Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Sonntag, 29. Mai 2016

Le bambole (Die Puppen) 1965 Luigi Comencini, Franco Rossi, Dino Risi, Mauro Bolognini

Nino Manfredi und Virna Lisi
Inhalt: „La telefonata“ – (Regie Dino Risi, Drehbuch Rodolfo Senogo): Nicht nur die Hitze macht dem jungen Ehemann (Nino Manfredi) zu schaffen, auch seine spärlich bekleidete Frau (Virna Lisi) lässt seine Gefühle hochkochen. Doch deren Interesse gilt nur den letzten Seiten ihres Romans – eine Phase, die ihr Mann mit Geduld zu überbrücken versucht. Endlich legt seine Frau das Buch zur Seite, als das Telefon klingelt. Seine Schwiegermutter ruft an…

Piero Foccaccio und Elke Sommer
„Il trattato di Eugenetica“ – (Regie Luigi Comecini, Drehbuch Luciano Salce, Steno): Valerio (Piero Foccaccio) soll eine junge Deutsche abholen, um sie durch Rom zu chauffieren. Zu seiner Überraschung tauscht Ulla (Elke Sommer) sofort die Rollen, denn fahren will sie selbst. Valerio soll ihr stattdessen Orte zeigen, an denen sich Männer versammeln. Dort will sie nach dem idealen Erzeuger für ihr Kind suchen – streng nach wissenschaftlichen Kriterien selbstverständlich.

John Karlsen und Monica Vitti
„La minestra“ – (Regie Franco Rossi, Drehbuch Rodolfo Senogo): Wie jeden Abend sitzen Giovanna (Monica Vitti) und ihr älterer Ehemann (John Karlsen) wortlos am Tisch in ihrer einfachen Hütte, während er die von ihr gekochte Minestrone schlürft. Von außen klingt ein Lied an ihr Ohr, das von Freiheit und Aufbruch spricht und ihre Emotionen voll trifft. Sie spricht einen alten Kraftfahrer an und will ihn dafür bezahlen, ihren Mann zu überfahren…

Gina Lollobrigida und Jean Sorel
„Monsignor cupido“ – (Regie Mauro Bolognini, Drehbuch Leo Benvenuti, Piero De Bernardi): Vincenzo (Jean Sorel) begleitet als Assistent seinen Onkel, Monsignor Arendi (Akim Tamiroff), nach Rom zu einem Konzil im Vatikan. Für den jungen Mann der erste Besuch in einer Großstadt. Auch im Umgang mit Frauen ist er vollkommen unerfahren, wie Beatrice (Gina Lollobrigida) feststellen muss, deren Verführungsversuche nicht fruchten. Erst als sie gegenüber dem Priester behauptet, sein Neffe würde sie belästigen, dreht sich das Blatt…


Über die in Vergessenheit geratene Bedeutung des italienischen Episodenfilms oder die Vergänglichkeit nah am Zeitgeist orientierter Stoffe war in meinen Texten schon häufig die Rede. Aber kaum ein Film repräsentiert diese Konsequenzen mehr als "Le bambole" (Die Puppen), der Anfang 1965 in die Kinos kam, als sich der Episodenfilm auf dem Höhepunkt seiner Popularität befand und die sexuelle Liberalisierung langsam Fahrt aufnahm. 

Sieht man von dem frühen "Boccaccio '70" (1962) ab, versammelte sich selten eine illustrere Gesellschaft auf dem Regie-Stuhl, hinter dem Drehbuch und vor der Kamera. Doch die Prominenz half nicht vor der italienischen Zensur, die "Le bambole" vier Monate lang wegen "Obszönität" sperrte, woran die Tragweite der damaligen Provokation deutlich wird. Trotzdem ist "Le bambole" - auch im Vergleich zu seinen Genre-Verwandten - dem Film-Gedächtnis nahezu entschwunden.

Ein Star-Ensemble lässt die Puppen tanzen

Stand der Episodenfilm für viele Regisseure am Beginn ihrer Karriere, kamen in "Le bambole" ausschließlich erfahrene und preisgekrönte Künstler zusammen. Für Dino Risi war es die erste Beteiligung seit „L’amore in città“ (1953), nachdem er in den Jahren zuvor schon unter alleiniger Regie der Kurzfilmform gefrönt hatte („I mostri“ (Die Monster, 1963)). Luigi Comencini („Tre notti d’amore“ (Drei Liebesnächte, 1964)), Mauro Bolognini („La mia signora“ (1964)) und besonders Franco Rossi („Controsesso“ (1964)) hatten schon diverse Genre-Beiträge abgeliefert (siehe den Essay „L’amore in città und die Folgen“) und blieben dem Episodenfilm bis in die 70er Jahre treu, kamen aber nicht mehr in dieser geballten Form zusammen.

Wie seine Regie-Kollegen gehörte auch Drehbuchautor Rodolfo Sonego seit den 50er Jahren („Achtung! Banditi!“ 1951, Regie Carlo Lizzani) zu den führenden Filmschaffenden in Italien. Über ihn, der zwei der vier Episoden verantwortete, lässt sich die Entwicklung des Erotikfilms von Alberto Lattuadas stilbildendem „La spiaggia“ (Der Skandal, 1954) über die vielfache Beteiligung am Episodenfilm der 60er Jahre (“Le fate“ (Die Gespielinnen, 1966)) bis zur „Commedia sexy“ in die 70er Jahre verfolgen („Di che segno sei? (1975) Regie Sergio Corbucci.). Nicht weniger einflussreich waren die hier nur als Autoren aktiven Regisseure Luciano Salce und Steno, die die Idee zur zweiten von Comencini gedrehten Episode beisteuerten. Auch das Autoren Duo Leo Benvenuti und Piero De Bernardi war über Jahrzehnte nicht aus der „Commedia all’italiana“ wegzudenken („Fantozzi“(1975)) - für die vierte, von Bolognini umgesetzte Episode, nahmen sie sich eine Boccaccio-Novelle aus dem Dekameron zum Vorbild.

Besitzt die Aufzählung der hinter der Kamera Verantwortlichen immer einen theoretischen Charakter, verliert sich dieser Eindruck bei der Nennung der Darstellerinnen sofort. Virna Lisi, Monica Vitti und Gina Lollobrigida gehören zu den ganz großen Stars des italienischen Kinos - und die deutsche Schauspielerin Elke Sommer befand sich damals in der Hochphase ihrer internationalen Karriere. Ihre männlichen Co-Stars Nino Manfredi, Jean Sorel und Maurizio Arena können hinsichtlich des Glamour-Faktors nicht ganz mithalten, aber auch ihre Namen haben bis heute einen guten Klang. Umso mehr stellt sich die Frage, wieso „Le bambole“ vollständig in der Versenkung verschwand und über keinerlei Reputation verfügt? - Die Antwort fällt leicht. Die Stories sind bis auf „Monsignor cupido“ nach Boccaccio schwach und klischeehaft.


Die Männer schlagen zurück

Der Ehemann tröstet sich mit der Nachbarin (Alicia Brandet)
In der ersten Episode „La telefonata“ fühlt sich der junge Ehemann (Nino Manfredi) von seiner schönen, mit ihrer Mutter dauertelefonierenden Ehefrau (Virna Lisi) zurückgesetzt. Gerade hatte er sich auf das Liebesspiel mit ihr gefreut – sie hatte ihn hingehalten bis sie ihren Roman ausgelesen hatte – wird seine Geduld schon wieder auf die Probe gestellt. Die Kamera umschmeichelt Virna Lisis Körper so ausführlich, dass die Begehrlichkeiten des Ehemanns verständlich werden, was ihn aber nicht davon abhält, zu der jungen Nachbarin (Alicia Brandet) auf die andere Straßenseite zu wechseln. Während die Ehefrau noch gegenüber ihrer Mutter von ihrem braven Ehemann schwärmt, der an der üppig gebauten nymphomanen Frau von Gegenüber keinen Gefallen findet, wurde er von dieser schon mit offenen Armen empfangen.

Ulla endet als Hausfrau
Ähnlich daneben liegt Ulla (Elke Sommer), eine junge Deutsche, die in Italien nach dem idealen „Latin Lover“ als Samenspender für ihr Kind sucht. Beziehung, gar Ehe kommen für sie nicht in Frage, da sie nur Abhängigkeit bedeuten. In „Il trattato di Eugenetica“ lässt sie sich vom wenig attraktiven Chauffeur Valerio (Piero Foccaccio) Rom zeigen, wo sie die Männer nach strengen Kriterien vermisst und begutachtet. Da die Blondine sehr hübsch ist, lassen sie es sich gerne gefallen, aber Keiner von ihnen entspricht ihren umfangreichen Anforderungen. Schon gar nicht Valerio, der in Liebe zu Ulla entflammt ist und es nicht mitansehen kann, wie sie einen Mann ausschließlich für die Kindszeugung sucht. Als er sich weigert, weiter für sie zu arbeiten, begegnet Ulla Massimo (Maurizio Arena), der die Kriterien erfüllt. Nur kommt der Macho mit seiner Rolle als „Zuchthengst“ nicht zurecht, weshalb sie ihn mit Pillen vor dem Sex still stellen will. Erwartungsgemäß scheitert sie an der praktischen Umsetzung ihrer Theorie und landet schließlich als Hausfrau und vielfache Mutter in einem einfachen Wohnblock, wo sie schon die Nudeln für ihren von der Arbeit heimkehrenden Ehemann Valerio bereitet hat.

Der schlürfende Ehemann bleibt
In der dritten Episode „La minstra“ trieben die Macher ihr böses Spiel mit den Frauen weiter auf die Spitze. Schon optisch ist die Grundkonstellation eine Provokation. Monica Vitti als schöne Ehefrau sitzt in einer einfachen Behausung einem deutlich älteren, hageren Ehemann (John Karlsen) gegenüber, der die von ihr gekochte Minestrone missmutig in sich hinein schlürft. Wer will es ihr da verdenken, dass sie ihn umbringen lassen will? – Leider nur mit mäßigem Erfolg. Die Männer, die sie dafür anheuert, nehmen ihr erst ihr Geld, dann ihren Körper. Immer mit demselben Ergebnis – ihr Ehemann kommt nach Hause und schlürft seine Suppe. Begleitet wird die Szenerie von einem Gitarristen, dessen Gesang von Freiheit und Aufbruch in den Kopf der jungen Frau dringt. Spätestens hier wird deutlich, dass Sonego und seine Kollegen die Vorurteile gegenüber einer sich verändernden Sozialisation, besonders gegenüber der Emanzipation, mit überzeichneten weiblichen Figuren veralberten: - die ihren Ehemann vernachlässigende Hausfrau, die allzeitbereite Nachbarin, die intellektuelle Technokratin und die von Rock-Musik beeinflusste Träumerin.

Monsignore (Akim Tamiroff) achtet auf seinen Neffen
Wer die Werke der beteiligten Herren hinter der Kamera, mehr noch die Filme der Darstellerinnen um Monica Vitti und Gina Lollobrigida kannte, wusste die Ironie hinter den geballten Klischees einzuschätzen – dem damaligen Publikum war das zuzutrauen. Dazu gehört auch, „Le bambole“ in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht - wie inzwischen üblich - die Episoden als unabhängige Kurzfilme zu bewerten. Erst die innere Dynamik, die direkt auf die letzte Episode zuläuft, wird dem Film gerecht. Auch „Monsignor cupido“ entwickelt sich zuerst gegen die weiblichen Absichten. Beatrice (Gina Lollobrigida), die mit ihrem Ehemann gemeinsam ein Hotel leitet, wird auf einen hübschen jungen Mann (Jean Sorel) aufmerksam, der seinen Onkel (Akim Tamiroff), einen Priester, zu einem Treffen im Vatikan nach Rom begleitet. Beatrice wendet alle ihre Verführungskünste bei ihm an – ohne Wirkung, denn scheinbar gilt dessen Interesse nur der katholischen Kirche. Erst als Beatrice dem Priester vorlügt, sein Neffe würde ihr nachstellen, wendet sich das Blatt. Dessen Wut über die angebliche Unmoral seines Schützlings führt den jungen Mann direkt in die Arme der Schönen - eine logische Konsequenz ganz im Sinn von Boccaccio.

Die Schwäche von „Le bambole“, seine Klischeehaftigkeit und vorhersehbare Konsequenz zugunsten der Männer, ist gleichzeitig seine Stärke. Deutlich wird daran, wie sehr der Episodenfilm in mehr als 80 Kurzfilmen der Jahre 1962 bis 1966 versuchte, die zunehmende gesellschaftliche Liberalisierung von allen Seiten zu betrachten (nimmt man die nur unter einem Regisseur entstandenen Episodenfilme hinzu, vergrößert sich diese Zahl noch erheblich). „Le bambole“ war Teil eines Diskurses, der die gesellschaftliche Doppelmoral und die Macho-Allüren der Männer genauso mit Humor anprangerte, wie er sich über die neuen Frauen-Rollen lustig machte. Die Macher wechselten ständig den Blickwinkel und gaben sich nicht ohne Selbstironie dem Voyeurismus hin, immer verbunden mit ihrer Sympathie für die gesellschaftlichen Veränderungen und ihrer Lust an der Provokation. Die negativen Reaktionen auf "Le bambole" konnten sie nicht überraschen, denn die Quintessenz lässt sich schon an den Anfangscredits ablesen – wir alle sind Marionetten.

"Le bambole" Italien, Frankreich 1965, Regie: Luigi Comencini, Dino Risi, Franco Rossi, Mauro Bolognini, Drehbuch: Rodolfo Sonego, Luciano Salce, Steno, Leo Benvenuti, Piero De Benardi, Darsteller : Monica Vitti, Gina Lollobrigida, Virna Lisi, Elke Sommer, Nino Manfredi, Jean Sorel, Alicia Brandet, Piero Focaccia, Maurizio Arena, Akim Tamiroff, Laufzeit : 105 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

"Pane, amore e fantasia" (1953)

- weitere im Blog besprochene Filme von Dino Risi :
"Il sorpasso" (1962)
"I mostri" (1963)
"I nuovi mostri" (1977)

- weitere im Blog besprochene Filme von Mauro Bolognini :

- weitere im Blog besprochene Filme von Franco Rossi :

"Tre notti d'amore" (1964) 
"Le streghe" (1967)

Sonntag, 20. Januar 2013

Pane, amore e fantasia (Liebe, Brot und Fantasie) 1953 Luigi Comencini


Inhalt: Der aus der Gegend um Neapel stammende Maresciallo Carotenuto (Vittorio De Sica) wird als Leiter einer kleinen Carabinieri-Station in ein Dorf in die Abruzzen versetzt. Dass es sich bei dem 50jährigen noch um einen Junggesellen handelt, sorgt in der kleinen Gemeinde sofort für Aufruhr, denn dem attraktiven, charmanten Carotenuto wird allerhand zugetraut. Besonders die junge, aus einer armen Familie stammende Maria (Gina Lollobrigida), genannt "Bersagliera", fällt dem alten Schwerenöter ins Auge, ohne dass er ahnt, dass ein junger Brigadier (Roberto Rossi) in sie verliebt ist. Dem schüchternen jungen Mann war es in acht Monaten nicht gelungen, die kecke "Bersagliera" anzusprechen, weshalb sie sich von ihm zurückgewiesen fühlt.

Doch auch eine andere Frau weckt Carenutos Interesse, die Hebamme Annarella (Marisa Merlini), die aber regelmäßig für ein paar Tage nach Rom verschwindet, weshalb er befürchtet, dass sie dort schon vergeben ist. Da er nicht weiß, dass "Bersagliera" ebenfalls den Brigadier liebt, hält er ihre freche, offene Art ihm gegenüber für ein Entgegenkommen und macht sich Hoffnungen...







Luigi Comencini hatte schon seit Mitte der 40er Jahre als Drehbuchautor gearbeitet, bevor er 1948 mit "Proibito rubato" (Razzia in Neapel) seinen ersten Film drehte, an dem mit Suso Cecchi D'Amico eine wichtige Autorin des Neorealismus ("Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948)) beteiligt war. Obwohl "Proibito rubato" neorealistische Elemente aufwies, zählt der Film in seiner optimistischeren Anlage nicht zum inneren Kreis des Genres, wies aber schon auf Comencinis späteren Durchbruch als Regisseur mit "Pane, amore e fantasia" (Liebe, Brot und Fantasie) hin.

Als dieser 1953 entstand, lag die Hochphase des kritischen, marxistisch geprägten Neorealismus schon einige Jahre zurück. Vittorio De Sicas hatte ein Jahr zuvor in "Umberto D.", einem der letzten exemplarischen Werke des Neorealismus, von dem Schicksal eines alternden Mannes innerhalb einer sich erneuernden Gesellschaft erzählt, die den Krieg hinter sich lassen wollte. Der enorme Erfolg von "Pane, amore e fantasia", dem Comencini mit "Pane, amore e gelosia" (Liebe, Brot und Eifersucht, 1954) ein Jahr später eine inhaltlich unmittelbar anschließende Fortsetzung folgen ließ, lässt darauf schließen, dass inzwischen generell ein humorvoller, optimistischer Umgang mit der Realität gefragt war. Mit "Pane, amore e ..." (Liebe, Brot und tausend Küsse) wurde 1955 sogar noch ein weiterer Film nach der Erfolgsformel gedreht, an dem allerdings nur noch Vittorio De Sica und der Co-Autor Ettore Margadonna von der Stammbesetzung dabei waren (die sogar noch an dem 1958 gedrehten spanischen Ableger "Pan, amor y ...Andalucia" beteiligt waren). Sophia Loren hatte unter der Regie von Dino Risi den Part des schönen italienischen Mädchens von Gina Lollobrigida übernommen, inhaltlich und formal hatte sich der komödiantischer angelegte Film aber von seinen beiden Vorgängern entfernt.

"Pane, amore e fantasia" weist dagegen noch eine deutliche Nähe zum Neorealismus auf. Das kleine Dorf in den Bergen der Abruzzen, in dem die Story spielt, wurde zwar für die Filmhandlung erfunden, könnte aber real existieren. Als der Maresciallo Carotenuto (Vittorio De Sica) dort seine Stelle als Leiter einer Carabinieri-Station antritt, fallen ihm die Ruinen mitten im Ort auf. Auf seine Frage, ob das noch die Folge eines Bombardements aus dem Krieg wäre, wird ihm als Ursache ein Erdbeben genannt. Als er entsprechend bei einer weiteren Ruine mutmaßt, sie wäre ebenfalls bei einem Erdbeben entstanden, heißt es diesmal, das Haus wäre von Bomben zerstört worden. Dieser trocken vorgetragene Humor ist signifikant für einen Film, der die Missstände nicht leugnet, sie aber nicht mehr tragisch nimmt. Das gilt ebenso für die "Fantasie" im Filmtitel, die einem Dialog des Maresciallo mit einem alten Mann zu verdanken ist, der auf seine Frage, welchen Belag er auf seinem Brot hätte, die beiden Hälften auseinander nimmt und die Leere als "Fantasie" bezeichnet. Die Menschen sind arm und haben nur wenig zu essen, aber sie verlieren deshalb noch lange nicht ihre gute Laune.

Doch weniger dieser lässige Umgang mit den äußerlichen Realitäten erzeugte den Erfolg an den Kinokassen, als die Konzentration auf die eher zwischenmenschlichen "Realitäten", zusätzlich noch mit einer spezifisch italienischen Eigenart gewürzt. Schon der zu Beginn eingeblendete Text weist auf die Situation der Carabinieri hin, die zwar normale Männer mit üblichen Bedürfnissen wären, gleichzeitig aber den Regeln und Gesetzen der Armee verpflichtet sind. Obwohl die Carabinieri zivile Aufgaben als Polizisten übernahmen, gehörten sie zu den italienischen Streitkräften (seit 2000 als eigenständige Teilstreitkraft), weshalb die Männer für einige Jahre an den Ort in den Abbruzzen versetzt wurden, selbst aber aus entfernten Regionen stammen. Die sich daraus ergebenden sprachlichen und moralischen Verwicklungen, sind wesentlich für die Wirkung des Films, denn der zwar schon leicht gealterte, aber sehr charmante Maresciallo, der aus Sorrento in der Nähe von Neapel stammt, wird mit den altertümlichen Regeln des Bergdorfes konfrontiert und gerät zunehmend in Schwierigkeiten. Wie die beiden berühmten Figuren Statler und Waldorf viele Jahre später in der "Muppet Show", kommentieren zudem in "Pane, amore e fantasia" drei kauzige Greise, teilweise mit Fernrohr bewaffnet, von ihrer Bank aus alle Regungen ihrer Mitbürger, selbstverständlich ganz ihrer erzkonservativen Haltung verpflichtet.

Entscheidend für die Popularität des Film, aber auch für ihren eigenen Aufstieg zu "Gina nazionale" im Herzen der Italiener, ist die von Gina Lollobrigida gespielte Rolle der Maria, genannt "La Bersagliera" (etwa "die Freche, Aufmüpfige"). Sie hatte schon unter Carlo Lizzani in dem neorealistischen Film "Achtung! Banditi!" (1951) die Hauptrolle gespielt, zudem in zwei internationalen Produktionen mitgewirkt ("Fanfan, la tulipe" (Fanfan, der Husar, 1952) und "Beat the devil" (Schach dem Teufel, 1953) unter John Huston, aber erst die Rolle des schönsten und gleichzeitig ärmsten Mädchens des Dorfes, ließ sie zum großen Star werden.

In ihrer Figur verbanden sich Realität und die Sehnsüchte ihrer Zeit. Barfuß in einem schäbigen Kleid herumlaufend oder auf einem Esel, ihrem einzigen Besitz, reitend, versucht sie mit nicht immer ganz legalen Methoden ihre Mutter zu unterstützen, die alleine eine Vielzahl von Kindern durchbringen muss. Gleichzeitig tritt sie selbstbewusst und emotional auf und ist dem einflussreichen Pfarrer Don Emidio (Virgilio Riento) ein Dorn im Auge, da er ihre Schönheit und gleichzeitige Bedürftigkeit als große Versuchung für die Männer ansieht. Doch Maria hat nur Augen für den schüchternen Carabinieri Pietro (Roberto Russo), der heimlich in sie verliebt ist, von dem sie sich wegen dessen Tatenlosigkeit, aber auch wegen ihrer Armut abgelehnt fühlt, weshalb sie ihn bewusst schlecht behandelt. Maresciallo Carotenuto, dessen Single-Dasein bei den Bewohnern des Ortes sofort Misstrauen auslöste, hat dagegen weniger Probleme, sich dem weiblichen Geschlecht zu nähern. Natürlich gefällt ihm „La Bersagliera“, aber auch die Hebamme Annarella (Marisa Merlini) besitzt seine Aufmerksamkeit, allerdings irritiert es ihn, dass sie regelmäßig für ein Wochenende nach Rom fährt – hat sie dort einen Verehrer?

„Pane, amore e fantasia“ wird häufig als erster Vorläufer der „Commedia all'italiana“ bezeichnet, fügt sich aber stimmig in eine Entwicklung ein, die in den späten 40er Jahren begann. Schon die unter der gemeinsamen Regie von Steno und Mario Monicelli entstandenen Filme mit Totò in der Hauptrolle (unter anderen „Guardi e ladri“ (Räuber und Gendarm, 1951)), verbanden Alltagsrealität mit Humor. Auch Comencinis Film verliert trotz seiner Leichtigkeit und den im Mittelpunkt stehenden Liebesverwirrungen nie die Realität aus den Augen – selbst das Happy-End wird ein wenig einschränkt – vorherrschender Eindruck blieb aber die allgemeine Lebensfreude, während eine Komödie wie „I soliti ignoti“ (Diebe haben's schwer, 1958) von Mario Monicelli, die heute als Beginn der „Commedia all'italiana“ in ihrer bissig, ironischen Form gilt, ihr kritisches Potential nicht verloren hat.

Zeitgenössisch betrachtet war Comencinis Kritik an der damals vorherrschenden Moral sicherlich gewagt, so wie Gina Lollobrigidas Auftreten erste Anzeichen einer weiblichen Emanzipation aufwies, auch wenn sie sich letztlich noch in ihre Rolle als anständige junge Frau fügte. Doch damit ebnete der Film eher den Weg in Richtung leichterer Komödien, die die folkloristisch italienischen Eigenarten betonten, wie die zweite Fortsetzung „Pane, Amore e...“ oder der ähnlich geartete  „It started in Naples“ (Es begann in Neapel, 1960), jeweils mit Sophia Loren und Vittorio De Sica in wichtigen Rollen, dessen Karriere als Regisseur sich später in eine vergleichbar oberflächliche Richtung entwickelte. Doch das ändert nichts an dem sehr guten Gesamteindruck eines auch unbequeme Konsequenzen nicht scheuenden Films, dem es gelang einer harten Realität Hoffnung und Freude abzuringen. Und der damit den Nerv seiner Zeit und seiner Landsleute traf.

"Pane, amore e fantasia" Italien 1953, Regie: Luigi Comencini, Drehbuch: Luigi Comencini, Ettore Maria Mergadonna, Darsteller : Gina Lollobrigida, Vittorio De Sica, Marisa Merlini, Roberto Risso, Maria Pia Casilio, Virgilio Riento, Laufzeit : 87 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.