Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"
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Freitag, 27. September 2013

Città violenta (Brutale Stadt) 1970 Sergio Sollima

Inhalt: Als Jeff Heston (Charles Bronson) und seine Freundin Vanessa (Jill Ireland) nach ein paar schönen gemeinsamen Urlaubstagen wieder in sein Auto steigen, kommt es zu einer gefährlichen Verfolgungsjagd. Zwar gelingt es Jeff noch Vanessa in Sicherheit zu bringen, aber er wird von einem Porsche gestoppt, dessen Fahrer ihn ohne Warnung niederschießt. Auch die Verfolger haben ihn eingeholt und schießen seinen Ford in Brand, als er sich darunter verbergen will, aber sie sind unvorsichtig, so dass Jeff schwer verletzt Einen von ihnen überwältigen und dessen Kumpane erschießen kann – nur der Fahrer des Porsche kann entkommen.

Die Polizei verhaftet Jeff und steckt ihn ins Gefängnis, aber mit Hilfe seines Anwalts Steve (Umberto Orsini) kommt er wieder aus dem Knast, da man ihm keinen Mord nachweisen kann. Jeff, der aus seinem Job als Profikiller aussteigen wollte, beginnt jetzt in eigener Sache zu recherchieren und vorzugehen, denn diesen Verrat will er nicht auf sich sitzen lassen. Sein alter Kumpel Killain (Michel Constantin), der Einzige, dem er noch vertrauen kann, hilft ihm, Coogan zu finden, der auf ihn geschossen hatte. Dieser nimmt an der Can-Am-Rennserie Teil - ein geeignetes Ziel für Jeff Heston…


Regisseur und Drehbuchautor Sergio Sollima hatte im August 1968 mit "Corri uomo corri" (Lauf um dein Leben) den letzten Western einer Trilogie mit Tomas Milian in der Hauptrolle in die Kinos gebracht, wenige Monate bevor Sergio Leone ebenfalls mit "C'era una volta il West" (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968) seinen Schlussstrich unter die Phase des Italo-Western zog. Doch Leone war Sollima erneut einen Schritt voraus, denn "C'era una volta il West" sollte der Beginn einer neuen Film-Trilogie über die USA werden, weshalb Leone eng mit Hollywood zusammen arbeitete und seinen Film größtenteils mit us-amerikanischen Darstellern vor Ort drehte – schon ein Jahrzehnt bevor es zu der intensiven Zusammenarbeit zwischen Italien und den USA im B-Film-Sektor kam, als die mit rückläufigen Zahlen kämpfende italienische Filmindustrie versuchte, erfolgreiche Hollywood-Filme nachzuahmen, indem sie ihren Filmen einen amerikanischen Anstrich verliehen.

"Città violenta" (Brutale Stadt) entstand noch in einer Phase, als das italienische Kino die amerikanischen Mythen neu und wegweisend interpretierte, aber Sergio Sollima schien sich damit erneut auf Leones Spuren zu begeben, denn er verpflichtete nicht nur dessen Hauptdarsteller Charles Bronson aus "C'era una volta il West", sondern setzte für seinen vor der Kulisse von New Orleans und am Mississippi-Delta gedrehten Film größtenteils US-Mimen ein. Doch dieser Eindruck täuscht, denn Sollima ging einen eigenständigen Weg, der seinen Film als Schnittpunkt zwischen dem Italo-Western und dem kommenden Poliziesco-Genre erkennbar werden lässt. Dass er einen US-amerikanischen Hintergrund für seinen italienisch-französisch co-produzierten Film wählte, war eine konsequente Weiterentwicklung des Western-Genres, dessen innere Regeln und Stereotypen er in „Città violenta“ in die Gegenwart versetzte.

Der coole Profikiller Jeff Heston (Charles Bronson), der alerte Gangsterboss Al Weber (Telly Savalas), der windige Advokat Steve (Umberto Orsini) oder die schöne und gerissene Vanessa (Jill Ireland) sind Figuren, die auch jedem Western gut zu Gesicht gestanden hätten. Ähnliches lässt sich auch zur Ausstattung sagen, die mit den riesigen US-Cars, den Straßenschluchten der Großstadt oder dem „Can-Am“ – Rennen mit der lang gestreckten Steilwandkurve exponierte US-Mythen spektakulär ins Bild rückte, die die Western-Klischees ablösten - das der „Showdown“ auf dem Dach eines Hochhauses stattfand, war nur noch folgerichtig. Die Parallelen zu Jean-Pierre Melvilles Kriminalfilmen, auf dessen Protagonisten „Jef“ in „Le samourai“ (Der eiskalte Engel, 1967) Sollima mit dem Vornamen „Jeff“ anspielte und dessen Amerikanophilie hinlänglich bekannt war, zeigen sich besonders im Verhältnis der Gangster untereinander, während die Basisstory noch an klassische Revenge-Filme der Western-Ära erinnert, in denen sich der knapp dem Tod entronnene Held auf die Spuren seiner Peiniger begibt.

Auch in „C’era una volta il west“ war Rache die Antriebsfeder des von Bronson gespielten „Mannes mit der Mundharmonika“, aber das offenbarte sich erst langsam in Rückblenden, weshalb sich die Frage nach dem Widerspruch zwischen seinem emotionslosen, professionellen Vorgehen und der tiefen inneren Verletzung, die er erlitten haben musste, nicht stellte. In „Città violenta“ wird der von Bronson gespielte Profikiller dagegen mit dem Verrat seiner Geliebten konfrontiert, die ihn offensichtlich hintergangen hatte und seinen Tod in Kauf nahm – er sieht am Boden liegend noch, wie sie in das Auto des Schützen steigt - womit Sollima eine andere Richtung als Leone oder Melville einschlug, indem er dieser Figur Emotionen einhauchte. Entsprechend beginnt der Film mit einer Idylle, zeigt Jeff und Vanessa in einem zärtlichen Moment innerer Verbundenheit, um diese Illusion unmittelbar darauf mit einer grandios inszenierten Verfolgungsjagd zu zerstören.

Der Versuch, die Story um einen coolen Profi-Killer, der in die Mühlen hinterhältiger Gegner gerät, mit einer „Amour Fou“ zu verbinden, ging nur teilweise auf. Vielleicht genügte das Wissen zur Entstehungszeit des Films, dass Charles Bronson und Jill Ireland auch im realen Leben ein Paar waren, um seine Gefühlsschwankungen zwischen Hass und Liebe nachvollziehen zu können, aber so überzeugend Bronson einen jederzeit kontrolliert vorgehenden Profi spielte, so wenig nahm man ihm den plötzlichen Verstoß gegen diese Regeln ab. Besonders im Vergleich zu der zitierten Figur des Profikillers Jef Costello aus „Le samourai“ fällt diese Inkonsequenz ins Gewicht. Auch Melville verband dessen Scheitern mit den Gefühlen für eine Frau, aber sein Profikiller verlässt nie das Korsett des kontrollierten Verhaltens und bleibt sparsam im Ausdruck von Emotionen. Dagegen wechselt Jeff Heston mehrfach vom Schläger zum zärtlichen Liebhaber, was dank der ins Bild gerückten optischen Vorzüge Jill Irelands verständlich sein mag, von Bronson aber nicht authentisch vermittelt werden kann.

Glücklicherweise ließ sich Sollima von der konstruierten Liebesgeschichte in seinem langsamen, unaufgeregten Erzähl-Rhythmus nicht anstecken, den er nur mit nadelstichartig gesetzten Actionszenen unterbrach. Dieses Tempo orientierte sich nur äußerlich an den Filmen Melvilles, denn Sollima verlieh seinen Bildern einen dreckigen, aufgeheizten Charakter, der versuchte, die Atmosphäre Louisianas und New Orleans einzuatmen. Der Filmtitel „Città violenta“ ist zwar übertrieben, da die Stadt selbst über eine Hintergrundrolle nicht hinauskommt, aber die Richtung zum Poliziesco, der ohne pulsierendes Großstadt-Feeling nicht vorstellbar wäre, wird in der Filmanlage schon sichtbar. Zu verdanken ist das Sollimas Co-Autoren Massimo De Rita und Arduino Maiuri, die nicht nur das Drehbuch zu „Banditi a Milano“ (1968) schrieben, der wegweisend für das Poliziesco-Genre wurde, sondern mit „Roma come Chicago“ (Mord auf der Via Veneto, 1968) den Gangsterfilm als Abbild einer zunehmend gewalttätigeren Großstadt weiter entwickelten. Die Parallelen zu dem ebenfalls in Rom spielenden und ein Jahr später erschienenen „Un detective“ (Die Klette, 1969) von Romolo Guerrieri sind offensichtlich, für den Massimo De Rita wiederum das Drehbuch zu dem Poliziesco „La polizia è al servizio del cittadino?“ (Auf verlorenem Posten, 1973) schrieb.

Sergio Sollimas gemeinsamer Weg mit den beiden Autoren führte weiter bis zu „Revolver“ (Die perfekte Erpressung, 1973), der die Story seines ersten Western „La resa dei conti“ (Der Gehetzte der Sierra Madre, 1966) kongenial in die Gegenwart verlegte und damit die Entwicklung zum Poliziesco in Sollimas Werk abschloss. „Città violenta“ ist dagegen seine Position an der Schnittstelle zwischen den Genres deutlich anzumerken, weshalb der Film häufig falsche Erwartungshaltungen weckt. Sollima entwickelte eine stilistisch etwas unausgewogen wirkende Kombination aus europäischem Gangsterfilm und US-Mythos, die dank ihrer atmosphärischen Dichte, gefördert durch Ennio Morricones aufwühlende Klänge, jederzeit zu fesseln vermag und am Ende auch die Tragik in der Figur des Profikillers zu vermitteln weiß.

"Città violenta" Italien, Frankreich 1970, Regie: Sergio Sollima, Drehbuch: Sergio Sollima, Massimo De Rita, Arduino Maiuri, Darsteller : Charles Bronson, Jill Ireland, Michel Constantin, Telly Savalas, Umberto Orsini, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Sollima:

"L'amore difficile" (1962) 
"La resa dei conti" (1966) 
"Faccia a faccia" (1967) 

Mittwoch, 10. Oktober 2012

C'era una volta il West (Spiel mir das Lied vom Tod) 1968 Sergio Leone


Inhalt: Drei bewaffnete Pistoleros in langen Mänteln begeben sich zu einem Bahnhof einer staubigen Kleinstadt im Westen der USA. Nachdem sie die wenigen Anwesenden vertrieben und den Vorsteher eingesperrt haben, warten sie auf den nächsten Zug, der auch planmäßig eintrifft. Nur scheint die Person, auf die sie warten, nicht auszusteigen, denn kurze Zeit später nimmt die Lokomotive wieder Fahrt auf. Bis sie die Töne einer Mundharmonika hören, die ein Mann (Charles Bronson) erklingen lässt, der auf der gegenüberliegenden Seite ausgestiegen war und ihnen selbstbewusst zum Duell gegenüber tritt. Kurze Zeit später reitet er mit einem ihrer Pferde davon, drei tote Männer zurücklassend.

Auf der abseits der Stadt gelegenen Farm von Brett McBain (Frank Wolff) herrscht große Aufregung. Bain treibt seine Kinder an, alles bestens für das Fest vorzubereiten, das er heute feiern will, denn seine Braut Jill (Claudia Cardinale), die er in New Orleans kennengelernt hatte, kommt in wenigen Minuten mit dem Zug an. Doch bevor er sie mit seiner Kutsche abholen kann, werden er und seine Kinder aus dem Hinterhalt erschossen. Nichts ahnend lässt sich Jill, die erstaunt ist, nicht abgeholt zu werden, zur Farm bringen, wo sie nur noch Leichen vorfindet. Doch die Killer, die es auf Bains Farm abgesehen hatten, ahnen nicht, das Jill schon mit McBain verheiratet war und rechtmäßige Erbin der Farm ist…


Sergio Leone war und blieb eine Ausnahmeerscheinung im italienischen Kino. Nicht nur wegen der großen und bis heute anhaltenden Popularität seiner wenigen Filme, sondern auch wegen seines Einzelgängertums innerhalb der eng verflochtenen Gemeinschaft der italienischen Filmschaffenden.

Dabei verlief der Beginn seiner Karriere parallel zu denen vieler Regisseure seiner Generation. Aufgewachsen während der Zeit des Mussolini-Faschismus, geprägt von einem Vater, der ebenfalls als Regisseur tätig war und wie viele seiner Zeitgenossen dem Kommunismus nahe stand, nahm er als Schauspieler und Regieassistent an "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe, 1948) von Vittorio De Sica teil, einem Schlüsselwerk des Neorealismus. Auffällig ist zudem, das er mit einigen später bekannt gewordenen Filmemachern zusammenarbeitete - etwa mit Sergio Corbucci und Duccio Tessari bei "Gli ultimi giorni di Pompei" (Die letzten Tage von Pompeji, 1959) - und einige Karrieren erst ermöglichte oder bestärkte, wie die des Schauspielers Gian Maria Volontè, der in seinen beiden ersten Western der Dollar-Trilogie als Bösewicht auftrat, des Regisseurs Dario Argento, der am Drehbuch von "C'era una volta il West" (Spiel mir das Lied vom Tod) beteiligt war, oder des Filmmusikers Ennio Morricone, dem er - zudem ein ehemaliger Klassenkamerad - treu blieb.


Doch das blieb bei Leone eine Ausnahme. Weder beteiligte er sich bei den zahlreichen Episodenfilmen, die in den 60er Jahren entstanden, und die eine Vielzahl von Regisseuren in unterschiedlichen Konstellationen vereinte, noch arbeitete er am Drehbuch anderer Filmemacher mit, wie es für viele Regisseure üblich war. Drehbuchautoren wie Cesare Zavattini, Tonino Guerra oder Suso Cecchi D'Amico, die mehr als drei Jahrzehnte lang prägend waren für das italienische Kino und mit fast allen wichtigen Regisseuren zusammen arbeiteten, blieben bei ihm außen vor. Einzig die späte Zusammenarbeit mit Damiano Damiani an "Un genio, due compari, un pollo" (Nobody ist der Größte, 1975) ist noch bemerkenswert, doch während der Entstehungszeit von "C'era una volta il West", als durch den Vietnamkrieg und große gesellschaftliche Veränderungen - in der Folge davon Studentenunruhen, Massenstreiks und Terrorismus - die Demokratie in Italien auf der Kippe stand, und die Solidarität und enge Zusammenarbeit unter den italienischen Filmregisseuren ihren Höhepunkt fand, hielt Leone sich fern. Das filmische Manifest zum Tode Giuseppe "Gino" Pinellis ("Documenti su Giuseppe Pinelli", 1970) wurde von 60 Regisseuren unterzeichnet - darunter Sergio Corbucci, Tessari, Bertolucci, der ebenfalls am Drehbuch von "C'era una volta il West" mitwirkte, und Damiani - nicht aber von Sergio Leone. Trotzdem ist "C'era una volta il West" in seiner inhaltlichen Ausrichtung ohne die gesellschaftspolitischen Veränderungen dieser Phase nicht vorstellbar.

Bekanntlich wollte Leone nach seiner „Dollar-Trilogie“, die er 1966 mit „Il buono, il brutto, il cattivo“ (Zwei glorreiche Halunken) vervollständigte, ein Gangster-Epos drehen, wurde aber von den amerikanischen Studios in Hollywood davon überzeugt, nochmals einen Western auf die Leinwand zu bringen. Die Idee eines Gangster-Epos verlor er nicht aus den Augen, denn schon 1972 begann er seinen letzten Film „Once upon a time in America“ (Es war einmal in Amerika, 1984) vorzubereiten, den dritten und abschließenden Teil seiner „Amerika-Trilogie“. Dass er diese Trilogie schon vor Augen hatte, als er "C'era una volta il West" entwarf, ist eher unwahrscheinlich, aber die Parallelen zwischen diesen Werken, zu denen noch „Giù la Testa“ (Todesmelodie, 1971) gehört, sind offensichtlich. Neben den äußerlichen Merkmalen – der Bildaufbau, die Wechsel zwischen der Totalen und Nahaufnahmen in die Gesichter der Protagonisten oder Morricones Musik - ist es vor allem die verschachtelte Erzählform, die mit Rückblenden arbeitet, aus der sich erst langsam die Konsequenzen der Gegenwart erklären.

Mit diesem Storyaufbau unterschied sich Leones Film erheblich vom typischen Italowestern, der eine eher geradlinige Storyline bevorzugte. Das gilt auch für die Charakterzeichnungen, die sich nur langsam dem Betrachter erschließen, wie der gesamte Film die Form eines Mosaiks annimmt, das sein Antlitz erst kurz vor der Vollendung preisgibt. Unabhängig von dieser inneren Entwicklung verzichtete Leone sowohl auf eindeutige Charaktere, als auch auf einen klassischen Helden. Der Mann mit der Mundharmonika (Charles Bronson) scheint als Gegenspieler von Frank (Henry Fonda), der als verlängerter Arm des Eisenbahnchefs Morton (Gabriele Ferzetti) über Leichen geht, am ehesten für die Rolle des Sympathieträgers prädestiniert, aber solche Eindeutigkeiten strebte Leone in seinem Film nicht an. Der Mann mit der Mundharmonika bleibt lange abwartend und beobachtend, keineswegs gewillt seine offensichtlichen Fähigkeiten einzusetzen, die er in der berühmten Szene zu Beginn beweist, als er von drei Männern am Bahnhof erwartet wird. Auch verhält er sich für einen typischen Helden des Italowestern zu spartanisch, den weltlichen Dingen des Lebens wenig zugeneigt und nur auf sein Ziel fokussiert – eine Rolle, die ihrer Zeit voraus war, und prägend wurde für den coolen, seine Emotionen unter Kontrolle haltenden Profi.

Eher wäre Cheyenne (Jason Robards) ein geeigneter Kandidat für eine typische Helden-Figur, denn unter seiner rauen Schale schlägt ein goldenes Herz, weshalb er sich auch der schönen Jill McBain (Claudia Cardinale) annimmt, die plötzlich als Witwe da steht – natürlich nicht ganz ohne eigennützige Motive. In seiner Figur vereinen sich nicht nur Gerissenheit und Können, sondern er ist auch für den Humor in Leones Film in einer selbstironischen Art zuständig, die auch seine Umgebung treffend zu kommentieren weiß – nicht zuletzt gegenüber dem jederzeit ernsten Mann mit der Mundharmonika. Das sich in seiner Rolle auch die Tragik des alten Westeners verdeutlicht, der die Veränderungen durch die Zivilisation zu spät für sich entdeckt, wurde als weiteres Indiz dafür angesehen, das Sergio Leone mit seinem Film einen Abgesang auf den „Wilden Westen“ beabsichtigt hätte – eine häufig geäußerte, bei näherer Betrachtung zu oberflächliche These.

Tatsächlich widmet sich der Film weder den klassischen Mythen, noch der unendlichen Weite des „Wilden Westens“, sondern beschränkt seine Handlung auf einen kleinen Kreis von Protagonisten in einem überschaubaren Umfeld. Auch die grandiosen Panorama-Bilder, begleitet von Morricones Emotionen schürender Musik, können nicht darüber hinwegtäuschen, das nur wenige Meilen zwischen dem Bahnhof, der kleinen Stadt und der Farm liegen, auf die sich die Gleisbauarbeiten zubewegen. Leone entwickelt innerhalb dieser klar definierten Umgebung fast kammerspielartig eine zugespitzte Situation, die stellvertretend steht für die industrielle Entwicklung der USA unter der Prämisse des Kapitalismus. Die Rückblende, die sich in der Erinnerung des Mannes mit der Mundharmonika zusehends konkretisiert, erzählt nicht einfach die Geschichte einer persönlichen Auseinandersetzung – nicht ohne Grund gibt sich der Mann mit der Mundharmonika wechselnde Familiennamen - sondern steht für eine generelle Vorgehensweise im Namen des Fortschritts. 

Aus diesem Grund ist die Einordnung Franks als klassischer Bösewicht auch falsch, denn er agiert weder als Revolverheld, noch Gangster-Boss, sondern im Auftrag einer Eisenbahngesellschaft, deren Chef Morton als Ehrenmann gilt. Sein Hang zum Sadismus und seine Gnadenlosigkeit auch gegenüber Frauen und Kindern, ändert nichts daran, dass er Befehle ausführt, die im Rahmen der industriellen Expansion gewünscht sind. Gesetzlich liegt gegen ihn nichts vor. In seiner Person wird die Tragik eines Mannes ersichtlich, der sich selbst überschätzt. Mit seinen stahlblauen Augen scheinbar selbstbewusst und kontrolliert auftretend, begreift er nicht, dass er nur willfähriges Werkzeug für die Drecksarbeit der Eisenbahngesellschaft war – sein Versuch, selbst das Heft des Handelns zu übernehmen, als sein Boss Morton zunehmend von seiner Krankheit dahingerafft wird, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Frank fehlt das Entscheidende für einen modernen (Gangster)Boss – bürgerliches Auftreten, Ansehen in der Gesellschaft und die notwendige Bildung, ein großes Wirtschaftsunternehmen zu leiten.

Häufig wird die Kürze des abschließenden Showdowns zwischen Frank und dem Mann mit der Mundharmonika kritisiert. Dabei wird darin das entscheidende Statement des Regisseurs ersichtlich - es ist nicht mehr von Bedeutung. Frank hatte schon im Vorfeld verloren, als er Morton vernichtete, sein eigener Tod ist nur noch nebensächlich. Einzig das Gefühl, den Protagonisten eines hemmungslosen Fortschritts einen Moment lang Einhalt geboten zu haben, streift den Betrachter, aber Leone selbst zerstört diesen Eindruck nur wenige Augenblicke später. Die Mortons und Franks sind ersetzbar, während der Mann mit der Mundharmonika am Horizont verschwindet. Die Eisenbahn dagegen lässt sich nicht aufhalten und wenn Jill am Ende, bewusst ihre Reize einsetzend, zwischen den Bahnarbeitern flaniert, dann zeigt sich - begleitet von Morricones melancholischer Musik - darin kein ausgelassenes fröhliches Bild, sondern eine notwendige Anpassung an die Zukunft. 

"C'era una volta il West" Italien, USA 1968, Regie: Sergio Leone, Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati, Dario Argento, Bernardo Bertolucci, Darsteller : Charls Bronson, Henry Fonda, Jason Robards, Claudia Cardinale, Gabriele Ferzetti, Laufzeit : 175 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Leone:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.