Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den

Für ihn war der Weg zur "Sexy"-Variante vorgezeichnet - den
Ein Rückblick in die Entstehungsphase der "Commedia sexy all'italiana"

Samstag, 19. Januar 2013

100 film italiani di salvare - 100 zu bewahrende italienische Filme 1942 - 1978

Die Aufstellung einer Liste der besten Filme, egal unter welchen Vorzeichen, war schon immer eine beliebte Spielerei unter Filmfreunden, die mehr über den Verfasser einer solchen Tabelle aussagte, als über die Qualität der Filme selbst. Neben diesem legitimen Versuch, die eigenen individuellen Vorlieben zu erfassen - in der Regel eine Momentaufnahme - gab es auch immer wieder das Bestreben, einen bleibenden, quasi allgemein gültigen Kanon der besten Filme aufzustellen. 

In Italien wurde dieses Projekt von der "Cinecittà Holding" in Zusammenarbeit mit den "Filmfestspielen Venedig" in Angriff genommen, gefördert durch das "Ministerium der schönen Künste". Neun Journalisten, Historiker und Filmschaffende kamen zusammen und stellten eine chronologische Liste der aus ihrer Sicht bewahrenswertesten italienischen Filme der Jahre 1942 bis 1978 auf, eine zeitliche Begrenzung, die einen gewissen endgültigen Charakter ausstrahlen sollte. Diese Liste spiegelt meine persönliche Meinung nicht wider, auch wenn eine Vielzahl ausgezeichneter Filme darunter sind, die zu meinen Favoriten gehören. Entscheidender ist weniger, welche Filme aufgelistet sind - 100 zu bewahrende Filme dieser beinahe 40jährigen Epoche aufzuführen, ist nicht schwierig - sondern welche fehlen. Auch ist diese Liste in der Hinsicht interessant, wie italienische Künstler und Intellektuelle das Filmschaffen ihres Landes beurteilen.

Zur besseren Übersicht wurden die 100 Filme nach den vier Jahrzehnten aufgegliedert, jeweils von mir hinsichtlich ihrer inneren Struktur kommentiert. Die schon im Blog besprochenen Filme sind entsprechend verlinkt.

1. Die 40er Jahre (1942 - 1950)

01 "Quattro passi fra le nuvole" (Lüge einer Sommernacht) Alessandro Blasetti (1942)
02 "Ossessione" Luchino Visconti (1943)
03 "Roma città aperta" (Rom, offene Stadt) Roberto Rossellini (1945)
04 "Paisà" Roberto Rossellini (1946)
05 "Sciuscià" (Schuhputzer) Vittorio De Sica (1946)
06 "L'onorevole Angelina" (Abgeordnete Angelina) Luigi Zampa (1947)
07 "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe) Vittorio De Sica (1948)
08 "La terra trema" (Die Erde bebt) Luchino Visconti (1948)
09 "Riso amaro" (Bitterer Reis) Giuseppe De Santis (1949)
10 "La città dolente" Mario Bonnard (1949)
11 "Cielo sulla palude" (Himmel über den Sümpfen) Augusto Genina (1949)
12 "Stromboli, terra di Dio" (Stromboli) Roberto Rossellini (1949)
13 "Catene" (Sühne ohne Sünde) Raffaello Matarazzo (1949)
14 "Il cammino della speranza" (Der Weg der Hoffnung) Pietro Germi (1950)
15 "Domenica d'agosto" (Ein Sonntag im August) Luciano Emmer (1950)
16 "Cronaca di un amore" (Chronik einer Liebe) Michelangelo Antonioni (1950)
17 "Luci del varietà" (Lichter des Varieté) Alberto Lattuada / Federico Fellini (1950)
18 "Prima comunione" (Der Göttergatte) Alessandro Blasetti (1950)

Es ist wenig erstaunlich, dass die frühesten Filme bis 1949 alle dem Stil des Neorealismus verpflichtet sind, obwohl diese nur einen geringen Teil am damaligen Filmschaffen ausmachten, das sonst größtenteils in Vergessenheit geraten ist. Es ließe sich diskutieren, warum mit "Riso amaro" ein plakativer, wenig kritischer Film den Vorzug vor Giuseppe De Santis "Caccia tragica" (Tragische Jagd, 1947) erhielt, aber daran wird eine signifikante Eigenschaften der Liste deutlich. Nicht nur die Qualität des Films war ausschlaggebend, auch seine historische Bedeutung spielte eine Rolle bei der Bewertung - diese sprach eindeutig für "Riso amaro"


2. Die 50er Jahre (1951 - 1960):

19 "Bellissima" Luchino Visconti (1951)
20 "Due soldi di speranza" (Für zwei Groschen Hoffnung) Renato Castellani (1951)
21 "Guardie e ladri" (Räuber und Gendarm) Steno / Mario Monicelli (1951)
22 "Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand) Vittorio De Sica (1951)
23 "La famiglia Passaguai" (Aufruhr im Familienbad) Aldo Fabrizi (1951)
24 "Umberto D." Vittorio De Sica (1952)
25 "Europa '51" Roberto Rossellini (1952)
26 "Lo sceicco bianco" (Die bittere Liebe) Federico Fellini (1952)
27 "Totò a colori" (Toto in Farbe) Steno (1952)
28 "Don Camillo" (Don Camillo und Peppone) Julien Duvivier (1952)
29 "Pane, amore e fantasia" (Liebe, Brot und Fantasie) Luigi Comencini (1953)
30 "I vitelloni" (Die Müßiggänger) Federico Fellini (1953)
31 "Napoletani a Milano" Eduardo De Filippo (1953)
32 "Febbre di vivere" ( Die Lust des Bösen) Claudio Gora (1953)
33 "La provinciale" (Gefährliche Schönheit) Mario Soldati (1953)
34 "Carosello napoletano" (Karussel Neapel) Ettore Giannini (1953)
35 "Il sole negli occhi" (Die Sonne in den Augen) Antonio Pietrangeli (1953)
36 "La spiaggia" (Der Skandal) Alberto Lattuada (1954)
37 "L'oro di Napoli" (Das Gold von Neapel) Vittorio De Sica (1954)
38 "Un Americano a Roma" (Ein Amerikaner in Rom) Steno (1954)
39 "L'arte di arrangiarsi" (Die Kanaille von Catania) Luigi Zampa (1954)
40 "Senso" (Sehnsucht) Luchino Visconti (1954)
41 "La strada" (La strada - das Lied der Straße) Federico Fellini (1954)
42 "Una donna libera" Vittorio Cottafavi (1954)
43 "Gli sbandati" (Die Verirrten) Francesco Maselli (1955)
44 "Un eroe dei nostri tempi" (Ein Held unserer Tage) Mario Monicelli (1955)
45 "Poveri ma belli" (Ich lass' mich nicht verführen) Dino Risi (1956)
46 "Il grido" (Der Schrei) Michelangelo Antonioni (1957)
47 "Le notti di Cabiria" (Die Nächte der Cabiria) Federico Fellini (1957)
48 "I soliti ignoti" (Diebe haben's schwer) Mario Monicelli (1958)
49 "Arrangiatevi!" Mauro Bolognini (1959)
50 "La grande guerra" (Man nannte es den großen Krieg) Mario Monicelli (1959)
51 "I magliari" (Auf St.Pauli ist der Teufel los) Francesco Rosi (1959)
52 "Tutti a casa" (Der Weg zurück) Luigi Comencini (1960)
53 "La dolce vita" (Das süße Leben) Federico Fellini (1960)
54 "Rocco e i suoi fratelli" (Rocco und seine Brüder) Luchino Visconti (1960)
55 "La ragazza con la valigia" (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck) Valerio Zurlini (1960)
56 "La lunga notte del '43" (Die lange Nacht von Ferrara) Florestano Vancini (1960)
57 "Il bell'Antonio" (Bel Antonio) Mauro Bolognini (1960)

Die Liste der 50er Jahre entspricht den Erwartungen. Beginnend mit den Spätwerken des Neorealismus von Vittorio De Sica und Roberto Rossellini, werden die Filme der bekanntesten Regisseure Michelangelo Antonioni, Federico Fellini oder Luchino Visconti größtenteils berücksichtigt. Auch die führenden Vertreter der "Commedia all'Italiana" Mario Monicelli, Steno (mit dem Volksschauspieler Totò), Dino Risi, Mauro Bolognini und Luigi Comencini wurden ausreichend bedacht. Überraschend ist, dass Antonio Pietrangelis Frühwerk "Il sole negli occhi" (Die Sonne in den Augen) den Vorzug vor "Adua e le compagne" (Adua und ihre Gefährtinnen, 1960) erhielt, aber insgesamt gibt es wenige ausgefallene Vorschläge. Auffällig ist, dass die frühen Auftritte von Gina Lollobrigida, Marcello Mastroianni oder Claudia Cardinale zur Liste gehören, aber kein Film, indem Sophia Loren eine Hauptrolle spielte - eine Ansicht, die ich nachvollziehen kann. Dass die Liste der 50er Jahre verhältnismäßig viele Strömungen und Regisseure berücksichtigt - darunter als "Don Camillo"-Regisseur auch den Franzosen Julien Duvivier - liegt daran, dass diese Phase mit 39 Filmen innerhalb der Gesamtliste überdurchschnittlich stark repräsentiert ist.


3. Die 60er Jahre (1961 - 1970):

58 "Una vita difficile" (Das Leben ist schwer) Dino Risi (1961)
59 "Divorzio all'italiana" (Scheidung auf italienisch) Pietro Germi (1961)
60 "Il posto" (Der Job) Ermanno Olmi (1961)
61 "Accattone" Pier Paolo Pasolini (1961)
62 "Leoni al sole" Vittorio Caprioli (1961)
63 "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven) Dino Risi (1962)
64 "Salvatore Giuliano" Francesco Rosi (1962)
65 "L'eclisse" (Liebe 1962) Michelangelo Antonioni (1962)
66 "Mafioso" Alberto Lattuada (1962)
67 "I mostri" (Die Monster) Dino Risi (1963)
68 "Le mani sulla città" (Hände über der Stadt) Francesco Rosi (1963)
69 "Otto e mezzo" (Achteinhalb) Federico Fellini (1963)
70 "Il gattopardo" (Der Leopard) Luchino Visconti (1963)
71 "La donna scimmia" Marco Ferreri (1963)
72 "Chi lavora è perduto" (Wer arbeitet, ist verloren) Tinto Brass (1963)
73 "La vita agra" Carlo Lizzani (1964)
74 "I pugni in tasca" (Mit der Faust in der Tasche) Marco Bellocchio (1965)
75 "Io la conoscevo bene" (Ich habe sie gut gekannt) Antonio Pietrangeli (1965)
76 "Comizi d'amore" (Gastmahl der Liebe) Pier Paolo Pasolini (1965)
77 "Signore & signori" Pietro Germi (1966)
78 "Uccellacci e uccellini" (Große Vögel, kleine Vögel) Pier Paolo Pasolini (1966)
79 "La battaglia di Algeri" (Die Schlacht von Algier) Gillo Pontecorvo (1966)
80 "La Cina è vicina" Marco Bellocchio (1967)
81 "Dillinger è morto" (Dillinger ist tot) Marco Ferreri (1968)
82 "Banditi a Milano" (Die Banditen von Mailand) Carlo Lizzani (1968)
83 "Il medico della mutua" Luigi Zampa (1968)
                         (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger) Elio Petri (1970)
85 "Il conformista" (Der große Betrug) Bernardo Bertolucci (1970)

Das nur 28 Filme der 60er Jahre in die Liste aufgenommen wurden im Vergleich zu den 39 Filmen der 50er Jahre wirkt unverhältnismäßig, besonders wenn man bedenkt, dass mit Pier Paolo Pasolini, Francesco Rosi und Pietro Germi drei Regisseure neu hinzu gekommen waren, die neben den etablierten Kräften Antonioni, Visconti, Risi und Fellini stark repräsentiert sind. Für junge Regisseure wie Tinto Brass, Elio Petri, Antonio Pietrangeli, Marco Ferreri oder Bernardo Bertolucci blieben nur einzelne beispielhafte Erwähnungen. Aber auch Luchino Viscontis spätere Filme nach "Il gattopardo" fanden keine Aufnahme mehr in die Liste, vielleicht weil sie sich weniger spezifisch italienischen Themen widmeten. Mit dieser Argumentation ließe sich auch die vollständige Abwesenheit des "Italo-Western" begründen, aber dann hätte auch Pontecorvos "La battaglia di Algeri" fehlen müssen. 

Während die Liste der 50er Jahre noch die Bandbreite zwischen neorealistischem Drama und volkstümlicher Komödie abdeckte, fällt bei den Filmen der 60er Jahre auf, dass ganze Genres nicht berücksichtigt wurden. Nicht nur die Klassiker des Horrorfilms, Giallo oder Western existieren nicht, auch Elio Petris originelle Genre-Ausflüge finden keine Anerkennung wie auch Mario Monicellis "L'armata Brancaleone" für die "Commedia all'Italiana" und Damiano Damiani für den Polit-Film wahrscheinlich zu grob oder plakativ waren. Man könnte es als ausgleichende Gerechtigkeit ansehen, dass auch Michelangelo Antonioni nach "L'eclisse" (1962) nicht mehr berücksichtigt wurde, aber insgesamt verliert die Liste der zu bewahrenden italienischen Filme stark an Gehalt, angesichts der extremen Unterrepräsentierung der produktivsten Jahre des italienischen Films. 


4. Die 70er Jahre (1971 - 1978):


86 "L'udienza" Marco Ferreri (1971)
87 "Diario di un maestro" Vittorio De Seta (1972)
88 "Il caso Mattei" (Der Fall Mattei) Francesco Rosi (1972)
89 "Lo scopone scientifico" (Teuflisches Spiel) Luigi Comencini (1972)
90 "Nel nome del padre" Marco Bellocchio (1972)
91 "Amarcord" Federico Fellini (1974)
92 "C'eravamo tanto amati" (Wir waren so verliebt) Ettore Scola (1974)
93 "Pane e cioccolata" (Brot und Schokolade) Franco Brusati (1974)
94 "Fantozzi" (Das größte Rindvieh weit und breit) Luciano Salce (1975)
95 "Novecento" (1900) Bernardo Bertolucci (1976)
96 "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis) Francesco Rosi (1976)
97 "Una giornata particolare" (Ein besonderer Tag) Ettore Scola (1977)
98 "Un borghese piccolo piccolo" Mario Monicelli (1977)
99 "Padre padrone" Paolo e Vittorio Taviani (1977)
100 "L'albero degli zoccoli"(Der Holzschuhbaum) Ermanno Olmi (1978)

Auf Grund der wenigen Filme, die es aus den 70er Jahren noch in die Liste schafften, entsteht der Eindruck, das italienische Kino wäre schon in den späten 60er Jahren in die Krise geraten und nicht erst in den 80er Jahren. Zwar verfügen die aufgeführten Filme über eine gewisse Bandbreite, aber wieder fanden die gröberen, plakativeren Werke wie "La grande bouffe" (Das große Fressen, 1973) und "L'ultima donna" (Die letzte Frau, 1976) von Marco Ferreri oder "Brutti, sporchi e cattivi" (Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen, 1976) von Ettore Scola keine Aufnahme in die Liste, obwohl beide Regisseure vertreten sind. Kaum noch erwähnenswert ist, dass der Poliziesco nicht existent ist, obwohl es wenige Genres gab, die dem italienischen Alltag näher kamen - von den erotischen Filmen ganz abgesehen, die trotz ihrer nicht unwesentlichen Bedeutung in der Spiegelung der sich verändernden Sozialisation keine Rolle in dieser Liste spielen.

Ohne Zweifel besteht die Liste der 100 erhaltenswerten italienischen Filme größtenteils aus qualitativ hochwertigen Werken. Doch während bei der Auswahl der frühen Jahre noch der Spagat zwischen populären und künstlerisch ambitionierten Werken gelang, blieb der Blick der letzten zwei Jahrzehnte zu sehr beschränkt auf das gediegene intellektuelle Kino. Provokative, plakative, politisch relevante Filme wie es auch die frühen Filme des Neorealismus oder der "Commedia all'italiana" waren, blieben unberücksichtigt.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Django sfida Sartana (Django gegen Sartana) 1970 Pasquale Squitieri


Inhalt: Während Django (Tony Kendall) Jagd auf die Verbrecherbande von Crow (Teodoro Corrà) macht, bekommt die Stadt,. in der sein Bruder Steve (John Alvar) lebt, Besuch von dem gefürchteten Pistolero Sartana (George Ardisson). Steves Boss, der Bankdirektor Singer (Bernard Farber), will Sartana mit 3000 Dollar kaufen, damit dieser seine Bank in Ruhe lässt. Aus diesem Grund schickt er Steve zu ihm, aber Sartana verweigert entrüstet das Angebot, da er niemals Banken ausraubt. Wenig später verlässt er wieder die Stadt.

Kurz darauf wird Singer ermordet, dessen Nichte (Adler Grey) entführt und der äußerlich unbeschädigte Banksafe wird leer aufgefunden. Als man Steve im Bett mit der Bardame Maria findet, die Taschen voller Geld, ist für die Männer der Fall klar. Steve hat mit Sartana gemeinsame Sache gemacht, weshalb sie ihn mitten in der Stadt aufhängen. Ein Anblick, der Django zuerst in Trauer stürzt, dann voller Wut die Jagd auf Sartana beginnen lässt...


Angeführt von Django (Tony Kendall) traben die Reiter langsam durch hohes Gras, bevor sie auf einer von saftig grünen Wiesen überzogenen Hügellandschaft die Bande von Crow (Teodoro Corrà) finden. Weder das verhaltene Tempo, noch die intensiven Farben deuten auf einen staubigen Italo-Western hin, aber dann zieht Django nicht nur seinen Hut ins Gesicht, sondern auch schneller als sein Gegner, womit der Job abgeschlossen ist. Regisseur Pasquale Squitieri, hier unter dem Pseudonym William Redford, begann seine Karriere mit diesem Western (sieht man von dem intimen Erstversuch "Io e dio" (1969) über seine sizilianische Heimat einmal ab), zu dem der damals Anfang 30jährige auch das Drehbuch schrieb. Wahrscheinlich hatte er die Entwicklung des Genres in den 60er Jahren, das 1970 schon seinen Zenit überschritten hatte, genau beobachtet - anders ist die Wahl von Django und Sartana als Hauptfiguren nicht zu erklären.

Tatsächlich mutet "Django sfida Sartana" (Django gegen Sartana) teilweise wie eine Parodie auf den Western an, da die Story nur auf Basis der Berühmtheit der beiden Protagonisten funktioniert. Schon die Ankunft Sartanas (George Ardisson) in der Kleinstadt ruft gleich einen Rotzlöffel auf den Plan, der sich mit ihm duellieren will, und der hiesige Bankdirektor Singer (Bernard Farber) schickt sofort einen Mitarbeiter mit 3000 Dollar, um Sartana dazu zu bewegen, nicht die Bank auszurauben. Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Mitarbeiter, sondern um Djangos Bruder Steve (John Alvar), auf den der Bankdirektor zurückgreift, da sein berühmter großer Bruder - der einzige, der angeblich noch schneller schießt als Sartana - zur Zeit anderweitig beschäftigt ist. Als er ein paar Tage später in die Stadt zurückkommt, findet er seinen kleinen Bruder tot vor. Von einem Lynchmob gehängt, weil dieser angeblich die Mitschuld am Tod des Bankdirektors trägt und gemeinsam mit Sartana die Bank ausgeraubt haben soll. Wütend macht er sich auf den Weg, seinen Bruder zu rächen.

Die an sich gute Grundidee der Story wird von Squitieri holprig und wüst geschnitten inszeniert, und hinterlässt einen uneinheitlichen Eindruck. Entspricht der gelungene Titelsong zu Beginn noch den Genre-Traditionen, verfällt die Musik zeitweise in moderne jazzartige Klänge, passend zu der geföhnten Langhaarfrisur der meisten männlichen Darsteller, womit eher auf das Entstehungsjahr des Films hingewiesen wird als auf den Handlungszeitpunkt. Auch die Gewaltszenen hinterlassen einen inkonsequenten Eindruck. Erst werden sie mit sadistischem Gestus angekündigt, dann wirken sie in ihrer Blutarmut und Körperlosigkeit häufig lächerlich. Zudem wird das Erzähltempo teilweise unnötig verschleppt, wenn minutenlang nur reitende Cowboys gezeigt werden, interessante Aspekte aber nur kurz angerissen und nicht weiter verfolgt werden. Nachdem das Bierglas des dunkelhäutigen Barpianisten mit einer rassistischen Beleidigung zerschossen wurde, bleibt diese Szene ohne weitere Konsequenzen. Mehrfach noch deutet Squitieri den im Westen vorherrschenden Rassismus an, bleibt aber immer bei im Gesamtkontext unerheblichen Szenen.

Auch der zwiespältige Charakter von Djangos kleinem Bruder, hätte mehr Beachtung verdient gehabt, denn nachdem sich der brave Bankmitarbeiter bei Sartana eine Abfuhr holte - wobei dieser noch betonte, grundsätzlich keine Banken zu überfallen - fiel ihm nichts besseres ein, als das Geld der Bank mit der Hure Maria zu verjubeln, weshalb man ihm ohne weitere Argumente die Schuld an dem Bankraub in die Schuhe schieben konnte. Natürlich ist Jedem klar, dass Steve daran unschuldig ist, aber hätte er das Geld einfach wieder zurückgebracht, wie es seinem bisher untadeligen Lebenswandel entsprach, wäre der gesamte Plan des Drahtziehers gefährdet gewesen. Auf dieses Fehlverhalten geht der Film leider ebenso wenig ein wie auf die Frage, warum Django, nachdem man ihm diese Geschichte aufgetischt hatte, nicht noch wenigstens den Lynchmob bestraft hatte? - Nur dieser trug die Schuld am Tod seines Bruders. Stattdessen beginnt er sofort mit der Verfolgung Sartanas, obwohl er von dessen Unschuld dank eines Tagebucheintrags seines Bruders schon weiß – wann er diesen zwischen der Ablehnung Sartanas und den Verführungskünsten Marias verfasst haben soll, bleibt ein Rätsel.

Man kann Pasquale Squitieri die Liebe zum Western nicht absprechen – mit „La vendetta è un piatto che si serve freddo“ (Drei Amen für ein Hallelujah, 1971) ließ er noch einen weiteren folgen - denn einige Szenen des Films sind gut inszeniert und atmen den Mythos des Genres. Auch Ardisson als cooler Revolverheld kann überzeugen, etwa wenn er den jugendlichen Angeber, der ihn herausfordert, ohne Schuss in seine Schranken weist. Kendall als Django wirkt dagegen vor allem nett, ohne jeden Anflug einer bedrohlichen Aura. Doch einzelne gute Szenen ergeben noch keinen guten Film, der besonders an seiner unschlüssig entworfenen, unlogischen Story krankt. Der Zwang, den Filmtitel, der eine Auseinandersetzung der beiden Superschützen versprach, irgendwie zu begründen, wird an Squitieris sehr konstruiertem Drehbuch sichtbar. Dass Django den Tagebucheintrag seines Bruders erst nach ihrem Kampf vorlegt, der Sartanas Unschuld beweist, erklärt auch nicht, warum sie sich zuvor hatten schlagen müssen.

Schon dass Django zuvor seine Waffe niederlegte, um die Sache zwischen ihm und Sartana mit der Faust auszutragen, enttäuschte die Erwartungen, weil diese „sanfte“ Form der Rache jeder inhaltlichen Grundlage entbehrte, passte aber hervorragend zu einem Film, indem sich die Helden zuerst gegenseitig grün und blau schlagen, um im nächsten Moment, wenn es gemeinsam gegen den tatsächlichen Feind geht, wieder mit frisch gestählten, unversehrten Gesichtern davon zu reiten. „Django sfida Sartana“ lässt Pasquale Squitieris Regisseur-Talent in einzelnen Szenen erkennen, auch sind die optischen Mängel sicherlich dem knappen Budget geschuldet, aber eine größere Sorgfalt bei der Ausarbeitung der Grundidee hätte diese Schwächen ausgleichen können, so wie die gesellschaftskritischen Anspielungen des überzeugten Kommunisten zu schwach und inkonsequent bleiben.

"Django sfida Sartana" Italien 1970, Regie: Pasquale Squitieri, Drehbuch: Pasquale Squitieri, Darsteller : Tony Kendall, George Ardisson, Bernard Farber, José Torres, Adler Grey, Laufzeit : 84 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Pasquale Squitieri:

Samstag, 12. Januar 2013

La polizia ha le mani legate (Killer Cop) 1974 Luciano Ercoli


Inhalt: Gerade als der Drogenfahnder Commissario Rolandi (Claudio Cassinelli) das Zimmer eines Teilnehmers des internationalen Kongresses für naive Kunst in Mailand untersucht, geht in der Hotellobby eine Bombe hoch. Ein junger Mann (Bruno Zanin) hatte noch versucht, den Koffer mit der Bombe zu entfernen, wurde aber vom Portier daran gehindert, wobei er in dem Gerangel seine Brille verlor. Schreiend war er nach draußen gerannt, allgemeine Panik auslösend, konnte aber nicht verhindern, dass der Anschlag viele Tote und Verletzte forderte, darunter auch der von Rolandi verdächtigte Kongressteilnehmer.

Da die Toten aus verschiedenen Ländern stammen, wird der als unbestechlich geltende Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy) mit der Untersuchung beauftragt, nicht ahnend, dass er innerhalb der Justizbehörde von einem dichten Netz umgeben ist, dass jeden seiner Schritte genau verfolgt. Derweil beobachtete Rolandis Freund und Kollege Luigi Balsamo (Franco Fabrizi) einen verwirrt wirkenden jungen Mann, der in einer Telefonzelle etwas auf eine Zeitung schrieb. Spontan verlässt er die Straßenbahn und liest den Schriftzug unter einem Foto des Bombenattentats "Es war ein Irrtum, Entschuldigung". Er folgt ihm, kann ihn auch einholen, aber der stark kurzsichtige Mann bedroht ihn mit einer Pistole und kann entkommen. Damit wird Balsamo zum wichtigen Zeugen...


Der für die deutsche Video-Veröffentlichung erdachte Titel "Killer Cop" ist grob verfälschend, nicht nur, weil es keinen mordenden Polizisten gibt, sondern weil Luciano Ercolis vorletzter Film und einziger Poliziesco weniger an die Action reichen Polizeifilme eines Umberto Lenzi als an die Polit-Thriller Damiano Damianis erinnert. Wie diesem in "Io ho paura" (Ich habe Angst, 1977) genügt Ercoli in "La polizia ha le mani legate" (sinngemäß "Der Polizei sind die Hände gebunden") ein einschneidendes Ereignis zu Beginn, um daraus eine Situation zu entwickeln, die einen sehr pessimistischen Blick auf das italienische Justizsystem wirft.

Dabei gilt der Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy), der mit den Ermittlungen eines Bombenanschlags beauftragt wird, bei dem Menschen verschiedener Nationen getötet und verletzt wurden, die sich in einem Mailänder Hotel zu einem Kongress über naive Kunst getroffen hatten, als unbestechlich, um mögliche diplomatische Verstimmungen zu verhindern. Arthur Kennedy verkörpert den Staatsanwalt entsprechend zielstrebig und mit rauer Schale, aber seine Korrektheit wird von einem Justizapparat ausgenutzt, der ihn unter der Leitung seines Kollegen Bondi (Francesco D'Adda) überwacht, um jederzeit über den Stand der Ermittlungen informiert zu sein.

Ercolis Augenmerk liegt in der frühen Phase des Films weniger auf Aktionismen als auf einer genauen Charakterisierung seiner Protagonisten. Für die Vorstellung des von Claudio Cassinelli gespielten Commissario Matteo Rolandi, benötigt Ercoli nur die großartige Eingangssequenz, wenn Rolandi in letzter Sekunde seinen Wecker auffängt, einen Blick in Melvilles "Moby Dick" wirft und in seinen "neuen" Wagen steigt, ein mehr als 10 Jahre altes, schon leicht ramponiertes, großes Mercedes-Coupè - ein Gegenentwurf zu den üblichen kleinen italienischen Flitzern. Cassinelli, der sich nach "La Polizia chiede aiuto" (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974) zu einem führenden Vertreter des Genres entwickelte, spielt den Commissario in einer sympathischen Mischung aus einem Intellektuellen und einem engagierten Polizisten.

Innerhalb des Geschehens nimmt er zu Beginn allerdings nur eine Nebenrolle ein, auch wenn er sich zufällig in dem Hotel aufhielt, als die Bombe hochging. Er hatte als Drogenfahnder die Situation ausgenutzt, das Hotelzimmer eines Kongressteilnehmers zu durchsuchen, der aber bei dem Anschlag ums Leben kommt. Entscheidender für die weitere Entwicklung ist ein junger Mann, der versucht, die Kofferbombe noch zu beseitigen, daran aber von dem Portier gehindert wird. Franco Ludovisi (Bruno Zanin) verliert bei dem Gerangel nicht nur seine Brille, auch seine Warnschreie können das Desaster nicht mehr verhindern. Wie sich bald herausstellt, gehört er zu einem Trio, dass den Bombenanschlag ausgeführt hatte, doch im Gegensatz zu Rocco (Paolo Poiret) und dessen Freundin hält er diesen für einen Irrtum, wie er später verwirrt und aufgebracht mit großen Buchstaben unter die Schlagzeile einer Zeitung schreibt.

"La polizia ha le mani legate" spielte mit dieser Konstellation auf die Ereignisse in der damaligen Gegenwart Italiens an, als mehrere Bombenanschläge das Land erschütterten, deren Hintergründe jedesmal Anlass zu Spekulationen gaben. Doch während die Menschen in der Straßenbahn darüber diskutieren, ob die Linken oder die Faschisten dafür verantwortlich sind, legt der Film sich in dieser Hinsicht nicht fest, macht aber deutlich, dass die drei Studenten nur Ausführende waren, die jetzt als Schuldige herhalten sollen. Regelmäßig werden telefonisch Anweisungen von Männern gegeben, die nicht aktiv ins Geschehen eingreifen, deren genaue Rolle aber im Ungewissen bleibt. Anders als Francesco Rosi in "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1976) vermeidet Ercoli damit eine klare politische Aussage, lässt aber keinen Zweifel an einer Manipulation, die auch vor Mord nicht zurückschreckt.

Rolandis Freund, sein Kollege Luigi Balsamo (Franco Fabrizi), hatte das Pech, zufällig den sich seltsam verhaltenden Franco Ludovisi dabei zu beobachten, wie er seine Nachricht auf die Zeitung schrieb. Einer Eingebung folgend sprang er aus der Straßenbahn, las dessen Satz und versuchte den durch seine starke Kurzsichtigkeit behinderten jungen Mann aufzuhalten, was dieser dank seiner Bewaffnung verhindern konnte. Balsamo wird entsprechend zu einem wichtigen Zeugen der Staatsanwaltschaft, die ein Phantombild von Ludovisi erstellen lässt, gerät aber auch in den Fokus der Hintermänner des Bombenanschlags. Ercoli nimmt sich in dieser Phase noch die Zeit, mit sehr lässigen Szenen die Charaktere seiner Protagonisten weiter auszuloten, wenn etwa Rolandi mit seiner Freundin Papaya (Sara Sperati) einen ruhigen Nachmittag am Fluss verbringt, über "Moby Dick" parliert, bevor ihm unter Zeitdruck einfällt, dass sie noch Sex haben wollten. Oder Luigi mit der Dame des Hauses über die Qualität von Früchten spricht, ehe sich herausstellt, dass deren Hausmädchen, die gerade die Einkaufsliste erstellen muss, seine Freundin ist.

Erst als Luigi kaltblütig ermordet wird, beginnt Rolandi sich gegen die Anordnungen des Generalstaatsanwalts De Federico in die Ermittlungen einzuschalten. Begleitet von Stelvio Ciprianis treibender Musik, versucht er an den reuigen Attentäter Ludovisi heranzukommen, aber seine Gegner sind ihm immer einen Schritt voraus. Obwohl Ercoli nur selten zu Action-Szenen greift, steigert er systematisch die Spannung, erweisen sich Rolandis Vertraute zunehmend als Verräter und ist es ungewiss, ob auch Di Federico nicht seine Hände in dem schmutzigen Spiel hat. Ercoli gelingen dabei immer wieder regelrechte Kleinode an genau beobachteten Szenen, etwa wenn Rocco, bevor er den von den Hintermännern bereitgestellten Fluchtwagen startet, diesen nach Bomben absucht, oder Ludovisi allein in seinem Hotelzimmer aufwacht, und die Schatten eines Mannes unter der Tür erkennt.

"La polizia ha le mani legate" ist eine selten geglückte Kombination aus einer spannend erzählten, schlüssig entwickelten Story, überzeugenden Charakteren und einer gesellschaftskritischen Sichtweise, die ohne Plakativität auskommt. Selbst die zum Schluss eingeblendete Schrifttafel, die auf den Tod eines der wichtigsten Gegenspieler Rolandis hinweist, lässt offen, wie es dazu gekommen ist - entscheidend daran bleibt, dass die eigentlichen Drahtzieher verschont werden.

"La polizia ha le mani legate" Italien 1974, Regie: Luciano Ercoli, Drehbuch: Mario Bregni, Gianfranco Galligarich, Darsteller : Claudio Cassinelli, Arthur Kennedy, Franco Fabrizi, Sara Sperati, Bruno Zanin, Francesco D'Adda, Laufzeit : 93 Minuten

Mittwoch, 9. Januar 2013

Qualcosa striscia nel buio (Etwas kriecht im Dunkeln) 1971 Mario Colucci


Inhalt: Das Ehepaar Silvia (Lucia Bosé) und Donald Forrest (Giacomo Rossi-Stuart) befindet sich bei schlechtem Wetter auf einer Fahrt zu einer ihrer Freundinnen, die ihre frisch vom Schönheitschirurgen operierte Nase feiern lassen möchte, worüber sich Donald sehr abschätzig auslässt. Während sie weiter streiten, werden sie von zwei waghalsig rasenden Fahrzeugen überholt, deren Verfolgungsjagd an einer vom Unwetter zerstörten Brücke endet. Inspektor Wright (Dino Fazio) gelingt es so, den gesuchten Mörder Spike (Farley Granger) zu verhaften, aber das ändert nichts daran, dass sie genauso an diesem Ort festsitzen wie das Ehepaar Forrest und das wenig später eintreffende Fahrzeug von Dr. Williams (Stelvio Rossi), der zu einem dringenden Notfall unterwegs war.

Gezwungenermaßen begeben sie sich zu einer alten Villa, die nur sehr widerstrebend von Joe (Gianni Medici) geöffnet wird, der sich gerade mit seiner Freundin (Giulia Rovai) vergnügt hatte. Er hatte das Haus von der verstorbenen Lady Marlowe erworben, die ein unglückliches Schicksal ereilt hatte. Die gelangweilte und immer nach Unterhaltung gierende Silvia Forrest schlägt deshalb vor, eine Seance zu veranstalten, um den Geist von Lady Marlowe herauf zu beschwören...


"Qualcosa striscia nel buio" (Etwas kriecht im Dunkeln) bedeutete für Einige der Beteiligten den Endpunkt ihrer Karriere, andere nahmen sie wieder auf. Während Regisseur Mario Colucci, der in den 60er Jahren hauptsächlich als Drehbuchautor tätig war, nach seiner zweiten Regiearbeit (zuvor drehte er den Italowestern "Vendetta per vendetta" (Rache für Rache, 1969)) die Filmbranche nicht einmal 40jährig verließ und Mia Genberg als Darstellerin letztmals auftrat, befand sich Lucia Bosé nach einer langjährigen Schaffenspause wieder voll im Geschäft. Und Farley Granger, dessen einzige Arbeit in Italien - Viscontis "Senso" (Sehnsucht, 1954) - viele Jahre zurücklag, hatte eine zweite Karriere in Italien begonnen, die ihn an vielen Genre-Filmen bis Mitte der 70er Jahre mitwirken ließ. 

Auch die sonstige Besetzung bestand aus im Genre erfahrenen Darstellern wie Stelvio Rosi, Giacomo Rossi-Stuart und Angelo Francesco Lavagnino, die für die notwendige Qualität sorgten. Denn Colucci entwarf die klassische Ausgangssitution einer zusammen gewürfelten Gruppe, die gezwungen wird, sich für eine Nacht gemeinsam an einem Ort aufzuhalten. Die Art wie er diese Situation vorbereitet, gibt schon einen Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse, denn während das Ehepaar Silvia (Lucia Bosé) und Donald Forrest (Giacomo Rossi-Stuart) keinen Zweifel daran lässt, dass sie sich nur in ihrer gegenseitigen Abneigung einig sind, während sie bei schlechtem Wetter mit ihrem Auto unterwegs sind, nähern sich in rasender Fahrt zwei Autoscheinwerfer, die von einem anderen Paar Lichter verfolgt werden – eine sehr atmosphärische Zusammenführung der Beteiligten, die sich alle an einer vom Unwetter zerstörten Brücke begegnen.

Nicht nur Spike (Farley Granger), ein gesuchter Mörder, wird zum Halt gezwungen, auch Inspektor Wright (Dino Fazio) und Detective Sam (Franco Beltramme) kommen nicht weiter, können ihn aber festnehmen. Nur wenig später stößt das kurz zuvor überholte Ehepaar Forrest auf die drei Männer, gefolgt von einem weiteren Fahrzeug, indem sich Dr.Williams (Stelvio Rosi) und seine Assistentin Susan (Mia Genberg) befinden, die noch einen liegen gebliebenen Fahrer mitgenommen hatten, den undurchsichtigen Professor Lawrence (Angelo Francesco Lavagnino). Sie alle sind gezwungen, sich zu einer nahe gelegenen Villa zu begeben, in der Hoffnung telefonieren zu können. Der dortige Bewohner Joe (Gianni Medici) zeigt sich wenig begeistert von deren Ankunft, aber Inspektor Wright weiß sich durchzusetzen, weshalb Joe das Schäferstündchen mit seiner Freundin (Giulia Rovai) unterbrechen muss. Damit ist die Gruppe, klassisch aus 10 Personen bestehend, vollständig und das fröhliche Reduzieren kann beginnen.

Doch obwohl die Telefonleitung während Wrights Gespräch unterbrochen wird und mit einer Seance die tragisch verstorbene Lady Marlowe, die frühere Besitzerin der Villa, gerufen werden soll, setzt Colucci nicht auf den typischen Agatha Christie-Effekt, sondern variiert die Thematik in einer Balance aus Gesellschaftssatire und Gruselfilm. Besonders Lucia Bosè als gelangweilte Ehefrau aus besseren Kreisen gelingt eine überzeugende Performance als ständig nach Unterhaltung gierender Nervensäge, der ihr Ehemann mit seinen zynischen Bemerkungen Paroli bietet. Mit ihrer übergriffigen Art provoziert sie nicht nur die unscheinbare Susan, der sie unterstellt, in Dr.Williams verliebt zu sein, sondern auch Spike, dessen Erfahrungen als Mörder sie faszinieren. Selbstverständlich ist sie es, die die Seance gegen den Willen ihres Mannes vorschlägt, den sie als Medium auserkoren hatte. Trotz seiner Weigerung scheint die Stimme Lady Marlowes aus ihm zu sprechen.

Ab diesem Moment beginnt Colucci mit scheinbar übernatürlichen Kräften zu spielen, ohne die Balance zur Realität zu verlieren. Er nutzt die inneren Konflikte und geheimen Sehnsüchte der unfreiwillig Zusammengepferchten dazu, jederzeit auch eine logisch erscheinende Lösung anzubieten. Als sich Susan (wenig überraschend) als schöne Frau entpuppt und Dr.Williams auf seinem Zimmer verführt, wirkt sie wie verwandelt, erschrickt aber plötzlich vor ihrem eigenen Verhalten. War der Geist Lady Marlowes in sie gedrungen oder hatte sie einfach ihre Sehnsucht überwältigt? – Auch als der erste Mord geschieht, ist Inspektor Wright sofort klar, wer der Mörder ist, auch wenn es dazu widersprüchlich scheinende Indizien gibt. Immer versucht er, die Ereignisse logisch zu erklären bis auch er von unerklärlichen Vorkommnissen heimgesucht wird.

„Qualcosa striscia nel buio“ bleibt immer im Gleichgewicht zwischen Konkretem und Ungefähren, ohne die Ereignisse erklären zu wollen, womit der Film trotz seiner zurückhaltenden, wenig aufwändigen Inszenierung modernen Gruselfilmen, die nicht mehr ohne eine noch so an den Haaren herbei gezogene Begründung auskommen, überlegen ist. So ist Farley Granger als cooler Krimineller für die handfesten Vorkommnisse zuständig, prügelt sich und versucht zu fliehen, gerät dann aber in eine geheimnisvolle Situation, die der Betrachter nur erahnen kann. Innerhalb der stimmigen Atmosphäre der alten Villa gibt es nur wenige aktionistische Momente, bleiben die fantastischen Augenblicke zurückhaltend, jederzeit unterbrochen von der Realität des Banalen, aber über allem bleibt die Frage offen, was wirklich in den Schatten des Hauses geschah. Auch das Lachen am Ende kann diese Frage nicht beantworten, denn vielleicht gilt es nur den Zuschauern?

"Qualcosa striscia nel buio" Italien 1971, Regie: Mario Colucci, Drehbuch: Mario Colucci, Darsteller : Stelvio Rosi, Lucia Bosé, Mia Genberg, Farley Granger, Giacomo Rossi-Stuart, Dino Fazio, Laufzeit : 92 Minuten

Sonntag, 6. Januar 2013

Navajo Joe (Kopfgeld: Ein Dollar) 1966 Sergio Corbucci


Inhalt: Die Bande von Duncan (Aldo Sambrell) macht Jagd auf die Skalps von Indianern, dabei auch rücksichtslos gegenüber Frauen vorgehend. Für jeden Skalp erhalten sie einen Dollar, aber Duncan schwebt ein besseres Geschäft vor. In einem Saloon trifft er sich mit einem Mann, der ihn über den Transport einer großen Menge Dollars in einem Zug informiert. Während seine Männer den Zug überfallen und die Bewacher ausschalten sollen, wäre er in der Lage, den Tresor ohne Gewaltanwendung zu öffnen.

Der Überfall gelingt, aber ihnen kommt ein Indianer in die Quere, der sie auf ihrem blutigen Weg schon einige Zeit verfolgte, ohne dass es ihnen gelang, ihn zu beseitigen. Informiert von den Mitgliedern einer Tanzgruppe, die Duncans Gespräch zufällig belauscht hatten, gelingt es Navajo Joe (Burt Reynolds) den Zug zu kapern und an dessen Bestimmungssort zu fahren. Die Bürger, erst froh dass der Geldtransport doch noch eintrifft, reagieren ungläubig auf den Indianer, dem sie misstrauen. Auch befällt sie die Angst, dass Duncans Bande sich an ihnen rächen wird, aber sie ahnen nicht, dass der eigentliche Verräter aus ihrer Mitte kommt…


Sergio Corbucci brachte 1966, als die Hochphase in der Popularität des "Western all'italiana" begann, gleich drei Genre-Vertreter heraus, deren Kino-Start nicht in der Reihenfolge ihrer Herstellung erfolgte. "Johnny Oro" (Ringo mit den goldenen Pistolen) wurde zwar wenige Wochen nach "Django" veröffentlicht, war aber schon vor diesem geschrieben und abgedreht worden, und stand noch in der Tradition des US-Western. Die Parallelen zu Corbuccis erstem Western "Minnesota Clay" (1964) sind entsprechend offensichtlich, auch weil Adriano Bolzoni zu beiden Filmen das Drehbuch verfasste. Erst mit dem Ende 1966 in die Kinos gekommenen "Navajo Joe" (Kopfgeld: Ein Dollar) legte Corbucci einen Nachfolger von "Django" vor, der äußerlich wie ein Gegenentwurf zu diesem wirkt, tatsächlich aber den Weg zu "Il grande silenzio" (Leichen pflastern seinen Weg, 1968) konsequent fortsetzte.


Der Vergleich mit dem Mythos "Django"

Dass "Navajo Joe" bis in die Gegenwart ein eher unbekannter Western innerhalb Corbuccis Werk blieb, der nicht selten als kreativer Rückschritt angesehen wird, lässt sich an zwei wesentlichen Einflüssen festmachen - dem übergroßen Schatten des zum eigenständigen Markenzeichen gewordenen "Django" und der fehlenden Akzeptanz, einen Indianer als gleichwertigen Helden anzuerkennen. Selbst Burt Reynolds, der als "Navajo Joe" seine erste Hauptrolle erhielt, äußerte sich negativ über eine Figur, die sich anders als der edle "Winnetou" in den Karl-May-Filmen, das Recht herausnahm, aus ähnlichen Motiven eine Übermacht anzugreifen wie der von Franco Nero dargestellte Revolverheld Django.

Auch Sergio Corbucci weigerte sich zuerst, eine Story zu verfilmen, deren Entstehung nicht zufällig auf Ugo Pirro zurückging, einem der wichtigsten Autoren des italienischen Politkinos, der mehrere Drehbücher zu Filmen Elio Petris schrieb, darunter "A ciascuno il suo" (Zwei Särge auf Bestellung, 1967) und "Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto" (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger), für den er eine Oscar-Nominierung erhielt. Von ihm stammt auch die Grundlage zu dem politischen Manifest "Documenti su Giuseppe Pinelli" (1970) aus Anlass des Todes des Anarchisten, dass auch von Sergio Corbucci unterzeichnet wurde. Im Gegensatz zu dem politisch wenig relevanten "Django", lässt sich an "Navajo Joe" erstmals eine gesellschaftskritische Ausrichtung erkennen, die für Corbuccis folgende Western signifikant wurde.

Trotz der von Ugo Pirro verantworteten Grundlage, für den es der einzige Ausflug ins Western-Fach blieb, verfügt "Navajo Joe" über alle wesentlichen Merkmale des Genres, nicht zuletzt dank der Zusammenarbeit mit Fernando Di Leo, mit dem Corbucci auch die in "Django" eingeführte kompromisslose, pessimistische Haltung weiter entwickelte. Wie weit der Mythos "Django" inzwischen über dem tatsächlichen Film schwebt, wird daran deutlich, dass diese Weiterentwicklung in vielen Kritiken an Corbuccis Werk nicht erkannt wird, sondern im Gegenteil "Django" als härter, konsequenter und nihilistisch angelegter gilt - eine These, die einem genauen Vergleich nicht standhält.

Einzig die Optik des schwarz gekleideten Pistolero, der - einen Sarg hinter sich herziehend - in einer dreckig, schlammigen Umgebung gegen seine Gegner antritt, scheint diese Meinung zu bestätigen, aber das täuscht darüber hinweg, dass es unter der gleißenden Sonne in "Navajo Joe" wesentlich kompromissloser zugeht. Während Django zu Beginn einer Frau das Leben rettet, tötet und skalpiert Duncan (Aldo Sambrell) eine Indianerfrau, ohne das Joe (Burt Reynolds), der dessen Gang schon einige Zeit folgt, eingreift. Nur einmal wird er zur Rettung eines Menschen ein persönliches Risiko eingehen, während in "Django" kaum ein Sympathieträger Schaden erleidet. Außer den Mitgliedern einer fahrenden Tanzgruppe und der Halbindianerin Estella (Nicoletta Machiavelli) kann in "Navajo Joe" auch nicht von sympathischen Menschen gesprochen werden, denn anders als in "Django" wird der Protagonist mit einer Bürgerschaft konfrontiert, die von Anpassung, Feigheit und Egoismus geprägt wird, und ihm mit unverhohlenem Rassismus gegenüber tritt.

"Navajo Joe" fehlt noch die Konzentration auf das Wesentliche wie sie Corbucci in "Il grande silenzio" gelang, etwa wenn er die Machenschaften von Duncans Gang in der Kleinstadt zu lange auswalzt. Dass diese erst nach Joes Flucht beginnt, die Bürger systematisch hinzurichten, obwohl diese Vorgehensweise gegenüber dem Indianer effektiver gewesen wäre, wirkt konstruiert, aber gleichzeitig gelingen dem Film kurze eindrucksvolle Momente, deren Gewalt nicht durch Plakativität geprägt ist. Etwa wenn der Arzt Dr.Lynne (Pierre Cressoy) kaltblütig die einzige Zeugin ermordet, die ihn als Verbrecher entlarven könnte, dabei das positive Image des Lebensretters missbrauchend, oder wenn Duncan den Priester (Fernando Rey) erschießt, nachdem dieser ihm zuvor gedankt hatte, sie verschont zu haben.

Auch in "Django" stirbt ein Geistlicher, aber bei ihm handelt es sich um einen bigotten Fanatiker, während dieser in "Navajo Joe" noch zu den gemäßigteren Zeitgenossen gehört. Darin zeigt sich auch der Unterschied in der Charakterisierung der Verbrecher, denn während es sich bei "Django" um einseitig gezeichnete machtgierige und sadistische Banditen handelt, die in Ku-Klux-Clan-Optik Jagd auf anonym bleibende Mexikaner machen, wird an dem Bandenboss Duncan deutlich, dass er Opfer seines eigenen rassistischen Hasses wurde, dem er als Halbblut selbst ausgesetzt war. Trotz dieser etwas differenzierteren Betrachtungsweise, handeln die Banditen in „Navajo Joe“ noch kompromissloser als in "Django", etwa wenn sie ohne Skrupel Frauen erschießen.

Der entscheidende Unterschied, der zu der ungerechtfertigten Unterschätzung des Films führte, liegt aber in der Gestaltung der Hauptfigur. Joe, von Burt Reynolds athletisch, aber ohne jedes emotionale Zugeständnis angelegt, bietet sich nicht als Identifikationsfigur an. Seine Intention bleibt bis zum Ende offen, seine Sprüche sind weder cool, noch amüsant, sondern knapp gehalten. Wenn er – wie in dem Moment, als er dem Sheriff erklärt, warum er im Gegensatz zu ihm ein wahrer Amerikaner ist – ausnahmsweise einmal mehr redet, bleibt er von großer Ernsthaftigkeit. Auch in „Navajo Joe“ gibt es viele typische, sehr unterhaltende Momente des Italo-Western, wird der Kampf des Einzelnen gegen eine große Übermacht entsprechend stilisiert, aber die Figur des Indianers bleibt immer differenziert und in ihrem Verhalten zwiespältig. Dagegen ist Django trotz seiner harten Optik ein Softie, dessen Aktionen märtyrerhafte Züge annehmen und dem ein positives Ende gegönnt wird.

Begleitet von Ennio Morricones rhythmisch gehaltener Musik, bleibt Sergio Corbucci in „Navajo Joe“ dagegen bis zum Ende pragmatisch, ohne Zugeständnisse an pathetische Gefühle, womit er schon den Weg in Richtung „Il grande silenzio“ einschlug. Dass „Django“ der erfolgreichere, wesentlich populärere Film wurde, zudem stilbildend für das Italo-Western-Genre, ist wenig erstaunlich -  „Navajo Joe“ war für Corbucci in seiner differenzierten, gesellschaftskritischen Gestaltung trotzdem ein qualitativer Fortschritt.

"Navajo Joe" Italien / Spanien 1966, Regie: Sergio Corbucci, Drehbuch: Fernando Di Leo, Ugo Pirro, Darsteller : Burt Reynolds, Aldo Sambrell, Nicoletta Macchiavelli, Fernando Rey, Pierre Cressoy, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Sergio Corbucci:

Donnerstag, 3. Januar 2013

Fatevi vivi: la polizia non interverrà (In der Gewalt des Kindermörders) 1974 Giovanni Fago


Inhalt: Ein kleines Mädchen, einziges Kind eines reichen Industriellen, wird auf offener Straße von drei Männern und einer Frau entführt. Commissario Caprile (Henry Silva) fehlt jeder Hinweis auf die Täter, da die Zeugen, darunter die Prostituierte Marisa (Lia Tanzi), scheinbar nichts gesehen haben. Zudem ist der Vater des entführten Kindes bereit, jede Forderung der Kidnapper zu erfüllen, weshalb Caprile zusätzlich die Hände gebunden sind, um das Leben des Mädchens nicht zu gefährden.

Um die Täter aus der Reserve zu locken und weil er glaubt das der Mafiaboss Frank Salvatore (Gabriele Ferzetti), den er schon seit Jahre zu überführen versucht, damit etwas zu tun hat, führt er gemeinsam mit der Drogenfahndung Razzien durch. Tatsächlich setzt er damit etwas in Bewegung, dessen Folgen er noch nicht ahnt...


Nach drei Italo-Western - darunter als sein erster Film "Per 100.000 dollari ti ammazzo" (Django der Bastard, 1968)) - wandte sich Regisseur Giovanni Fago wie viele seiner Kollegen in dieser Phase dem aufstrebenden Poliziesco zu und nutzte dafür die Erfahrung seines Co-Autors Adriano Bolzoni, der zuvor schon bei "Squadra volante" (Die gnadenlose Jagd, 1974) am Drehbuch mitgewirkt hatte. Bolzoni, ebenfalls im Western-Genre sehr aktiv, entwarf mit "Marc il poliziotto spara per primo" (Das Ultimatum läuft ab) 1975 einen weiteren Polizeifilm, während "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" (In der Gewalt des Kindermörders) Fagos einziger Ausflug in das Genre blieb.

Anders als es der reißerische deutsche Titel "In der Gewalt des Kindermörders" vermuten lässt, setzte Fagos Film weniger auf Action und überzeichnete Charaktere wie etwa Umberto Lenzi in "Milano odia: lapolizia non può sparare" (Der Berserker), sondern stand in seinem Bemühen, eine ruhige, nachvollziehbare Story zu entwickeln, noch in der Tradition der frühen Polizieschi wie Stenos "La polizia ringrazia" (Das Syndikat, 1972), allerdings ohne deren Komplexität zu erreichen. Der Vergleich zu Lenzis "Der Berserker" liegt trotzdem nah - nicht nur wegen desselben Erscheinungsjahres und der Besetzung Henry Silvas als leitender Commissario, sondern weil sich beide Filme auch der damals in Italien sehr aktuellen Thematik, der Kindesentführung, widmeten - ein Vergleich, der nur zu Fagos Ungunsten ausfallen konnte.

Denn im Gegensatz zu Lenzis energiegeladener, die damalige Situation bewusst zuspitzender Inszenierung, baute er seinen Film langsam auf und blieb auch in den wenigen Action-Szenen fast betulich. In dieser Hinsicht kann "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" (sinngemäß "Bleib am Leben: die Polizei wird nicht einschreiten") mit den populären Werken des Genres nicht mithalten, aber das lässt übersehen, dass der Film nicht nur durch die Verknüpfung von Mafia und der Entführungsthematik einen originellen Blickwinkel einnahm, sondern diesen bis ins Detail schlüssig analysierte.

Wenn zu Beginn ein Mann von seinem Fahrer vor dessen Villa abgeholt wird, und kurz darauf ein Mädchen auf dem Weg vom elterlichen Grundstück zum Schulbus von einer vierköpfigen Bande entführt wird, glaubt man an eine Verbindung, doch der distinguierte Geschäftsmann Frank Salvatore (Gabriele Ferzetti) hat nichts damit zu tun. Bei ihm handelt es sich um einen aus Sizilien stammenden Mafia-Boss, der schon lange in der bürgerlichen Mitte angekommen ist und einen tadellosen Ruf genießt. Ferzetti spielt ihn ohne dämonische Ausstrahlung jederzeit gelassen agierend, ganz im Bewusstsein der eigenen Unangreifbarkeit. Darin zeigt sich gleichzeitig die größte Schwäche und die wesentliche Stärke des Films, denn der Verzicht auf eine emotionale Zuspitzung verhindert die innere Ungewissheit ähnlich angelegter Filme und schwört keine paranoide, gefährliche Spannung herauf, bleibt aber jederzeit realistisch.

Auch Henry Silva als Commissario Caprile agiert nicht kopflos, sondern handelt im Rahmen seiner gesetzlichen Möglichkeiten, obwohl er Salvatore schon seit Jahren verfolgt. Sehr schön beschreibt Fago, dass jeder vergebliche Versuch, den Mafioso zu verhaften, zu einer Beförderung Capriles führte - ein stimmiges Beispiel für die inneren Verflechtungen in der Justiz, gegen die sich auch der unbestechliche Commissario nicht wehren kann. Auch die Wahl eines Kindes als Entführungsopfer und die verständlicherweise aufgeregten Eltern erzeugen kein Schüren von Emotionen, sondern sind normaler Bestandteil der Umstände einer Entführung. Die Vorgehensweise der Entführer, die unter der Leitung des "Professors" (Philippe Leroy) versuchen, eine halbe Milliarde Lire zu erpressen, unterliegt einzig pragmatischen Erwägungen. Dieser ist in seiner kompromisslosen Haltung nicht weniger konsequent als der von Tomas Milian gespielte Entführer in Lenzis Film, aber ohne dessen psychische Anfälligkeit und unaufgeregt inszeniert.

Da sich entsprechend Niemand als Identifikationsfigur anbietet, lassen sich deren innere Verbindungen ohne moralische Wertung ausarbeiten, wodurch die Nüchternheit des Films noch betont wird. Commissario Caprile, der über keine Spur zu den Entführern verfügt, versucht Frank Salvatore unter Druck zu setzen, indem er gemeinsam mit der Drogenfahndung Razzien in Como durchführt. Er erreicht sein Ziel anders als geplant, denn Salvatore, der Einnahmeverluste im Drogenhandel hinnehmen muss, beginnt selbst die Entführer zu suchen, die seine Geschäfte stören, was wiederum den "Professor" zwingt, mögliche Zeugen auszuschalten.

Scheinbar behandelte "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" damit bekannte Themen, denen sich viele Polizeifilme widmeten, aber er setzte sie sehr eigenständig um. Anstatt die Grundsituation einer Kindesentführung emotional für rigorose Polizeimethoden auszunutzen, wie es im Poliziesco üblich war, ist es hier die Mafia, die sich der Verbrecher annimmt, die weder bei der Verfolgung, noch der Bestrafung der Täter Rücksicht auf rechtsstaatliche Belange nehmen muss. An ihrer tatsächlichen Intention besteht trotzdem kein Zweifel. Einzig der weitere reibungslose Ablauf des Drogenhandels ist von Interesse, auch wenn sich Salvatores Männer sehr abschätzig über Kindesentführer äußern.

Dem Film gelang damit das Kunststück eines Endes, das weder gut noch schlecht ist, weder Befriedigung, noch nihilistische Gefühle vermittelt - passend zu einer Inszenierung, die ohne emotionale Zuspitzung und ohne extreme Charaktere auskommt. Man kann "Fatevi vivi: la polizia non interverrà" mangelnde Attraktivität und damit einen geringeren Unterhaltungswert vorwerfen, aber dahinter verbirgt sich keine Mittelmäßigkeit oder Unentschiedenheit, sondern ein klarer Blick auf die Realität. Nicht erstaunlich, dass der Film heute nahezu unbekannt ist, aber das ändert nichts daran, dass er einen von der Erwartungshaltung an das Genre unvoreingenommenen Blick verdient hat.

"Fatevi vivi: la polizia non interverrà" Italien 1974, Regie: Giovanni Fago, Drehbuch: Giovanni Fago, Adriano BolzoniDarsteller : Henry Silva, Gabriele Ferzetti, Phillipe Leroy, Jack Betts, Rada Rassimov, Lea Tanzi, Laufzeit : 96 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Giovanni Fago:

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.