Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"

Dienstag, 29. November 2016

Le calde notti di Don Giovanni (Sein Schlachtfeld war das Bett) 1971 Alfonso Brescia


Don Giovanni (Robert Hoffmann) mit Esmeralda (Barbara Bouchet)
Inhalt: Während Paco die Tochter des Grafen mit zwar stotternd vorgetragenen, aber liebevollen Versen davon überzeugen will, dass es sich bei ihm um Don Giovanni handelt, befindet sich sein Herr, der echte Frauenheld (Robert Hoffmann), gerade im Bett der Hausherrin Esmeralda (Barbara Bouchet). Das Ablenkungsmanöver gelingt zwar, aber der Ärger bleibt Don Giovanni nicht erspart, da Esmeraldas Mann glaubt, er hätte es auf seine Tochter abgesehen. Nur dank seiner Fechtkünste kann er ihm und dessen aufgebrachten Soldaten entkommen. 

Fürstin Isabella (Ira von Fürstenberg) betrachtet den Frauenheld skeptisch
Trotzdem erscheint er am kommenden Tag in Sevilla auf dem Empfang der Fürstin Isabella Gonzales (Ira von Fürstenberg), da er weiß, dass sich der Graf vor der illustren Runde keine Blöße geben wird. Ungerührt fordert er vor dessen Augen dessen verliebte Tochter auf, während er gleichzeitig ein Auge auf die schöne Fürstin wirft, die ihn ganz offensichtlich missachtet. Ein Verhalten, dass Don Giovanni erst motiviert. 


Am liebsten beschäftigt sich Don Giovanni auf diese Weise...
Ausnahmsweise traf der deutsche Titel "Sein Schlachtfeld war das Bett" den Inhalt des Films genauer als der Originaltitel, denn "Le calde notti di Don Giovanni" (Die heißen Nächte des Don Giovanni) war eine Mogelpackung. Von "heißen Nächten" ist im Film nur wenig zu sehen, von "Schlachtfeldern" dagegen umso mehr, wenn auch nicht im Bett. Auch die sehr vorzeigbare Riege an weiblichen Stars - Barbara Bouchet, Edwige Fenech, Ira von Fürstenberg, Annabella Incontrera und Lucrezia Love - kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Schwergewicht der immerhin mehr als 100 Minuten andauernden Handlung auf Männern im Kampfeinsatz liegt. Don Giovanni Tenorio (Robert Hoffman) gibt sich zwar die größte Mühe, bei den Schönen im Bett zu landen, gemessen am zeitlichen Aufwand und dem nicht zu vernachlässigenden Risiko, wirkt seine Erfolgsquote aber wenig beeindruckend.

...aber gezwungenermaßen meistens so.
Entsprechend rar gesät sind auch die erotischen Einblicke, die der Film gewährt. Räkelt sich zu Beginn Barbara Bouchet als Esmeralda in den Armen Don Giovannis (in der deutschen Fassung zudem noch gekürzt), dauert es mehr als eine Stunde, bis sich Edwige Fenech entblättert. In den letzten Minuten darf auch Lucrezia Love als zyprische Prinzessin noch ein wenig nackte Haut zeigen. Gemessen am Standard deutscher Erotikfilme der frühen 70er Jahre eine dezente Inszenierung, aber typisch für diese Phase der „Commedia sexy all’italiana“ zwischen den gesellschaftspolitisch ambitionierten, optisch noch zurückhaltenden Episodenfilmen der 60er Jahre und der kurz bevorstehenden Welle der „Decamerotichi“ nach Pier Paolo Pasolinis Erfolg mit „Decameron“ (1971), die den Prozess in Richtung einer freizügigeren Erotik im italienischen Film beschleunigten.

Der genesene Don Giovanni umgarnt Maddalena (Annabella Incontrera)...
Regisseur Alfonso Brescia, seit Mitte der 60er Jahre (“La colt è la mia legge“ (Stirb aufrecht, Gringo!, 1965)) vor allem im Western-Genre tätig, hatte sich 1969 erstmals mit der Sexual-Thematik beschäftigt. „Nel labirinto del sesso (psichidion)“ (Im Labyrinth der Sexualität) war noch ein Vertreter der semi-dokumentarischen Auseinandersetzung mit der aufkommenden Sex-Welle, bevor er mit „Le calde notti di Don Giovanni“ ins komödiantische Fach wechselte. Sein Film gehört zur Reihe der „Commedia sexy“ in Folge von Pasquale Festa Campaniles "La cintura di castità" (Der Keuschheitsgürtel, 1967), deren meist ungenauer historischer Kontext Ende der 60er Jahre mehr inhaltliche Freizügigkeit als zeitgenössische Stoffe zuließ, nicht zuletzt im Hinblick auf die Konfrontation von Kirche und Sexualität.

...und stürzt sie ins Unglück - ein kurzer Abstecher ins Dramatische
Zu diesem Konflikt kam es in Brescias Film, als Don Giovanni, zuvor nur knapp dem Tod entronnen und im Kloster wieder zu Kräften gekommen, vergeblich versucht die junge Nonne Maddalena (Annabella Incontrera) zu verführen, die daraufhin sehr mit ihren inneren Gefühlen zu kämpfen hat. Innerhalb der italienisch-spanischen Co-Produktion eine ungewöhnlich ernsthafte Szene, die in der deutschen Fassung fast vollständig der Schere zum Opfer fiel, weil sie nicht ins sonst lustige Treiben passen wollte. Tatsächlich finden sich in dieser Sequenz noch Berührungspunkte zu der literarischen Vorlage: das in Spanien sehr populäre, 1844 uraufgeführte Theaterstück „Don Juan Tenorio“ des spanischen Dichters José Zorilla, wenn auch in einem verfälschenden Zusammenhang. Die unmögliche, erst nach ihrem Tod vollendete Liebe zwischen der Novizin Dona Ines und Don Juan ist zentraler Bestandteil in Zorillas Werk.

Danach ist wieder Amore (hier mit Edwige Fenech) angesagt...
Von der Kloster-Szene abgesehen, waren Brescia und sein Autorenteam um Aldo Crudo nur an den äußeren Rahmenbedingungen der Story um den berühmten Weiberhelden interessiert, der vom spanischen König wegen seiner zahlreichen Affären mit Ehefrauen einflussreicher Persönlichkeiten zu den Berbern nach Nordafrika verbannt wird. Mitten im islamischen Hoheitsgebiet scheinen Don Giovanni die Gelegenheiten für Liebesabenteuer abzugehen, aber mit der so emanzipierten wie schönen Tochter des Emirs Omar, Aiscia (Edwige Fenech), findet sich schnell wieder ein neues Objekt der Begierde. Religion, Sex, Emanzipation – von Bedeutung war das nicht in „Le calde notti di Don Giovanni“, der weder sich selbst, noch irgendein anderes Thema ernst nahm. Robert Hoffmann mit ondulierter 70er Jahre Matte zwinkerte sich reihenweise durch die Frauenherzen, die ihm nur scheinbar verfallen, ihren eigenen Vorteil aber nicht aus den Augen verlieren. In der Konsequenz daraus befindet sich Don Giovanni ständig auf der Flucht – entweder vor eifersüchtigen Ehemännern und aufgebrachten Vätern oder vor allzu heiratswütigen Geliebten.

...nicht immer mit befriedigendem Ergebnis
Mit dem auch im italienischen Original stotternden Paco, Don Giovannis stets getreuem Knappen, fand sich hier schon eine Figur, die auf Brescias folgende Historien-Komödien „Poppea... una prostituta al servizio dell'impero“ (Zwei Halunken im alten Rom, 1972) und „Elena si, ma... di Troia“ (Zwei Halunken stürmen Troja, 1973) hinwies. Von deren derbem Humor grenzte sich „Le calde notti di Don Giovanni“ aber noch wohltuend ab und behielt die Balance zwischen Belustigung und Respekt. Besonders gelungen sind trotz einer gewissen Abnutzung der sich wiederholenden Gags die Szenen im letzten Drittel des Films, in denen Don Giovanni mit vier Kumpanen im Stil eines Heist-Movies in die uneinnehmbare Festung von Aiscias Vater eindringt. Eine Persiflage, die den Eindruck noch bestärkt, dass hier Aufwand und Nutzen in einem Missverhältnis zueinander stehen. Wenn Don Giovanni - endlich am Ziel angelangt - zudem noch damit konfrontiert wird, dass sein wiederholter Verführer-Spruch „Ein flüchtiges Lächeln, ein zärtlicher Blick nur von dir und ich wäre bereit, zufrieden zu sterben“ wörtlich genommen wird, will trotz der schönen Frauen nicht wirklich Neid aufkommen. Aber Spaß macht es, ihm dabei zuzusehen. 

"Le calde notti di Don GiovanniItalien, Spanien 1971, Regie: Alfonso BresciaDrehbuch: Keith Luger, Aldo Crudo, Arpad DeRiso, Arturo MarcosDarsteller : Robert Hoffmann, Barbara Bouchet, Edwige Fenech, Ira von Fürstenberg, Lucretia Love, Annabella IncontreraLaufzeit : 101 Minuten

Dienstag, 8. November 2016

Servo suo (1973) Romano Scavolini


Inhalt: Martin (Chris Avram), ein gebürtiger Engländer Ende 30, lebt allein in einer kleinen Hütte in einem heruntergekommenen Stadtteil. Als Englisch-Nachhilfe-Lehrer des an einen Rollstuhl gefesselten Sohnes des örtlichen Mafia-Bosses verdient er ein wenig Geld und hat es sich trotz seiner Perspektivlosigkeit in seinem Leben eingerichtet. Auch wenn ihn seine Nachbarn belächeln, weil er seine kleine Wohnung immer ordentlich abschließt. Bei ihm gäbe es schließlich nichts zu holen. 

Sein Leben verändert sich schlagartig als ihm nach einer nachmittäglichen Unterrichtsstunde zu viel Geld zugesteckt wird. Als der Wachposten es nicht zurücknehmen will, verbringt er eine gemeinsame Nacht mit der jungen Prostituierten vom Straßenstrich nebenan. Am nächsten Tag kann er das Geld nicht mehr zurückzahlen. Martin ahnt den perfiden Plan dahinter noch nicht. Er wurde von dem Vater seines Schülers als Werkzeug eines Rachefeldzugs ausgewählt. Neben seiner körperlichen Konstitution sind es besonders seine fehlenden sozialen Bindungen, die ihn für die Rolle eines Profi-Killers prädestinieren… 

Die Story von "Servo suo" klingt vertraut und befand sich 1973 auf der Höhe einer Zeit, in der einige Mafia-Filme in die Kinos kamen und der "Poliziesco" in Italien an Fahrt aufnahm. Im Jahr zuvor hatte Regisseur Romano Scavolini mit dem Giallo "Un bianco vestite per Marialé" schon einmal ein populäres Genre bedient, blieb aber seinem avantgardistischen Stil treu. "Servo suo" erfüllt nicht die übliche Erwartungshaltung an einen Thriller oder Action-Film, sondern betrachtete das Genre aus einem eigenständigen Blickwinkel, geprägt von der Bildsprache Scavolinis, der neben Regie und Drehbuch auch als Kameramann fungierte. 

Seit Mitte der 60er Jahre bis heute arbeitet Scavolini, Jahrgang 1940, in unregelmäßigen Abständen außerhalb des populären Kinobetriebs auf vielen Feldern des Filmschaffens und ist nur wenig bekannt. Leider existiert von "Servo suo" nur eine Veröffentlichung in VHS-Qualität - entsprechend unzureichend sind die hier im Blog gezeigten Screenshots. Bei der Veranstaltung des Filmkollektivs Frankfurt "Avantgarde und Experiment in Italien" vom 3.-6.11.2016 gab es die einmalige Gelegenheit seinen Kurzfilm "Solitudine" aus dem Jahr 1966 zu betrachten - neben einer Vielzahl weiterer Werke avantgardistischer Filmkunst. 

Martin (Chris Avram), ein Mann ohne Zukunft und familiäre Bindungen, wird zum Objekt eines Mafia-Clans für einen internen Racheplan. Erst wird er zum Killer ausgebildet, dann muss er seine Fähigkeiten beweisen, bevor er auf das Zielobjekt angesetzt wird.

Romano Scavolini entwarf und drehte seinen Film in einer Phase, in der das aufkommende Poliziesco-Genre noch zwischen Mafia- und Polizeifilm wechselte. "Servo suo" kam im September 1973 in die italienischen Kinos, wenige Tage nach Duccio Tessaris "Tony Arzenta" (Tödlicher Hass, 1973), der den vergeblichen Versuch eines Mafia-Killers schilderte, auszusteigen. Gespielt wurde die Rolle von Alain Delon, dessen Darstellung eines Profis in "Le samourai" (Der eiskalte Engel, 1967) prototypisch für den einsamen, seine Emotionen kontrollierenden Auftragskiller wurde. Eine Referenz, die in "Servo suo" immer spürbar bleibt und auch direkt zitiert wird – allerdings ironisch gebrochen: 

„Alle denken, die Einsamkeit ist Teil des Geschäfts“

äußert Martin einmal gegenüber einem Verbindungsmann, der ihm den Kontakt zu einer schönen Tänzerin (Paola Senatore) ermöglicht. Doch bis Martin dieser Glücksmoment gewährt wird – der sich genregerecht als Illusion herausstellt – vergeht viel Zeit, denn Scavolini legte sein erzählerisches Gewicht auf die Vorgeschichte. Diese beginnt noch konventionell mit einem Attentat und lauten Sirenen, aber schon hier wird die eigenwillige Handschrift des Regisseurs deutlich. Keine Verfolgungsjagd oder Schusswechsel bestimmen den weiteren Verlauf, sondern die Kamera bleibt bei dem Schwerverletzten im Krankenwagen und fängt dessen Schmerzen ein. An ihrer Kritik an der Mafia, die Jeden gnadenlos opfert, der ihrer Sache im Weg steht, ließen weder "Tony Arzenta" noch die parallel erschienenen Mafia-Filme Fernando di Leos („Il Boss“ (Der Teufel führt Regie, 1973)) einen Zweifel, aber sie betonten mehr deren Gewaltpotential, Scavolini konzentrierte sich dagegen auf die sklavenhafte Abhängigkeit des Einzelnen innerhalb eines Systems völliger Kontrolle.

Mit den Worten „Servo suo“ (Dein Diener) erweist ein Mafia-Boss dem ranghöheren Paten seinen Respekt. Bei ihm eine Form der Höflichkeit, für Martin die erniedrigende Realität. Er gerät unfreiwillig in diese Position, weil er dem an einen Rollstuhl gefesselten Sohn des örtlichen Mafia-Potentaten Englischunterricht gibt und damit in den Focus seines Auftraggebers gerät. Obwohl ohne Freunde und Perspektive, hat sich der aus England stammende Enddreißiger mit seiner Situation abgefunden und sein Leben in einer einfachen Umgebung eingerichtet. Für die Mafia ist er ein idealer Kandidat – Niemand würde ihn vermissen. Als ihm nach einer Unterrichtsstunde zu viel Geld zugesteckt wird, will er es zurückgeben, aber der Wachposten am Tor verweigert die Annahme. Martin nutzt das Geld für eine Nacht mit seiner Lieblings-Prostituierten, weshalb er am nächsten Tag nicht mehr in der Lage ist, es zurückzuzahlen. Eine kleine Summe genügte, um ihn in die Abhängigkeit der Mafia geraten zu lassen.

Der rumänische Darsteller Chris Avram, selbstbewusst und markant auftretend, ist ideal besetzt als unfreiwilliger Handlanger des organisierten Verbrechens. Nie lässt er sich unterkriegen, bleibt sprachlich provokant und zynisch, aber an seiner Metamorphose zum Killer ändert das nichts. Im Gegenteil erweist sich die Einschätzung der Mafia als richtig, ihn als Profi-Killer auszubilden, denn Martin erledigt die ihm gestellten Aufgaben mit Bravour. Ausgesetzt ohne Geld in einer ihm unbekannten Gegend, findet er schnell seine Kontaktperson. Allein tötet er eine schwer bewaffnete Übermacht. Doch auch diese aktionistischen Sequenzen und Martins dominantes Auftreten ändern nichts an seinem Ausgeliefertsein. Freude, gar Befriedigung können diese Erfolge weder bei ihm, noch dem Betrachter auslösen.

Die erzählerische Anlage des Films ist sehr ruhig und blieb in der Verwendung bekannter Klischees des Mafia- und Kriminalfilms konventionell. Doch diese dienten Scavolini nur als Rahmen für eine Bildsprache, die dem Genre nicht nur zusätzliche Aspekte verlieh, sondern darüber hinausging. Die eingeblendeten TV-Bildschirme einer zentralen Überwachungsstelle, von der aus Martin bei jeder Regung beobachtet werden kann, überhöhten die Realität und sollten die marionettenhafte Abhängigkeit des Protagonisten symbolisieren. Mehr noch betonte Scavolini mit seinen Bildern eine inhaltliche Leere. Eine Leere, die Scavolini generell als Ausdruck der Gegenwart verstand. Wiederholt stellte er seinen Protagonisten in große, von betonierten Flächen bestimmte Räume, in denen er fast verschwindet. Oder er konfrontierte ihn mit gleichförmigen Mustern. Ein anderes Mal tritt er aus dem Hintergrund einer zentral im Bild stehenden unbekannten Person heraus. Das Individuum fällt hinter eine austauschbare, gesichtslose Umgebung zurück. Auch den wenigen Action-Szenen nahm Scavolini ihre Bedeutung. Von der wilden Schießerei in einer Industriebrache schwenkt die Kamera über zu seinem einsamen Sandstrand mit zwei Spaziergängern und Hund, die nichts davon bemerkt haben.

„Servo suo“ ist ein aufregender, überraschender Film, aber er zieht seine Spannung weniger aus der Story, als aus einer optischen Inszenierung, die mehr zuließ als die Genre--übliche Auseinandersetzung mit einem übermächtigen Feind. Den eigentlichen Kampf liefert Martin um seine Selbstbestimmtheit und der Ausgang bleibt bis zum Schluss offen. 

"Servo suoItalien 1973, Regie: Romano ScavoliniDrehbuch: Romano ScavoliniDarsteller : Chris Avram, Paola Senatore, Lea Leander, Alberto Bertoli, Francesca SebastianiLaufzeit : 90 Minuten

Sonntag, 23. Oktober 2016

La matriarca (Huckepack) 1968 Pasquale Festa Campanile

Inhalt: Gemeinsam mit ihrer Mutter und anderen Gästen sitzt Mimi (Catherine Spaak) vor dem Sarg ihres jung verstorbenen Ehemanns. Zum Trauern bleibt ihr nur wenig Gelegenheit, denn die Geschäfte der Firma ihres Mannes müssen weitergehen, ihre Mutter stellt schon Fragen in Richtung neuer Beziehungen und sie wird mit einem überraschenden Erbe konfrontiert. Sie erhält die Schlüssel für eine ihr bisher unbekannte Wohnung, eingerichtet als Liebeshöhle für Sado-Maso-Spielchen mit dazu gehörigem Privat-Kino. 

Da ihr Mann seine Aktivitäten gefilmt hatte, kann sie sich nicht nur von dessen Vorlieben überzeugen, sondern auch von den Gespielinnen, zu denen auch ihre beste Freundin gehörte. Nur sie selbst war für ihren Mann tabu, denn sie war für ihn die brave, geradezu heilige Ehefrau. Eine Rolle, die Mimi nicht mehr einzunehmen bereit ist, weshalb sie beginnt, die Wohnung für ihre eigenen Zwecke zu nutzen…


So sexy und werbewirksam das Plakat zu "La matriarca" ist, es weckte einen falschen Eindruck. Keinen Moment im Film tritt Catherine Spaak als Domina auf. Im Gegenteil gibt es eine Szene, in der sie sich unterwirft, geschlagen und erniedrigt wird - und feststellt, dass sie daran keine Freude hat. Die Dominanz der weiblichen Hauptrolle drückte sich nicht im konkreten sexuellen Akt aus, sondern in ihrem selbstbewussten Auftreten. Sie selbst wählte die Männer zum Sex aus, die mit dieser Rollenverteilung nur schwer zurecht kamen.

Regisseur Pasquale Festa Campanile siedelte seinen Film im Milieu des italienischen Groß-Bürgertums an, das sich Ende der 60er Jahre aufgeklärt und modern gab, gleichzeitig aber an den klassischen Geschlechterrollen festhielt, und blieb trotz der explizit sexuellen Thematik angenehm zurückhaltend und in seiner komödiantischen Leichtigkeit wenig provokant. Ein Grund, warum "La matriarca" heute nahezu unbekannt ist. Zu unrecht, denn Campanile verlieh dem Thema Sex eine gegenwartsbezogene Normalität, wie sie erst in den 70er Jahren zur Regel wurde. Und steht am Beginn der "Commedia sexy all'italiana" und damit am Ende meines Essay "Von der Moral-Kritik bis zum Dekamaron – die Entstehung der „Commedia sexy all’italiana“ in den 60er Jahren" (Demnächst hier im Blog). 


Mimi (Catherine Spaak) entdeckt das Geheimversteck ihres Mannes...
"La matriarca" hat es in keine Skandal-Film Auflistung gebracht, wurde nicht im Nachtprogramm diverser TV-Kabel-Kanäle verwurstet und erhielt nicht einmal ein Release auf einem einschlägigen Video-Label. Im Gegensatz zu Regisseur Campaniles wenig später folgenden Erotik-Komödien „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) oder „Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971). Eine Reihe, die sich beliebig fortsetzen ließe. Das Drehbuch zu „La matriarca“ stammte zwar ausnahmsweise nicht vom Regisseur selbst, aber mit Ottavio Jemma war ein Autor daran beteiligt, der den erotischen Film Ende der 60er Jahre entscheidend prägte und auch eng mit Salvatore Samperi („Malizia“ (1973)) und Alberto Lattuada („La farò la padre“ (1974)) zusammenarbeitete. Die eigentliche Idee des Films ging aber zurück auf Nicolò Ferrari, der nur wenige Drehbücher und Regie-Arbeiten übernahm. Darunter mit „Laura nuda“ (1961) ein frühes kontroverses Werk über eine sexuell aktive Frau und ihre sich verändernde Rolle in der italienischen Gesellschaft.

...und nimmt dessen Rolle ein - der Geschäftsführer (Gigi Proietti)
Fast folgerichtig in Form eines Dramas, denn die gegenwartsbezogene sexuelle Thematik benötigte in den 60er Jahren in der Regel einen ernsthaften Hintergrund, der auch die soziale Fallhöhe im Handeln der Frau erkennen ließ. Der frivole, leichtfertige Umgang mit der Sexualität bedurfte dagegen entweder einer literarischen Vorlage („Der Reigen“) oder eines Ambientes im nicht bürgerlichen Milieu. Die zahlreichen Episodenfilme der 60er Jahre verstießen in ihrer komödiantischen Respektlosigkeit gegen diese Regel, aber Langfilme, die eine sexuell aktive Frau in den Mittelpunkt einer Story stellten, ohne ihr Verhalten zu relativieren oder zu dramatisieren, blieben die Ausnahme. Regisseur Festa Campanile schuf 1966 mit „Adulterio all’italiana“ (Seitensprung auf Italienisch) seine erste Erotik-Komödie über ein Ehepaar auf Abwegen, das lustvoll mit dem Fremdgehen kokettiert. Doch während der Ehemann schon in der ersten Szene im Bett einer anderen Schönen landete, blieb es bei seiner Ehefrau bei Anspielungen. Die letzte Konsequenz zog sie nicht.

Der Zahnarzt (Frank Wolff)
Gespielt wurde die weibliche Hauptrolle in „Adulterio all’italiana“ von Catherine Spaak, ihr erster von vier Filmen unter der Regie Campaniles. Die seit den frühen 60er Jahren für ihre emanzipiert, erotischen Auftritte bekannte junge Darstellerin und der langjährige Drehbuchautor, als Regisseur ins Sex-Fach wechselnde Campanile waren eine ideale Kombination für die aufkommende „Commedia sexy“. Ihr Werdegang lässt aber auch erkennen, wie sensibel der Umgang mit dem Thema Sex Mitte der 60er Jahre noch sein musste. Trotz ihrer unmissverständlichen Freizügigkeit gegenüber Männern, verfiel Catherine Spaak in ihren Rollen nie in Promiskuität. Selbst in „La parmigiana“ (1963), in dem sie sich zeitweise prostituieren muss, ist sie nicht leicht zu haben. Einher ging diese noch den Anstand wahrende Inszenierung mit einer Zurückhaltung in den Bildern. Konkret nackt war Catherine Spaak nicht zu sehen.

Der Tennislehrer (Philippe Leroy)
„La matriarca“ bedeutete in mehrfacher Hinsicht eine Wende. Regisseur Campanile hatte zwar in „La cintura di castità“ (Der Keuschheitsgürtel, 1967) schon offenherzigere Blicke zugelassen, aber das betraf ausschließlich weibliche Nebenrollen. Zudem siedelte er die Handlung in eine weit zurückliegende, wenig authentische Vergangenheit an – eine Ende der 60er Jahre besonders im italienischen Erotik-Film aufkommende Mode, um der Zensur zu entgehen. „La matriarca“ ist dagegen ganz Gegenwart. Die Geschichte einer jungen Ehefrau aus dem gehobenen Bürgertum, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes feststellen muss, dass dieser sie nicht nur ständig betrogen hatte – darunter mit ihrer besten Freundin – sondern eine aufwändig eingerichtete Wohnung für Sex-Treffen vorhielt mit Studio für SM-Praktiken und einem Porno-Kino für selbst gedrehte Filme. 

Der geheimnisvolle Mister X (Luigi Pistilli)
Doch während die erst im folgenden Jahr erschienenen einschlägigen Literatur-Verfilmungen „Marquis de Sade: Justine“ und „Le malizie di Venere“ (Venus im Pelz) noch heute einen skandalträchtigen Ruf genießen, ist „La matriarca“ nahezu unbekannt. Zu beiläufig im komödiantischen Kontext hantierte hier Campanile mit ungehemmtem Sex und sadistischen Spielchen. Zu verdanken ist das besonders Catherine Spaak, die sich von der braven Ehefrau zur scheinbaren Nymphomanin wandelt, ohne ihre selbstbewusst-spielerische Art zu verlieren und deren – verglichen mit ihren früheren Filmen – konkretere Nacktheit nur wenig voyeuristisch wirkte. Unverkrampft fordert sie Sex ein, in dem sie sich etwa nackt zu ihrem Tennislehrer (Philippe Leroy) unter die Dusche gesellt. Dieser, sonst ganz Macho, reagiert irritiert, kaum in der Lage, das offensichtliche Angebot annehmen zu können. Das gilt auch für die restliche Männerwelt, die sonst säuberlich nach Ehefrau und Geliebter zu trennen pflegt, und nicht damit umgehen kann, dass Mimi (Catherine Spaak) den Spieß einfach umdreht.

Bis sie Dr. Carlo De Marchi (Jean-Louis Trintignant) kennenlernt...
Diesem Umstand ist auch der Originaltitel „La matriarca“ (Die Matriarchin) zu verdanken, der Mimis Rollentausch zwar treffend beschreibt, aber nur wenig Erotik verheißt. Getoppt wird dieser Eindruck noch durch den deutschen Titel „Huckepack“, der auf Mimis Fetisch anspielt, die ihre größte Lust empfindet, wenn sie auf dem Rücken eines Mannes reiten kann. Losgelöst betrachtet klingt „Huckepack“ mehr nach einem Abenteuerfilm für Jugendliche, weshalb sich die Frage aufdrängt, warum der deutsche Verleih bei Campaniles Film auf die gewohnte Werbewirksamkeit sexbezogener Titel verzichtete. Eine Frage, die nah an die Berührungsängste führt, die ein Erotikkomödie im bürgerlichen Umfeld Ende der 60er Jahre noch auslöste – kein Beziehungsdrama, kein Crime-Hintergrund, kein exotischer oder historischer Schauplatz, keine exaltierten Persönlichkeiten, nicht einmal ein dokumentarischer Charakter.

...und ihre wahren sexuellen Bedürfnisse
Eine Normalität, die letztlich zum Scheitern des Films auch aus heutiger Sicht führte, denn das Mimi am Ende mit dem versponnenen Arzt Dr. Carlo De Marchi (Jean-Louis Trintignant) wieder einen Mann fürs Leben serviert bekam, schien ihren Ausbruch aus dem Rollen-Klischee schnell wieder zu beenden. „La matriarca“ verstand sich nicht als emanzipatorisches Experimentierfeld, sondern kommentierte ironisch die Ende der 60er Jahre grassierende Sex-Welle, die vor keinem Fetisch Halt machte, gleichzeitig die gewohnte Geschlechterordnung aber nicht in Frage stellte. Im Gegenteil bedeuteten die neuen Freiheiten für die Männer größere Entfaltungsmöglichkeiten, änderte aber nichts am „heiligen“ Status ihrer Ehefrauen. Diesem aktuellen Gesellschaftsbild fehlte zwar der konkrete kritische Gestus der frühen 60er Jahre, war aber ungewöhnlich leicht im Umgang mit der gegenwartsbezogenen sexuellen Thematik. Damit steht „La matriarca“ beispielhaft für den Übergang von der „Commedia all’italiana“ zur „Sexy“-Variante – der gesellschaftskritische Habitus nahm ab, die Selbstverständlichkeit von Sex im bürgerlichen Milieu nahm zu. 

"La matriarcaItalien 1969, Regie: Pasquale Festa Campanile, Drehbuch: Ottavio Jemma, Nicolò FerrariDarsteller : Catherine Spaak, Jean-Louis Trintignant, Gigi Proietti, Frank Wolff, Philippe Leroy, Vittorio Caprioli, Gabriele Tinti, Renzo MotagnaniLaufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Pasquale Festa Campanile: 

"Adulterio all'italiana" (1966) 
"La cintura di castità" (1967) 
"Il merlo maschio" (1971) 
"Autostop rosso sangue" (1977)

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.