 1964 Massimo Franciosa, Mino Guerrini, Giuliano Montaldo

Inhalt: Episode 1: „La doccia“ (Die Dusche)  Der Ingenieur Luigi (Gastone Moschin) kämpft mit den Tücken des Alltags – wenig motivierte Arbeiter auf seiner Baustelle, eine Ehefrau, die ihn auf sein Übergewicht aufmerksam macht, und deren jüngerer Bruder Roberto (Lando Buzzanca), der abends wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, noch im Bett liegt. Einzig eine neue spiralförmige Dusche, die sein Zulieferer im Angebot hat, kann seine Laune aufhellen. Als ihn Roberto mit seiner Begeisterung für die Sängerin Marestella (Lena von Martens) konfrontiert, beginnt Luigi zu fantasieren: Marestella, die Dusche und er…

Episode 2: "Il mondo è dei ricchi" (Die Welt gehört den Reichen)  Gastone (Enzo la Torre) ist ein kleiner städtischer Beamter, den Niemand ernst nimmt. Sein Chef unterdrückt ihn, seine Frau sitzt nur vor dem Fernseher und der reiche Maurizio (Mino Guerrini) lästert über den ewigen Verlierer. Auch die schöne Nachbarin (Agatha Flori), die für harte Kerle wie im Film schwärmt, würdigt ihn keines Blickes. Als er in der Zeitung liest, dass der Toto-Gewinner aus seiner Stadt kommt, sieht er auf seinen Schein und glaubt, gewonnen zu haben…

Episode 3: "La moglie svedese" (Die schwedische Ehefrau) Die junge Schwedin Eva (Maria Perschy) freut sich sehr auf die Familie ihres Mannes Renato (Renato Salvatori), die sie zum ersten Mal gemeinsam in Rom besuchen. Renato, der in Schweden arbeitet, hat sich verändert, auch das Verhalten seiner Ehefrau entspricht nicht den Vorstellungen seiner Eltern und Geschwister, aber sie versuchen sich darauf einzustellen. Doch Eva lässt kaum einen Fauxpas aus und stellt damit die Toleranz ihrer Schwiegereltern auf eine harte Probe…


Lando Buzzanca und Gastone Moschin 
Die enge, weit verzweigte Zusammenarbeit unter den Künstlern gehört zu den außergewöhnlichen Merkmalen der italienischen Filmlandschaft bis in die 80er Jahre. Besonders die Rollen hinter der Kamera - Regie, Drehbuch und Kameramann - erfuhren innerhalb großer Gruppen wechselseitige Besetzungen und verschiedene Kombinationen, deren gegenseitige Beeinflussungen über eine große Anzahl an Filmen oft nur noch mühsam nachvollzogen werden können. Es erstaunt wenig, dass kein Filmland mehr Episodenfilme, gedreht unter der Hoheit verschiedener Regisseure, produziert hat als Italien - eine Inszenierungsform, die beispielsweise in Deutschland nie über den Status der Exotik hinaus kam (siehe den Essay "L'amore in città und die Folgen - der italienische Episodenfilm"). Neben der kreativen Vielfalt förderten die Episodenfilme junge Regisseure und Autoren, die eine Chance erhielten, ihr Können an Hand von Kurzfilmen zu beweisen, die unter einem gemeinsamen Oberbegriff zusammengefasst wurden.

Regisseur Mino Guerrini 
"Extraconiugale" (Seitensprünge), der Mitte der 60er Jahre herauskam, als der Episodenfilm in Folge von "Boccaccio '70" (1962) einen Boom erlebte, steht beispielhaft für die Initialzündung, die von einem solchen Film ausgehen konnte - nicht nur als Karrieresprung, sondern auch in stilistischer Hinsicht. Dank der von einer Vielzahl an Künstlern getragenen Interpretationen ließen sich Tabu-Brüche riskieren, weshalb sich fast alle Episodenfilme dieser Phase sexuellen Themen widmeten - als Ausdruck des soziokulturellen Wandels und Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Dass die Macher für die Umsetzung die komödiantische Form wählten, verdeutlicht das damalige Wagnis. Nur als Farce oder Satire konnte man Männlein und Weiblein unter dem moralischen Deckmantel auf den Zahn fühlen - entsprechend gelten die Episodenfilme heute mehrheitlich als Vertreter der „Commedia all’italiana“.

Auch „Extraconiugale“ ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme, sondern näherte sich mit humorvoller Leichtigkeit dem außerehelichen Geschlechtsverkehr, der im patriarchalisch geprägten Italien schnell zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit ausarten konnte. Einerseits entsprach es dem männlichen Selbstbild, reihenweise Frauen beglücken zu wollen, andererseits konnte es keine größere Beleidigung für einen Mann geben, als als „Cornuto“ (Betrogener) bezeichnet zu werden. Wie üblich nutzten die drei Regisseure die episodische Form, um sich von unterschiedlichen Seiten ihrem Thema anzunähern – Teil 1 „La doccia“ (Die Dusche) blieb im Bereich der Fantasie, Teil 2 "Il mondo è dei ricchi" (Die Welt gehört den Reichen) konkretisierte den Aufstand eines Verlierer-Typen und Teil 3 "La moglie svedese" (Die schwedische Ehefrau) wählte den Blickwinkel eines scheinbar betrogenen Mannes. Alle drei Teile aber eint, dass sie gezielt den Voyeurismus bedienten, indem sie jeweils eine hübsche junge Darstellerin erotisch in den Mittelpunkt stellten. Besonders der von Mino Guerrini inszenierte Mittelteil verfügt schon über wesentliche Merkmale der späteren „Commedia sexy all’italiana“. Keine überraschende Feststellung, angesichts einer Besetzung vor und hinter der Kamera, die zu den Wegbereitern des erotischen Genres gehört.

Der Drehbuchautor Massimo Franciosa, der hier eine seiner wenigen Regie-Arbeiten ablieferte, hatte zuvor jahrelang mit Pasquale Festa Campanile („Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971)) zusammen gearbeitet und steht für eine sanftere Auslegung der Erotik-Komödie als sein ehemaliger Compagnon. Luigi (Gastone Moschin), der Protagonist der ersten Episode „La doccia“ ist ein Bau-Ingenieur mittleren Alters. Verheiratet und durchaus erfolgreich leidet er ein wenig unter der Ereignislosigkeit seines Lebens, zudem konfrontiert mit Roberto (Lando Buzzanca), dem jüngeren Bruder seiner Frau (Liana Orfei), der mit ihnen in der gemeinsamen Wohnung lebt. Wenig daran interessiert arbeiten zu gehen, liegt Roberto bis abends im Bett und hört immer denselben Schlager der Sängerin Marestella (Lena von Martens), für die er in Liebe entflammt ist. Ein Einfluss, dem sich auch Luigi nicht entziehen kann. Als er von einem Zulieferer den Prospekt einer spiralförmigen Dusche erhält, geht mit ihm die Fantasie durch – gemeinsam sieht er sich in Tagträumen mit Marestella nackt unter der Dusche.

Lena von Martens
Franciosa schrieb das Drehbuch zu seiner Episode gemeinsam mit Franco Castellano und Giuseppe Moccia, die in den kommenden Jahrzehnten nicht nur für manche Sex-Komödie („Il prode Anselmo e il suo scudiero“ (1972, Decamerotico, Regie Bruno Corbucci) und Militärklamotte ("Il colonnello Buttiglione diventa generale" (Herr Oberst haben eine Macke, 1974) Regie Mino Guerrini) verantwortlich wurden, sondern als "Castellano und Pipolo" in mehr als 20 Filmen zusammen Regie führten, die in den 80er Jahren zu den wirtschaftlich erfolgreichsten der italienischen Filmgeschichte gehörten („Il bisbetico domato“ (Der gezähmte Widerspenstige, 1980, mit Adriano Celentano und Ornella Muti). Auch die beiden männlichen Hauptdarsteller Gastone Moschin und Lando Buzzanca wurden zu entscheidenden Protagonisten der kommenden Erotikfilm-Welle. Bis sie Mitte der 70er Jahre von Chaos-Typen wie Alvaro Vitali abgelöst wurden, gab Moschin oft den Durchschnittsbürger mittleren Alters („Dove vai tutta nuda?“ (Warum läufst du immer nackt herum?, 1969), Regie Pasquale Festa Campanile) und Lando Buzzanca verkörperte unzählige Male eine Mischung aus Trottel und Lebemann („Warum habe ich bloß 2x ja gesagt“ (1969)).

Abgesehen von den dezenten Nacktaufnahmen mit der schönen Finnin Lena von Martens im Mittelpunkt, hielt sich die erste Episode hinsichtlich ihrer Provokation zurück. Die außerehelichen Aktionen finden nur in der Fantasie statt, allerdings nicht ohne ein überraschend versöhnliches Ende für den geplagten Ingenieur. Dagegen ist Mino Guerrinis zweite Episode von einem anderen Kaliber wie schon der Titel „Die Welt gehört den Reichen“ andeutet. Guerrini schrieb nicht nur das Drehbuch, sondern ließ es sich auch nicht nehmen, einen im Maserati herumrasenden Kapitalisten zu mimen, der sich über Gastone (Enzo la Torre) lustig macht. Gastone ist ein kleiner Beamter in Mantova, der von allen Seiten Häme und Verachtung erfährt. Seine vor dem Fernseher hockende Ehefrau, sein Chef oder seine zwei Kollegen hacken nur auf ihm herum, auch die schöne Nachbarin Ileana (Agatha Flori), die in einer Filmwelt lebt, sich selbst als Sophia Loren sieht und von harten Kerlen träumt, nimmt ihn nicht wahr.

Agatha Flori
Für eine Gesellschaftskritik sind Guerrinis Charakterisierungen zu übertrieben, aber sie gaben ihm die Gelegenheit ordentlich auf den Putz zu hauen. Als Gastone auf Grund einer Zeitungsmeldung glaubt, den Hauptgewinn im Toto gewonnen zu haben, beginnt er den Spieß umzudrehen. Sein Chef bekommt einen Tritt, der Maserati und der Fernseher werden zu Schrott verarbeitet (beim Maserati wurde getrickst, denn das hätte das Budget gesprengt) und die Nachbarin bekommt die Schläge, die sie von einem harten Kerl erwartet. Natürlich mit dem gewünschten Ergebnis – seine Frau putzt ihm ergeben die Schuhe und die Nachbarin legt einen heißen Striptease hin. Mit irgendeiner Realität hatte das nichts zu tun, persiflierte aber schön die Macho-Klischees und sorgte auch für die gewünschten erotischen Bilder – ein früher noch dezenter Blick in die Sex-Komödien der 70er Jahre.

Maria Perschy
Giuliano Montaldo, 1964 noch ein Newcomer auf dem Regie-Stuhl, schuf mit der dritten Episode eine Art Kommentar zu den humoristischen Versionen seiner Partner, die außer Guerrini alle am Drehbuch mitwirkten. Hinzu kam noch Luigi Magni, ebenfalls ein Protagonist des erotischen Films der kommenden zehn Jahre, der als Autor mehrfach mit Pasquale Festa Campanile zusammenarbeitete ("La cintura di castità" (Der Keuchheitsgürtel, 1967)). In „La moglie svedese“ wirkt einzig die Figur der schwedischen Ehefrau Eva (Maria  Perschy) überzeichnet. Gerade weil sie sehr sympathisch ist, ist ihr Verhalten zu ignorant gegenüber der aus Süditalien stammenden Familie ihres Mannes Renato (Renato Salvatori), die sie in ihrer Wohnung in Rom besuchen. Als ob Montaldo und seine Kollegen bewusst die Konfrontation zwischen konservativer Realität und der aufkommenden Modernisierung der Gesellschaft gesucht hätten, lassen sie Eva jeden Fehler begehen, den sie begehen kann – gleichberechtigtes Verhalten als Frau, fehlende Scham und lockerer Umgang mit anderen Männern.

Renato (Salvatori) gerät unter Druck
Renato, der als Gastarbeiter in Schweden lebt, wo er Eva kennen und lieben lernte, bewahrt lange Haltung und versucht seiner Familie und Freunden ihr Benehmen zu erklären, aber er kann sich auf Dauer der Archaik nicht entziehen, die von ihm fordert, die Ehre der Familie zu bewahren. Die vorherrschende Ernsthaftigkeit der dritten Episode, deren wenige Nacktaufnahmen die Situation noch zuspitzen, steht beispielhaft für Montaldos weiteren Weg, der als einziger Verantwortlicher des Films dem Komödien-Genre fernblieb. Nach Thrillern wie "Ad ogni costo" (Top Job, 1967) und "Gli intoccabili" (American Roulette“, 1969) wurde der passionierte Dokumentarfilmer später für seine gesellschaftskritischen Filme bekannt („Sacco e Vanzetti“ (Sacco und Vanzetti“ (1971)). Trotz des leichten Erzähl-Gestus ließ Montaldo an dem bösen Ende seiner Episode keinen Zweifel – ein Ende, das letztlich den gesamten Film erdet und damit die Tragweite vermittelt, die das Thema außerehelicher Sex damals noch beinhaltete.

"Extraconiugale" Italien 1964, Regie: Massimo Franciosa, Mino Guerrini, Giuliano Montaldo, Drehbuch: Massimo Franciosa, Mino Guerrini, Giuliano Montaldo, Franco Castellano, Luigi Magni, Giuseppe Moccia, Darsteller : Gastone Moschin, Lando Buzzanca, Renato Salvatori, Lena von Martens, Agata Flori, Maria Perschy, Enzo La Torre, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Giuliano Montaldo:

Donnerstag, 4. Juni 2015

Femmine insaziabili (Mord im schwarzen Cadillac) 1969 Alberto De Martino

Inhalt: Der Journalist Paolo Sartori (Robert Hoffmann) liegt angezogen und verkatert auf seinem Bett, als plötzlich zwei Männer in sein Appartement in Los Angeles eindringen. Sie halten sich nicht lang mit Reden auf, sondern versuchen aus ihm heraus zu prügeln, wo sich „Lambert, the Smile“ befindet. Sartori ahnt nicht, dass damit sein alter Freund aus Italien, Giulio Lamberti (Roger Fritz), gemeint ist, den er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat, der aber plötzlich auf seiner Terrasse steht, nachdem die beiden Schläger wieder verschwunden sind.

Lamberti, der er sich in ihrer italienischen Heimat auch politisch engagiert hatte, bleibt nur einen Moment, will ihn aber kurzfristig wieder treffen, um ihn über die Hintergründe seiner Situation zu informieren. Stoff für eine gute Story, wie Sartori seinem Chefredakteur Salinger (John Ireland) am nächsten Morgen mitteilt, der ihm die Bezeichnung „Lambert, the smile“ erklärt. Lamberti ist das Werbegesicht eines mächtigen Chemie-Konzerns, auf dessen Plakaten er immer mit einem Lächeln zu sehen ist. Doch das dabei eine Titel-Story herauskommt, glaubt er nicht – bis Sartori, als er seinen Freund aufsuchen will, erfährt, dass dieser bei einem Unfall ums Leben gekommen ist…


In Erinnerung an den am 02.06.2015 verstorbenen Regisseur und Drehbuchautor Alberto De Martino

Einen Film als "Kind seiner Zeit" zu klassifizieren, ist schnell dahin geschrieben, sobald Machart und Thema typisch für eine Stilepoche erscheinen. Und der Erotik-Thriller "Femmine insaziabili" (wörtlich "Unersättliche Frauen" - neutraler in der deutschen Verleih-Version "Mord im schwarzen Cadillac" oder schlicht "Exzess") weist so offensichtlich auf die späten 60er Jahre hin - Giallo-Anklänge, weibliche Promiskuität mit viel nackter Haut und ein generell zynischer Blick auf den menschlichen Charakter - dass ein solches Urteil schnell gefällt ist. Begleitet von dem Song "I want it all" aus der Feder Bruno Nicolais beginnt die Zeitreise von der ersten Einstellung an und lässt den Betrachter bis zum "Showdown" in den teils futuristisch anmutenden Anlagen des "Marineland of the Pacific" bei Los Angeles nicht mehr los, das schon seit 1987 geschlossen ist.

Ein Urteil, das prinzipiell für das Gesamtwerk des Regisseurs Alberto De Martino gilt, der am 02.06.2015 kurz vor der Vollendung seines 86. Lebensjahrs in seinem Geburtsort Rom verstarb. Positiv betrachtet befand er sich immer am „Puls der Zeit“ und durchlief seit seinem Karrierebeginn alle populären Genre-Spielarten. Die erste Regie-Arbeit des schon als Kind eines Maskenbildners am Set in „Cine città“ mitwirkenden De Martino fiel noch in die Phase der Sandalen Filme („Il gladiatore invincibile“ (Der unbesiegbare Gladiator, 1961)), aber auch Western („Due contra tutti“ (1962)) und Horror („Horror“, 1963) fanden schon früh sein Interesse. Mitte der 60er Jahre folgten weitere Italo-Western, Agenten-Filme im Zuge des James-Bond-Hypes („Upperseven, l'uomo da uccidere“ (Der Mann mit den tausend Masken, 1966)) und Kriegs-Filme („Dalle Ardenne all'inferno“ (...und morgen fahrt ihr zur Hölle, 1967)), größtenteils mit Beteiligung deutscher Produktionsgelder und Darsteller, was auch die Zusammenarbeit mit Produzent Hans A. Pflüger in „Femmine insaziabili“ folgerichtig erscheinen lässt, der zuvor die populäre deutsch-italienische „Kommissar X“-Reihe auf Basis der Roman-Hefte des Pabel-Verlags mit produziert hatte.

Die Auflistung dieser am Publikumsgeschmack orientierten Kinofilme verweist gleichzeitig auf den negativen Aspekt im Urteil über den jeweils auch am Drehbuch beteiligten Regisseur De Martino – ihm wurde bestenfalls die Qualität eines soliden Unterhaltungsfilm-Machers zugestanden. Darüber hinaus gehende Ehrungen und offizielle Anerkennungen blieben aus. Doch De Martino allein auf einen guten Film-Handwerker zu reduzieren, lässt dessen Gespür für Themen übersehen, die er häufig umsetzte, bevor sie in Mode kamen. Sein „Roma come Chicago“ (Mord auf der Via Veneto) entstand 1968 unmittelbar nach Carlo Lizzanis „Banditi a Milano“ (Die Banditen von Mailand, 1968), jeweils in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Massimo De Rita. Beide Filme gelten heute als Auslöser für das in den 70er Jahren populäre „Poliziesco“ – Genre. Alberto De Martino hielt sich damit aber nicht auf, sondern entwickelte seine Stoffe weiter, wie „Femmine insaziabili“ anschaulich werden lässt, der größtenteils in den USA entstand mit vielen illustren Darstellerinnen – darunter Bond Girl Luciana Paluzzi, Nicoletta Machiavelli , die damals 17jährige Romina Power und nicht zuletzt „Femme fatale“ Dorothy Malone („The tarnished angels“ (Duell in den Wolken, 1957)).

Unterstützt von Erotik-Sternchen Ini Assmann, die im selben Jahr auch „Pudelnackt in Oberbayern“ (1969) war, zeigte De Martino viel nackte Haut in seinem Film - neben kleineren Gewalt-Szenen verantwortlich für die erheblich gekürzte deutsche Kino-Fassung. Dabei waren Nacktaufnahmen 1970, als „Femmine insaziabili“ in Deutschland herauskam, nicht mehr unüblich, aber De Martino integrierte diese in eine Story, in der Sex fast ausschließlich der Machtausübung und Erniedrigung dient. Die Kriminalstory über die Wiederbegegnung zweier alter Freunde, von denen der Eine bei einem angeblichen Unfall stirbt, kurz bevor er über die inneren Mechanismen bei einem Chemie-Riesen, dem er als Werbefigur diente, auspacken wollte, gibt nur den Rahmen ab für die Zerstörung einer Illusion. Je mehr der Journalist Paolo Sartori (Robert Hoffmann) über das Leben seines alten Freunds Giulio Lamberti (Roger Fritz) erfährt, desto mehr offenbaren sich die menschlichen Abgründe dahinter.

Besonders die Szenen mit Romina Power als hintertriebener Teenager-Tochter Gloria verweisen auf die Kehrseiten der angeblichen neuen Freiheiten. Weniger ihr Sex mit Lamberti vor den Augen ihrer Mutter (Dorothy Malone), mehr noch ihre Spielchen mit Sartori und den zwei männlichen Anhaltern beeindrucken in ihrer unterschwelligen Aggression. Trotzdem weckte der Filmtitel falsche Erwartungen und sollte vor allem die Werbewirksamkeit erhöhen, denn die Männer stehen in De Martinos Film den Frauen in nichts nach. Roger Fritz überzeugte mit der Verkörperung einer so charmanten, wie egozentrischen Figur, die im Überangebot aus Luxus und sexueller Freiheit jeden moralischen Halt verliert. Die Parallelen zu seinem eigenen wenig später entstandenen Film „Mädchen mit Gewalt“ (1970) lassen sich sowohl in der Fokussierung auf die sich verändernden Geschlechterrollen, als auch in dem fatalistischen Ende nicht übersehen.

Dass „Femmine insaziabili“ den Zeitgeist Ende der 60er Jahre widerspiegelte, ist offensichtlich, aber Alberto De Martino blieb nicht an der stylischen Oberfläche, sondern verband verschiedene Strömungen zu einem Gesamtbild, dass seiner Zeit voraus war. Sein Film ist weder „Giallo“, noch „Hitchcock“-Epigone oder Erotikfilm, obwohl Elemente davon im Film zu entdecken sind, sondern eine komplexe Zustandsbeschreibung einer korrumpierten Sozialisation. Zu einem Zeitpunkt, als Studentenproteste und sexuelle Revolution noch den Aufbruch in eine neue Zukunft versprachen, setzte De Martino mit seinem Film schon zu einem Abgesang auf die propagierten Ideale an.

"Femmine insaziabili" Italien, Deutschland 1969, Regie: Alberto De Martino, Drehbuch: Alberto De Martino, Vincenzo Flamini, Lianella Carell, Carlo RomanoDarsteller : Robert Hoffmann, Dorothy Malone, Roger Fritz, Romina Power, Frank Wolff, Luciana Paluzzi, John Ireland, Reiner Basedow, Ini Assmann, Laufzeit : 103 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.