Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Sonntag, 30. November 2014

Emanuelle e gli ultimi cannibali (Nackt unter Kannibalen) 1977 Joe D'Amato

Inhalt: Emanuelle (Laura Gemser) schmuggelt sich als Fotoreporterin in eine New Yorker Heilanstalt, mischt sich unter die Patienten und wird zufällig Zeugin, als eine junge Frau einer Krankenschwester die Brustwarze abbeißt und sie isst. Nachdem diese überwältigt und auf einer Liege festgeschnallt wurde, begibt sich Emanuelle heimlich in deren Zimmer und versucht sie mit Zärtlichkeiten zu beruhigen. Dabei entdeckt sie oberhalb der Vagina ein Tattoo, dass sie fotografiert.

In der Zeitungs-Redaktion gibt ihr der Chefredakteur den Tipp, den Anthropologen Marc Lester (Gabriele Tinti) aufzusuchen, um ihn nach der Bedeutung des Tattoos zu befragen. Der Professor reagiert sehr interessiert, denn es handelt sich um das Kennzeichen eines im Amazonas-Gebiet, weitab jeder Zivilisation lebenden Kannibalen-Stamms, bei dem die Frau aufgewachsen sein muss. Um seine Worte zu unterstreichen, zeigt er Emanuelle einen Dokumentarfilm, der deren Grausamkeit verdeutlicht. Trotzdem will die Fotoreporterin den Weg in die unbekannte Wildnis wagen und bittet den Professor, sie zu begleiten…



Gesteigerte Fleischeslust

Zärtlicher Abschied von New York
1977 hatte die Soft-Sex-Welle ihren Höhepunkt bereits überschritten. Unter dem vielsagenden Titel "Emmanuelle goodbye" kam der dritte und vorläufig letzte Teil der französischen "Emmanuelle" - Reihe in die Kinos, die seit ihrem Erscheinen 1974 zu einem bis heute stehenden Begriff für das Erotik-Film-Genre geworden war. Auch die indonesisch-niederländisch stämmige Laura Gemser hatte 1977 schon ihren vierten Film als "Emanuelle nera" (Schwarze Emanuelle) abgedreht, dem italienischen Pendant zur französischen "Emmanuelle", das aus rechtlichen Gründen auf ein "m" im Namen verzichten musste. Nicht der einzige Unterschied, denn Laura Gemser, die nach ihrem ersten Auftritt als "Emanuelle nera" (1975) auch eine Nebenrolle in "Emmanuelle: L'antivierge" (Emmanuelle 2 - Garten der Liebe (1975)) an der Seite Sylvia Kristels spielte, verkörperte einen gänzlich anderen Frauen-Typus. Als eigenständig agierende Fotoreporterin begibt sie sich zu den Brennpunkten der Welt.

Wie üblich haben es die wilden Tiere besonders auf Frauen abgesehen...
Eine Vorlage für Joe D'Amato, der ab der ersten Fortsetzung "Emanuelle nera: Orient reportage" (Black Emanuelle 2. Teil (1976)) Regie führte und spätestens mit der Übernahme auch des Drehbuchs bei Teil Vier ("Emanuelle - Perché violenza alle donne?" (Emanuela: Alle Lüste dieser Welt (1977)) die Reihe ganz in seinem Sinn gestaltete. Nicht nur, dass er ohne Laura Gemsers Mitwirkung mit nachträglich integrierten expliziten Sex-Szenen für alternative Fassungen sorgte, um der zunehmend aufkommenden Konkurrenz durch den Pornofilm zu begegnen, thematisch wusste er geschickt Exploitation mit Erotik zu einem Sensationsversprechen zu verbinden. Zwar steht seine Orientierung an Ruggero Deodatos "Ultimo mondo cannibale" (Mondo Cannibale 2 - der Vogelmensch, 1977) bei der Entwicklung seiner Story für den fünften "Emanuelle"-Streifen "Emanuelle e gli ultimi cannibali" (Nackt unter Kannibalen) außer Zweifel, aber das betraf mehr dessen wirtschaftlichen Erfolg und damit die Akzeptanz beim Publikum als die inhaltliche Ausrichtung. Schon in "Emanuelle e Françoise (Le sorelline)" (Foltergarten der Sinnlichkeit, 1975), der nichts mit der "Emanuelle nera"-Reihe zu tun hat, schuf Joe D’Amato eine Mischung aus Sex und Horror, die in einer Szene auch die Kannibalismus-Thematik streifte.

... die sich davon aber nicht die Laune verderben lassen.
Für D’Amato besaß diese vor allem das Potential, den exploitiven Charakter seiner „Emanuelle“-Filme weiter zu steigern, deren Einfluss durch das „Mondo“-Genre in der Verwendung pseudo-dokumentarischer Gewalt- und Tötungssequenzen nicht zu übersehen war. In dieser Hinsicht lässt sich eine größere Nähe zu Umberto Lenzis „Il paese del sessio selvaggio“ (Mondo Cannibale, 1972) als zu Deodatos erstem Kannibalen-Film feststellen, denn D’Amato war an keiner Auseinandersetzung mit archaischen menschlichen Verhaltensmustern interessiert, sondern nutzte die Ereignisse um den Kannibalen-Stamm als oberflächlich-spekulativen Hintergrund für den nächsten investigativen Trip seiner Hauptfigur Emanuelle. Anders als Lenzi, dessen Sex-Szenen integrativer Bestandteil der Handlung blieben, inszenierte D’Amato die gut ausgeleuchteten Erotikszenen im Dschungel in starkem Kontrast zum gewalttätigen Kannibalismus-Geschehen und bewies damit einen eigenständigen Ansatz, weshalb die häufige Einordnung dieses zweiten italienischen Kannibalismus-Films als reines Deodato-Vehikel falsch ist („Das italienische Kino frisst sich selbst“).


Kastrationsängste


Allein die Anzahl schöner Frauen, die D’Amato in den Dschungel trieb, unterschied seinen Film schon von gängiger Genre-Ware. Gehörte in der Regel eine Frau zum Abenteurer-Team, schlagen sich neben Emanuelle noch Isabelle (Mónica Zanchi), die Nonne Angela (Annamaria Clementi) und nicht zuletzt Nieves Navarro - seit dem frühen Italo-Western “Una pistola per Ringo“ (Eine Pistole für Ringo, 1965) in der Rolle als verführerische Schönheit festgelegt - als Maggie McKenzie, Gattin eines fiesen Großwildjägers (Donald O’Brien), durch den Regenwald, der seine Herkunft als europäisches Strauchwerk nicht verbergen kann. D’Amato nutzte diese Besetzung für regelmäßige Soft-Sex-Szenen, die die sonst schnell geschnittene Handlung minutenlang unterbrachen. Besonders die gemeinsame Badeszene mit Laura Gemser und Mónica Zanchi wirkt in ihrer verspielt-sanften Ausgestaltung inmitten der angeblichen Wildnis fast absurd, erfüllte aber trefflich die ästhetische Erwartungshaltung an eine Lesben-Szene, die den männlichen Betrachter an den sonst heterosexuellen Neigungen der Protagonistinnen nicht zweifeln ließ.

Auch die emanzipatorische Ausrichtung der selbstständig agierenden Emanuelle wurde relativiert, indem ihr eine souveräne männliche Figur zur Seite gestellt wurde. Erst Professor Marc Lester (Gabriele Tinti) ermöglicht ihr den Trip zum Amazonas, denn der Anthropologe erkennt in dem Tattoo, das Emanuelle auf dem Körper einer scheinbar Wahnsinnigen vorfand, eine Verbindung zu einem dort lebenden Kannibalenstamm – nicht erstaunlich, dass sie sofort vom Sex mit ihm träumt. Die Fotoreporterin hatte sich zuvor undercover in eine New Yorker Heilanstalt eingeschlichen und wurde Zeuge, wie die junge Patientin einer Schwester die Brustwarze abbiss und verspeiste. Eine sehr gewagte Einleitung in Richtung Kannibalismus-Thematik, die der Professor nur wenig später mit seinen pseudo-dokumentarischen Aufnahmen einer Kastration noch toppt. Beide Motive wiederholen sich im Lauf der Handlung ein weiteres Mal in expliziterer Form, womit D’Amato den größtmöglichen Horror betonte – den Verlust der geschlechtsspezifischen Identität.

Allein unter inszenatorischen Gesichtspunkten betrachtet, lassen sich die Schwachpunkte in der Storyentwicklung, die oberflächliche Figuren-Gestaltung und der unausgewogene Charakter des Films nicht übersehen, aber mit dessen ständig zwischen Soft-Sex und Kannibalen-Horror wechselnder Handlung bewies D’Amato sein Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse und Ängste männlicher Betrachter, angesichts der fortschreitenden weiblichen Emanzipation, Ende der 70er Jahre. "Emanuelle e gli ultimi cannibali" kontrastierte den Schrecken amputierter Penisse und zerstörter weiblicher Körper mit ästhetischen Aufnahmen schöner Frauen, die sich letztlich dem Mann unterordnen. Als am Ende des Films Emanuelle, angesichts der vielen Opfer, Selbstzweifel über ihr Vorgehen als Fotoreporterin äußert, erhält sie von Professor Marc Lester sofort Absolution – die Welt ist noch in Ordnung.

"Emanuelle e gli ultimi cannibali" Italien 1977, Regie: Joe D'Amato, Drehbuch: Joe D'Amato, Romano Scandariato, Darsteller : Laura Gemser, Gabriele Tinti, Donald O'Brien, Nieves Navarro, Mónica Zanchi, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Joe D'Amato:

Samstag, 4. Mai 2013

La lunga spiaggia fredda (Rocker sterben nicht so leicht) 1971 Ernesto Gastaldi


Inhalt: Jane (Mara Maryl) und Harry (Walter Maestosi), ein gut situiertes Ehepaar, will ein Wochenende am Meer verbringen, in einem einsam an einem großen weiten Sandstrand gelegenen Ferienhaus. Während sie schon am Strand spazieren geht, kümmert er sich beflissen um ihre Unterkunft, was aber nicht verhindert, dass sie seine abendlichen Annäherungsversuche im Bett zurückweist. Auch sprachlich kommt ihre Beziehung über den Austausch von Floskeln nicht hinaus. Doch ihr Aufenthaltsort erweist sich als weniger einsam als gedacht, denn am Morgen stehen vier Männer mit langen Haaren und Ledermontur vor ihrem Fenster und treten ungebeten ein. 

Sie fackeln nicht lange und Fred (Robert Hoffmann), ihr Anführer, nimmt Jane mit nach oben, während die übrigen Männer auf Harry aufpassen, der kaum aufbegehrt. Sie würfeln aus, wer als Nächster ran darf, während sich Fred und Jane bei der Vergewaltigung näher kommen als sie beide wollten. Trotzdem überlässt er seinen Kumpanen die Frau, während er melancholisch auf den Strand hinaus tritt. Nur sein Freund Speed (Fabian Cevallos) folgt ihm, der kein Interesse an erzwungenem Sex zeigt. Nachdem die Männer wieder verschwunden sind, machen sich Jane und Harry gegenseitig Vorwürfe – er wirft ihr vor, Spaß gehabt zu haben, sie bezeichnet ihn als Feigling, was ihn nicht davon abhält, möglichst schnell das Weite zu suchen. Doch ihr Auto wurde sabotiert und die Flucht zu Fuß erweist sich als wenig erfolgreich…


Wenn zu Beginn die Kamera zu Stelvio Cipriatis rhythmisch melancholischer Musik die rötliche Sonne über einem sanft bewegten Meer erfasst, bevor sie zu der unendlich scheinenden Weite eines menschenleeren Sandstrands überblendet, vermittelt "La lunga spiaggia fredda" (wörtlich "Der lange kalte Strand") einen Moment lang den Eindruck eines Sommers voller Freiheit, der langsam zu Ende geht - eine Symbolik, die für den Film bestimmend bleiben wird.

Jane (Mara Maryl) und Harry (Walter Maestosi), die mit ihrem Auto durch die Dünen zu einem einsam am Strand gelegenen Haus fahren, wirken wie Wochenendurlauber, die sich eine kurze Auszeit vom Alltagsleben nehmen wollen. Während Harry noch von seinen Geschäften redet und die Einkaufsbeutel in das Haus trägt, spaziert Jane schon halbnackt entlang des Strands und atmet die Atmosphäre ein. Auch darüber hinaus scheint das Ehepaar nur wenige Gemeinsamkeiten zu haben, denn ihre Gespräche wirken teilnahmslos und trotz Harrys Bemühungen verweigert die hübsche Jane jede körperliche Nähe. Beide verkörpern ein typisches noch recht junges, kinderloses amerikanisches Mittelklasse-Ehepaar der frühen 70er Jahre - finanziell gut situiert, modisch gekleidet und gesellschaftlich integriert. Während er einem gut bezahlten Bürojob nachgeht, trifft sie sich mit anderen gelangweilten Ehefrauen zum gemeinsamen Shoppen.

Die Konfrontation mit diesem Muster an Bürgerlichkeit lässt erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Am nächsten Morgen stehen vier Rocker vor dem Haus, die in der Nähe am Strand gecampt hatten und die blonde Jane von dort aus erblickten. Ohne zu Zögern schlagen sie Harry zusammen und beginnen Jane der Reihe nach zu vergewaltigen. Damit entwirft "La lunga spiaggia fredda" eine typische Sexploitation -Konstellation zwischen klischeehaften Gegnern, wie sie im Genre-Kino häufig für Gewaltdarstellungen und Sexszenen genutzt wurde, worauf auch der deutsche Titel "Rocker sterben nicht so leicht" hinzuweisen scheint. Doch der erfahrene Drehbuchautor Vittorio Salerno, der mit "Fango bollente" 1975 einen ähnlich vielschichtigen Film auf Basis einer plakativ wirkenden Story entwickeln sollte (und dabei auch Regie führte), nutzte diese Ausgangssituation für eine komplexe Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 60/70er Jahre.

Unterstützt wurde er bei dem Entwurf eines Kammerspiel artigen Szenarios, das den großen, weiten Strand an beengten Raum wirken lässt, von Ernesto Gastaldi, einem der wichtigsten Drehbuchautoren des italienischen Genre-Films der 60er bis 80er Jahre. Beginnend mit "L'amante del Vampiro" (Die Geliebte des Vampirs, 1960), hatte er eine Vielzahl an Drehbüchern zu Italo-Western ("Arizona Colt" (1966), "Il mio nome e nessuno" (Mein Name ist Nobody, 1973)), Gialli ("I corpi presentano tracce di violenza carnale" (Die Säge des Teufels, 1973)) und Polizieschi ("Milano odia:la polizia non può sparare" (Der Berserker, 1974)) geschrieben, um nur wenige stilbildende Beispiele zu nennen. Bei "La lunga spiaggia fredda" übernahm er eine seiner seltenen Regiearbeiten, nicht zufällig in Zusammenarbeit mit Vittorio Salerno, mit dem er auch "Libido" (1965, zudem mit Mara Maryl als Drehbuchautorin und Darstellerin), "Cin... cin... cianuro" (1968) und später "Fango bollente" gemeinsam verantwortete.

Die Konfrontation eines Ehepaars mit Motorrad-Rockern bestätigte zur Entstehungszeit des Films die typischen Vorurteile einer bürgerlichen Gesellschaft gegenüber langhaarigen Anarchisten und protestierenden Studenten. Die mehrfache Vergewaltigung der Ehefrau bediente darüber hinaus die Angst vor der sexuellen Revolution, die die moralischen Standards und damit die bisherigen Geschlechterrollen bedrohte. Dass Jane sich in Fred (Robert Hoffmann) verliebt, obwohl dieser sie als Erster vergewaltigte, erschiene heute als unerträgliche Verharmlosung eines Gewaltakts, provozierte damals aber die patriarchaisch geprägte Gesellschaft. So sehr sich die konservativen Kräfte auch bemühten, die 68er Bewegung zu diskreditieren, war die Attraktivität einer freien, die gesellschaftlichen Zwänge hinter sich lassenden Jugend nicht zu leugnen - gegen den abenteuerlichen, freiheitsliebenden Fred hat der angepasste Harry bei Jane keine Chance mehr.

Doch Gastaldi und Salerno ist nicht an einer vordergründigen Provokation gelegen, sondern sie nutzen den Konflikt, um beide Seiten differenziert zu betrachten. Nicht nur Jane verliebt sich in den Rocker, auch Fred erwidert ihre Gefühle und verstößt damit ebenso gegen Regeln. Die aus vier Männern bestehende Rocker-Gruppe verfügt im Inneren nicht über die nach außen behauptete Homogenität aus Lederkleidung, langen Haaren und bemalten Choppern. Fred ist seit vielen Jahren mit Speed (Fabian Cevallos) befreundet und der Beginn ihres freien Lebens auf dem Motorrad klingt in Speeds Erinnerung ähnlich den Intentionen der von Peter Fonda und Dennis Hopper verkörperten Männer in "Easy Rider" (1969) - brüderliche Gleichheit ohne jeden Besitzanspruch. Doch anders als diese werden sie nicht von Reaktionären getötet, ohne ihre Ideale zerstören zu können, sondern haben ihre früheren Absichten längst verraten.

Die Vergewaltigung wird nicht beschönigt, sondern steht in ihrer Kriminalität signifikant für den Niedergang einer Idee. Die sich daraus entwickelnde Liebe zwischen Jane und Fred wirkt wie ein letzter Versuch, die jeweiligen Seiten miteinander zu verbinden - sie, die Bürgerliche, wünscht sich den Ausbruch aus ihrem normierten, unemotionalen Leben, er, der Anarchist, will wieder zurück zu seinen alten Idealen. Das Scheitern dieses Ansinnens steht im Film symbolisch für das Scheitern des gesellschaftlichen Umbruchs der 68er. Ein Konsens ist nicht mehr möglich, denn die jeweiligen Haltungen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Jonathan (Riccardo Salvino) und Thomas (Gianni Loffredo), die erst später zu Fred und Speed stießen, halten Freds Absicht, Jane nicht mehr mit ihnen teilen zu wollen, für Verrat an der gemeinsamen Sache, obwohl er weiter mit ihnen fahren will. Als er dem Ehepaar ermöglicht zu fliehen, kommt es zum offenen Ausbruch ihres inneren Konflikts.

Der tiefe Pessimismus des Films zeigt sich aber weniger in der Beschreibung dieses Niedergangs als in der Rolle des Harry, der vordergründig unattraktivsten Figur. Anders als in typischen Revenge-Filmen, in denen der Gedemütigte irgendwann aufsteht und zurückschlägt, ist Harry dazu nicht in der Lage. Seine Frau verweigert ihm den Sex, verliebt sich in ihren Vergewaltiger und beleidigt ihn mehrfach als Feigling, den sie nie geliebt hätte. Selbst als er seine Waffe in der Hand hält, die im Handschuhfach seines Autos versteckt war, trifft er Jonathan nicht einmal aus nächster Nähe, da er sich nicht traut dabei hinzusehen. Er wird mehrfach verprügelt und gefesselt, erweist sich in fast allen Situationen als hilflos und geht doch als Sieger aus dem Konflikt hervor, denn anders als Fred und Jane zweifelt er nicht an seiner inneren Haltung und bleibt seinen bürgerlichen Ansichten treu. Er muss nur abwarten bis sich die Anderen selbst zerstören.

Entsprechend verlässt Harry den Ort des Geschehens so wie er gekommen war - seine Frau an seiner Seite, keinen Gedanken mehr an die Ereignisse der letzten Tage verschwendend, sondern schon auf einen kommenden Arbeitstermin vorausblickend - das Altbewährte hat gesiegt, der Sommer der Freiheit ist zu Ende.

"La lunga spiaggia fredda" Italien 1971, Regie: Ernesto Gastaldi, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Vittorio Salerno, Alberto Cardone, Darsteller : Robert Hoffmann, Mara Maryl, Riccardo Salvino, Walter Maestosi, Gianni Loffredo, Fabian CevallosLaufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme des Drehbuchautoren Ernesto Gastaldi:

"L'amante del Vampiro" (1960), Regie Renato Poselli
"La decima vittima" (1965), Regie Elio Petri
"Arizona Colt" (1966), Regie Michele Lupo
"Per 100,000 Dollari ti ammazzo" (1967), Regie Giovanni Fago
"Milano trema: la polizia vuole giustizia" (1973), Regie Sergio Martino
"Milano odia: la polizia non può sparare" (1974), Regie Umberto Lenzi
"Morte sospetta di una minorenne" (1975), Regie Sergio Martino
"Fango bollente" (1975), Regie Vittorio Salerno

Mittwoch, 6. März 2013

Autostop rosso sangue (Wenn Du krepierst - lebe ich) 1977 Pasquale Festa Campanile


Inhalt: Walter Mancini (Franco Nero) befindet sich mit seiner Frau Eve (Corinne Cléry) auf einer Reise durch den Süden der USA. Der italienische Journalist behandelt seine Frau abschätzig, beleidigt sie und fordert mit Gewalt Sex ein. Auch sie lässt kein gutes Haar an ihrem Mann, der bei der Zeitung ihres Vaters angestellt ist, gibt seinem fordernden Sex aber nach. Auf einem Campingplatz reagiert Walter betont unfreundlich auf andere Camper, besonders die singende Hippie-Gruppe geht ihm auf die Nerven.

Als ihnen am kommenden Tag ein Anhalter begegnet, der offensichtlich eine Autopanne hatte, hält Eve gegen den Willen ihres Mannes an und nimmt ihn mit. Zuerst unterhält sich Walter noch mit Adam Konitz (David Hess), aber als dieser sexistische Bemerkungen gegenüber seiner Frau macht, schlägt er ihn und schmeißt ihn aus dem Auto. Fast gelingt es ihm, ihn zu überwältigen, bis Konitz eine Waffe zieht und kein Geheimnis mehr daraus macht, dass er einer der Schwerverbrecher ist, die wegen eines Überfalls gesucht werden. Und er hat den Koffer mit der Beute von zwei Millionen Dollar bei sich, mit dem er über die mexikanische Grenze abhauen will. Dabei sollen ihm Walter und Eve helfen, aber Konitz hat noch andere Interessen…


"Autostop rosso sangue" (Wenn du krepierst - lebe ich) gilt im Werk des früh verstorbenen Regisseurs Pasquale Festa Campanile bis heute als ungewöhnliche Ausnahme, da er sich zuvor fast ausschließlich komödiantischen Filmen zugewandt hatte. Doch diese Betrachtungsweise ist ähnlich oberflächlich wie die Reduzierung von "Autostop rosso sangue" auf einen gewalttätigen Psycho-Thriller, ohne dessen gesellschaftspolitische Relevanz zum Zeitpunkt seiner Entstehung mit einzubeziehen.

"In Italien gibt es täglich mindestens 300 Diebstähle, jede Woche eine Entführung, jeden Monat politische Skandale und eine Regierungskrise pro Jahr"

Diese Aussage stammt von Walter Mancini (Franco Nero), einem italienischen Journalisten, der sich zusammen mit seiner Frau Eve (Corinne Cléry) auf einem Trip mit dem Wohnwagen durch die USA befindet. Es ist seine Antwort auf die Frage, warum er nicht über ein Verbrechen schreibt, von dem sie gerade im Radio hören, und sagt nicht nur viel über dessen zynischen Charakter aus, sondern über einen Film, dem es gelingt, eine Vielzahl der Ängste einer sich verändernden Gesellschaft Mitte der 70er Jahre in eine klar strukturierte Handlung zu integrieren - das Verhältnis Mann und Frau, offen gelebte Sexualität, hohe Kriminalitätsraten, Jugendbanden und eine zunehmend egoistischere Lebensweise. Dass Campanile die Handlung gemäß der Romanvorlage in den USA spielen lässt, auch wenn der Film aus Kostengründen in Italien gedreht wurde, ermöglichte ihm die Verdichtung dieser Themen innerhalb eines Road-Movies, bediente damit aber auch die Vorurteile einer konservativen europäischen Bürgerschicht, die dem us-amerikanischen Einfluss die Schuld an der sich wandelnden Sozialisation gab.

Auch wenn Campanile die Klänge eines Hippie-Chores in unpassenden Momenten als ironischen Kommentar erklingen lässt und fast ausschließlich unsympathische Zeitgenossen in seinem Film auftreten, gilt sein Hauptaugenmerk Walter Mancini als Vertreter einer Bürgerschicht, der intellektuell geschult und optisch modern wirkend, nur Verachtung für Hippies, freie Liebe, Homosexuelle und Frauen äußert, aber gleichzeitig die Vorteile einer freieren Gesellschaft für sich nutzt. Die Beziehung zu seiner schönen Ehefrau spiegelt nicht die übliche Abnutzung einer inzwischen neunjährigen Ehe wider, sondern in ihrem gegenseitigen Hass die Unfähigkeit, mit den neuen Geschlechterrollen zurecht zu kommen. Während Eve sprachlich selbstbewusst auftritt und den Charakter ihres Mannes ätzend kommentiert, ist sie in ihrem sexuellen Verhalten unterwürfig (womit Corinne Cléry ihr Rolle in „O“ (Die Geschichte der O, 1975) zitiert). Lässt Walter kaum eine Gelegenheit aus, machohaft und selbstgerecht aufzutreten, leidet sein Ego schwer darunter, dass seine Frau als Tochter des Chefs für die materielle Grundlage sorgt, während seine berufliche Position nebensächlich ist. In dieser zugespitzten, den Wandel der Geschlechterrollen kommentierenden Konstellation befand sich Pasquale Festa Campanile ganz in der Tradition seiner früheren Filme.

Fälschlicherweise werden die erotischen Filme der späten 60er und 70er Jahre häufig nur als seichte Unterhaltung angesehen, dabei negierend, dass sie sehr früh den Zeitgeist wiedergaben und damit bewusst provozierten. Sicherlich spielten geschäftliche Gesichtspunkte dabei eine wesentliche Rolle, die zu einer Schwemme an Erotikkomödien im italienischen Kino der 70er Jahre führte, aber in Campaniles schon in den 50er Jahren als Drehbuchautor begonnener Karriere lassen sich tiefere Spuren feststellen. Nicht nur das er am Drehbuch zu Viscontis „Rocco e i suoi fratelli“ (Rocco und seine Brüder, 1960) und „Il gattopardo“ (Der Leopard, 1963) mitwirkte, gemeinsam mit Elio Petri an „L’assassino“ (Trauen sie Alfredo einen Mord zu?, 1961) arbeitete und mit Nanny Loy am Drehbuch zu „Le quattro giornate di Napoli“ (Die vier Tage von Neapel, 1962) schrieb, auch war er früh an Filmen der „Commedia all’italiana“ beteiligt wie „Poveri ma belli“ (1957) und „Belle ma povere“ (Puppe mit Pfiff, 1957) von Dino Risi. Die Nähe zu einer satirischen Sichtweise blieb auch in frühen Regiearbeiten etwa zu „La matriarca“ (Huckepack, 1968) oder „Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971) sichtbar, die als erotische Variante der „Commedia all’italiana“ zu verstehen sind und ihn zu einem entscheidenden Wegbereiter der "Commedia sexy all'Italiana" werden ließen. Auch Co-Autor Ottavio Jemma verfügte über einen komplexen Hintergrund, hatte das Drehbuch zu Montaldos „Sacco e Vanzetti“ (1971) geschrieben und gemeinsam mit Salvatore Samperi Erotik-Dramen wie „Malizia“ (1973) und „Scandalo“ (Submission, 1976), in dem Franco Nero ebenfalls eine sexuell dominante Position einnahm, entwickelt.

„Autostop rosso sangue“ fügt diese verschiedenen Strömungen zusammen, ist gleichzeitig Erotikfilm und Gesellschaftssatire, erinnert an den Italo-Western vor der Kulisse einer staubigen, weiten Landschaft, begleitet von Ennio Morricones bluesartiger Musik, erhält aber zusätzlich einen düsteren, pessimistischen Gestus durch die Hinzuziehung von aus „Gialli“ oder „Polizieschi“ bekannten, damals im italienischen Film häufig verwendeten Thriller-Elementen. Die Konfrontation mit dem Psychopathen Adam Konitz (David Hess) lässt die noch mühsam aufrecht gehaltene Fassade von Eve und Walter brüchig werden, denn obwohl Konitz rigoros über Leichen geht, verfügt er über ein sehr gutes Einfühlungsvermögen hinsichtlich der Charaktere der Eheleute, die er dazu zwingt, ihn zur mexikanischen Grenze zu bringen. Walter, der ihn erwartungsgemäß unterschätzt, wird nicht nur eines Besseren belehrt, sondern lässt sich umschmeicheln, bevor er in seiner Männlichkeit erniedrigt wird, während es Konitz scheinbar gelingt, Eve’s Hass auf ihren Mann für sich zu nutzen.

Auch wenn der reißerische deutsche Titel „Wenn du krepierst - lebe ich“ inhaltlich den Kern des Films trifft, betont er damit zu sehr dessen Exploitation-Charakter, der nur den Rahmen bildet für die genaue Sezierung einer Gesellschaft, die jugendlichen Herumtreibern rät, ihr Geld mit Arbeit zu verdienen, gleichzeitig aber keine Skrupel bei der Jagd nach dem eigenen Vorteil kennt. Pasquale Festa Campanile führt den Film zu einem logischen Ende, das nur Denjenigen überraschen wird, der „Autostop rosso sangue“ unter reinen Thriller-Gesichtspunkten betrachtet – und bewahrt damit die konsequente Sichtweise einer verrohenden Sozialisation.

"Autostop rosso sangue" Italien 1977, Regie: Pasquale Festa Campanile, Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Ottavio Jemma, Aldo Crudo, Peter Kane (Roman)Darsteller : Franco Nero, Corinne Cléry, David Hess, Joshua Sinclair, Carlo Puri, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Pasquale Festa Campanile:

"Adulterio all'italiana" (1966) 
"La cintura di castità" (1967) 
"La matriarca" (1969)

Samstag, 19. Februar 2011

I ragazzi della Roma violenta 1976 Renato Savino


Inhalt: Während Einer von ihnen einen Orgasmus beim Spielen am Flipper-Automaten vorführt, bereitet Marco (Gino Milli) schon den nächsten Programmpunkt für seine neofaschistischen Anhänger vor. Ausgerechnet Enrico, sein Freund und Club-Mitglied, soll sich mit einer jungen Frau eingelassen haben, die aus einer kommunistischen Familie stammt. Das ist ein strenger Verstoß gegen die internen Regeln und muss bestraft werden.

Gianna (Christina Businari) und Dido sollen den Beiden folgen und sie beim Sex erwischen. Doch während sie sie beobachten, werden sie selbst Opfer eines Überfalls, bei dem Gianna von Gorilla (Gino Barzacchi) vergewaltigt wird. Marco weiß, dass Gorilla zur Gang von Schizzo (Emilio Locurcio) gehört, die - anders als die aus wohlhabenden Familien stammenden Faschisten - sich mit kleinen Diebstählen über Wasser halten. Nachdem Marco Gorilla zusammen geschlagen hat, wird Nerone und seine Freundin vor ihr internes Gericht gestellt...



Als Renato Savino 1976 "I ragazzi della Roma violenta" (wörtlich "Die Jugend eines gewalttätigen Rom") drehte, befand er sich auf der Höhe der Zeit, was er in den ersten Minuten mit einem dokumentarischen Anstrich noch betonen wollte. Die Befragung von Bürgern nach einer Reaktion auf die steigende Jugendkriminalität, brachte neben hilflosen Antworten nur die Forderung nach einer härteren Bestrafung. Mehrfach wurde von den Passanten die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert.


Repräsentativ sind solche Aussagen natürlich nicht, aber sie passen in eine Phase, Mitte der 70er Jahre, in der terroristische Attentate, Studentenproteste, Arbeiterunruhen, freie Sexualität und eine sich emanzipierende Jugend zu einer tiefen Verunsicherung in der Bevölkerung beigetragen hatten, die in den Köpfen die abenteuerlichsten Spekulationen hervor riefen. Dabei entstand ein Konglomerat aus realistischen Tendenzen, wie das Wiedererstarken faschistischen Gedankenguts, einer Nachkriegsjugend, die sorglos von den Früchten ihrer Eltern leben konnte und einer steigenden Kriminalitätsrate, die sich - vermischt mit wilden sexuellen Fantasien - zum Bild einer verrohten, dekadenten Jugend verdichteten. Besonders beliebt war der Typus des Sprösslings reicher Eltern, der aus purer Langeweile vergewaltigte und mordete.

Während intelligente Filme wie "Fango bollente" die Spuren dieser Entwicklung in einer zunehmend abgestumpften Bürgerschaft erkannten, oder Carlo Lizzani in "San Babila ore 20 un delitto inutile" einen sezierenden Blick auf die neofaschistische Jugend warf, nutzten andere Filme diese Tendenzen entweder zu Sex-Komödien, wie "L'insegnante", oder Kriminalfilmen wie "Roma l'altra faccia della violenza" (Die blutigen Spiele der Reichen), der nicht nur im Titel schon deutliche Ähnlichkeiten zu "I ragazzi della Roma violenta" aufweist. Auch dort wird das sinnlose Morden und Vergewaltigen einer dekadenten Jugend thematisiert, aber zusätzlich noch in eine klassische Polizeigeschichte eingebettet. Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich Renato Savino gar nicht erst auf, der so ziemlich alles in seinen Film hinein packt, was gerade angesagt war - Faschismus, reiche und arme Jugend, Folterungen, körperliche Gewalt, und jede Menge Sexualität. Allein die Anzahl nackter Frauenkörper hätte jedem Sexfilm zur Ehre gereicht, nur das Savino diese nicht in ruhigen, längeren Einstellungen zelebriert, etwa beim einvernehmlichen Sex, sondern fast ausschließlich bei Gewalttaten.

Schon die ersten Szenen geben einen Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse. Während sich die Gruppe junger Neofaschisten unter der Leitung von Marco (Gino Milli) in ihren mit Hakenkreuzen und Bildern Adolf Hitlers versehenen Räumlichkeiten versammeln, führt Einer von ihnen vor, wie er beim Spiel am Flipper-Automaten einen Orgasmus bekommt. Die hübsche Gianna (Christina Businari), die sich in ihrer Ehre gekränkt fühlt, prüft persönlich nach, dass ihr Kamerad tatsächlich das Gerät einer richtigen Frau vorzieht. Nur wenig später befindet sie sich auf Beobachtungsposten gemeinsam mit dem Flipper-Liebhaber, um die Liebschaft eines Clubmitglieds mit der Tochter eines Kommunisten zu überprüfen - ein bestrafungswürdiges Delikt nach den strengen Regeln der neofaschistischen Gruppe.

Während sie der Anblick des sich liebenden Pärchens antörnt, wird sie Opfer eines Überfalls von Gorilla (Gino Barzacchi) und zwei Kumpanen, die sie vergewaltigen, was Gianna nicht ganz ungelegen kommt. Gorilla gehört zur Gang von Schizzo (Emilio Locurcio), der Marco aus dem Knast kennt und mit ihm befreundet ist. Während Gorilla noch mit seinen Taten angibt und nicht unerwähnt lässt, wie gut es Gianna gefallen hätte, taucht Marco bei Schizzo auf und schlägt Gorilla bei einem Zweikampf zusammen, was die übrigen Bandenmitglieder nicht weiter stört, darunter der masochistisch veranlagte Nerone (Marco Zuanelli), der sich gerne selbst verstümmelt. Nachdem Marco bei einem gemütlichen Beisammensein kurz seine rechtsradikalen politischen Ansichten erläutert hat (das einzige Mal im Film), geht es wieder zur Tagesordnung über. In einer internen Gerichtsverhandlung verurteilt er seinen abtrünnigen Kumpanen Enrico dazu, sich selbst zu geißeln, während sich seine Freundin entblößen muss und vor Enricos Augen mit einem anderen Mitglied der Faschisten schlafen muss.

Das klingt nicht nur krude, sondern wird in solch hohem Tempo hintereinander weg erzählt, dass man darin problemlos eine ironische Überhöhung erkennen könnte, wenn sich Regisseur Savino nicht gleichzeitig so verdammt ernst nehmen würde. Es ist völlig irre, dass Marco plötzlich nachts am Bett des Mädchens aus kommunistischer Familie auftaucht und mit der Begründung mit ihr schläft, dass sie jetzt allen Gruppenmitgliedern gehören würde. Man sieht noch wie sie die Arme um ihn legt und ihn küsst, aber warum schmeißt sie sich am nächsten Tag vor den Zug ? - Angesichts der Plakativität, mit der hier die Ereignisse ablaufen, wirkt ein solches Drama komplett aufgesetzt, auch wenn es - die Dinge ernsthaft betrachtet - nachvollziehbar wäre.

Nach diesen Ereignissen konzentriert sich der Film zunehmend auf die Protagonisten Marco und Schizzo, deren Leben nicht unterschiedlicher sein könnte. Während Marco im neuen Jaguar unterwegs ist, sich mit seinen Eltern herum ärgert, die ihm Geld geben sollen, ohne ihn weiter zu nerven, weiß Schizzo kaum, wie er etwas zu essen bekommt. Diese Situation steigert der Film ins Abstruse, wenn sich Schizzo extra eine Harpune leiht, um damit ein gebratenes Hühnchen zu angeln, dabei erwischt wird und dem Händler einen Abend mit seiner Schwester, einer Prostituierten, versprechen muss, um das Hühnchen essen zu dürfen. Deren Zuhälter willigt in diesen Deal wiederum nur ein, wenn Schizzo ein Negligé für sie besorgt, was ihm deshalb gelingt, weil sich sein Kumpel Nerone im Kleidungsgeschäft die Arme mit Rasierklingen aufschlitzt. Diese gesamte Sequenz ist so unglaubwürdig und übertrieben, dass sie aus einer absurden Komödie tsammen könnte, und gipfelt noch in der parallenen Verzahnung mit Marcos Drangsalierung eines anarchistischen Professors, damit dieser seine Studenten nicht mehr mit linken Parolen beeinflussen soll. Während der gequälte Professor vor Schmerzen aufschreit, wechselt der Film ständig zur Sexszene mit Schizzos Schwester, wodurch das Stöhnen des Professors das Stöhnen des Freiers ersetzt.

Doch anstatt die Handlung weiter in dieser absurden Form voran zu treiben, verfällt der Film erneut zurück in seine plumpe Ernsthaftigkeit. Zunehmend entwickelt Marco Tötungs - Fantasien beim Sex, die der Film auch bildlich umsetzt. Parallel beginnen sowohl Schizzo als auch Marco einen Plan zu verfolgen, der in einer gezielten Vergewaltigung enden soll. Dieser Vorgehensweise fehlt jede Ironie oder Überhöhung, sondern ist nur noch unangenehm. Doch keineswegs in einer realistischen Konfrontation, sondern in der Offensichtlichkeit, mit der hier voyeuristische Bedürfnisse befriedigt werden sollen. Diese Verlogenheit toppt Savino zum Schluss noch damit, indem er wieder auf den Charakter der journalistischen Befragung des Beginns zurückkommt und den Betrachter mit einer Texttafel direkt darauf anspricht, was dieser gegen diese Art der Jugendkriminalität zu tun gedenkt - als ob der Film damit einen seriösen anstrich erhielte.

Aus heutiger Sicht ist es verhältnismäßig leicht, "I ragazzi della Roma violenta" als absurde Sex-Gewalt-Fantasie mit einer verbrämten politischen Botschaft abzutun, die stark aus dem damaligen Zeitgeist heraus betrachtet werden kann - der Film wirkt wie ein Konglomerat aus Poliziesco, Sexfilm und abstruser Komödie. Das ändert aber nichts an der Ernsthaftigkeit eines Films, der die Forderungen der Passanten nach der Todesstrafe keineswegs kritisch kommentierte, sondern auf kein Vorurteil über eine angeblich völlig aus den Fugen geratene Jugend verzichtete, wobei das faschistische Element fast folkloristisch wirkt. Endgültig sich selbst entlarvt er damit, dass er vor allem die Sensationsgier und den Voyeurismus seiner Betrachter befriedigen wollte.

"I ragazzi della Roma violenta" Italien 1976, Regie: Renato Savino, Drehbuch: Renato Savino, Darsteller : Gino Milli, Christina Businari, Emilio Locurcio, Gino Barzacchi, Marco Zuanelli, Laufzeit : 87 Minuten

Donnerstag, 27. Januar 2011

Interrabang 1969 Giuliano Biagetti

Inhalt: Auf dem Weg zu einem Foto-Shooting, dass auf einer Mittelmeerinsel stattfinden soll, hören der Fotograf Fabrizio (Corrado Pani), sein Model Margerita (Shoshanna Cohen), seine Ehefrau Anna und deren Schwester Valeria im Radio, dass drei Gewaltverbrecher ausgebrochen sind, von denen sich noch Einer auf freiem Fuß befindet. Doch Fabrizio, der sich vor den Augen seiner Frau auf der Motoryacht mit Margerita vergnügt, schenkt dem nicht viel Aufmerksamkeit.

Auf der Insel angekommen, beginnt er Margerita zu fotografieren, bis ihm seine Frau zuruft, dass die Motor-Yacht nicht mehr anspringt. Notgedrungen nimmt er die Gelegenheit eines zufällig vorbei kommenden Motorboots wahr, um Benzin zu besorgen, und lässt damit die drei Frauen auf der Insel allein. Er ahnt nicht, dass sich ein Mann in der felsigen Küste verbirgt, der bald Kontakt zu den Frauen aufnehmen wird...


Wer immer sich den Filmtitel ausgedacht hat, hatte ein gutes Gespür für die lautmalerische Umsetzung eines Filmgeschehens und bewies zudem ein Gefühl für Modernität. Nicht nur das man unter dem Begriff "Interrabang" ein gleichzeitiges Frage- und Ausrufezeichen versteht, auch die offensichtlichen Assoziationen an aktive Sexualität, leiten unmittelbar zur Handlung über.

Diese beginnt mit einem geradezu paradiesischem Zustand, zumindest aus der Sicht des Fotografen Fabrizio (Corrado Pani), der sich mit dem Model Margerita ( Shoshanna Cohen) auf einer Motor-Yacht vergnügt, die bei strahlendem Sonnenschein das blaue Meer durchpflügt. Beim Knutschen lässt er sich auch durch die Rufe seiner Frau Anna (Beba Rancor) nicht stören, die das Boot fährt, während sie cool einen Zigarillo raucht. Mit an Bord ist noch ihre Schwester Valeria (Haydée Politoff), die einen eher zynischen Sprachstil mit Fabrizio pflegt, der ihn aber keinen Moment aus der Ruhe bringen kann.

Die drei Frauen verkörpern ganz unterschiedliche Typen, die alle einer Gebrauchsanleitung für Machos entnommen sein könnten - das Model mit der langen dunklen Mähne, dass sich nur für Flirten und Sex interessiert, sonst schnell gelangweilt ist und ihr geringes Interesse an Bildung und hochtrabenden Gesprächen offen zur Schau stellt. Sich aber gerne als richtige Frau bezeichnet, was sie wiederum der kurzhaarigen Valeria abspricht, die Bücher liest und diskutiert, während sie ihr Gesicht selten zu einem Lächeln verzieht. Und Anna, die kühle hellhäutige Blondine, die an alle Situationen rational heran geht, weshalb sie auch nicht auf ihren Ehemann eifersüchtig ist, der es gerne krachen lässt.


Gemeinsam ist den Frauen allerdings, dass sie alle ausgesprochen schön sind. Nachdem sie an einer kleinen, felsigen Insel angelegt haben, wo Fabrizio sein Foto-Shooting beginnt, ergeht sich die Kamera in langen Einstellungen der drei Frauen, die sie beim Sonnen, beim Weg über die Felsen oder beim Modeln beobachtet. Als Anna feststellt, dass der Motor der Yacht nicht mehr anspringt, nimmt Fabrizio die Gelegenheit eines zufällig vorbei kommenden Motorbootes wahr, um Benzin zu besorgen. Spätestens jetzt gehört die Insel, das Meer und die Kamera nur noch den Frauen.

Man könnte diese Phase des Films eintönig finden, aber das Gegenteil ist der Fall, denn begleitet von der sommerlich, gefälligen Filmmusik Berto Pisanos, inszeniert Luciano Biagetti dieses Schauspiel sehr geschmackvoll. Dabei kam ihm auch der Entstehungszeitraums, Ende der 60er Jahre, entgegen, als unbedingte Nacktheit noch kein Kriterium war. Das gibt dem Film heute einen leicht altmodischen, aber sehr stylishen Touch. Zudem streut er immer wieder kleine Ereignisse ein, die die Spannung unmerklich anziehen. So entdeckt Valeria einen toten Polizisten auf den Felsen, ohne den anderen Frauen etwas davon zu verraten, oder ein Polizeiboot kommt vorbei, das nach einem ausgebrochenen Gewalttäter sucht, nicht ohne vorher die Frauen durch ein Fernglas zu beobachten. Alleine der lässige Dialog zwischen den Polizisten und der blonden Anna ist schon der Film wert.


Die Handlung beginnt sich parallel zu verändern als ein unbekannter Mann auftaucht, der sich zuerst zwischen den Felsen zu verstecken scheint, dann aber offen Margerita gegenüber tritt, die mit dem fremden Schönling auch gleich einen heftigen Flirt beginnt. Er gibt sich ihr gegenüber als Marco (Umberto Orsini) aus, der hier die Abgeschiedenheit zum Dichten sucht, und angeblich in einem nahe gelegenen Haus wohnt. Nur gibt es in diesem Teil der Insel gar kein Gebäude, was den Verdacht vor allem bei Anna erhärtet, dass es sich bei ihm um den gefährlichen, entlaufenen Sträfling handeln könnte.

"Interrabang" nimmt zunehmend Züge eines klassischen Giallo an, der eine Vielzahl möglicher Konstellationen und Verschwörungen durchspielt und langsam verdeutlicht, dass hinter den sommerlichen Mienen der jungen Frauen ganz düstere Gedanken lauern. Dabei verliert der Film keinen Moment seinen männlichen Blick, denn so sehr die Frauen auch glauben, das sie Diejenigen sind, die das Spiel bestimmen, so sehr hat Marco die Fäden in der Hand - doch als Fabrizio wieder mit dem Benzin zurück kommt, überschlagen sich die Ereignisse.

Auch die abschließenden Wendungen, die der Story immer wieder eine andere Richtung geben, machen aus "Interrabang" keinen Emanzipation-Reißer mehr, so sehr die Frauen auch zeitweise schön, stark und selbstbewusst auftreten. Letztlich ist "Interrabang" ein Film für den anspruchsvollen männlichen Voyeur - nicht besonders gewalttätig, angenehm im Tempo und Spannungsaufbau, stimmungsvolle Musik, lässige Dialoge und schön inszenierte, knapp bekleidete Frauenkörper - aber niemals vulgär.

"Interrabang" Italien 1969, Regie: Giuliano Biagetti, Drehbuch: Luciano Lucignani, Darsteller : Haydèe Politoff, Corrado Pani, Shoshanna Cohen, Beba Rancor, Umberto Orsini, Laufzeit : 88 Minuten

Freitag, 17. September 2010

Mia moglie, un corpo per l'amore (Meine Frau, ein Körper für die Liebe) 1973 Mario Imperoli

Inhalt: Paolo (Silvano Tranquilli) ist seit 5 Jahren mit der deutlich jüngeren Simona (Antonella Murgia) glücklich verheiratet, doch der erfolgreiche Geschäftsmann fürchtet zunehmend, dass sie ihm eines Tages untreu werden könnte. 

Um die Kontrolle zu behalten, stellt er Marco Santi (Peter Lee Lawrence) in seine Firma ein, und lässt ihn zufällig auf seine Frau treffen. Diese erkennen sich auch gleich wieder, denn sie waren früher einmal verlobt. 

Marco wirbt erneut um sie, aber für Simona sind die damaligen Zeiten endgültig vorbei. Doch ihr hartnäckiger Ehemann sorgt dafür, dass die Beiden allein eine Tour auf seinem Boot unternehmen. Nach längerem Zieren erliegt sie zwar Marcos Bemühungen, will aber keineswegs eine Beziehung mit ihm anfangen. Doch sie weiß noch nicht, dass damit Paolos Plan erst seinen Anfang nahm... 



Als in den 70er Jahren die Sex- und spätere Pornowelle in die Kinos schwappte, gaben sich die Macher noch häufig die Mühe, die Darstellung des Geschlechtsverkehrs in eine halbwegs stimmige Story einzubetten. Besonders beliebt war in diesem Zusammenhang das Motiv der Nymphomanin, um Interaktionen mit wechselnden männlichen Partnern rechtfertigen zu können - die Tatsache außer acht lassend, dass es sich dabei um eine schwerwiegende psychische Krankheit handelt.

Der Titel "Mia moglie, un corpo per l'amore" (Meine Frau, ein Körper für die Liebe) bereitete diese Thematik geschickt vor, denn bei einem solchen Körper, wäre es geradezu eine Sünde, diesen nur einer Person zukommen zu lassen. Nun handelt es sich bei Mario Imperolis Film aber um keinen Porno, sondern um einen Giallo mit Sex-Szenen. Die langen Einblendungen mit Simonas (Antonella Murgia) nacktem Körper und ihren inbrünstig gekneten Brüsten verweisen aber auf die Nähe zum aufkommenden Erotikfilm.

Auch hier funktioniert die Story - besonders im Mittelteil des Films - als Leitfaden, an dem sich die amourösen Abenteuer der Protagonistin aufreihen, verfügt dabei aber über eine interessante psychologische Variante. Ganz offensichtlich hatte die hübsche Simona ein bewegtes Leben, bevor sie den wohlhabenden Geschäftsmann Paolo (Silvano Tranquilli) vor fünf Jahren heiratete, blieb ihm in dieser Phase aber immer treu. Dass der wesentlich ältere Paolo trotzdem mit ihrer Vorgeschichte ein Problem hat, macht schon die erste Szene deutlich, als er seine Wasserski fahrende Frau zum Sturz bringt, indem er plötzlich Gas gibt. Ein kurzer Moment des Hasses war in seinem Gesicht zu sehen, bevor er sie dann wieder in sein Boot aufnahm.

Als er kurz darauf den smarten Marco (Peter Lee Lawrence) in seiner Firma einstellt, erkennt man noch nicht seine Beweggründe, spätestens aber, als dieser sich als Ex-Verlobter seiner Frau entpuppt und Paolo bei einem verabredeten Ausflug zu Dritt, plötzlich nicht dabei sein kann. So verbringen Marco und Simona einen ganzen Tag allein auf Paolos Yacht - für Paolo mit dem gewünschten Ergebnis, zumindest wenn man sein selbstzufriedenes Gesicht betrachtet, mit dem er die Beiden bei ihrer Rückkehr am Landungssteg empfängt. Simona hatte sich lange geziert, aber dann war es doch zum Sex gekommen - und damit zum Anfang sich ständig steigernder sexueller Abenteuer.


Aus heutiger Sicht ist der Mittelteil des Films am wenigsten interessant, weil seine langen Soft-Sex-Einblendungen eher langweilen als der Story neue Aspekte zu verleihen. Einzig die moralische Sichtweise der 70er Jahre wird darin deutlich, denn während Simona die lesbischen Avancen ihrer Fotografin (Sonia Burton), für die sie Modell steht, ablehnt, hat sie keine Probleme bei einem Dreier mit einem dunkelhäutigen männlichen Modell mitzumachen - die Interaktion mit ihm wird aber nur angedeutet im Gegensatz zum Sex mit anderen Männern.

Dass der Film ausschließlich aus männlicher, voyeuristischer Sicht erzählt wird, kann nur wenig überraschen, aber "Mia moglie, un corpo per l'amore" verfügt auch über einen subversiven Kontext, der sich vor allem im letzten Drittel Bahn schlägt. Nachdem Paolo seine Frau zu immer neuen sexuellen Abenteuern getrieben hatte, wird deren Gier nach Sex zu einem Selbstläufer, der seinen Wunsch nach Kontrolle zur Farce werden lässt. So wird der Film zunehmend zu einer Parabel über Macht und den Preis, den der Einzelne dafür zu zahlen bereit ist - dabei gibt der Titel doch schon eine klare Antwort darauf, was wirklich zählt - "Un corpo per l'amore".

"Mia moglie, un corpo per l'amore" Italien 1973, Regie: Mario Imperoli, Drehbuch: Mario Imperoli, Darsteller: Silvano Tranquilli, Antonella Murgia, Peter Lee Lawrence, Michele Placido, Sonia Burton, Laufzeit: 82 Minuten

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.